
Nr. 1, Januar 1956
Von Robert Gerwin
| Für einen kurzen Moment zögerte Dr. Harold Lichtenberger, bevor er das
Zeichen zum Beginn dieses entscheidenden Experiments gab. Gut, daß außer den paar
eingeweihten Mitarbeitern niemand auf der Welt wußte, was sie jetzt machen würden. Nach
den vorangegangenen rund 200 Experimenten konnten die hier arbeitenden Physiker zwar mit
Sicherheit sagen, daß auch dieses Experiment harmlos verlaufen werde. Doch jeder
Nichteingeweihte hätte wahrscheinlich gerufen: Das ist doch Wahnsinn!
Ihr macht ja den Atommeiler zur Atombombe und sprengt die ganze Versuchsstation damit in die Luft!
Die Papierstreifen der Registriereinrichtungen begannen zu wandern, und gespenstisch huschten die Markierungsimpulse über die Oszillographen-Bildschirme. Plötzlich schien ein greller Blitz in dem grauen Hügel dort drüben aufzuflammen. Gleich darauf schoß eine weißlich-graue Dampfwolke heraus. Ein paar kleine glühende Metallteile flogen umher, einige größere Stahlplatten wirbelten durch die Luft ... und der Spuk war vorbei. Die Explosion war nicht stärker, als wenn einige Pfund Dynamit explodiert wären. Die Trümmer waren nicht weiter als 60 Meter fortgeflogen, und bis auf 100 Meter konnte man sich dem Explosionszentrum ungeschützt nähern, ohne ernsthaft radioaktive Schädigungen irgendwelcher Art befürchten zu müssen. Dieses historische Reaktor-Experiment wurde am 22. Juli 1954 auf dem Versuchsgelände der amerikanischen Atomenergiekommission in der Nähe des kleinen Städtchens Arco, in der weiten Prärie von Idaho im Nordwesten der USA, durchgeführt. Es zeigte genau das, was man erwartet hatte: Ein Atomreaktor kann nur dann zur Explosion gebracht werden, wenn bewußt mehrere schwere Fehler bei seiner Konstruktion und seinem Betrieb gemacht werden. Eine solche Explosion ist dann aber eine ganz normale Kesselexplosion, wie sie durch Überhitzung in jedem Dampfkessel erzeugt werden kann. Zur Atombombe wird der Atommeiler also nicht, es findet keine atomare Explosion statt. Wie kommt das? Wenn man auf eine heiße Herdplatte Wasser schüttet, dann geschieht nicht das, was man eigentlich erwarten sollte, nämlich, daß das Wasser sofort verdampft. Vielmehr tanzen die Wassertropfen eine ganze Zeitlang auf der Platte herum. Zwischen den Wassertropfen und der heißen Platte bildet sich ein Dampfpolster. Auf diesem jongliert der Tropfen sozusagen. Da Dampf ein schlechter Wärmeleiter ist, erwärmt sich der Tropfen nur langsam bis auf 100 Grad, um dann auch schlagartig zu zerspritzen und zu verdampfen. ich habe es noch nicht selbst versucht und will auch niemand dazu ermuntern, aber man soll seine vom Schweiß angefeuchtete Hand für einen kurzen Augenblick in flüssiges Eisen halten können, ohne sich zu verbrennen. Der verdampfende Schweiß bildet nämlich eine isolierende Schutzschicht rings um die Hand. Unter dem Namen Leiderfrost-Phänomen ist diese Erscheinung in der Physik berühmt geworden. Etwas Ähnliches spielt sich in einem Atomreaktor ab: Die Erzeugung von Atomenergie aus schweren Atomkernen beruht ja bekanntlich auf der Kettenreaktion. Ein Neutron stößt auf einen Uran-235-Kern. Dieser wird dadurch gespalten. Dabei entstehen neue Neutronen, die wieder einen weiteren U-235-Kern zur Explosion bringen. So geht das Spiel endlos weiter. Voraussetzung dafür ist aber, daß die bei der Kernspaltung erzeugten Neutronen abgebremst werden, denn eigenartigerweise haben nur langsame Neutronen die Fähigkeit, Uran-235-Kerne zuverlässig zu spalten. Dieses Abbremsen der Neutronen geschieht durch einen Moderator, meist schweres oder normales Wasser oder Graphit. AufmerksamehobbyLeser wissen das ja längst.
Um nun die Kettenreaktion in einem Meiler immer auf dem gleichen Niveau zu halten, ist
jeder Reaktor mit einer automatischen Regeleinrichtung versehen. Stäbe aus Bor oder
Kadmium - zwei Elementen, die die Eigenschaft haben, Neutronen in großer Zahl zu
absorbieren - tauchen mehr oder weniger tief in die aktive Zelle des Reaktors ein und
halten so die Zahl der freien Neutronen (und damit die Kettenreaktion) konstant. Versagt
aber nun diese Steuereinrichtung - das ist die neue Erkenntnis aus den amerikanischen
Experimenten -, dann tut bei einer etwas höheren Temperatur die Natur von sich aus genau
das gleiche wie die Regeleinrichtung: sie stellt den Meiler ab. Der Moderator, die
Bremsflüssigkeit, beginnt auf der Oberfläche der Heizelemente zu verdampfen. Dadurch
wird das Wasser aus der aktiven Zelle des Reaktors heraus gedrängt, es kann keine
Neutronen mehr abbremsen, und die Kettenreaktion wird unterbrochen. Danach kondensiert die
Bremsflüssigkeit unter Umständen wieder, kehrt in die aktive Zelle des Reaktors Die Brennstoffelemente sind langgestreckte, viereckige Kästen. Ihre Wände Der Versuchsreaktor besaß insgesamt fünf solcher Regulierplatten bzw. Stäbe. Vier Platten waren, wie in der Schnittzeichnung auf Seite 29 zum Teil zu sehen ist, kreuzförmig angeordnet. Ein runder Stab saß in der Mitte. Die vier Platten wurden nur dann eingefahren, wenn der Reaktor vollständig abgebremst werden sollte. Der mittlere Stab wurde automatisch von einer Ionisationskammer aus gesteuert und diente als Reguliermittel.
CHUGGING nennen die Atommeiler-Konstrukteure den hier dargestellten Vorgang. Die Leistung des Reaktors steigt steil an, sobald der Regulierstab herausgeschleudert wird, geht dann zurück und schwankt ständig um einen ungefährlichen Mittelwert. Dieses Experiment dauerte 10 Sekunden.
In rund 200 Experimenten hat man dann untersucht, was in und mit dem Reaktor geschieht, wenn sein Steuermechanismus versagt. Nachdem er so nicht 'kleinzukriegen' war, hat man ihn zuletzt bewußt stark überkritisch gemacht, um in seinem Stahltank wenigstens eine zünftige Kesselexplosion zu inszenieren - das letzte, eingangs geschilderte Experiment. Die Experimente wurden dabei immer wie folgt durchgeführt: Der mittlere Regulierstab wurde durch Federkraft und sein eigenes Gewicht aus dem Zentrum des Reaktors herausgeschleudert. Sofort stieg die Leistung des Reaktors steil an, erreichte nach etwa einer zehntel Sekunde bereits ihren Höhepunkt und fiel dann mindestens ebenso steil wieder ab. Nach einigen Sekunden wurden die vier anderen Platten durch Preßluft eingefahren und beendeten so das Experiment. Das wurde bei verschiedenen Anfangsbedingungen und auch mit verschiedenen Zusammenstellungen der Brennstoffelemente durchexerziert. Nie erlitt der Reaktor dabei ernsthaft Schaden. Um das bewußt zu erreichen, mußte man besondere Maßnahmen treffen. Man mußte dafür sorgen, daß sich die Bleche der Heizelemente schneller erwärmten, als sie die Wärme wieder an das Wasser abgeben konnten, der Leistungszuwachs mußte schlagartig erfolgen. Beim zweitletzten Experiment erreichte man schließlich, daß sich die EnergieErzeugung innerhalb einer hundertstel Sekunde verzehnfachte (bei früheren Experimenten geschah das in etwa fünf hundertstel Sekunden). Jetzt endlich gelang es, eine neun Meter hohe Wassersäule aus dem Tank ausbrechen zu lassen. Dabei deformierten sich zwar die Heizelemente etwas, aber diese Verformung hatte rein mechanische Ursachen, denn die Temperatur der Elemente stieg nicht über 350° C. Beim letzten Experiment wurde der Reaktor dann noch kritischer eingestellt (mit einem
weite-
EINE EXPLOSION des Borax I-Reaktors gelang erst, als die kritische Größe um 3,3 überschritten wurde. 1 bis 4 sind Aufnahmen aus dem dabei aufgenommenen Film. 1) Vor dem Versuch.
Aufmerksame Leser werden nun mit Recht fragen: Was geschieht bei den anderen Atommeilern, die nicht nach dem Kochend-Wasser-Prinzip gebaut sind ? Nun, man hat eine ganze Reihe anderer Reaktortypen in ähnlicher Weise untersucht und hat auch dort ähnliche, wenn auch nicht immer so günstige Ergebnisse erhalten; auf Einzelheiten einzugehen, würde zu weit führen. Zusammenfassend kann man aber sagen, daß fast alle Typen aus prinzipiellen Gründen wie der Kochend-WasserReaktor nicht zur Atombombe werden können. Eine Kesselexplosion kann man aber dadurch unwirksam machen, daß man den Reaktor in ein gasdichtes, massives Kesselhaus aus Beton setzt. Sollte dann wirklich einmal durch das Zusammentreffen verschiedener Konstruktions- und Bedienungsfehler der Reaktor platzen und radioaktive Stoffe ausschleudern, dann können diese nicht in die freie Atmosphäre gelangen. Bei einem KochendWasser-Reaktor ist jedoch das nicht notwendig. Ein künftiges Atomkraftwerk, das nach diesem Prinzip gebaut ist, kann, das haben die Experimente bewiesen, so dimensioniert werden, daß auch eine einfache Kesselexplosion ausgeschlossen ist. aus: |
Bearbeitet am: 02.01.2006/ad