
vom 26.06.1999
Genossen unter Strom
Der Streit um das heißeste rot-grüne Eisen, den Ausstieg aus der Atomenergie, ist abgekühlt: Zwischen der Regierung Schröder und den Stromkonzernen soll es demnächst eine Einigung geben. Dabei faßt die SPD die Konzerne mit Samthandschuhen an: Zwar fordert die Partei seit Jahren den Ausstieg - doch in den Aufsichtsgremien der Unternehmen tun die Genossen alles, damit die Parteilinie nicht umgesetzt wird.
Von Bernhard Pötter
| Sogar die taz war begeistert. "Kein Zweifel", jubelte das
Zentralorgan der Atomkraftgegner am 28. 8. 1986 zum SPD-Beschluß, in zehn
Jahren aus der Atomenergie auszusteigen, "der Ausstiegswille ist verankert, und jene,
die den Prozeß zu verlangsamen trachten, haben in der neuen SPD keine Chance". So
kann man sich täuschen. Dreizehn Jahre später bremst die SPD der "neuen Mitte"
unter ihrem Vorsitzenden und Bundeskanzler Gerhard Schröder den Atomausstieg der
rot-grünen Koalition. Schröder hatte als Juso-Vorstand auf dem Nürnberger Parteitag
1986, als die Bundesrepublik unter dem Schock der Atomkatastrophe von Tschernobyl stand,
noch gewarnt, bei einem Kampf für den Ausstieg werde sich die SPD einer
"hochkonzentrierten Kapitalmacht" gegenübersehen. Doch an der "hochkonzentrierten Kapitalmacht" der Energiekonzerne, die
ihre Renditen unter anderem mit den umstrittenen Atommeilern machen, sind SPD-Funktionäre
auf allen Ebenen beteiligt. Während Rudolf Scharping noch vor wenigen Jahren die
Stromkonzerne als "Gefahr für die Demokratie" geißelte, sitzen seine Genossen
in den Vorständen, Kontrollgremien und Beiräten ebendieser Unternehmen, lassen sich ihre
Tätigkeit fürstlich entlohnen und sorgen mit ihrem politischen Einfluß dafür, daß der
Ausstiegsbeschluß ihrer Partei bloß nicht zu schnell umgesetzt wird. Bei den Verhandlungsrunden zum Atomausstieg etwa kennt man sich von früher: Der
parteilose Wirtschaftsminister Werner Müller verdiente sich seine Pension als Vorstand
bei der Veba Kraftwerke Ruhr AG, einer Tochter des Veba-Konzerns, der über seine andere
Tochter, PreussenElektra, seine Atomkraftwerke in Norddeutschland betreibt. In deren
Aufsichtsrat saß während seiner Amtszeit in Niedersachsen auch der damalige
Ministerpäsident Gerhard Schröder. Über Jahrzehnte haben die deutschen Energieversorger die Politik und die
Politiker für sich eingenommen - und das waren mindestens ebenso viele Sozial- wie
Christdemokraten. Deutschlands Energiegigant Nummer eins, RWE (Rheinisch-Westfälisches
Elektrizitätswerk) in Essen, und die Dortmunder VEW (Vereinigte Elektrizitätswerke) sind
aus kommunalen Energieversorgern entstanden. Die vor allem in Nordrhein-Westfalen oft
SPD-dominierten Kommunen garantierten sich durch die sprudelnden Monopolgewinne der
Energiekonzerne eine gute Einnahmequelle für ihre maroden Haushalte - und begaben sich in
die finanzielle Abhängigkeit: So erhielt etwa die Stadt Dortmund Anfang der neunziger
Jahre von den VEW jährlich hundert Millionen Mark an Konzessionsabgaben, Dividenden und
Steuern. Das Öko-Institut Freiburg monierte, die Verflechtungen von Energiewirtschaft und
Kommunalfinanzen seien "grundlegende Hemmnisse für eine sozial und ökologisch
orientierte Energiewende". Zu deutsch: Was interessiert den SPD-Politiker die
Beschlußlage seiner Partei zum Atomausstieg, wenn seine Gemeinde eine neue Turnhalle
braucht? So sichern sich die Konzerne die Gunst der Politiker. Bei Europas größtem
privatem Stromerzeuger RWE kassieren nach Angaben der Übersicht "Wem gehört die
Republik?" in den verschiedensten Gremien "Hunderte von Landräten, Oberkreis-,
Stadt- und Oberstadtdirektoren aus 64 Städten und Kreisen vom Stromversorger einen
Nebenverdienst". Schätzungsweise 2.000 Politiker und Verwaltungsbeamte aller Couleur
werden vom Konzern und seinen Tochtergesellschaften mit einem Zubrot versorgt. Auch bei den VEW in Dortmund ist die Nähe zur SPD deutlich. An der Spitze des
Konzerns, der 27 Prozent seines Stroms aus Atomkraft erzeugt, stand bis Dezember vorigen
Jahres der ehemalige Schatzmeister der NRW-SPD, Fritz Ziegler. Er wurde 1990 von den
Sozialdemokraten in den Vorstand gehievt und von seinen Parteifreunden im Aufsichtsrat,
Günter Samtlebe, dem Oberbürgermeister von Dortmund, und dem Herner OB Wolfgang Becker
kontrolliert. Im Herbst 1998 geriet Ziegler wegen des Verdachts der privaten
Steuerhinterziehung ins Visier der Staatsanwaltschaft und in Untersuchungshaft. Für ihn
rückt demnächst der ehemalige SPD-Wirtschaftsminister von Brandenburg, Burkhard Dreher,
in den Vorstand nach. Im Verwaltungsbeirat der VEW schließlich findet sich die regionale
Prominenz: Neben CDU-Vertretern beraten etwa die SPD-BürgermeisterInnen von Dortmund,
Münster, Recklinghausen, Lünen, Hattingen, Witten, Herten und Hamm den Konzern. Im Landesvorstand der SPD Nordrhein-Westfalen gibt es "keine kritische
Debatte" über die Beteiligung von SPD-Politikern an den Stromunternehmen, sagt
SPD-Sprecher Stefan Lennardt. Im Gegenteil: "Wir sind stolz darauf, daß wir mit dem
Atomausstieg weit vorn sind. In NRW gibt es schließlich keine Atomkraftwerke mehr" -
die Miliardenruinen in Kalkar und Hamm-Uentrop sind vergessen. Die Verflechtung ist nicht auf das Energieland Nordrhein-Westfalen beschränkt.
Auch in den SPD-Bastionen in Norddeutschland sind die Beziehungen gut. Die PreussenElektra
etwa ist eine 100prozentige Tochter des Veba-Konzerns, der in Niedersachsen und
Schleswig-Holstein unter anderem die Atomkraftwerke Brokdorf, Grohnde, Lingen und
Unterweser am Netz hält. In ihrem Aufsichtsrat sitzen nicht nur die Vertreter des
Eigentümers, also der Veba, sondern auch die Größen aus der Landespolitik, um "die
Tradition der guten Zusammenarbeit mit den Ländervertretern" zu garantieren, wie es
offiziell seitens des Unternehmens heißt. Im Aufsichtsrat in Hannover trifft sich also der niedersächsische
SPD-Ministerpräsident Gerhard Glogowski mit dem SPD-Minister für Finanzen und Energie
aus Schleswig-Holstein, Claus Möller. Außerdem leistet sich die PreussenElektra einen
Beirat, dessen Mitglieder für "zwei bis drei Sitzungen und ein gutes Abendessen
jährlich 30.000 Mark kassieren", wie ein Mitglied sagt. In dem
fünfundzwanzigköpfigen Goodwill-Gremium ist die SPD ebenfalls gut vertreten: durch den
niedersächsischen Wirtschaftsminister Peter Fischer, den Bürgermeister von Leer,
Günther Boekhoff, den Oberkreisdirektor von Wolfenbüttel, Ernst-Hartmut Koneffke und die
Bremer Umweltsenatorin Christine Wischer. Das vielleicht drastischste Beispiel eines Atomkonzerns, dessen Anteile lange von
Genossen kontrolliert wurden, sind die Hamburger Elektrizitätswerke (HEW). Obwohl 72
Prozent der Anteile in Landesbesitz sind, scheiterte der Hamburger Bürgermeister
Hans-Ulrich Klose 1981 mit dem Versuch, das Unternehmen zum Ausstieg aus dem Projekt
Brokdorf zu bewegen. Statt dessen trat Klose zurück. Erst 1992 schrieb Hamburg seinem
Unternehmen, das an den Atomkraftwerken Krümmel, Brokdorf, Brunsbüttel und Stade
beteiligt ist, in die Satzung: "... auf Kernenergie so zügig verzichten, wie
dies rechtlich und wirtschaftlich vertretbar ist." Sieben Jahre später hält der Hamburger Senat immer noch die Stimmenmehrheit von
50,2 Prozent. Die traditionell SPD-dominierte Stadtregierung stellt auch heute noch den
Ersten Bürgermeister der Freien und Hansestadt, Ortwind Runde, als
Aufsichtsratsvorsitzenden. An der Geschäftspolitik hat das allerdings nichts geändert.
Der HEW-Vorstandsvorsitzende Manfred Timm zeigte erst im März bei den Diskussionen um den
Atomausstieg, wie wenig er von politischen Beschlüssen seiner Eigentümer und seiner
Satzung hält: Ein vorzeitiges Abschalten seiner Atommeiler, so Timm, komme für ihn nicht
in Frage. |
Bearbeitet am: 27.06.1999/ad