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Nr. 10,  1958

Die Geigerzähler schwiegen

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Cord-Christian Tröbsf untersucht die Frage,
ob Atombomben-Explosionen heute noch unbemerkt durchgeführt werden können

Wenige Wochen vor der Ankündigung der Sowjetunionn, daß sie künftig keine Kernwaffen-Versuchsexplosionen mehr durchführen werde, erklärte der Amerikaner Dr. Wiliard F. Libby, ein bekannter Atomwissenchaftler: „friedlicheAtombomben-Tests sind eine Notwendigkeit. Sie mit einem Bann zu belegen, würde für die Menschheit einen großen Verlust bedeuten !"

Viele amerikanische Fachleute glauben heute, daß friedliche Atombombenexplosionen bereits in naher Zukunft etwas so Alltägliches sein werden, daß kein Mensch sich mehr darüber aufregen wird. Zwar wird nicht jedermann von der Regierung eine Atombombe kaufen können, doch große Firmen so hat die Atomenergiekommission bereits erklärt werden in nicht allzuferner Zukunft Kernexplosionen regelrecht bestellen können. „Atombombenexplosionen", prophezeit Dr. Libby, „werden eines Tages Hafenbecken schaffen, sie werden im Bergbau, bei der Erdölgewinnung und bei der Anlage künstlicher Vulkane mithelfen."

Ein sensationelles Experiment

Anlaß zu diesen Hoffnungen, die tödliche Kernwaffe für friedliche Zwecke nutzbar machen zu können, sind die als geradezu sensationell bezeichneten Ergebnisse und Begleiterscheinungen einer Kernwaffenexplosion, die Amerika im September letzten Jahres durchführte. Seit den tragischen Tagen von Hiroshima waren die meisten Mitglieder der amerikanischen Atomenergiekommission, der AEC, durch die Gefahren des kalten Krieges gezwungen, die zerstörenden Kräfte einer Atombombenexplosion hauptsächlich im Hinblick auf militärische Zwecke zu erforschen. Einigen Wissenschaftlern ließ der Gedanke jedoch keine Ruhe, ob eine solche Explosion nicht auch für friedliche Zwecke brauchbar sei. Und so reifte auf ihr Betreiben hin langsam das 'Projekt Rainer`. Im September vorigen Jahres gelangte es mit Genehmigung der amerikanischen Regierung zur Durchführung. Es sollte unter anderem die Frage klären, ob eine Atombombenexplosion heimlich durchgeführt werden kann, auf eine Weise also, daß sie mit Hilfe von Seismographen oder Geigerzählern nicht festzustellen ist.

So werden A-Bombentests aufgespürt

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In der Wüste Nevada, im Westen der Vereinigten Staaten, stehen zahlreiche seltsame Erhebungen. Es sind Tafelberge, sogenannte Mesas. Wie große Klötze, knapp einen Kilometer lang und oft nicht viel breiter, ragen sie plötzlich aus der Wüste empor, 2000 oder gar 3000 Meter hoch. In eine dieser Mesas, nur 100 Kilometer von Las Vegas entfernt, war ein langer, korkenzieherförmig gewundener Stollen vorgetrieben worden.

270 Meter unter dem Gipfel der Mesa führte er waagerecht etwa 700 Meter weit in den Berg hinein, der aus feuchtem, vulkanischem Tuff besteht. Dann bog er im rechten Winkel ab, lief 33 Meter geradeaus, bog noch einmal nach rechts und endete schließlich nach weiteren acht Metern in einer zwei mal zwei Meter großen, 2,30 Meter hohen Kammer. In dieses moderne 'Pharaonengrab` legten die Wissenschaftler der AEC eine Atombombe, einen 'kleinen Fisch', wie Libby sich später ausdrückte, mit einer Explosionskraft von nur 1700 Tonnen TNT, also etwa dem zehnten Teil der Bombe von Hiroshima.

15.jpg (11604 Byte) IN EINEM DIESER TAFELBERGE in der Wüste Nevada wurde im September 1957 eine unterirdische Atombombenexplosion ausgelöst. Man hatte bewußt einen solchen einzelnen Tafelberg in dem flachen, 16000 Quadratmeter großen Versuchsgelände gewählt, weil man befürchtete, daß die Explosion ein starkes Erdbeben auslösen könnte, wenn sie in einem Gebirgszug oder In einem senkrecht verlaufenden Schacht erfolgen würde.

Am 19. September 1957, 10 Uhr vormittags Ortszeit, erfolgte die Zündung. Zum Erstaunen der Fachleute, die in sicherer Entfernung, mit dunklen Schutzbrillen bewaffnet, neugierig auf die Mesa starrten, geschah jedoch so gut wie nichts. Der Berg schüttelte sich nur ein wenig, seine Kuppe hob sich um etwa zehn Zentimeter. Zu ihrer höchsten Verwunderung verspürten die Zuschauer nicht einmal die leiseste Bodenerschütterung.

Diesen ersten Überraschungen sollten weitere, noch größere folgen. Die Geigerzähler nämlich, die sonst schon bald nach jeder 'normalen' Atombombenexplosion in ein lautes Knattern auszubrechen pflegten, um damit die radioaktive Verseuchung des Testgebietes anzuzeigen, schwiegen diesmal. Das konnte nur eines bedeuten: wenn eine Atombombe im Innern eines Berges zur Explosion gebracht wurde, konnte die am wenigsten erwünschte und am meisten gefürchtete Begleiterscheinung der herkömmlichen Kernwaffenversuche, die radioaktive Verseuchung, ausgeschaltet werden. Da der Berg nicht, wie erwartet, auseinandergeplatzt war, hatten die radioaktiven Partikel auch nicht an die Außenwelt dringen können. Sie mußten noch im Innern der Mesa gefangen sein. Die gefährliche radioaktive Verseuchung der Atmosphäre wurde damit vermieden.

Bereits wenige Tage nach der Explosion begann man, von der Spitze des Tafelberges aus ein Loch zu seinem Mittelpunkt zu bohren, dorthin, wo die Bombe gelegen hatte. Die Arbeiter taten dies mit gemischten Gefühlen, denn die Vermutung lag nahe, daß die gesamte Energie der explodierten Bombe noch im Innern des Berges eingeschlossen war und nun, wie bei einem gigantischen Hochofen, nur auf den 'Anstich' wartete, um mit geballter Kraft hervorzubrechen. Doch je weiter die Bohrarbeiten fortschritten, desto mehr wuchs auch die Verwunderung der Atomwissenschaftler. Sie hatten erwartet, schon bald auf die ersten Spuren von Radioaktivität zu stoßen. In regelmäßigen Zeitabständen wurde die Sonde eines Geigerzählers in das Bohrloch eingeführt, doch das Gerät schwieg.

Dann, bei 130 Meter Tiefe, sackte das Bohrgestänge plötzlich fast 20 Meter durch. Die Bohrer waren auf eine Höhlung in der Mesa gestoßen, die von der Explosion herrührte. Der Berg verschluckte auf einmal Unmengen Bohrwasser, das in irgendeinen unsichtbaren Speicherraum abzulaufen schien. In dieser Höhlung zeigten die Geigerzähler auch die erstenwinzigen Spuren von Radioaktivität an, die jedoch geringer war als die normale Radioaktivität der Luft. Sie hatte sich selbst dann noch nicht erhöht, als die Bohrtrupps nach gut zwei Monaten auf Punkt Null angelangt waren, das heißt auf jener Ebene, in der sich die Bombe bei der Zündung befunden hatte.

16a.jpg (19313 Byte) UNGEWISS wer der Ausgang des Experimentes, doch geschah so gut wie nichts: der Berg schüttelte sich etwas, radioaktive Teilchen drangen jedoch nicht nach außen.

Bei einer zweiten, waagerechten Bohrung im Innern des nur 70 Meter weit zusammengestürzten Stollens war das Ergebnis ebenso negativ: von Radioaktivität keine Spur. Erst bei einem dritten Bohrversuch stießen die Atomwissenschaftler auf 'heißes', radioaktives Gestein, tief unterhalb des Punktes Null, dort, wo sie es anfangs gar nicht erwartet hatten.

Folgendes war geschehen: Die explodierende Atombombe hatte das Innere der Mesa innerhalb von wenigen Sekunden in einen kochenden Vulkan verwandelt. Das Gestein in unmittelbarer Umgebung des Explosionsherdes schmolz zu einem glühenden Lavabrei zusammen, der für wenige Augenblicke als zehn Zentimeter dicke Haut eine feurige Blase aus vergastem Felsgestein einschloß. Der Durchmesser dieser Blase betrug rund 40 Meter. Auf diese Lavaschicht, die die gesamte Radioaktivität der Bombe enthielt, drückten 400000 Tonnen Fels, der durch den Explosionsdruck pulverisiert worden war. Sie brachen in die Lavaschicht ein, die glühende Gasblase stürzte in sich zusammen. Der radioaktive Gesteinsbrei sank in die tiefste Stelle der neugeschaffenen Höhlung, tiefer als Punkt Null, wo die Wissenschaftler ihn dann schließlich auch entdeckten: schwarz, von fast teerähnlicher Farbe, stark radioaktiv, doch verglichen mit der starken, vor allem aber unkontrollierbaren radioaktiven Verseuchung der Atmosphäre, wie sie bei den herkömmlichen Atombombenversuchen aufzutreten pflegt, örtlich kon trollierbar und so gut wie ungefährlich.

„Wenn es nötig wäre, ließe sich dieses radioaktive Gestein leicht abtransportieren und an sicherer Stelle vergraben. Dadurch jedoch, daß es tief im Berginnern liegt, ist seine Wirkung auf die Außenwelt unbedeutend", erklärten die Mitglieder der AEC. Und etwas voreilig machten sie daraufhin der Weltöffentlichkeit die Mitteilung: „Die Bodenwellen der Explosion in Nevada wurden von seismographischen Stationen in Los Angeles empfangen, das etwa 400 Kilometer vom Explosionsherd entfernt liegt. Dies war die größte Entfernung, in der die Auswirkungen dieses Versuches gemessen werden konnten."

16b.jpg (2917 Byte) DIE EXPLOSIONSKAMMER befand sich am Ende eines gewundenen Ganges. Dadurch sollte die Druckwelle aufgefangen werden.

17a.jpg (3237 Byte) EIN KOCHENDER VULKAN wurde das Innere der Mesa. Das Gestein um den Explosionsherd herum schmolz zu einem glühenden Lavabrei.

17b.jpg (3363 Byte) EINE HOHLUNG entstand ungefähr 130 m unterhalb der Spitze. Der radioaktive Gesteinsbrei lagerte sich weit unter dem Explosionsherd ab.

Die militärischen Beobachter zeigten sich sehr interessiert. Hier schien man endlich eine sichere Methode gefunden zu haben, eine Kernwaffenexplosion in aller Heimlichkeit durchzuführen. Damit ließen sich die unerwünschten Proteste der Öffentlichkeit ein für allemal umgehen, denn niemand würde in Zukunft mit Sicherheit eine unterirdisch durchgeführte Atombombenexplosion nachweisen können 1 Nun, diese Behauptung erwies sich jedoch zur peinlichen Überraschung der Atomenergiekommission als Irrtum! Aus Alaska kam nämlich schon wenige Tage später die Nachricht, eine seismographische Station in Fairbanks, gut 4000 Kilometer von Nevada entfernt, habe die Explosion einwandfrei aufgezeichnet!

Das Besondere an diesen Aufzeichnungen war allerdings, daß sich darauf kaum erkennen ließ, ob es sich um eine Atombombenexplosion oder um ein normales Erdbeben handelte. Den Wissenschaftlern von Fairbanks war es auch nur deshalb möglich gewesen, aus ihren Kurven die Atombombenexplosion mit Sicherheit herauszulesen, weil sie vorher vom genauen Zeitpunkt des Versuchs verständigt worden waren.

Der Irrtum der AEC hatte ein erbittertes Frageund Antwortspiel im amerikanischen Senat zur Folge. Dr. Libby mußte Senator Hubert Humphrey versichern, daß die AEC mit ihrer falschen Angabe keine politischen Absichten gehabt habe. Denn die Öffentlichkeit wollte nun wissen, ob solch ein Versuch heimlich durchgeführt werden könne oder nicht.

Senator Symington: „Nehmen wir an, eine Bombe von einer Megatonne sei unter sorgfältiger Vorbereitung für eine heimliche Explosion in einem tiefen Bergwerksschacht in Sibirien gezündet worden. Würden Sie sagen, daß wir diese Explosion hier, in den USA, feststellen könnten, beziehungsweise mit Sicherheit sagen könnten, daß es sich nicht um ein Erdbeben gehandelt habe?"

Dr. Libby: „Man hat mir gesagt, daß dies sehr schwierig sein dürfte." Senator John Pastore: „Aber wäre das denn notwendig, wenn man ein Übereinkommen mit den Russen hätte, das nicht nur den sofortigen Abbruch sämtlicher Kernwaffenversuche gebietet, sondern auch eine gegenseitige Bodeninspektion erlaubt?" Dr. Libby: „Nun, mit dem Plan, ein Netzwerk von seismographischen Stationen zu errichten und mit dem Recht, jedes verdächtige Gebiet sofort zu untersuchen, hätte man theoretisch die Möglichkeit, geheime Explosionen festzustellen. Ich bin aber doch pessimistisch. Ich will damit nicht behaupten, daß man eine heimliche Explosion nicht feststellen kann. Ich will nur sagen, daß es sehr schwierig wäre."

Dr. Libby erklärte weiter, daß alle seismographischen Stationen bis hinauf nach Alaska von der AEC über die zu erwartende Explosion verständigt worden seien. Nur deshalb sei es ihnen möglich gewesen, die Explosion festzustellen. Ob aber nicht benachrichtigte Stationen, Hunderte oder gar Tausende von Kilometern entfernt, in der Lage gewesen wären, den Versuch nachzuweisen oder ihn von einem normalen Erdbeben mit Sicherheit zu unterscheiden, das sei eine andere Frage, und die ließe sich nicht so leicht ohne eingehende Untersuchungen beantworten. Dr. Hans Bethe von der CornellUniversität in den USA behauptet, ein seismographisches System sei nicht hundertprozentig narrensicher, denn es mache bei der Aufzeichnung keinen Unterschied zwischen den Bodenwellen einer Atombombenexplosion und denjenigen eines Erdbebens. Die einzig sichere Methode eine Ansicht, die auch von Dr. Libby geteilt wird bestehe darin, Rußland, Rotchina, natürlich auch die Sahara, die Nevada-Wüste usw. mit einem Netzwerk internationaler seismographischer Stationen zu überziehen, die höchstens 500 Kilometer voneinander entfernt sein dürften. Sobald eine außergewöhnliche Bodenerschütterung aufgezeichnet würde, ließe sich mit Hilfe von vier Stationen der genaue Ort der Erschütterung feststellen. Eine Prüfungskommission müßte sofort an Ort und Stelle fahren und durch Bohrungen feststellen, ob es sich um ein Erdbeben gehandelt habe oder um einen heimlich durchgeführten Versuch.

Unterirdische Atomexplosionen sehr aktuell

Dr. Edward Teller jedoch, der 'Vater der Wasserstoffbombe', ist skeptisch: „Ich wünschte, ich könnte glauben, daß man alle Versuche nachweisen kann. Ich weiß jedoch, daß es viele Wege gibt, um sie geheimzuhalten, selbst vor neutralen Aufpassern, wenn die entsprechenden Vorsichtsmaßnahmen angewandt werden."

Tellers Zweifel waren einer der Hauptgründe dafür, daß Präsident Eisenhower erklärte: „Amerika kann einem Abbruch der Kernwaffenversuche vorläufig nicht zustimmen, denn sie können noch nicht mit absoluter Sicherheit nachgewiesen werden." Teller wird in seiner Ansicht unterstützt von Lewis L. Strauss, dem Vorsitzenden der AEC, der kürzlich von seinem Posten unter Protest zurückgetreten ist, und von Dr. Libby. Letzterer betrachtet nach den sensationellen Begleiterscheinungen des Projektes Rainier weitere Atombombenversuche sogar als eine unbedingte Notwendigkeit. „Es wäre falsch, wenn wir eine Kraft, die so offensichtlich dem friedlichen Aufbau der Welt dienen kann, verbieten wollten." Und er ergänzt: „Mindestens 50 Prozent aller künftigen Atombombenversuche werden deshalb unterirdisch stattfinden, ein Teil davon bereits in unserem neuen Projekt Pflugschar." (Wir werden in einem unserer nächsten Hefte hierüber ausführlich berichten, d. Red.).

Die zweite unterirdische Atombombenexplosion der USA wird schon für Ende dieses Jahres erwartet. Die AEC versucht, die finanzielle Unterstützung großer Firmen vornehmlich der Erdölindustrie dafür zu gewinnen, für die das neue Sprengverfahren große Bedeutung erlangen kann. Mit der Explosionskraft einer unterirdisch gezündeten Atombombe wäre es zum Beispiel möglich, Gesteinsformationen in der Nähe alter Erdölbohrlöcher so weit aufzulockern, daß noch vorhandenes Erdöl in die Bohrlöcher abfließen kann. Auch würde durch die dabei entstehende Hitze das von Natur aus zähe Erdöl flüssiger werden und damit leichter zu fördern sein. Atombombenexplosionen würden jedoch nicht nur auf die Erdölindustrie beschränkt bleiben. Bei der Anlage von Hafenbecken und Kanälen oder bei Flußumleitungen, also überall da, wo große Erdmassen bewegt werden müssen, könnte eine Atombombe in wenigen Sekunden die gleiche Arbeit verrichten, für die heute noch zahllose Menschen und Maschinen Jahre benötigen.

Auch das St.-Lorenzstrom-Projekt zum Beispiel hätte bei Anwendung der neuen Methode wahrscheinlich in der Hälfte der Zeit verwirklicht werden können, die heute dazu notwendig ist. Hierbei hätte man allerdings eine gewisse Gefahr radioaktiver Verseuchung einkalkulieren müssen, da das Erdreich bei der Explosion ja in die Höhe geschleudert würde. Diese Gefahr ließe sich jedoch bei Anwendung der geplanten, berühmt-berüchtigten 'sauberen' A-Bombe ausschalten.

Noch dreieinhalb Monate nach der Explosion betrug die Gesteinstemperatur im Innern jenes Tafelberges in der Wüste Nevada, 150 Meter vom Explosionsherd entfernt, fast 90 Grad Celsius, 75 Grad mehr als vor dem Test. Diese Gesteinserhitzung, die bei einem nicht-porösen, feuchtigkeitsfreien Berg (was die Mesa nicht war) bedeutend höher läge, bietet die Möglichkeit, natürliche Dampfkraftwerke zu eri ichten. Nach der Explosion, so schlägt Libby vor, könnte man Wasser in Rohren durch das heiße Gestein leiten, wobei es in Dampf verwandelt würde, mit dem sich Turbinen treiben ließen. Selbst eine Dampferzeugung in den Felsgebirgen der Antarktis liegt seiner Meinung nach im Bereich des Möglichen.

Die neue, unterirdische Testmethode bietet weiterhin die Möglichkeit, auf einfache Weise radioaktive Isotope herzustellen. Da die radioaktiven Partikel in geschmolzenem Gestein gespeichert werden, brauchen später die verschiedenen wertvollen Metalle nur im Schmelzprozeß herausgelöst zu werden, ohne daß man sie im Zyklotron beschießen müßte, wie das heute bei verschiedenen künstlichen Isotopen noch notwendig ist.

Auch Stoffumwandlungen ließen sich vermutlich erzielen, indem man vor der Explosion verschiedene Elemente um die Bombe anordnet. Theoretisch müßten sie sich bei der großen Hitze und dem Explosionsdruck in andere Elemente verwandeln.

Mit Hilfe der künstlich erzeugten Erdbebenwellen wäre es den Seismologen möglich, das Innere unserer Erde noch genauer zu erforschen. Allerdings würden sie dazu neue, verbesserte Meßgeräte benötigen.

Am sensationellsten klingt jedoch das jüngste Projekt der amerikanischen Armee, das lebhaft an Jules Vernes 'Reise zum Mond' erinnert. Bei Verne wurde eine Mondrakete mit Hilfe einer gewaltigen Pulverladung durch eine gigantische Kanone auf ihre Flugbahn befördert. Die amerikanische Armee erwägt nun, künftig künstliche Erdsatelliten nicht mehr mit Hilfe von Raketen, sondern durch unterirdische Atombombenexplosionen ins Weltall zu schleudern. Der stoßsicher gebaute Satellit soll dabei in einen senkrecht vorgetriebenen Schacht eingeführt werden, unter sich die Atombombe. Wenn sie explodiert so hofft man wird der Satellit aus dem 'Kanonenrohr' in die Ionosphäre geschleudert werden.

Daß es sich dabei nicht um ein Hirngespinst handelt, geht aus der Tatsache hervor, daß die Armee jetzt einen Satelliten bestellt hat, der mit seinen Instrumenten für die Dauer einer achttausendstet Sekunde einer Kraft von 15000 G widerstehen kann. Das ist genau die gleiche Beschleunigung beziehungsweise Zeitdauer, wie sie bei den elektronischen Zündern moderner Feldgeschütze auftritt 1 Ein anderer Punkt im Projekt Pflugschar ist der Plan, mit Hilfe unterirdischer Atombombenexplosionen dürre Landstriche fruchtbar zu machen. Der Regen, der in diesen Gebieten fällt, kann wegen wasserundurchlässiger geologischer Formationen nicht in den Boden einsickern, sondern verdunstet. Eine Explosion könnte diesen Boden auflockern, porös machen, so daß er in der Lage wäre, die Wassermengen aufzusaugen und wie ein Schwamm zu speichern.

Selbstverständlich werden auch die Russen sich dieser Möglichkeiten bedienen. Schon wenige Wochen nach Bekanntwerden der September-Sprengung verkündete Radio Moskau, daß die Sowietunion bereits in 'naher Zukunft' unterirdiscbe Atombombenexplosionen zum Zweck der Anlage 'riesiger Tunnels' durchführen werde. Gleichzeitig damit wurde eine Reihe großer Projekte genannt, deren Verwirklichung mit Hilfe der Atomsprengkraft möglich sei und bereits ernstlich erwogen werde. Eines davon ist ein Tunnel unter dem Kaspischen Meer, der die Reiseentfernung zwischen Sowjetisch-Zentralasien und dem sowjetischen Transkaukasus um rund 1600 Kilometer verkürzen würde. Weiter nennt Radio Moskau einen Tunnel durch das Himalaja-Gebirge, der eine Eisenbahnverbindung zwischen Rußland und Indien schaffen soll, und einen Tunnel durch die Straße von Kertsch, die das Schwarze und das Asowsche Meer verbinden würde.

Ein anderes sowjetisches Projekt, bei dem die Sprengkraft einer Atombombe wirksam ausgenutzt werden könnte, ist die Errichtung eines Dammes durch die Bering-Straße. Dieser Damm soll sich in mehr als 60 Kilometer Länge zwischen der Tschuktschen-Halbinsel und der Küste von Alaska erstrecken. Der sowjetische Ingenieur Pjotr Borisow glaubt, daß dieser Damm das Klima der Welt entscheidend ändern könnte. Er behauptet, das Bauwerk würde die kalten Meeresströmungen des Pazifik daran hindern, in die arktischen Gewässer zu fließen. Dadurch werde der Wasserspiegel der arktischen Gewässer sinken, wodurch eine wesentlich größere Wassermenge des Golfstroms in die Polarregionen gelänge. Als Folge würde die Durchschnittstemperatur am Nordpol um rund sechs Grad ansteigen und die landwirtschaftliche Nutzung von Milliarden Morgen in Sibirien, Alaska und Kanada ermöglichen. So wird also aus der schrecklichsten Vernichtungswaffe, der Aund H-Bombe, ein technisches Hilfsmittel, das uns zahlreiche, wirklich friedliche Möglichkeiten in die Hand gibt.

aus: hobby Das Magazin der Technik Nr. 10  1958

Bearbeitet am: 02.04.2005/ad


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