
Französischer
BrennelementTransportbehälter vom Typ TN
Das Bekanntwerden von radioaktiven Verunreinigungen beim Transport verbrauchter
Brennelemente aus deutschen Kernkraftwerken zur Wiederaufarbeitung in Frankreich und
England hat im Mai hierzulande heftige politische Reaktionen ausgelöst. Die öffentliche
Empörung richtete sich vor allem gegen die Kernkraftwerksbetreiber, denen ein bewußtes
Verschweigen unterstellt wurde. Deren Hinweis, es bestehe dafür keine Meldepflicht und
auch in den Fällen, in denen Grenzwerte überschritten wurden, habe es zu keiner Zeit
eine Gesundheitsgefährdung von Personen gegeben, ging im Vorwahlkampf unter.
In Absprache mit Bundesumweltministerin Angela Merkel (CDU) stoppten die Unternehmen
weitere Transporte solange, bis die Ursachen geklärt sind und Abhilfe geschaffen ist.
Frau Merkel legte dafür am 25. Mai einen 10-PunktePlan vor. SPD und Bündnis 90/Die
Grünen erneuerten ihre Forderungen nach einem Ausstieg aus der Kernkraftnutzung und
verlangten den Rücktritt von Frau Merkel, die für die Vorgänge die politische
Verantwortung übernehmen müsse.
Der Bundestag lehnte dies am 27. Mai jedoch mit der Koalitionsmehrheit ab.
In Frankreich waren bei Messungen an Transportbehältern mit abgebrannten Brennelementen
aus französischen, deutschen und schweizerischen Kernkraftwerken punktuelle radioaktive
Verunreinigungen festgestellt worden, die den Grenzwert von 4 Becquerel je
Quadratzentimeter (Bq/cM2) überschritten. Becquerel (Bq) ist die Einheit für die Anzahl
radioaktiver Zerfälle pro Sekunde. Die Behälter befanden sich auf dem Weg zur
Wiederaufarbeitungsanlage der COGEMA in La Hague (Normandie). Gefunden wurden radioaktive
Verunreinigungen sowohl an der Außenhaut der Behälter als auch in den Bodenwannen der
Eisenbahnwaggons. Die Behälter selbst waren nachweislich dicht.
Von den 68 seit Anfang 1997 aus
Deutschland angekommenen
Transporten waren nach ersten Informationen 16 betroffen. In Einzelfällen wurde der
Grenzwert von 4 Bq/cM2, der auf internationale Empfehlungen zurückgeht, um das
Mehrhundertfache überschritten.
Behälter bei Abtransport überprüft |
Besonders irritierend
war bei den Meßergebnissen, daß alle Behälter beim Verlassen der jeweiligen
Kernkraftwerkd keine erhöhten Kontaminationen auf der Außenfläche aufwiesen. Die
Behälter aus Deutschland kamen bei Antritt ihrer Reisse in der Regel nur auf rund 0,4
Bq/cm2 und damit auf etwa ein Zehntel des Grenzwerts.
Erhöhte Werte wurden auch bei Transporten aus Deutschland in die britische
Wiederaufarbeitungsanlage Sellafield der British Nuclear Fuels (BNFL) bekannt sowie bei
Anlieferung leerer Transportbehälter in Deutschland, die aus Frankreich kamen.
Die Ursachen für die
unterschiedlichen Meßwerte bei den Transporten zu Beginn und am Ende der Versendung sind
noch nicht im einzelnen geklärt. Umweltministerin Merkel hat über das EisenbahnBundesamt
die Gesellschaft für Reaktorsicherheit (GRS) in Köln mit einer Untersuchung beauftragt.
Ähnliche Phänomene sind allerdings schon seit längerem bekannt.
Die Kernkraftwerksbetreiber bedauerten die Vorfälle. Sie wollen Merkels 10-Punkte- Papier
schnell umsetzen. In einem Schreiben vom 29. Mai an die Ministerin machten sie erste
Vorschläge. Als Ma nahmen schlagen die Unternehmen u.a. vor, daß beladene Behälter vor
dem Abtransport mehrere Tage in den Kraftwerken belassen werden, damit radioaktive
Partikel, die sich eventuell eingenistet haben, noch dort "ausschwitzen" und
dann beseitigt werden können. Sie wollen darüber hinaus freiwillig erweiterte
Meldepflichten eingehen.
Die Kemkraftwerksbetreiber wiesen darauf hin, daß es keine ausdrückliche Meldepflicht
gegeben habe. Das Phänomen des Ausschwitzens" radioaktiver Partikel während des
Transports sei schon seit Mitte der 80er Jahre bekannt gewesen, und man hätte auch
Maßnahmen zur Beseitigung ergriffen. Diese Maßnahmen hätten zwar eine Verringerung der
Kontaminationen bewirkt, aber das Problem nicht vollständig gelöst. Im übrigen hätten
die Grenzwertüberschreitungen keine Gesundheitsgefährdungen ausgelöst.
Der Grenzwert von 4 Bq/CM2 Sei in den
Kraftwerken gewissermaßen als Interventionswert verstanden worden, ab dem eine
Dekontaminierung vorgenommen und der Absender des Behälters informiert werden müsse.
Daher hätten die Fachleute ein Überschreiten des Grenzwerts nur als Hinweis bewertet,
daß weitere Maßnahmen zur Reinigung der Transportbehälter ergriffen werden mußten. Die
Unternehmen gestanden aber auch ein, daß von ihnen die Bewertung der Vorfälle durch die
Öffentlichkeit völlig unterschätzt worden sei.

Umweltministerin Merkel kritisierte
scharf, daß die Unternehmen seit lahren Meldungen an die Aufsichtsbehörden unterlassen
hatten, auch wenn diese dazu nicht verpflichtet waren. Die CDUPolitikerin erklärte, die
Affäre sei "ein schwerer Schlag für die Glaubwürdigkeit und Verläßlichkeit' der
Atomindustrie. Es werde die Unternehmen viel Mühe kosten, den Ruf wiederherzustellen.
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