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Spezial Nr. 7/1995
EWIGES FEUER
Wie Forscher künftige Generationen
vor Atommüll warnen wollen und dabei
an die Grenzen des Menschenmöglichen stoßen
Von Thomas H. Wendel
| Das Grabmal der Moderne
grüßt den Zukunftsmenschen aus dem Jahr 11 995 schon über Meilen hinweg: Aus der kargen
Wüste ragt ein mächtiger Felsberg in die flirrend heiße Luft. Aufgeschüttete Erdwälle
bilden auf seiner Spitze ein dreieckiges Plateau mit exakt 300 Metern Kantenlänge. Drei
Obelisken markieren das Zentrum der seltsam sakralen Anlage. "Vorsicht,
Lebensgefahr!" warnen die Inschriften der Granitblöcke in einer den Menschen jener
fernen Zeit wahrscheinlich unverständlichen UrSprache, "hier ist in 3 00 Metern
Tiefe radioaktiver Abfall vergraben." Stahlkammern daneben enthalten die Details in steinalten Dokumenten können Strahlenschützer den Bauplan des Schreckens einsehen. Gemeinen Zukunftsmenschen soll ein makabrer Comicstrip die örtlichen Besonderheiten erklären: Wer die Gruft aufbreche, so die Bilderfolge, den ereile Übelkeit, dann Haarausfall und Erbrechen, schließlich der Tod. Das atomare Stonehenge entstammt keineswegs der Phantasie eines Science-fiction- Autors. Zumindest der Berg ist heute schon höchst real. Er heißt Yucca Mountain und erhebt sich 160 Kilometer nördlich von Las Vegas. Zwei Milliarden Dollar hat die US- Atombehörde Department of Energy (DOE) bereits in den Felsen in der Wüste Nevadas investiert. Geht alles nach Plan, wird dort in 15 Jahren der erste von 3500 Lastzügen seine todbringende Ladung löschen: 70 000 Tonnen hochaktiven Abfalls, Reaktor- und Atombombenschrott, sollen dann nach und nach 300 Meter tief im Tuffgestein des Yucca Mountain verschwinden - insgesamt 21 Milliarden Curie Strahlung, 300 000mal soviel, wie bisher durch alle oberirdischen Atombombentests zusammengenommen in die Erdatmosphäre gelangte, das 420fache dessen, was beim Super-GAU von Tschernobyl freigesetzt wurde. Der Strahlenmüll wird erst nach Jahrtausenden seine Giftigkeit verlieren, Plutoniurn-239 etwa baut nach 24 400 Jahren die Hälfte seiner Strahlung ab, für Jod-129 beträgt diese Halbwertzeit 15,8 Millionen Jahre. Die nukleare Massengruft stellt nicht
nur Geologen und Ingenieure vor unlösbare Aufgaben. Phantastisch sind auch die
Anforderungen ans Grabplattendesign. Der Wortschatz heutiger Sprachen wiederum schmilzt recht schnell dahin: In 8000 bis 12 000 Jahren, errechneten Forscher, werde der heutige Sprachschatz komplett verloren sein. Auch Literatur und religiöse Texte des Mittelalters überlebten nur, wenn sie regelmäßig in moderne Sprachformen übertragen wurden. Der offensichtliche Aberwitz der MüllKommunikation vermochte allerdings weder Atomindustrie noch Staatsbürokratien und Wissenschaft zu schrecken. Anfang 1981 versuchte erstmals eine Arbeitsgruppe über menschliches Eindringen in Atommüllendlager" ("Human Interference Task Force") des US-Konzerns Bechtel, sich einer theoretischen Lösung der Frage zu nähern. Um die Aufgabe nicht von vornherein als aussichtslos erscheinen zu lassen, durften sich die Forscher mit einem Trick behelfen: Wenigstens 10 000. Jahre, so die vereinfachende Vorgabe, sollten die Botschaften vom strahlenden Müll überstehen können.
Das 13köpfige Team, darunter
Ingenieure, Soziologen, Anthropologen, Rechtsanwälte, Kernphysiker und
Verhaltensforscher, genoß Protektion von allerhöchster Stelle. Die eben ins Amt
eingeführte Reagan-Regierung zeichnete als Auftraggeber.
Fast niedlich wirken da noch Vorschläge, die aufs äußere Design des Endlagers zielen. So hält es Vilmos Voigt von der Budapester Loränd-Eötvös-Universität für richtig, die Warnungen als Schilderwald rund um den Grabstein wachsen lassen. "Nachrichtenhüter" sollen Tafeln in immer neuen Sprachformen aufstellen. Percy Tannenbaum von der University of California in Berkeley denkt an Atomgrüfte mit Freizeitpark: Ein "Campingplatz" oder "Park, vielleicht mit einem Museum für Kernenergie" könnte oberirdisch das Lager zieren. Womöglich würden so "die Leute um so weniger geneigt sein, den Platz durch Grabungen zu verschandeln". Mit großtechnischen Lösungen wartet
der Berliner Wissenschaftler Philipp Sonntag auf. Die Pariser Kommunikationsforscherin Francoise Bastide und ihr Kollege Paolo Fabbri (Universität Palermo) halten konventionelle Techniken zwar für das Sicherheitssystem innerhalb der Lager für geeignet: Strahlengespeiste "Atomsirenen" könnten unerwünschte Eindringlinge im Bergstollen abschrecken. Aber um unbedarfte Zukunftsmensehen zu warnen, möchten die beiden Wissenschaftler auch neue Wege beschreiten: Einen lebenden Detektor" wollen die Forscher züchten lassen. "Ein nettes, wenig anspruchsvolles und freundliches Tier, zum Beispiel eine Katze", solle durch Gen-Manipulation dazu gebracht werden, auf Radioaktivität mit einer Änderung der Fellfarbe zu reagieren. Mythen und Märchen sollen die Botschaft von der "Strahlenkatze" über 10 000 Jahre bringen. Der Krakauer Science-fiction-Autor Stanislaw Lern ist fasziniert von einer "mathematischen Kodierung auf lebendem Trägermaterial": Der "kreisförmige Selbsterneuerungsprozeß" der Erbinformation, preist Lern die Gene, müsse als "das Perfekteste angesehen werden, was uns überhaupt bekannt ist". Den genmanipulierten Petunien könnten also bald Atomblumen in den Freilandversuch folgen, deren Erbinformationen die Geheimnisse von Nukleargrüften bergen. Ginge es nach Thomas Sebeok, einem ehemaligen Mitglied der Human Interference Task Force, würde eine "Atompriesterschaft" das Detailwissen zu Ort und Art der eingelagerten Stoffe in ihre Obhut nehmen. Sebeok machte sich damit die Ansichten Alvin Weinbergs zu eigen. Der langjährige Leiter des US-Atomlabors Oak Ridge theoretisierte schon Anfang der siebziger Jahre über eine "Elite-Priesterschaft". Die "tatsächliche Wahrheit", so Sebeok, sei allein einem "sich selbst erhaltenden und regierungsunabhängigen Komitee" aus "kompetenten Physikern, Experten für Strahlenkrankheiten, Anthropologen, Linguisten, Psychologen und Semiotikern" vorbehalten. Nur logenähnliche Gremien seien in der Lage, ihr Wissen allen gesellschaftlichen Umbrüchen zum Trotz über die Jahrtausende zu bringen. Den Rest der Menschheit müßten sich die Nuklearbarone vom Halse halten. Strahlenmaterial als Machtinstrument einer künftigen militärischtechnologischen Elite? Orwells "1984" als mickrige Ausführung des "Atomstaate", vor dem Robert Jungk schon vor 18 Jahren warnte? "Der Müll steckt in uns", resümiert die Berliner Atommüllexpertin Susanne Hauser resigniert. Die Warnungen der Atomsemiotik setzen voraus, daß sich nukleare Abfälle dauerhaft sicher verwahren lassen. Damit aber, so Hauser, ignorieren die Wissenschaftler die Realität: Große Mengen strahlenden Materials seien längst in Meere, Böden und Luft entwichen.
"Der Kampf der
Menschheit um die Beherrschung des Atoms ist nur vergleichbar mit dem Kampf um die
Beherrschung des Feuers", sagt der Semiotiker Posner. Der Homo atomicus befinde sich
zwar in einer verzwickten Lage, sie sei aber nicht ausweglos. Viel Zeit bleibt nicht: 2008 soll im
niedersächsischen Gorleben das weltweit erste Endlager für hochradioaktive Abfälle
eröffnet werden. In den Salzstock, der Jahrmillionen dicht halten muß, reichen schon
heute "Wasserwegsamkeiten" tief hinein, kritisiert das Landesumweltministerium.
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Bearbeitet am: /ad