Zweifel von Anfang an

Die Jahre 1977-1986

Wolfgang Ehmke

Gorleben ist verbrannt. Es waren keine geologischen Gründe, die zur Standortwahl führten. Es waren politische Überlegungen. Ernsthafte fachwissenschaftliche Kritik wurde ignoriert, denn den gleichen Ärger wie in Gorleben will kein Politiker, gleich welcher Couleur.

Ernst Albrecht (CDU), niedersächsischer Ministerpräsident in den Jahren 1976 bis 1990, hatte sich zu Beginn seiner Amtszeit ausschließlich aus politischen Gründen für Gorleben als Standort des „Nuklearen Entsorgungszentrums" entschieden. 17 Jahre dauerte es, bis jemand, der es wissen musste, wie es zur Standortbenennung Gorlebens kam, sich „outete" und unsere Vermutung bestätigte: Kronzeuge war der damalige Vizepräsident des niedersächsischen Landesamtes für Bodenforschung (NLfB), Prof. Gerd Lüttig.
Das Kürzel NEZ stand für eine Wiederaufarbeitungsanlage (geplanter Durchsatz: 1.500 t Schwermetall pro Jahr), eine Eingangshalle für die abgebrannten Brennelemente, eine Brennelementefabrik, oberirdische Pufferläger für den anfallenden Atommüll, einer Konditionierungsanlage und schließlich jenes nukleare Endlager im Salzstock Gorleben-Rambow.

Sowohl auf dem internationalen Endlagersymposium in Braunschweig vom 21.-23.8.93 als auch auf einer öffentlichen Veranstaltung in Lüchow im November 93 berichtete Lüttig über die Erfahrungen, die er Ende 1976 machen musste, nachdem er als Gutachter verschiedene Salzstöcke im norddeutschen Raum auf ihre Eignung als Atommüllendlagerstätte hin untersucht hatte. Nach seinem damaligen Urteil sei Gorleben nur „dritte Wahl" gewesen, sagte Lüttig.

Albrecht habe ihm gegenüber darauf hingewiesen, dass die DDR dicht an der Grenze in Morsleben eine Atommülldeponie eingerichtet habe. Mit den Worten „Jetzt werden wir´s denen mal zeigen" und „Da wird sich die Ostzone schön ärgern", habe Albrecht dann erklärt, warum er sich ebenfalls für einen Ort an der Grenze, nämlich Gorleben, entschieden habe. Die gegenteiligen Empfehlungen der Geologen habe Albrecht mit der Bemerkung abgetan: „Ihr kommt auch noch zu eurem Recht." (FR 27.11.93)
Möglicherweise hatte Ernst Albrecht darauf gesetzt, dass sein Votum die DDR-Regierung oder die Bonner SPD-geführte Bundesregierung unter Kanzler Helmut Schmidt provoziert. Aber nichts dergleichen geschah, und seitdem kommen nicht nur Geologen zu Wort: um Gorleben wird erbarmungslos politisch und wissenschaftlich gestritten.
Nach Bergrecht und nicht nach Atomrecht - also unter Ausschluss der Öffentlichkeit - wird seitdem in Gorleben gebohrt, abgeteuft und unter Tage gebuddelt. Im Mai 1977 hat die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) in einem Bericht mit dem Titel „Langzeitlagerung radioaktiver Abfälle" folgende Aussagen getroffen:

„Ziel einer sicheren Endlagerung radioaktiver Abfallstoffe muss es sein, die von ihnen ausgehende schädigende Strahlung vollkommen von der Biosphäre abzuschirmen. Je nach Zusammensetzung der Abfallstoffe beträgt die notwendige Isolierungszeit wenige Jahrzehnte bis einige 100.000 Jahre. Die geologische Abschirmung muss auch dann noch zuverlässig wirksam sein, wenn sich im Laufe dieser Zeit die geologischen und klimatischen Umweltbedingungen ändern. Geologische Formationen in großer Tiefe ohne Kontakt zum Grundwasserkeislauf bieten sich als Lagerungsmöglichkeit an" (S.7).

Diese Zielvorgabe könnten wir unter der Prämisse des Atomausstiegs bedenkenlos gutheißen. Die Endlagersuche muss sich folgerichtig auf tiefe geologische Formationen konzentrieren. Als der Standort Gorleben ins Spiel gebracht wurde, warnte jedoch das NLfB („Die hydrogeologischen Gegebenheiten im Raum Gorleben, derzeitiger Kenntnisstand und Vorschläge zur weiteren Erkundung", S. 4/5 Februar 1978):

Es habe auch in jüngster Zeit (geologisch betrachtet!) aktive Ablaugungsvorgänge an der Salzstockoberfläche gegeben;
Die Lagerung von wärmeentwickelnden Abfällen könnte zu einer Vergrößerung und Veränderung der Grundwasserbewegungen führen;
Die hydrogeologischen Untersuchungen müssten Aufschluss darüber bringen, ob der Salzstock im Deckgebirge durch Tone und Schluffe von ausreichender Mächtigkeit gegen Grundwasserkontakt lückenlos abgedeckt sei. Es müsste geklärt werden, ob über dem Salzstock und seitlich davon mehrere Grundwasserstockwerke voneinander hydraulisch getrennt sind.
Nachdem die Ergebnisse der Tiefbohrungen und der Schachtvorbohrungen vorlagen, schrieb die Bürgerinitiative Umweltschutz am 28.6.82 an den damaligen Innenminister Gerhard R. Baum (FDP), in dessen Ressort die Zuständigkeit für die Endlagersuche zu jener Zeit lag.

Die Bohrprotokolle, soweit sie der BI vorlagen, belegten: Es gab Salzlauge oberhalb (!) des Gipshutes, Gaseinbrüche und Carnallit-Einschlüsse (Carnallit-Kristalle schmelzen schon bei ungefähr 850 Celsius und setzen Wasser frei). Hinzu kam eine äußerst komplizierte Verfaltung des Salzstocks.

Wissenschaftlich fundiert wurde die BI-Kritik durch ein 300 Seiten umfassendes Gutachten des Kieler Quartärgeologen Prof. Dr. Klaus Duphorn, der im Auftrag der PTB die Bohrergebnisse unter die Lupe nahm. Erste wichtige Feststellung ist nach einem ausführlichen Bericht der taz vom 6.7.82, dass der Salzstock sich in der jüngsten geologischen Erdzeit, dem Quartär, und nicht wie erhofft im Tertiär herausgebildet hat. Auf 7,5 Quadratkilometer Grundfläche lägen mächtige, wasserführende Schmelzwassersände ohne wasserhemmende Ton- oder Gipsschichten direkt auf dem Salzgestein. Über der Nordhälfte - heute wird ausschließlich die NO-Flanke nach der Reduktion der Endlagerpläne um 50% „erkundet" - seien an mehreren Stellen Verbindungen zum oberen Grundwasserstockwerk vorhanden, dadurch sei Salzwasser bis auf 70 m unter Gelände aufgestiegen. Durch Ablaugungsprozesse habe sich eine Rinne gebildet. Ein Relikt des ursprünglichen Salzstockoberteils sei eine Aufragung („steiler Zahn"), die bis zu 133m unter die Erdoberfläche herankomme. In den Salzstockflanken würden die Sedimentsschichten mit einem spezifisch höheren Gewicht als das Salz nach unten sacken und das Salz regelrecht dadurch hochpressen.

Am 5. Juli 82 „konterte" der parlamentarische Staatssekretär des Bundesministeriums für Forschung und Technologie, Erwin Stahl, mit einer Pressemitteilung, in der es heißt, dass aufgrund der „Thesen" (sic!) Prof. Duphorns „zur Zeit kein grundsätzlich neuer sicherheitsmäßiger Sachverhalt erkennbar sei". Ein Erfordernis zur Untersuchung weiterer Standorte sei laut Stahl „derzeit nicht gegeben" Anschließend wird
Duphorn gerügt, Aussagen zur Eignung des Salzstocks als nukleares Endlager dürften aus seiner „Einzeluntersuchung" nicht abgeleitet werden.

Unter der Überschrift „Wachsende Kritik an der Studie über Sicherheit des Endlagers Gorleben" berichtet die EJZ am 25.10.82 über die erste Bürgerdialog-Veranstaltung in Hitzacker. Neun Stunden lang diskutierten Wissenschaftler und Bürger/innen die vorläufige Studie des „Projekts Sicherheitsstudien Entsorgung", die unter einer Wissenschaftlergruppe der TU Berlin unter Prof. G. Memmert im Auftrag des Bundesinnenministeriums erarbeitet worden war. Der Bund hielt an Gorleben trotz der „Rinne" und des „steilen Zahns" fest. Umstritten waren auf dieser Veranstaltung vor allem die Rechenmodelle Memmerts, die beweisen sollten, dass auch bei einem Absaufen des Salzstocks nach Einlagerung von Atommüll die natürlichen Barrieren ausreichten, um die Strahlenbelastung über Tage „hinreichend klein" zu halten. Zu offensichtlich wurde, dass mit diesen Aussagen dem Salzstock das Prädikat „geeignet" verliehen werden sollte. Dr. R. Martens von Institut für Geographie und Wirtschaftsgeographie der Uni Hamburg zweifelte die Aussagekraft der Studie an, sie würde eine Reihe von Vereinfachungen enthalten und derart weitgehende Prognosen seien unhaltbar. Sekundiert wurde dessen Aussage durch den Bremer Diplom-Physiker Gerald Kirchner, der den Risikozeitraum von 10.000 Jahren, der der Studie zugrundelag, als zu gering bezeichnete. Die Frage wurde am Ende laut gestellt: Warum gibt es keine parallele Erkundung mehrerer Salzstöcke? Warum wird nur Salzgestein als Endlagerformation in Betracht gezogen?


In der Folgeveranstaltung Ende Mai 1983 appellierte Prof. Duphorn an die BGR: „Untersuchen Sie andere Standorte". Doch die Endlagerbauer stellten bereits Überlegungen an, wie die Schächte abgeteuft und ausgekleidet werden sollten.

Am 20. Juni 1984 fand eine öffentliche Anhörung des Innenausschusses des Deutschen Bundestags zum „Bericht der Bundesregierung zur Entsorgung der Kernkraftwerke und anderer kerntechnischer Einrichtungen" statt. Von den 9 Gutachtern sprachen sich 5 für den Abbruch der„Erkundung" des Salzstocks Gorleben aus (vergl. 416-seitiges Protokoll, Drucksache 10/37). Die Anhörung blieb ohne politische Konsequenz. Im Juli 1985 folgte eine Anhörung von Experten durch die niedersächsische SPD-Landtagsfraktion. Die weitere Erkundung des Salzstocks sei „grotesk", sagte Prof. Eckard Grimmel. Prof. Duphorn empfahl als „Extremlösung", von Gorleben abzurücken oder zumindest gleichzeitig andere Salzstöcke obertägig zu erkunden. Statt eines bergmännischen Aufschlusses plädierte Prof. Duphorn dafür, weitere Tiefbohrungen durchzuführen. „Der Standort Gorleben war eine politische Entscheidung und ist es bis heute geblieben", stellte Prof. Günter Hermann fest (EJZ 5.7.85).

Erstmalig tritt auch die PTB offen für „Parallelbohrungen" ein. Das aber sollte herbe Konsequenzen haben: am 25.7.85 berichtet die Frankfurter Rundschau, Bonn habe der PTB neue Überlegungen zur Standortsuche untersagt („Maulkorb für kritische Äußerung über Gorleben"):

„Die Bundesregierung hat der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt (PTB) untersagt, Überlegungen anzustellen, ob als Alternativen zum Gorlebener Salzstock auch andere mögliche Endlagerstätten für Atommüll erkundet werden sollten. Professor Helmut Röthemeyer von der PTB bestätigte am Mittwoch die Existenz dieser Weisung und bezeichnete sie als eine „unangenehme Sache".
Wie Röthemeyer vor Journalisten in Hannover berichtete, hatte die PTB bereits im Mai 1983 eine Zusammenfassung der bis dahin vorliegen-den Untersuchungsergebnisse mit einer „internen Gesamtbewertung" verbunden, die zu der Empfehlung gelangte, "das Erkundungsrisikobreiter zu streuen". Der Wunsch der PTB sei gewesen, auch andere Salzstöcke zu erkunden. Nachdem dieses Papier in „politische Kanäle" gelangt sei, habe die Bundesregierung der PTB in einer Besprechung, an der mehrere Bundesministerien beteiligt gewesen seien, die Weisung erteilt, sich bei ihrer Beurteilung auf den Standort Gorleben zu beschränken."

Schließlich bezeichnete Prof. Seibold, Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, den Salzstock Gorleben als ungeeignet für ein atomares Endlager (NDR-Hörfunk, 15.10.85, „Aus Forschung und Technik").

Natürlich werde der Salzstock nicht „gesundgebetet", sagte Bundesforschungsminister Dr. Riesenhuber in Gorleben anlässlich des Festes des „ersten Kübels", dem Beginn des Schachtabteufens am 18.9.86. Die Kritik an der Rechtsgrundlage der „Erkundung", die auf der Basis des Bergrechts vorgenommen wurde, das normalerweise der Gewinnung von Bodenschätzen Anwendung findet, wies Riesenhuber zurück. Unter den heutigen Gegebenheiten sollten nicht nur den Abbau interessanter Stoffe, sondern schon allein die für eine Einlagerung von Abfällen geeigneten geologischen Formationen als Bodenschätze betrachtet werden, denn die Atommülllagerung sei durchaus ein Wirtschaftsfaktor (EJZ 20.9.86).

Die Bundesregierung mauert permanent. Eignungskriterien, so weit sie überhaupt vorlagen, werden schleichend revidiert. Das Mehrbarrierenkonzept, mit dem verhindert werden sollte, dass Radioaktivität über Wasserwegsamkeiten in die Biosphäre dringt, wird aufgegeben. Dem Deckgebirge käme, wenn die wassersperrige Tonschicht über dem Salz fehle, deshalb eine Barrierefunktion zu, weil es zu einer „hohen Verdünnung" der Radioaktivität im Deckgebirge käme, behauptet Prof. Röthemeyer (PTB) in einem Buch („Endlagerung radioaktiver Abfälle. Wegweiser für eine verantwortungsbewusste Entsorgung in der Industriegesellschaft", 1991) - eine Risikostreuung ganz besonderer Art. Letztlich klammert sich der Bund an den unwissenschaftlichen Begriff der „Eignungshöffigkeit", sobald es um Gorleben geht. Abgeleitet ist der Begriff von „Hoffnung". Hoffen tun wir auch: auf wissenschaftlich fundierte Einsicht, dass der Salzstock als nukleares Endlager untauglich ist und den Mut von Politikern und Behördenvertretern, daraus adäquate Schlüsse zu ziehen.

Bearbeitet am: 25.10.2008/ad


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