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Nr. 1,  JANUAR 1960

Wir meinen...

daß die Beseitigung des Atommülls gar nicht ernst
genug genommen werden kann und als politischer Spiel
ball beim Ost-West-Geplänkelungeeignet ist.

Eine Gans - ein Wesen, das nach menschlichen Maßstäben als Inbegriff der Dummheit gilt -, die gerade aus dem Ei geschlüpft ist, mag allerhand Unsinn anrichten. Doch eines wird sie nie tun: sie wird nie das Nest beschmutzen. Dieser angeborene Instinkt für die Reinhaltung der eigenen Lebenssphäre ist im Tierreich, auch bei so genannten primitiven und niederen Arten sehr stark ausgeprägt. Nur der Mensch als das höchstentwickelte und angeblich auch klügste Lebewesen der Erde scheint diesen natürlichen Instinkt schon geraume Zeit verloren zu haben. Mit Begeisterung und beispielloser Energie geht er daran, die Kräfte der Natur in seine Dienste zu zwingen. Doch daß die von ihm geschaffenen Motoren, Kraftwerke und Fabriken außer den begehrten Energien und Produkten auch Abfälle erzeugen, die seine Lebenssphäre verschmutzen und vergiften, übersieht er geflissentlich. Bei den Atombomben-Experimenten hat man nach dem Motto 'Es wird schon nicht so schlimm werden' einfach frisch drauflosgeknallt, um nun nach zehnjähriger 'erfolgreicher' Versuchstätigkeit festzustellen, daß die Sache ja eigentlich gar nicht so harmlos ist, wie man früher glaubte. Die endgültige Einstellung der AtomwaffenExperimente ist zwar noch nicht erreicht, der Druck der öffentlichen Meinung und die bessere Einsicht werden sie jedoch hoffentlich bald - wenn auch recht spät - erzwingen.

Aber schon taucht ein neues Schreckgespenst auf, und wieder sieht es nicht so aus, als wenn diesmal der Brunnen zugedeckt werden würde, bevor das Kind hineingefallen ist. Es handelt sich um die Beseitigung des Atommülls, der radioaktiven Abfallstoffe, die bei der Nutzung der Kernenergie für friedliche Zwecke zwangsläufig entstehen. Bereits während der zweiten großen Atomkonferenz, die im September 1958 in Genf stattfand, wurde es offenkundig, daß die Aufbewahrung der langlebigen radioaktiven Spaltprodukte, wie sie heute von den Atom-Großmächten praktiziert wird, noch nicht der Weisheit letzter Schluß sein kann. Schon damals behaupteten sowjetische Wissenschaftler - und sie belegten das auch durch eigene Forschungsarbeiten -, daß die vor allem durch England praktizierte Lagerung von Atommüll im offenen Meer gefährlich sei, und daß nach ihrer Ansicht nur ein Vergraben der Abfälle als sicher angesehen werden könne. Holländische Wissenschaftler verlangten' von den Großmächten Aufklärung darüber, wo sich ihre Atom-Friedhöfe befänden, und forderten die Schaffung einer internationalen Aufsichtsbehörde, der alle Atommüll-Lagerstätten zu melden seien.

Im vergangenen November nahm sich dann die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEA) dieses Problems an und rief Experten aus 33 Ländern zu einer wissenschaftlichen Konferenz über die Beseitigung radioaktiver Abfälle nach Monaco zusammen. Wieder wurden Vor- und Nachteile der verschiedenen Lagerplätze im Meer, im Erdboden und im ewigen Eis diskutiert. Aber die Ansichten der Fachleute waren immer noch recht unterschiedlich. „Die rund dreihundert Wissenschaftler aus Ost und West konnten sich nicht darüber einigen, welche Methode zur Beseitigung des Atommülls die ungefährlichste sei", hieß es in der Meldung vom Abschluß der Konferenz. Zur Gründung der internationalen Aufsichtsbehörde kam es nicht.

Der unbefangene Zuschauer mag in solchen Meinungsverschiedenheiten nicht mehr erblicken als die üblichen, aus politischen Motiven entspringenden Nörgeleien zwischen Ost und West. Doch in Wirklichkeit steht mehr dahinter: eine echte Unsicherheit in der Beurteilung der Gefahren, geboren aus einem zwangsläufigen Mangel an Erfahrungen. Der Präsident der Euratom, Etienne Hirsch, hat erst vor wenigen Wochen wieder ver-sichert, daß bis zum Jahr 1980 etwa ein Viertel der Welt-Stromerzeugung von Atomkraftwerken gedeckt werden muß. Das bedeutet, daß die Kapazität aller Atom-Elektrizitätswerke bis dahin so groß sein wird, wie die Leistung aller heutigen konventionellen Stromerzeuger. Ein großes Atomkraftwerk mit zehn Blöcken von je 100 MW Leistung erzeugt aber pro Woche so viele langlebige Spaltprodukte wie zwanzig Atombomben vom Typ Hiroshima. Selbst bei vorsichtigen Schätzungen kommt man zu dem Ergebnis, daß im Jahr 1980 auf der Welt pro Woche die Radioaktivität von etwa 10000 Atombomben in Atomkraftwerken produziert - und natürlich auch beseitigt worden muß. Selbst wenn nur ein kleiner Bruchteil davon durch schadhafte Verpackung in die freie Atmosphäre oder in das offene Meer gelangt, können die Folgen verheerend sein.

Aber auch schon heute fallen in den Atomzentren Amerikas, Englands, Rußlands, Frankreichs und einiger kleinerer Länder radioaktive Abfälle in stattlicher Menge an. Zum Beispiel berichtete ein Teilnehmer der Konferenz in Monaco, daß Im britischen Atomzentrum Harwell pro Tag etwa 4000 cbm Wasser gebraucht und dabei zum guten Teil radioaktiv verunreinigt werden. Das Gewicht der festen Abfallstoffe in Harwell beträgt pro Woche durchschnittlich 29 Tonnen und beansprucht einen Raum von etwa 90 cbm. In den USA lagern heute über 300 Millionen Liter konzentrierter langlebiger Spaltprodukte in doppelwandigen Edelstahlbehältern, die allein über 65 Millionen Dollar gekostet haben. In der UdSSR vermischt man die in wässeriger Lösung vorliegenden radioaktiven Abfallstoffe mit Zement und erhält auf diese Weise radioaktive Betonblöcke, die In Bergwerken oder tiefen Erdlöchern vergraben werden. Noch eleganter ist ein in Kanada entwickeltes Verfahren, bei dem aus alten, hochkonzentrierten Spaltprodukten eine richtige Glasschmelze und dann Glaskugeln von 2 kg Gewicht und einer Aktivität von 50 Curie hergestellt wurden.

Das sieht zwar alles sehr schön aus, aber die radioaktiven Atome besitzen nun einmal die schlechte Eigenschaft, sich durch Aussendung ihrer Strahlen in andere chemische Elemente zu verwandeln. So kann aus einem festen Stoff ein Gas werden, das aus seiner seitherigen chemischen Bindung entweicht, den Behälter zersetzt oder durch der Beton hindurch diffundiert. Die Wanderungsgeschwindigkeit von radioaktiven Stoffen Im Untergrund beträgt, wie amerikanische Messungen gezeigt haben, zwar nur einige hundert Meter im Jahr; sie kann aber durch unterirdische Wasser-, Erdgas- oder Ölbewegungen auch ganz wesentlich größer sein. Auch werden radioaktive Stoffe Im Plankton des Meeres und In den Fischen wie Strom in einem Akkumulator gespeichert und kommen mit diesen an die Oberfläche.

Wir meinen, daß die Forschungstätigkeit auf diesem Gebiet mit allem gebotenen Nachdruck betrieben werden muß. Es hat aber keinen Sinn, daß sich jedes Land auf seine eigene Methode versteift! Wir meinen, daß die Beseitigung des Atommülls nicht zu einem Spielball internationaler Rechthaberei werden darf. Es geht einzig und allein darum, möglichst rasch ein wirklich zuverlässiges und nicht zu teures Verfahren der Abfallbeseitigung zu finden. Trotz allen Fortschritten in der Raumfahrt gibt es für den Menschen nur einen einzigen Planeten, auf dem er auf die Dauer leben kann: die Erde. Die gilt es sauber zu halten.

aus:
hobby Das Magazin der Technik
Nr. 1 Januar 1960

Bearbeitet am: 26.04.2005/ad


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