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Nr. 1,  JANUAR 1960

Auf keiner Landkarte verzeichnet:

Die
Geisterstadt
im australischen Busch

England ist die führende Macht Europas auf dem Gebiet der Energiegewinnung durch Atomkraft. Der größte Teil des Urans, mit dem es seine Reaktoren bestückt, stammt aus einer' australischen Stadt, die auf den Landkarten noch nicht verzeichnet ist. Sie heißt Mary Kathleen, liegt im Westen von Queensland und verdankt ihre Existenz eigentlich einer defekten Zündkerze. Unser Mitarbeiter Dieter Zibis ist der Chronik dieser Stadt nachgegangen.

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Trinken wir auf John Waltons verölte Zündkerze. Yes, Sir, ob Sie es glauben oder nicht, daß Sie hier in meiner Bar ein kühles Bier trinken können, daß diese Stadt hier überhaupt existiert -alles das verdanken wir dieser Zündkerze!"

Und wirklich, so unwahrscheinlich es klingen mag - die Geschichte von Mary Kathleen, der jüngsten und modernsten Uranstadt Australiens, beginnt mit einer Autopanne, an der eine Zündkerze schuld war. Sie auszuwechseln war leicht und kostete kaum 4 Schilling. Die Stadt aber, die an der Stelle der Panne und letztlich als direkte Folge von ihr gebaut wurde, kostete 1,5 Millionen australische Pfund.

Die Uranfabrik von Mary Kathleen
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(Erklärung der Panoramadarstelluna!

 

Doch beginnen wir von vorn - am 4. Juli 1954, als John Walton und Norman McConachy, Angehörige einer Gruppe von Uransuchern, mit ihren Lastwagen durch ein ausgetrocknetes Flußbett in der menschenleeren Einöde von West-Queensland fuhren. Die Stimmung der beiden Männer war auf dem Nullpunkt angelangt: drei Monate hatten sie das Gelände kreuz und quer durchstreift, ohne auch nur eine Spur von Uran zu finden.


Als der Motor zu streiken begann, zerquetschte Walton einen Fluch zwischen den Lippen und hielt an. „Scheinen wieder mal die Zündkerzen zu sein", brummte er und machte sich an die Arbeit. Was dann geschah, erzählte McConachy später so: „Als John am Motor herumdokterte, vertrat ich mir ein bißchen die Beine. Aus lauter Langeweile holte ich den Geigerzähler aus dem Wagen und schaltete ihn ein. Im gleichen Augenblick hörte ich im Kopfhörer ein infernalisches Trommelfeuer. John ließ Panne Panne sein, und wir beide rannten wie die Irren mit den Geigerzählern in der Gegend herum -überall die gleiche 'Musik'. Ein großes Uranrevier war entdeckt. Boy, oh Boy, das war der schönste Augenblick in meinem Leben!"

Northern Territory
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Lageskizze von Mary Kathleen

Die ersten genaueren Untersuchungen ergaben, daß McConachy und Walton ein ausgedehntes Lager hochgradiger Uranerze entdeckt hatten. McConachy fiel die Ehre zu, es zu taufen. Er benannte es nach seiner verstorbenen Frau Mary Kathleen. Die ersten Claims wurden abgesteckt, und kurz danach erblickte die 'Mary Kathleen Uranium Ltd.' das Licht der Welt, eine Firma, die sofort in aller Munde war.

Mit dieser Firmengründung ergaben sich aber eine Reihe von technischen Schwierigkeiten. Das schönste und größte Uranlager nützt nämlich nichts, wenn es mitten in der Wüste liegt wie das von Mary Kathleen! Die Techniker, die diese Aufgabe reizte, machten sich mit Feuereifer an die Arbeit. Und das Ergebnis? --- Sehen wir selber:

„Willkommen in Mary Kathleen", heißt es auf einem großen Schild kurz vor dem Ortseingang. Unter dem Gruß kann man nachlesen, daß die Stadt 1000 Einwohner hat und von der Rio-TintoGruppe für die 'Mary Kathleen Uranium Ltd.' zwecks Ausbeutung der Uranvorkommen gebaut worden ist.

Tatsächlich ist die Stadt -- die Bewohner nennen sie allgemein einfach Mary K. -- nach Maß geschneidert worden. Und nicht nur das: sie wurde in allen Einzelteilen importiert. Da kein Baumaterial in der näheren Umgebung zu beschaffen war, blieb nichts anderes übrig, als vorfabrizierte Häuser zu bestellen. Aus Gründen der Rationalisierung wurden alle Wohnhäuser in der gleichen Form und Größe fabriziert. Sie unterscheiden sich nur durch ihre Farbe. Als sie -- pro Tag ein Haus -- in Mary K. zusammengesetzt und aufgestellt wurden, hatten sie eine 3000 Kilometer lange Schiffs-, Bahn- und Lastwagenreise hinter sich.
Dank der großzügigen Planung wirkt Mary K. wie der moderne Vorort einer wohlhabenden Stadt, nicht aber wie ein Industriezentrum. Den 1000 Bewohnern - etwa 280 von ihnen sind Kinder - steht alles zur Verfügung, was man von einer zivilisierten Stadt erwarten kann: ein Krankenhaus, eine Schule, zwei Kirchen, ein Sportstadion, ein Schwimmbad, ein Kino und selbst ein 'Biergarten'.

Die Kinder von Mary K., die morgens ihr Glas Milch trinken,, machen sich kaum Gedanken darüber, daß dieses Getränk eine Reise von 1237 Kilometern hinter sich hat - ein Rekord, über den man in dieser Stadt der Superlative aber schon lange nicht mehr spricht.

Das größte Problem beim Bau der Stadt und der Uran-Gewinnungsanlage war die Wasserversorgung. Ohne Wasser wären weder die Fabrik noch die Stadt denkbar gewesen. In jenem Teil Australiens regnet es nur während der Monsunzeit und auch dann nur vereinzelt, aber kräftig. Allerdings versickert das Wasser binnen ein, zwei Tagen, und kurze Zeit später ist das Land wieder ausgedörrt.

„Bauen Sie einen Staudamm am Corella-Fluß", sagten die Wissenschaftler den Ingenieuren, die etwas betretene Gesichter machten, denn das Bett des Corella ist, von wenigen Wochen im Jahr abgesehen, knochentrocken.

Da es keinen anderen Weg gab, zu Wasser zu kommen, wurde zwölf Kilometer von Mary K. entfernt der Damm errichtet. Im Dezember 1956, als er mit neun Metern die Hälfte der vorgesehenen Höhe erreicht hatte, kündete ein Gewittersturm die Regenperiode an.


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Vom Uranerz
zum
Kernbrennstoff

Die Gewinnung von Uranoxyd erfordert recht umfangreiche technische Anlagen:

  1. Silos für Uranerz, Kalkstein und Braunstein
  2. Grobmahlanlagen
  3. Förderbänder
  4.  
  5. und
  6. Silos für grobgemahlenes Uranerz, Kalkstein und Braunstein
  7. Förderband
  8. Fein- und Naßmahlung des Uranerzes
  9. Wassertank
  10.   Sedimentiertank zur Abscheidung größerer Teilchen
  11. Eindickanlage
  12. Agitatoren, In welchen der Uranerzbrei mit Braunstein und Schwefelsäure vermischt wird
  13. Schwefelsäurefabrik
  14. Lagertanks für Schwefelsäure
  15. Gegenstromdekantieranlagen zur Abscheidung nicht gelöster Rückstände
  16. Lagertank
  17. lonenaustauscher zur Absorption des Urans
  18. Salzsäureerzeugung aus Salz und Schwefelsäure 
  19. lonenaustauscher, die Uran bis zur Grenze Ihrer
    Kapazität aufgenommen haben, werden mit Salz
    säure durchspült. Dadurch wird das Uran aus den
    Austauschern herausgelöst.
  20. Lagertanks für die salzsaure Uranlösung
  21. Fällung des Eisens durch Kalkstein
  22. Lagertank
  23. Filtrieranlage
  24. Eindampf-, Trocken- und Glühanlagen
  25. Silo für reines Uranoxyd

„Es war ein Wettlauf mit der Zeit erinnern sich die Männer, die damals an dem Projekt arbeiteten. „Aber wir haben es geschafft, die Staumauer wuchs schneller, als der Wasserspiegel stieg."


Am Ende der Regenzeit war der Damm fast fertiggestellt. Er bildete den Abschluß eines künstlichen Sees, in dem sich 135 Millionen Hektoliter Wasser angesammelt hatten. Das entsprach etwa dem Bedarf von Mary K. für drei Jahre.


Diesen See umgibt ein Geheimnis, das wahrscheinlich nie gelöst werden wird. Kaum war der Stausee entstanden, da tauchten die ersten Fische auf. Woher sie kamen, weiß niemand. Sie vermehrten sich so unmäßig, daß die Familienväter von Mary K. von der Bergwerksgesellschaft ermuntert wurden, die Freuden des Angelns zu entdecken. Aber auch das half nichts, die Fische vermehrten sich so schnell, daß selbst Tausende eifrigster Petri-Jünger sie nicht hätten dezimieren können.

Die Rettung kam ebenso überraschend wie die Fische selber. Ganze Geschwader von Kormoranen ließen sich am Ufer des Sees nieder und begannen einen Festschmaus, der Monate dauerte. Als sie wieder abzogen, war die Fischgefahr für den Stausee von Mary K. gebannt. Woher die Schwimmvögel kamen? Niemand weiß es.

461 Männer und Frauen, also fast die Hälfte der Bevölkerung von Mary K., arbeiten in der Urangewinnung - sei es im Erzabbau, der Aufbereitungsfabrik oder den Büros. Ebenso wie die Gebäude der Stadt mußten die Fabrikationsanlagen, darunter eine komplette Schwefelsäurefabrik, aus England, über riesige Entfernurfgen herangeschafft werden.

„Sehen Sie sich ruhig alles genau an, wir haben hier keine Geheimnisse", sagt der Direktor dem erstaunten Besucher - erstaunt, weil beispielsweise Shinkolobwe im Belgischen Kongo noch heute für Besichtigungen nicht freigegeben ist und selbst in den Südafrikanischen Uran-Aufbereitungsbetrieben verschiedene Produktionsstufen unter die Geheimhaltung fallen.

Das Erz von Mary K. wird im Tagebau gewonnen. Große Bagger lösen es und laden es auf Lastwagen, die es zur Zerkleinerungsanlage fahren. Dort wird es in mehreren Arbeitsgängen in immer kleinere Stücke gebrochen und gemahlen; schließlich ist es so fein, daß es, mit Wasser vermischt, einen Brei ergibt. Nachdem diesem Brei ein Teil des Wassers entzogen worden ist, wird er mit Schwefelsäure und Braunsteinpulver versetzt.

In acht Stunden wandert der Brei langsam durch eine Batterie von Agitatoren, hohen zylindrischen Kesseln mit Rührwerken. Am Ende dieses Reiseabschnittes hat die Säure das gesamte Uran ausgelaugt. Den Agitatoren folgt eine Batterie von Gegenstrom-Dekantierern. In ihnen wird der Brei eingedickt, wobei sich feste Rückstände absetzen. Obenauf schwimmt die klare, uranhaltige Lösung, die abgezogen (dekantiert) wird.

Nach einer weiteren Reinigung gelangt die Lösung in die lonenaustausch-Anlage. Jede Ionenaustausch-Kolonne ist mit einem Einsatz aus Kunstharz ausgerüstet. Die Lösung rieselt durch das Kunstharz, das dabei das Uran aufnimmt. Ist der Einsatz mit Uran 'geladen', dann wird er herausgenommen und das Uran mit einer chlorhaltigen Lösung ausgewaschen.

Die nun sehr konzentrierte Lösung wird mit feingemahlenem Kalkstein versetzt. Dadurch wird das noch vorhandene Eisen abgeschieden. Der Niederschlag wird nun entfernt, die Uranlösung filtriert und eingedampft. Nach Trocknen und Glühen verläßt das Uran als gelbes Oxyd die Fabrikationsanlage.
Die Uranaufbereitungsfabrik von Mary K. ist nach den modernsten Gesichtspunkten eingerichtet. Sie arbeitet weitgehend vollautomatisch. Das technische Personal steht unter ständiger ärztlicher Kontrolle.

Uran für Englands Atomöfen

Um den Absatz der Ware braucht sich die Fabrikleitung keine Sorgen zu machen, denn die 'Mary Kathleen Uranium Ltd.' hat einen Kontrakt mit der britischen Atomenergiekommission über die Lieferung von Uranoxyd im Wert von 370 Millionen Mark Mary K. deckt den größten Teil des Brennstoffbedarfs für Englands Atomkraftwerke.

Trotz der Abgelegenheit des Bergwerks' ist Mary K. durchaus konkurrenzfähig, was nicht zuletzt damit zusammenhängt, daß die Förderkosten für das Erz viel billiger als im Untertagebau sind, daß die benötigte Schwefelsäure an Ort und Stelle fabriziert wird und daß Mary K. reines Uranoxyd herstellt, während beispielsweise Shinkolobwe im Belgischen Kongo ein uranreiches Konzentrat ausliefert.

In der Stadt Mary K. müßten sich, so sollte man meinen, fast alle Gespräche um das Uran drehen; aber dem ist keineswegs so. „Bei uns geht es genauso zu wie in jedem anderen Industriebetrieb", meint Walter Miller, 38 Jahre alt, verheiratet und Vater zweier Kinder. „Nur die Untersuchungen mit dem Geigerzähler erinnern daran, daß Uran, nicht Kupfer oder Zinn verarbeitet wird. Über die Arbeitsbedingungen kann sich bei uns niemand beklagen, denn wir haben längst die Fünftagewoche. Die Gehälter sind überdurchschnittlich hoch, aber das gilt leider auch für die Lebenshaltungskosten."

Um sie zu senken, unternahm die Gesellschaft ein interessantes Experiment. Sie beschloß, eine Gärtnerei anzulegen. Ron Taudevin, ein ehemaliger Bergarbeiter und begeisteter Freizeit-Gärtner, bewarb sich um die Konzession und erhielt sie auch. Er planierte ein 9 Hektar großes Gebiet vor den Toren von Mary K. „Der Boden hat tonnenweise Stickstoffdünger gebraucht, aber es hat sich gelohnt", erinnert sich Taudevin. „Die Gesellschaft hat Berieselungsanlagen zur Verfügung gestellt, sonst wäre das ganze Unterfangen aussichtslos gewesen, denn wir haben hier fast neun Monate absolute Trockenheit."

Der 'Gärtner aus Not' pflanzte Zitrusbäume und Gemüse. Heute beliefert er nicht nur die Werkskantine, sondern auch den Markt der Stadt mit Frischgemüse und Obst. Im vergangenen Jahr nahm er die Hühnerzucht auf, und gegenwärtig denkt er daran, seinem Betrieb eine Farm anzugliedern, um Mary K. auch in der Milchversorgung unabhängig zu machen.

Wandert man durch die Salat- und Bohnenbeete der Mustergärtnerei, dann möchte man es nicht für möglich halten, daß das Gebiet um Mary K. noch vor fünf Jahren selbst von den Cowboys gemieden wurde, weil sie sogar während der Zeit des Monsuns fürchten mußten, daß ihre Herden verhungern und verdursten würden ...
Mary K. liegt inmitten einer Landschaft, die, wie die Geologen sagen, schon vor Millionen Jahren genauso ausgesehen hat wie heute und in der, wie die Altertumsforscher feststellten, lediglich in der Steinzeit Menschen gelebt haben, und da auch nur vorübergehend. Heute macht man sich in dieser modernsten kleinen Stadt Australiens Gedanken über die Gründung eines Jachtklubs. Interessenten sind genug vorhanden. Bald werden auf dem Corella-Stausee Boote mit weißen Segeln kreuzen. Ein tüchtiger Siedler gründete schon, als Mary K. noch in den Kinderschuhen steckte, einen Lufttaxi-Dienst. Heute kann man bei ihm Maschinen chartern, wenn man sich zum Wochenende an den idyllischen Orten an der Küste erholen und amüsieren will. Und das wollen so viele, daß bereits Voranmeldungen für mehrere Monate vorliegen.

aus:
hobby Das Magazin der Technik
Nr. 1 Januar 1960

Bearbeitet am: 26.04.2005/ad


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