hobby.jpg (6347 Byte)

Nr. 9,  September 1955

ATOM BRENNER frei Haus

Eine 'Globemaster' brachte den Reaktor von USA nach Genf - Wasser strahlt 17 Meter weit In einem bläuIichen Licht

Von W. Büdeler

s83.jpg (17405 Byte)

A n einem strahlenden Sommertag dieses Jahres landete auf dem Flugplatz Cointrin bei Genf eine C-124-'Globemaster' der amerikanischen Luftwaffe, um die seltsamste Fracht abzuladen, die je transportiert worden ist.

Die konventionellen, mit nichtssagenden Aufschriften versehenen großen Kisten, die wenige Minuten nach der Landung mit einem Kran aus der Maschine herausgeholt wurden, ließen den uneingeweihten Zuschauer bestimmt nicht auf den Gedanken kommen, daß sich in ihnen ein Atombrenner befand, der wenige Tage zuvor auf der anderen Seite des Atlantiks in Knoxville in Tennessee eine Energie von 100 Kilowatt produziert und sich im Lichte der bei den Atomumwandlungen entstehenden Strahlen selbst fotografiert.

s82.jpg (18613 Byte)
RIESIGE LASTWAGEN transportierten den Atombrenner vom Flugplatz In Genf zum 'Palais des National (unten). - Der Kern des Reaktors fotografiert sich In seinem eigenen Licht (rechts), den sogenannten 'Cerenkov'-Strahlen. Im übrigen war es völlig dunkel bei dieser Aufnahme des Reaktor.

Die 15 Tonnen Frachtgut wurden auf Lastwagen verladen, zu einem neuerrichteten Gebäude beim 'Palais des Nations' in Genf transportiert und ausgepackt. In den folgenden vier Wochen waren zwölf Männer emsig damit beschäftigt, aus den einzelnen Teilen wieder den Atomreaktor zusammenzusetzen. Zunächst wurde ein Tank von 3,30 Meter Durchmesser und 7 Meter Tiefe aufgestellt. In seinem Innern montierten Ingenieure auf einem metallenen Rahmen ein Gitterwerk aus Aluminium, während am oberen Ende des Behälters eine 'Brücke' errichtet wurde. Auf ihr ist ein Schalttisch untergebracht.

Von ihm aus führen lange, bewegliche Stäbe aus Kadmium in das Innere des Tanks. Schließlich wurden in das Gitterwerk am Tankboden nach und nach 18 Kilogramm Uran eingeschoben. Es besteht zu 20% aus dem spaltbaren UranIsotop 235. Sodann wurde der Stahltank mit rund 2800 Liter chemisch reinem Wasser gefüllt.

s84.jpg (21495 Byte)

ÜBER FÜNF METER TIEF IM WASSER liegt der Kern der Anlage, indem sich die Atomumwandlungen abspielen. Dieser Kern ist durch die von ihm ausgehenden Strahlen deutlich erkennbar (links). - Die Zeichnung unten links zeigt einen Schnitt durch einen Schwimmbad-Reaktor, wie er auch in Genf aufgestellt und vorgeführt wurde. Dieser Reaktor kann sowohl automatisch als auch von Hand gesteuert werden.

Das Modell rechts unten zeigt gleichfalls die Arbeitsweise des Genfer Atomreaktors. Die Uranmasse befindet sich nahe dem Boden des Tanks. Die Regulierstäbe aus Kadmium, die den Ablauf der Kettenreaktion bestimmen, werden von oben eingeführt und automatisch einreguliert.

s85.jpg (28067 Byte)

Im vergangenen Monat, vom 8. bis 20. August, konnten Atomwissenschaftler aus 84 Nationen und viele interessierte Laien im Rahmen der 'Internationalen Konferenz über die friedliche Verwendung der Atomenergie' diesen Reaktor in Betrieb sehen. Sie konnten verfolgen, wie die Wissenschaftler die Kontrollstäbe von der Plattform aus tiefer in die Wassermasse hineinschoben oder weiter herauszogen, um die Zahl der Atomumwandlungen zu vergrößern oder zu verkleinern und so die Leistung des Reaktors zu steuern. Sie konnten im Innern des Tanksein gespenstisches grünlich-blaues Licht sehen - genau dort, wo sich das Aluminiumgitter befand. Das grünlich-blaue Licht, die 'Cerenkov-Strahlung' ist so stark, daß sie ausreicht, um bei völliger Dunkelheit noch in 17 Meter Entfernung das Zifferblatt einer Uhr erkennen zu lassen.

Kostenpunkt: 1,5 Millionen

Die Wissenschaftler der Atom-Laboratorien von Knoxville schufen diese technische Wundermaschine in der Rekordzeit von drei Monaten, obwohl es normalerweise drei bis dreieinhalb Jahre dauert, eine Anlage dieser Art zu entwerfen, zu bauen und auszuprobieren. Der Preis des Atomreaktors frei Haus: 1,5 Millionen Mark. Die Schweiz, die Käuferin der Anlage, bekommt sie jedoch jetzt, nach Beendigung der Konferenz in Genf, zum halben Preis.

Der Atombrenner von Genf ist kein 'Modell', keine Spielerei. Er erzeugt wirklich Energie, in seinem Kernstück, dem Aluminiumgitter, werden wirklich Atome gespalten, bilden sich die neuen Elemente Neptunium und Plutonium aus Uran-238-Atomen, entstehen leichtere radioaktive Elemente und radioaktive Strahlen.

Es wäre nicht ratsam, mit dem Kern der Anlage in Berührung zu kommen. Die 2800 Liter Wasser im Tank erfüllen nämlich eine dreifache Aufgabe: sie bilden einen Schutzmantel gegen die radioaktiven Strahlen, sie sind das Kühlmittel, das die ,erzeugte Wärmeenergie aufnimmt, und in ihnen wird die Geschwindigkeit der Neutronen, die die U-235-Atome spalten, abgebremst. Die 3,6 Kilogramm Uran-235 reichen aus, um den Reaktor für drei Jahre in Betrieb zu halten. Dann muß die - inzwischen zum Teil umgewandelte - Uranmasse gereinigt und teilweise ersetzt werden.

Zwar lief der Reaktor während des mehrstündigen Tests, dem er nach seiner Fertigstellung in Amerika unterzogen wurde, für fünfundzwanzig Minuten mit 'voller Kraft' und erzeugte hierbei eine Energie von 100 Kilowatt, doch seine Aufgabe besteht nicht in der Energielieferung. Er soll vielmehr Neutronen und Gammastrahlen für Versuchszwecke erzeugen, radioaktive Isotope für Landwirtschaft und Medizin liefern und jungen Ingenieuren eine Möglichkeit bieten, sich mit der Bedienung von Atomanlagen vertraut zu machen (siehe auch unseren Beitrag 'Auch Deutschland braucht Atomenergie').

Vor zehn Jahren wäre jemand, der davon gesprochen hätte, einen Atombrenner als Luftfracht zu exportieren, als Phantast verschrien worden. Damals bestanden alle Atombrenner aus hausgroßen Anlagen, deren eigentliches Reaktionszentrum von meterdicken Betonwänden umgeben wird. Erst im Jahre 1947 kam Professor Wigner von der Universität Princeton auf die Idee, einen 'Schwimmbad-Atombrenner' zu entwerfen, bei dem als Brennstoff angereichertes Uran-235 und als Moderator Wasser benutzt wird. Die Idee führte zum Bau von kleineren, leichteren Atomanlagen. Heute gibt es schon mehrere Schwimmbad-Reaktoren in den Vereinigten Staaten. Der Atombrenner von Genf ist indessen der erste, der exportiert und sozusagen 'frei Haus' geliefert wurde.

Die 200 Kilogramm Uran, die die Vereinigten Staaten den Atomforschungszentren in Europa zur Verfügung gestellt haben, würden ausreichen, um etwa 50 derartige Atombrenner in Betrieb nehmen zu können. Vielleicht ist der Tag nicht mehr fern, da 'Atombrenner, frei Haus geliefert', werbendes Schlagwort einer neuen Industrie ist.

aus:
hobby
Das Magazin der Technik
Nr. 9 September 1955

Bearbeitet am: 12.08.2005/ad


zurück zur Homepage