Endlagerstandort Gorleben ?

Was spricht gegen den geplanten Endlagerstandort Gorleben?

(Bericht von Jürgen Kreusch)

Anmerkung der Castor-Nix-Da Redaktion:

Dieser Bericht erschien im Rundbrief Nr. 44/2003 der Gruppe Ökologie (Institut für ökologische Forschung und Bildung e.V.)

1. Einleitung

Wie bereits in dem Beitrag "Was macht die Suche nach einem Endlagerstandort in Deutschland?" kurz angesprochen, werden zunehmend die Kräfte wieder vernehmbar, die auf eine Aufhebung des Moratoriums in Gorleben und die schnelle Weitererkundung des Standortes drängen. In dem folgenden Beitrag, der von Jürgen Kreusch und dem Geologen Detlef Appel (Büro Pan Geo, Hannover) ausgearbeitet wurde, werden die Argumente zusammengefasst dargelegt, die gegen den Standort Gorleben sprechen. Denn es ist gerade nicht so – wie von bestimmten Interessensgruppen immer wieder behauptet wird, dass der Standort Gorleben keine wirklichen Probleme aufweise oder gar eignungshöffig" sei.

2. Standortsuche Gorleben

Der Salzstock Gorleben wurde auf Grundlage eines im Auftrag der niedersächsischen Landesregierung durchgeführten Standortsuchverfahrens (November 1976 - Februar 1977) für das damals geplant "Nukleare Entsorgungszentrum" festgelegt. Die Ausgestaltung dieses Suchverfahrens, insbesondere hinsichtlich der eingesetzten Kriterien, ist bis heute im einzelnen nicht öffentlich bekannt. Nach den vorliegenden spärlichen Informationen hat das Verfahren den bereits zur damaligen Zeit als notwendig angesehenen methodischen Anforderungen nicht entsprochen.

Äußerungen des damaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten Albrecht lassen erkennen, dass andere als' sicherheitsbezogene geowissenschaftliche, und zwar vor allem strukturpolitische Gesichtspunkte die Standortfestlegung bestimmt haben.

Im Ergebnis ist festzuhalten: Die Benennung von Gorleben als Endlagerstandort ist als politisch-administrativer Akt zu bewerten. Sie war gerade nicht Ergebnis eines methodisch angemessenen und nachvollziehbaren Auswahlverfahrens. Sicherheitsrelevante geowissenschaftliche Aspekte spielten 'allenfalls eine untergeordnete Rolle, obwohl deren Bedeutung für die Langzeitsicherheit des Endlagers bekannt war. Diese auch für die damalige Zeit völlig unzulängliche Art der Standortfestlegung kann als "Geburtsfehler" des Standortes Gorleben bezeichnet werden. Er ist aus leicht einsichtigen Gründen bei einem Festhalten am Standort Gorleben nicht heilbar.

3. Entscheidung für die untertägige Erkundung

Nach Abschluss der wesentlichen obertägigen Erkundungsarbeiten beschloss die Bundesregierung im Juli 1983 die untertägige Erkundung des Salzstocks. Dabei waren die Erkundungsergebnisse - auch nach Meinung der damals zuständigen Physikalisch-Technischen Bundesanstalt - hinsichtlich der Barrierewirkung des Deckgebirges eindeutig ungünstig. Begründet wurde die Entscheidung mit der "Eignungshöffigkeit" des Standortes (s. dazu 4.). Allerdings konnte die Beurteilung "eignungshöffig" nicht aus den Deckgebirgsbefunden abgeleitet werden. Vielmehr spielten Modellrechnungen zu Grundwasserbewegung und Radionuklidausbreitung eine wesentliche Rolle.

Inhaltlich war die untertägige Erkundung mit den Ergebnissen der Modellrechnungen ohnehin nicht begründbar. Es wurden dabei nämlich lndividualdosen in der Größenordnung des gültigen Grenzwertes errechnet; bei einigen Nukliden wurde der Grenzwert sogar überschritten. Die Hoffnung, dass sich bei Abbau von Überkonservativitäten (d.h. ungünstigen Annahmen für die Rechnungen) in den Modellrechnungen, die errechneten Individualdosen deutlich verringern würden, wurde nicht erfüllt.

Insgesamt ist festzustellen, dass sich die Entscheidung für die untertägige Erkundung auf die unangemessen hoffnungsvolle Interpretation vorläufiger und ungesicherter Ergebnisse von Modellrechnungen zur Radionuklidausbreitung gestützt hat und nicht auf die realen Untersuchungsbefunde zum Deckgebirge. Die Rechtfertigung für dieses fragwürdige Vorgehen lieferten die 1983 erschienenen und derzeit in Überarbeitung befindlichen "Sicherheitskriterien für die Endlagerung radioaktiver Abfälle in einem Bergwerk" der Reaktor-Sicherheitskommission. Danach muss der Nachweis der Langzeitsicherheit wesentlich auf Sicherheitsanalysen mit Modellrechnungen beruhen. Diese Konzentration auf Modellrechnungen führt zwangsläufig dazu, die Erkundung eines Endlagerstandortes solange fortzusetzen, bis alle notwendige Daten für die abschließende Sicherheitsanalyse (Modellrechnungen) vorliegen. Auch hieraus wurde die Notwendigkeit der unterlägigen Erkundung abgeleitet.

4. Eignungshöffigkeit

Mit dem Begriff Eignungshöffigkeit wurde nicht nur die Entscheidung zur untertägigen Erkundung begründet (s. 3.), er diente vielmehr durchgängig als Begründung für weitere Untersuchungen bzw. er diente vielmehr durchgängig als Begründung für weitere Untersuchungen bzw. für das Festhalten am Standort Gorleben trotz ungünstigen Deckgebirges

Der Begriff "Eignungshöffigkeit" ist im Hinblick auf den Standort Gorleben bis heute nicht eindeutig definiert. Vielmehr liegen von mit dem Verfahren verbundenen Institutionen unterschiedliche, teilweise sogar widersprüchliche Aussagen darüber vor, .woran denn - wenn überhaupt - Eignungshöffigkeit gemessen werden kann. Wegen dieser Unbestimmtheit ist der Begriff denkbar ungeeignet für die Standortbewertung und darauf beruhende Entscheidungen über weitere Maßnahmen. Sein Gebrauch durch die verantwortlichen Institutionen verbirgt letztendlich, dass eine angemessene Bewertungkonzeption (Methode, Bewertungsmaßstäbe und -größen, Mindestanforderungen) bis heute nicht vorliegt - ein Manko, auf das seit Ende der siebziger Jahre von verschiedenen Seiten erfolglos hingewiesen wird.. Wegen dieses Mangels ist der Standort Gorleben bis heute einer nachvollziehbaren Bewertung durch die verantwortlichen Institutionen entzogen. Nicht zuletzt hierin liegt eine wesentliche Ursache für die verhärtete Diskussion über den Standort und die kritische Beurteilung des gegenwärtigen Erkundungsmoratoriums in der Öffentlichkeit. Ohne eindeutige Definition des Begriffes "Eignungshöffigkeit" und ohne Bewertungskonzeption für den Standort, die eigentlich vor Beginn der Standortuntersuchungen hätten erarbeitet werden müssen, wird sich dies nicht ändern.

5. Unzureichendes Deckgebirge = fehlende

Langzeitsicherheit

Das Deckgebirge des Salzstocks Gorleben ist sehr kompliziert aufgebaut. Das tiefere Grundwasserstockwerk und oberflächennahes Grundwasser stehen stellenweise in Verbindung miteinander.

Ursache hierfür ist die fehlende durchgängige Isolation der     Grundwasserstockwerke durch eine ausreichend mächtige und dichte Tonschicht. Dies bedeutet, dass tiefes Grundwasser    aus dem Bereich direkt über dem Salzstock stellenweise in    den oberflächennahen Grundwasserleiter aufströmt und nach gegenwärtiger Kenntnis im Bereich der Elbeniederung an die Grundwasseroberfläche gelangt. Für den Fall des Austritts von Radionukliden aus dem Salzstock würde das bedeuten, dass ein direkter Transportweg für Radionuklide vom Salzstock in Richtung der Biosphäre besteht. Im Bereich der sogenannten "Gorlebener Rinne", die sich etwa von Süd nach Nord über den Salzstock erstreckt, liegengrundwasserführende Gesteine unmittelbar dem durch Salzablaugung entstandenen sogenannten "Hutgestein" und stellenweise auch direkt dem Salzgestein auf. Hier wird der Salzstock weiterhin durch Grundwasser abgelaugt (Subrosion). Die Subrosion geschieht nicht nur flächenhaft, sondern es kann in bestimmten Bereichen des Salzstocks auch zu einer verstärkten sogenannten "vorauseilenden Subrosion" kommen. Dadurch wird die Barriere Salzstock langfristig geschwächt.

Bisher durchgeführte Modellrechnungen zur Grundwasserbewegung im Deckgebirge zeigen, dass die Laufzeiten (oder "Aufstiegszeiten") des Grundwassers vom Bereich der Salzstockoberfläche bis hin ins oberflächennahe Grundwasser nur sehr kurz sind (einige wenige tausend Jahre bis mehrere tausend Jahre). Dies bedeutet, dass aus dem Salzstock austretende Radionuklide schnell in Richtung Biosphäre transportiert würden. Auch bei Berücksichtigung von gewissen Rückhaltemechanismen (Sorption u.ä.) ist davon auszugehen, dass Radionuklide mit längeren Halbwertszeiten in relativ kurzer Zeit die Biosphäre erreichen würden.

Das Deckgebirge leistet bei Salzstöcken, im gemäßigten Klimabereich einen unerlässlichen Beitrag zu deren Schutz vor Auflösung durch Niederschlags- und Grundwasser. Ein in diesem Sinne gutes Deckgebirge weist im übrigen ähnliche Eigenschaften auf, wie sie für ein Deckgebirge zu fordern sind, das einen wirksamen Beitrag zur Langzeitsicherheit des Endlagers leisten muss. Hierbei ist eine flächenhafte tonige Oberdeckung des Salzstocks von großer Bedeutung. Solche Verhältnisse sind am Standort Gorleben nicht gegeben. Insgesamt stellt das Deckgebirge eine völlig unzureichende Barriere dar: Einmal aus dem Salzstock ausgetretene längerlebige Radionuklide werden in relativ kurzer Zeit die Biosphäre erreichen. Da das Deckgebirge als wirksame Barriere gegen die Ausbreitung langlebiger Radionuklide weitgehend ausfällt, müsste der Salzstock alleine die gesamte langfristige "Sicherheitslast" tragen. Dies ist für ein Endlager nicht akzeptabel. Das fehlende Isolationsvermögen des Deckgebirges kann durch den Salzstock nicht kompensiert werden.

Bei der untertägigen Erkundung wurden bislang zwar keine Sachverhalte festgestellt, die unmittelbar zur Standortaufgabe führen müssten. Die Erkundung hat aber auch keine Ergebnisse geliefert, durch die die ungünstigen Deckgebirgsbefunde relativiert würden. Das wäre auch bei weiterer Erkundung nicht der Fall, zumal der Salzgesteinskörper wegen bestehender Salzrechte Dritter voraussichtlich nicht im erforderlichem Umfang erkundet werden kann,

6. Neues Suchverfahren

Mit dem vom Arbeitskreis Auswahlverfahren Endlagerstandorte (AkEnd) im Auftrag des BMU entwickelten Suchverfahrens für Endlagerstandorte steht zum ersten Mal in Deutschland ein Verfahren zur Verfügung, das nicht nur die technisch-wissenschaftlichen Aspekte der Endlagerung sondern auch die gesellschaftspolitischen Anforderungen (v.a. Öffentlichkeitsbeteiligung, Regionalentwicklung, Gerechtigkeitsaspekte) berücksichtigt.

Nur die Umsetzung dieses Verfahrens bietet die Chance, aus der jahrelangen Stagnation bei der Entsorgung der radioaktiven Abfälle herauszukommen. Dies betrifft vor allem auch den Standort Gorleben. Auch Gorleben muss sich dem Suchverfahren stellen, d.h. mit sämtlichen dem Suchverfahren zu Grunde liegenden Bewertungskriterien bewertet werden. Dann wird sich zeigen wie weit die angebliche "Eignungshöffigkeit" des Standortes tatsächlich trägt.

7. Fazit

Am Standort Gorleben bündeln sich eine Vielzahl von Problemen:'

Die Festlegung des Standortes geschah nicht vorrangig unter sicherheitsgerichteten Aspekten; Ein nachvollziehbares und transparentes Konzept zur Bewertung des Standortes fehlt bis heute; stattdessen wird mit dem Begriff "Eignungshöffigkeit" operiert, obwohl keine allgemein akzeptierte Definition davon vorliegt;

•    Das Deckgebirge des Salzstocks ist nicht in der Lage, aus dem Salzstock austretende Radionuklide langfristig zu isolieren. Damit fehlt eine entscheidende Sicherheitsbarriere Die Vorstellung, der Salzstock könne allein die gesamte Sicherheitslast tragen, ist falsch, weil die Schutzfunktion des Deckgebirges nicht durch den Salzstock kompensiert werden kann.

•    Anzustreben ist ein neues Suchverfahren auf der Grundlage des AkEnd-Vorschlages, dem sich auch der Standort Gorleben unterwerfen muss. Anhang: Einige Anmerkungen zum Gleichheitsgrundsatz bei der Endlagerung In der aktuellen internationalen Diskussion über die Endlagerung radioaktiver Abfälle werden neben den in der Vergangenheit dominierenden wissenschaftlich-technischen Fragen zunehmend auch Aspekte der ethischen und gesellschaftlichen Legitimation der Endlagerung in allgemeinen und der Endlagerung an einem bestimmten Standort im Besonderen behandelt. In einigen Ländern, insbesondere in der Schweiz, haben sie bereits Eingang in die Entsorgungskonzeption für radioaktive Abfälle gefunden. In anderen Ländern werden die Konsequenzen zur Zeit untersucht (Niederlande) oder umgesetzt (Frankreich).

Eine wichtige Rolle spielt dabei der Gleichheitsgrundsatz. Unter diesem Begriff wird der Anspruch aller, auch noch nicht geborener Menschen auf selbstbestimmte Entwicklung anerkannt. Er ist der Kern der heute allgemein akzeptierten Verpflichtung der heute lebenden Menschen zum nachhaltigen Umgang mit den natürlichen Ressourcen. Bei der Endlagerung radioaktiver Abfälle besteht die Umsetzung des Gleichheitsgrundsatzes im wesentlichen in der gerechten Verteilung der mit der Kernenergienutzung verbundenen materiellen und immateriellen Vorteile und Lasten. Gegenüber künftigen Generationen bestehen dabei naturgemäß unüberbrückbare Probleme, denn weder können sie ihre Interessen selber wahrnehmen, noch können ihre Interessen stellvertretend durch heute lebenden Menschen in vollem Umfang wahrgenommen werden. Als Reaktion auf dieses Dilemma werden heute zunehmend Entsorgungsoptionen diskutiert oder bereits verfolgt, die zukünftigen Generationen Handlungsspielräume lassen. Aber auch bei den heute lebenden Menschen ist eine gerechte Verteilung der mit der Endlagerung radioaktiver Abfälle verbundenen Vorteile und Lasten nur mit deutlichen Einschrän    kungen möglich; denn die Auswahl eines Endlagerstandortes ist in erster Linie auf dessen sicherheitsbestimmende Eigenschaf und nicht auf die gerechte Verteilung von Vorteilen und Lasten ausgerichtet. Allerdings können aus dem Gleichheitsgrundsatz bei der Endlagerung radioaktiver Abfälle wichtige materielle Anforderungen an Endlagerstandorte und Verfahrens     anforderungen abgeleitet werden:

Die Auswirkungen des Endlagers auf Mensch und Umwelt müssen in allen Verfahrensschritten durch klaren Vorrang sicherheitsbezogener Bewertungsaspekte und gezielte Konzentration auf den/die sicherheitsmäßig jeweils relativ besten Standort(e) gemindert werden.

Die Auswahl muss hinsichtlich der sicherheitsbezogenen Standortanforderungen zwangsläufig sein und auf der Abwägung möglicher sicherheitsbezogener Alternativen bzw. Optionen beruhen. Soweit Sicherheitsaspekte unberührt bleiben, sind divergierende Interessen zu berücksichtigen.

Potenziell Betroffene müssen - soweit möglich und sinnvoll - frühzeitig am Entscheidungsprozess beteiligt werden, zumindest aber die Zwangsläufigkeit der Standortentscheidung und das Ausmaß ihrer Betroffenheit rechtzeitig erkennen können.

Für künftige Generationen muss (mindestens) derselbe Schutzanspruch wie für heutige Generationen eingehalten werden. Ihre Interessen müssen durch Erhalt ihrer Handlungsspielräume berücksichtigt werden, soweit dem nicht die Sicherheitsbedürfnisse heutiger und künftiger Generationen entgegen stehen. Im Hinblick auf die Verfahrensabwicklung folgen aus diesen Anforderungen die konkreteren Forderungen nach Verfahrenstransparenz sowie frühzeitiger und umfassender Information und Beteiligung der Öffentlichkeit. Sie sind heute wesentlicher Bestandteil vieler nationaler Endlagerprogramme. ln Deutschland wurden sie durch die Arbeit des AK End in das neu entwickelte Standortauswahlverfahren eingeführt. Zur Zeit der Standortbenennunq Gorleben war die Bedeutung von Verfahrenstransparenz und Öffentlichkeitsbeteiligung - auch international - noch nicht richtig erkannt worden. Zwischen den Verfahrenskonsequenzen des Gleichheitsgrundsatzes und dem tatsächlichen Ablauf des Gorleben-Verfahrens bestehen daher unübersehbare und unüberbrückbare Diskrepanzen.

Bearbeitet am: 30.01.2004/ad


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