„Riesenproblem Atommüll-Endlager nicht gelöst"

von Herman Damveld.

Herr Damveld ist wissenschaftlicher Journalist aus den Niederlanden, der sich seit 25 Jahren sehr kritisch mit der Atomenergie auseinandersetzt und diesen Bericht über die Tagung des AkEnd am 28/29. 09.01 in Frankfurt verfasst hat

Salzstöcke sind ungeeignet für die Lagerung von schwach- und mittelradioaktivem Atommüll. Diese Feststellung machten die Mitglieder einer von der deutschen Regierung eingesetzten Kommission, die die Kriterien für die Eignungsbeurteilung eines Endlagers erarbeiten soll. In den Niederlanden bestehen schon viele Jahre lang Pläne, alle Arten Atommüll gemeinsam in einem Salzstock einzulagern.

Giftiger hochradiaktiver Müll darf aus Sicherheitsgründen nicht zusammen mit schwach- oder mittelradioaktivem Müll gelagert werden. Deshalb muß es zwei Lagerstätten geben. Aber wie findet man diese? Die AkEnd, vom deutschen Umweltminister ins Leben gerufen, hatte zu diesem Thema eine Wochenendtagung veranstaltet. Diese Diskussion ist für die Niederlande ebenfalls wichtig, da am 15.Oktober ein Vorschlag vorgelegt werden soll, wie es mit der Lagerung von Atommüll weitergehen soll.

Unter Wasser

Außerhalb von Frankfurt, in der Nähe des Flughafens und einer achtspurigen Autobahn gibt es ein Hotel mit großen Tagungsräumen. Während draußen die Sonne scheint sind drinnen die Gardinen zugezogen und die Beleuchtung ist eingeschaltet. In dieser künstlichen Umgebung kamen etwa 250 Personen zusammen, um über einen Bericht der AkEnd zu beraten.

Wo liegt das Problem? In dem deutschen Bundesland Niedersachsen liegt der Salzstock Asse, wo bis 1978 etwa 124000 Fässer mit schwach und mittel radioaktivem Atommüll eingelagert wurden. Etwa 1970 wollte man dort auch hoch radioaktiven Müll einlagern. Diese deutsche Plan war ein wichtiger Grund für die niederländische Regierung, ebenfalls ein Endlager in einem Salzstock vorzusehen. Es kam jedoch anders. Der Salzstock hat drei breite und tiefe Zugänge, die Schächte, von denen zwei seit langer Zeit unter Wasser stehen. Der Dritte droht nun auch voll zu laufen. Im Salzstock Morsleben, in der ehemaligen DDR, durfte man schwach und mittel aktiven Atommüll einlagern. Auch dieser Salzstock droht voll zu laufen und einzustürzen. Aus diesem Grund hat die deutsche Regierung im Mai 2000 beschlossen, mit der Einlagerung in Morsleben aufzuhören.

Der wichtigste Salzstock in Deutschland liegt bei Gorleben. Seit 1977 werden hier Untersuchungen durchgeführt. Man stellte dabei fest, dass der Salzstock mit dem Grundwasser in Verbindung steht. Damit ist die Hauptanforderung für die Eignung nicht mehr erfüllt. Doch die Kohl-Regierung setzte die Erkundung mit dem Argument fort, dass es Aussicht auf bessere Ergebnisse gab. Die heutige Regierung Schröder hielt den Salzstock jedoch für ungeeignet und beschloß am 14.06.2000, die Untersuchungen vorläufig einzustellen, die bis zu diesem Zeitpunkt 2,2, Milliarden DM gekostet hatten. Die Regierung beschloß gleichzeitig, dass es nur ein Lager für alle Arten von Atommüll geben sollte. Damit war das Einlagern von schwach- und mittel aktivem Abfall in dem alten Eisenbergwerk Schacht Konrad bei Salzgitter ebenfalls vom Tisch.

Zweifel

Bisher gibt es noch kein Endlager für Atommüll, während die Abfallmengen zunehmen, je länger man mit der Kernenergie weiter arbeitet. Zur Zeit liegen etwa 76000 Kubikmeter Atommüll in Zwischenlagern und die Menge soll bis 2040 auf 300000 Kubikmeter anwachsen, so die AkEnd.

Der hochradioaktive Müll aus den Kernkraftwerken sorgt für 99% der Radioaktivität, die aus Kerntechnik, Laboratorien und Krankenhäusern stammt. Danach gefragt, teilt Heinz Laing von Greenpeace mit, dass “deshalb der weitere Betrieb von Kernkraftwerken nicht zu verantworten und nicht logisch ist.”

Staatssekretär Rainer Baake vom Umweltministerium beeilte sich, die Regierungspolitik darzustellen: “Die Regierung hat mit den Energieversorgern einen Vertrag zur Beendigung der Atomtechnik geschlossen. Auch wenn manche sofort mit der Kernenergie aufhören wollen, der Vertrag besteht und das Parlament wird in den nächsten Tagen den entsprechenden Gesetzestext verabschieden. Die Kernenergie hinterläßt eine Erbschaft, den radioaktiven Abfall.

Dem Zwang, dieses Riesenproblem zu lösen, kann niemand entkommen. Deshalb müssen wir zu einem Entscheidungsprozess kommen, der so transparent wie möglich ist. Als Ziel hat sich die Regierung gesetzt, im Jahre 2030 ein einziges Endlager für Atommüll zu haben. Die Arbeit der AkEnd soll dabei eine zentrale Rolle spielen.” Zweifel klingen deutlich in seiner Stimme mit, als der Staatssekretär sagt: “Die Endlagerung von Atommüll ist ein weltweit ungelöstes Problem. Wir wissen nicht, ob es dafür eine gute Lösung gibt. Deshalb müssen wir nach der am wenigsten schlechten Lösung suchen und auch dann bleiben möglicherweise noch viele Fragen offen.”

Abwesend

Der Staatssekretär und die AkEnd haben gleichwohl auch noch ein anderes Problem. Die sehr zahlreichen Widerstandsgruppen in der Umgebung der geplanten Endlager Gorleben und Konrad wollen sich nicht an diesen Gesprächen beteiligen. Die Kernindustrie, die am liebsten an diesen Projekten festhalten möchte, ist kaum vertreten.

Der Geologe Professor Klaus Duphorn, Mitglied der AkEnd, verteidigt seine Arbeitsgruppe: “Die AkEnd hat vom Umweltminister Rahmenbedingungen vorgegeben bekommen. Darüber hinaus arbeiten wir unabhängig und sind keine Befehlsempfänger. Wichtig ist die breite Zusammensetzung unseres Arbeitskreises mit Personen aus der Kernindustrie und der Umweltbewegung. Wir suchen den Dialog mit dem Steuerzahler.

In der Vergangenheit mußte der Steuerzahler mit Regierungsbeschlüssen leben, gegen die es keine Einspruchsmöglichkeiten gab. Wir nehmen die Bevölkerung als Ausgangspunkt und wollen von dort aus zu einem Ergebnis kommen. Die auferlegten Rahmenbedingungen ziehen sich während des ganzen Wochenendes durch alle Diskussionen.

Frank Musiol vom Bund Naturschutz fasste es in Worte: “Ich halte die Arbeit vom AkEnd nicht für seriös, solange die möglichen Endlager Gorleben und Konrad nicht vom Tisch sind. Man behauptet einen Neuanfang zu machen, aber in Wirklichkeit hält man am Bestehenden fest. Ungeachtet aller Probleme, die die Erkundungen von Gorleben bis jetzt ans Licht gebracht haben, ist dieser Salzstock noch nicht endgültig aus der Diskussion. Was den Schacht Konrad betrifft, so gibt es nicht einmal ein Moratorium. Es wird in Kürze sogar eine Endlagergenehmigung geben. Das kann ich nicht verstehen.

Herr Laing von Greenpeace wies darauf hin, daß die Endlagerung von 600.000 Kubikmetern Atommüll beantragt wird, doppelt soviel wie in den heute bestehenden Atomkraftwerken entstehen wird. Er fragte sich, wie das möglich ist. Daraufhin meldete sich ein Vertreter der Kernindustrie zu Wort. Wolfgang Hawickhorst hat eine Spitzenposition bei der Gesellschaft für Nuklear-Service inne, einem Konsortium von Kernkraftwerkbetreibern. Er ging davon aus, das “es schnell eine Genehmigung für den Schacht Konrad geben wird. Und dann wird die Atomindustrie die Endlagerung vorbereiten, damit im Jahre 2010 das erste Faß in den Schacht gelangt. Es sind bereits 100.000 Tonnen radioaktiver Abfall in Fässer verpackt, die den Vorschriften für die Endlagerung im Schacht Konrad entsprechen. Und es sind schon einige hundert Millionen DM ausgegeben worden für Untersuchungen und Vorbereitungen. Die Aufgabe von AkEnd muss es sein, die Endlagerung möglich zu machen.”

Dieser Beitrag verursachte soviel Unruhe im Saal, daß Staatssekretär Baake reagieren musste. Nach seinen Worten “gibt es tatsächlich bald eine Genehmigung, aber die Einlagerung darf nicht zu gleicher Zeit vorbereitet werden. Wir schöpfen damit keine neuen Fakten.” Er gestand übrigens ein, daß die Regierung nicht von Gorleben und Schacht Konrad Abstand nehmen will, “wegen der finanziellen Interessen, da anderenfalls die Atomindustrie Schadensersatzansprüche geltend machen würde.”    

Zwei Endlager

Ein ganz neuer Gesichtspunkt ist die Frage der Gasentwicklung bei der Lagerung von schwach- und mittelaktivem Abfall. Das Gas entsteht durch die abgegebene radioaktive Strahlung, durch Rostansatz in den Fässer und dem Zerfall der organischen Anteile im Abfall.

Durch die Gasentwicklung steigt der Innendruck der Fässer sowie der Druck außerhalb. Deshalb sollte man diese Art von Atommüll am besten in einem Medium lagern, das etwas durchlässig ist, stellt die AkEnd fest. Aber Durchlässigkeit bedeutet andererseits, daß leicht Wasser eindringen kann. Fässer mit hoch radioaktivem Müll dürfen keinesfalls mit Wasser in Berührung kommen.

Man stelle sich vor, der Abfall würde in Salz gelagert. Wasser und Salz ergeben Salzlake und diese greift die Fässer an; sie rosten durch. Die AkEnd spricht sich deshalb für zwei verschiedene Endlagerstätten aus.

Professor W. Brewitz, Mitglied der AkEnd, arbeitet bei der Gesellschaft für Reaktorsicherheit in Braunschweig. Er hält mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg: “Lagerung von schwach- und mittelradioaktivem Müll m Salzstöcken ist kontraproduktiv. Diese Abfälle sind in Zement verpackt und dieser enthält genügend Wasser, um Gasbildung zu ermöglichen. Das Problem kannten wir bereits bei der Lagerung in Morsleben in der ehemaligen DDR. Deshalb bin ich gegen die Einlagerung dieser Art Abfall in Salzstöcken oder Salzschichten.

Ich persönlich bin für die Einrichtung von zwei verschiedenen Endlagern.” Damit trifft er die empfindliche Stelle von Staatssekretär Baake, der zum wiederholten Male betont, daß die Regierungspolitik ein einziges Endlager für alle Arten von Atommüll vorsieht.

Freiwilligkeit

Wie bereits oben erwähnt, will die AkEnd ein neues Verfahren einführen. Darin soll die Freiwilligkeit eine große Rolle spielen. Aber wie weit darf die Freiwilligkeit gehen?

Professor Detlev Ipsen von der Universität Kassel ist der einzige Sozialwissenschaftler der AkEnd, welche ansonsten nur aus Technikern und Geologen besteht. Ipsen erklärt: “Aus einer kürzlich durchgeführten Meinungsumfrage ergibt sich, daß 61% der Deutschen für den Atomausstieg sind. Die Hälfte der Bevölkerung findet, daß die Lagerung radioaktiver Abfälle ein dringendes Problem darstellt. Auf die Frage jedoch, ob man bereit wäre, für ein Atommüll-Endlager in der eigenen Region zu stimmen, sagen 83% nein.” Und das zeigt das Dilemma auf: Wie kann man eine Gemeinde davon überzeugen, daß es nicht nur Nachteile durch ein Atommüll-Endlager gibt.

Freiwilligkeit steht bei der AkEnd obenan. “Wir wollen niemand zwingen, sich an der Diskussion zu beteiligen oder einer Lagerung zuzustimmen. Andererseits hat die Regierung den Auftrag gegeben, ein Endlager zu finden. Was sollen wir tun, wenn niemand mitarbeiten will?” fragt sich Ipsen. Der Wissenschaftler denkt an eine Situation, daß es drei mögliche Endlager gibt: “Freiwilligkeit entsteht nicht von selbst. Wir müssen dafür sorgen, daß jede Gemeinde eine wissenschaftliche Fachstelle erhält, bei der man alle Fragen untersuchen und beantworten kann, die von den Bürgern gestellt werden. Und wie beantworten wir diese in einer verständlichen Sprache?

Das ist nicht so einfach,” erklärt Ipsen. Er verweist auf den Gedanken, die Lagerung von Atommüll mit der regionalen Wirtschaftsentwicklung zu koppeln. Die AkEnd lässt dazu vom Institut für Wirtschaftsentwicklung in Dresden eine Untersuchung durchführen.

Gerd Lutz von diesem Institut sagt: “Es sieht so aus, als ob wir aus Abfall Gold machen wollen, aber wir sind offen für alles, was möglich ist. Die Region muss Geld erhalten zur Kompensation der Nachteile, die eine Endlagerung mit sich bringt. Aber das Geld sollte mit regionalen Innovationsimpulsen verbunden werden. Man kann beispielsweise an die Risiken anknüpfen. Warum kann man in der Endlagerregion nicht ein Institut zum Studium von Risiken gründen, mit der die Gesellschaft konfrontiert ist und wie man mit Konflikten umgehen kann?

Auf diese Weise initiiert man Untersuchungen und die Endlagerung wird eher akzeptierbar.” Pastor Kruse aus der Region Gorleben hat große Probleme mit dieser Aussage:    “Beim Endlager Gorleben war keine Rede von Freiwilligkeit. Im Gegenteil, Tausende von Polizisten sicherten die Transporte.

Warum hält man noch an Gorleben fest?” Auf diese Frage gab es keine Antwort. Vielleicht gibt es beim nächsten Treffen der AkEnd, Ende des nächsten Jahres, mehr Antworten. Noch mit den Diskussionen im Kopf fahre ich mit dem Zug zurück und komme an dem stillgelegten Atomkraftwerk Mülheim-Klärlich bei Koblenz vorbei, das 11 Milliarden kostete und fast keinen Strom geliefert hat.

Wird die Diskussion in den Niederlanden anders ausgehen? Bald wissen wir mehr. Am 15. Oktober trifft sich die Kommission Integrale Untersuchung des nuklearen Abfalls und wird der Regierung einen Vorschlag machen, wie es mit der Endlagerung von Atommüll weitergehen soll.. Bald werden wir wissen, ob auch hier in künstlicher Umgebung Diskussionen über die Endlagerung in Salzstöcken oder Tonschichten stattfinden werden.

Bearbeitet am: 06.10.2001/ad


zurück zur Homepage