natur
Nr. 3 März 1985
GORLEBEN VERSALZEN
Nach dem amtlichen Konzept soll
hochradioaktiver Atommüll im Steinsalz Norddeutschlands für alle Zeiten sicher
eingeschlossen werden. Neueste Untersuchungen belegen: Nach amerikanischen
Sicherheitskriterien käme Gorleben als Endlager überhaupt nicht in Frage.
Von Martin Wentz
| Endlich konnte sich die Atom-Lobby einmal so
richtig freuen. Die Medien meldeten einen wichtigen Fortschritt auf dem Weg zur atomaren
"Entsorgung": Vom November 1985 an könne, so die Nachricht, die zu 80 Prozent
von der Bundesregierung finanzierte "Pilotanlage zur Erzeugung lagerfähiger
Abfälle" im belgischen Mol in den "heißen Betrieb" gehen. Dort sollen die
hochradioaktiven flüssigen Abfälle aus der Wiederaufarbeitung abgebrannter Brennelemente
zunächst in einer Glasschmelze gelöst werden. Diese Glasmasse wird dann in zylindrische
Stahlbehälter, sogenannte Kokillen, von 30 Zentimeter Durchmesser und 120 Zentimeter
Höhe gegossen. Wissenschaftliche Untersuchungen, so die Meldung weiter, hätten ergeben,
daß die im Glas enthaltenen strahlenden Stoffe wie Spaltprodukte, Transurane und
Plutoniumreste von der Wiederaufarbeitung auch unter extremen Belastungen in den Kokillen
eingeschlossen blieben. Die Zerfallswärme, die die Spaltprodukte erzeugen, habe sich als
unproblematisch erwiesen. Die Kokillen könnten später problemlos im Salz des geplanten
Endlagers versenkt werden. So
eine Nachricht schien geeignet, die Sorgen um die Entsorgung und insbesondere um das
konzipierte Atommüll-Endlager im Gorlebener Salzstock etwas zurückzudrängen, wo Barrieren aus Salz und Gestein Weltweit ist man sich bei der Planung
von Endlagern darüber einig, daß zum Schutz der Biosphäre vor einer radioaktiven
Verseuchung mehrere wirksame Barrieren zwischen ihr und den radioaktiven Abfallstoffen
notwendig sind, natürliche und technisch geschaffene Barrieren. Als natürliche Barrieren
gelten das als Endlagerstätte vorgesehene Material und das darüberliegende Deckgebirge.
Während sich die Bundesrepublik auf Salzstöcke als Endlagerstätten festgelegt hat,
werden beispielsweise in den USA alternativ dazu Garnit und Tufformationen untersucht.
Kriterien für die Endlagerung Die Abfallbehälter müssen hohen Sicherheitsanforderungen gerecht werden. So hat in den USA die zuständige Genehmigungsbehörde NRC (Nuclear Regulatory Commission) in ihren Kriterien für die Endlagerung hochradioaktiven Abfalls gefordert, die Abfallbehälter so zu konstruieren, daß ihre Funktionsfähigkeit durch keine chemischen, physikalischen oder radiolytischen, das heißt durch Strahlung ausgelösten Reaktionen herabgesetzt wird. je nach der Gefährlichkeit der Abfälle sollen diese für mindestens 300 Jahre, nach Möglichkeit jedoch für rund 1000 Jahre in den Behältern sicher eingeschlossen bleiben, bevor Teile der radioaktiven Stoffe auf die natürlichen Barrieren treffen. Das deutsche Endlagerkonzept für hochradioaktiven Müll sieht so aus: Im Gorlebener Salzstock sollen nach bergmännischer Erschließung in 800 Meter Tiefe 300 Meter tiefe Bohrlöcher niedergebracht werden, in denen dann die Kokillen aufeinander gestapelt werden. Dabei bleibt aus technischen Gründen eine Ringspalte von knapp fünf Zentimetern zur Salzwand, die sich aufgrund des Gebirgsdrucks im Laufe mehrerer Jahrzehnte langsam schließen wird. Am oberen Ende werden die Bohrlöcher schließlich mit einem zehn Meter langen Stopfen aus Salzbeton abgeschlossen. Das Konzept sieht vor, daß in dem Gorlebener Salzstock nach 1995 50 Jahre lang radioaktive Abfälle entsorgt werden. Nach dieser Betriebszeit wird das gesamte Bergwerk zugeschüttet. Strahlung zerstört das Salz
Bisher mußte sich die AtomGemeinde "nur" um den geologischen Aufbau des Salzstocks sorgen, weil davon seine Eignung als Endlager abhing. Künftig wird sie sich mit einem noch viel entscheidenderen Problem ihres Endlagerkonzepts öffentlich auseinandersetzen müssen: der grundsätzlichen Eignung des Steinsalzes (chemisch Natriumchlorid (NaCl)) als endlagerfähiges Material. Wissenschaftler aus den USA haben jetzt erstmals untersucht, wie radioaktive Strahlung auf das die Abfälle umgebende Steinsalz wirkt. Ihre bisher in der Bundesrepublik noch nicht diskutierten Ergebnisse stellen das deutsche Endlagerkonzept grundsätzlich in Frage. Das naheliegende Experiment:
Synthetisches Natriumchlorid und Steinsalze aus verschiedenen Lagerstätten, unter anderem
aus dem für schwachradioaktive Abfälle vorgesehenen deutschen Endlager Asse bei
Wolfenbüttel, wurden unter möglichst ähnlichen Bedingungen, wie sie in den Endlagern
herrschen werden, bestrahlt. Explosionsartige Reaktionen Die Versuchsergebnisse lassen realistische Schlüsse auf die Veränderungen des Steinsalzes rund um die Kokillen zu:
Diese Ergebnisse können noch mit erheblichen Fehlern belastet sein, aber selbst Schwankungen um mehr als 50 Prozent ändern nichts an ihrer grundsätzlichen Aussage: Noch während der vorgesehenen Betriebszeit des Endlagers von 50 Jahren entstehen im Steinsalz um den hochradioaktiven Abfall herum große Mengen metallischen Natriums und gasförmigen Chlors. Diese Mischung ist von erheblicher Brisanz. Natrium ist so reaktionsfreudig, daß es nur in besonders reaktionsträgen Flüssigkeiten wie Petroleum aufbewahrt werden kann. Mit Luft verbrennt es bei höheren Temperaturen zu Natriumperoxid. Kommt es mit Wasser zusammen, reagiert es äußerst heftig unter Bildung von Natriumhydroxid (NaOH) und Wasserstoff (H2). Beide Reaktionen können explosionsartig verlaufen. Aus dem Natriumhydroxid entsteht in Verbindung mit zusätzlichem Wasser aggressive Natronlauge, die zusammen mit Chlor selbst Stahl angreifen kann.
Wasser: Gefahr im Salz Entgegen allgemeiner Meinung ist auch im Salzstock für solche Reaktionen ausreichend viel Wasser vorhanden. Dazu bedarf es nicht eines auch von den Endlager-Befürwortern für möglich gehaltenen Wassereinbruchs, durch einen Schacht in das Endlager. Wasser ist auf dreierlei Weise im Salz gebunden. Es kann durch Erwärmung oder Zerstörung der Salzkristalle freiwerden:
Atommüll sicher im Glas? Es muß damit gerechnet werden, daß der Wasseranteil im Gorlebener Steinsalz zwischen 0,001 und 3,7 Prozent liegt. Das durch den heißen radioaktiven Abfall im Steinsalz entstehende Temperaturgefälle sorgt dafür, daß sich dieses Wasser auf die Kokillen zu bewegt In einer Modellrechnung konnte gezeigt werden, daß bei einem Wasseranteil von 0,5 Prozent im Steinsalz nach rund 100 Jahren ein etwa ein Millimeter dicker Flüssigkeitsfilm auf der Oberfläche der Abfallbehälter entsteht. Die Kokillen werden also nach einigen Jahren nicht mehr trocken und geschützt in den Bohrlöchern stehen, sondern von den aggressiven und hochradioaktiven Gasen Chlor und Wasserstoff, den Salzlösungen und der Natronlauge sowie dem gefährlichen Natrium umgeben sein ein explosives Gemisch im wahrsten Sinne des Wortes, dessen chemische und physikalische Eigenschaften und Auswirkungen der Sicherheitsphilosophie eines Endlagers für hochradioaktive und giftige Stoffe Hohn sprechen. Von den "technischen Barrieren" des Endlagers bleibt nicht mehr viel übrig, wenn durch Korrosion die Stahlbehälter innerhalb weniger Jahre zu einem beachtlichen Teil zerstört werden. Dies um so mehr, als die Barrierewirkung der für die Endlagerung vorgesehenen Borosflikat-Glaszylinder selber äußerst fraglich ist. Der australische Mineraloge A.E. Ringwood veröffentlichte neue Untersuchungsergebnisse, wonach im großtechnischen Verfahren hergestelltes Borosilikatglas starke innere Spannungen und zahlreiche Sprünge und Risse aufweist, die durch die Strahlung des im Glas eingeschlossenen radioaktiven Abfalls verstärkt werden können. Gerade in diesen Spannungszonen erhöhte sich die Wasserlöslichkeit des untersuchten Glases, was schon nach einem Monat Liegezeit in 95 Grad Celsius heißem destilliertem Wasser deutlich zu erkennen war. Sind also erst einmal die Stahlbehälter durchlässig, so werden sich sehr schnell Teile des radioaktiven Abfalls in den vorhandenen Flüssigkeiten lösen. Fazit: Gemessen an den Anforderungen der amerikanischen Genehmigungsbehörde NRC an die technischen Barrieren eines Endlagers bleibt von der deutschen Konzeption nicht mehr viel übrig. Ein weiterer Punkt kommt hinzu: In den Sicherheitsanalysen für ein Atommüll-Endlager wird ein Wassereinbruch während der Betriebszeit als schlimmste Katastrophe angenommen. Die beschriebenen neuen Untersuchungen zeigen nun gerade, daß schon innerhalb dieser Zeit die vorgesehenen technischen Barrieren zerstört werden können. Schon deshalb können beim Zufluß größerer Wassermengen von außen leicht radioaktive Verseuchungen des Endlagers und damit schließlich der Biosphäre eintreten. Es wird also nicht nur die Sicherheit eines Endlagers für hochradioaktiven Abfall in den nächsten Jahrtausenden und jahrzehntausenden zum Problem. Schon während der relativ kurzen Betriebszeit drohen nicht abschätzbare Gefahren. Das deutsche Konzept wackelt Angesichts dieser Erkenntnisse erscheint der Ablauf der Planung für das deutsche Endlager beinahe grotesk: Spätestens seit 1977 steht fest, daß nur der Salzstock bei Gorleben als Standort für das deutsche Endlager untersucht wird. Viel früher schon erfolgte die Festlegung auf Steinsalz. Eine ernsthafte, öffentliche, wissenschaftliche Diskussion, wie sie selbstverständlich in den USA geführt wird, wurde nie eingeleitet, geschweige denn zur Grundlage von Entscheidungen gemacht. Es ging immer nur um die Durchsetzung der Kernenergienutzung. Noch in diesem Jahr sollen die
Schächte für das Endlager abgeteuft werden. Allein für Dr. Martin Wentz, Jahrgang 1945, war zwölf Jahre wissenschaftlicher Mitarbeiter und Assistent an der Universität Frankfurt. jetzt arbeitet er freiberuflich. Der promovierte Physiker ist Vorsitzender des SPD-Unterbezirks Frankfurt und energiepolitischer Sprecher der südhessischen Sozialdemokraten. Literatur zum Thema:
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Bearbeitet am: 14.09.1999/ad