Nr. 52/1997

USA

Watzmann des Weltuntergang
Tief in einem Bergmassiv, umgeben von Vulkanen, entsteht in Nevada Amerikas Gorleben - das weltgrößte Endlager für nuklearen Abfall. Sein radioaktives Inventar entspricht dem von 2,3 Millionen Atombomben.
Von Joachim Hoelzgen

Fremd und abweisend erstreckt sich der Gipfelgrat des Yucca Mountain in Nevada. John Peck tritt auf eine Felsplatte hinaus und weist auf eine Welt, die aussieht, als hätten Götter sie entzweigehauen.

Im Westen ragt die Kette der Funeral Mountains, des sogenannten Beerdigungsgebirges, auf, das unter der Scheibe des Wüstenhimmels greifbar nahe scheint. Es riegelt das berühmte Tal des Todes ab: Death Valley, Amerikas Hitzepol.
Nördlich des Yucca Mountain verdunkeln die Umrisse eines geborstenen Vulkans den Horizont. Peck ist schon oft hierhergekommen. "Da unten fiegt die Ebene von Crater Flats", erklärt der Geologe, "unschwer sieht man die Schlackenkegel von noch mehr Vulkanen."

Nach Osten hin markiert der Kamm des Yucca Mountain die Grenze zu einer Landschaft der latenten, lauemden Gefahr. Dort dehnt sich, vom Sonnenlicht grell ausgeleuchtet, eine Zone der Zerstörung und der absoluten Menschenfeindlichkeit: die Nevada Test Site, das Atomversuchsgelände der USA.

Hier sind im Fieberwahn des Kalten Krieges 1028 Atombomben gezündet worden, die meisten davon in Tunnel und Schächten. "Divider", Spalter, hieß der letzte Sprengsatz, der im September 1992 Hunderte von Tonnen Felsgestein im Untergrund verdampfen ließ.


Nevadas strahlende Berglandschaft
(Wenn Sie auf das Bild klicken, wird es größer.)

In dieser bedrohlichen Abgeschiedenheit hat die Supermacht Amerika mit ihrem Hang zum Irrationalen und Imposanten einen Aufbewahrungsort erkundet, den es bisher nirgendwo auf der Welt gibt: Der Wüstenberg soll dem Strahlenmüll aus lio US-Atomkraftwerken als Endlager dienen - für immer und ewig, in Mengen, die den nuklearen Abfall aus anderen Ländem gleichsam um Wolkenkratzerlänge übertreffen.
Am Osthang des Yucca Mountain hat eine machtige Schildvortriebsmaschine den Tunnel zu der nuklearen Gruft schon angelegt. Die Stahlschaufeln des Schneidrads haben das Tuffgestein des Berges wie den Zuckerschaum einer Meringue zerkleinert - 7,8 Kilometer schaffte das Stahlmonster in nur drei Jahren. Kabel und Kompressoren, Frischluftleitungen und Generatoren, ein Förderband und ein gelblackierter Lorenzug setzen sich hier wie zu einem bildgewordenen Kreuzworträtsel zusammen. Es ist auf den ersten Blick schwierig festzustellen, ob da am Untergang oder am Fortbestand der Welt gebastelt wird.

Man ist hier für amerikanische Verhältnisse am Ende der Welt. "Am Fuß des Exile Hill, an dem wir uns befinden, kann man nicht einmal Radiosender empfangen", sagt der technische Direktor Dick Kovach.

Das Endlager soll dicht sein wie ein Panzerschrank, so hat das Umweltministerium in Washington gefordert. Einsickerndes Wasser ist der Alptraum aller EndlagerBetreiber. Es würde die Stahlbehälter angreifen, in denen die abgebrannten Brennelemente aus den Atomkraftwerken liegen; es würde die Brennelemente rosten lassen und ihren gefährlichen Inhalt - Isotope, Radionuklide und Plutonium - am Ende ins Freie schwemmen. Deshalb muß gesichert sein, daß 1o ooo Jahre lang keine radioaktiven Substanzen aus dem Endlager entweichen - eine Garantiezeit, in welcher etwa der Komet Hale-Bopp zweimal wieder erschienen sein wird.
Für derlei will die Staatsregierung von Nevada keine Gewähr übernehmen. Sie wähnt im Yucca Mountain Project, das vom US-Energieministerium vorangetrieben wird, den Auslöser einer epochalen Katastrophe, eine Kalamität biblischen Ausmaßes, ja den "ground zero" eines Globaldesasters, wie Harry Swainston befürchtet, der stellvertretende Justizminister in der Nevada-Hauptstadt Carson City.
Swainston ist kompetent in atomaren Fragen. Er hat neben Jura auch Physik studiert und gehörte zehn Jahre zu den Bombentestem im Kontrollzentrum am YuccaPaß. Er glaubt, das Endlager sei eine Falle für Nevada und den Rest der Welt, aus der sich niemand retten könne, Jedenfalls nicht auf der nördlichen Halbkugel".

Harry Swainstons Chefin ist die Justizministerin Sue Del Papa, die in dem Land der Glücksritter und Cowboys hart zupackt. Auf ihrem Schreibtisch liegen Boxhandschuhe, bemalt mit dem Sternenbanner, als sollten sie Del Papas Argumenten gegen das Atommüllager Schlagkraft verleihen. "Wir müssen Druck machen und als letzte Verteidigungslinie eine Klage vor dem Obersten Gerichtshof anstrengen", verkündet sie. "Nevada hat mit dem Atomversuchsgelände genug Opfer gebracht und darf nicht auch noch als Entsorgungsstaat für ganz Amerika mißbraucht werden."

Man kennt in Nevada inzwischen auch Gorleben und die "Wendland area in Germany", die wegen ihres Grüns und ihrer Wälder hier besticht. Der Nevada-Senator Harry Reid hat im Kongreß zu Washington den jüngsten Castor-Transport nach Gorleben beschrieben; "buchstäblich ein Polizeistaat" und Jast eine Kriegszone" seien dort entstanden, erfuhren die US-Senatoren aus dem Munde Reids.

Doch am Exile Hill gehen die Arbeiten weiter, knapp drei Milliarden Dollar wurden schon verbohrt. Demnächst soll eine neue Vortriebsmaschine aufgefahren werden, um parallel zum Hauptbauwerk einen zweiten Durchbruch anzulegen. Dann werden die beiden großen Tunnel mit einem Netz kleinerer Verkehrswege verbunden, in denen der Atommüll auf sargähnlichen Lafetten zur letzten Ruhe rollen soll. "Die vielen kleinen Tunnel sind eine stabilere Anordnung, als es nur eine große Halle wäre", erläutert Kovach, "sie können nicht so leicht einstürzen."

Handelt es sich bei dem Wüstenberg um eine Art Watzmann des Weltuntergangs? 70 ooo Tonnen hochradioaktiver Reaktorenmüll soll in den Tunnel aufgestapelt werden. Und damit ist nur das Gewicht des abgebrannten Kernbrennstoffs gemeint, nicht aber das der ebenfalls verstrahlten Stahlrohre, in denen sich dieser befindet.
Womit kann man die nukleare Tonnage vergleichen, in der langlebige Spaltprodukte wie Technetium (Halbwertzeit: 211100 Jahre) und Neptunium (Halbwertzeit: 2,14 Millionen Jahre) konzentriert sind? Etwa mit dem US-Flugzeugträger"Nimitz", der es im Persischen Golf zur Zeit auf ein Gewicht von 73ooo Tonnen bringt. Dagegen wirkt Gorleben wie ein Endlager aus dem Reich der Zwerge: Es soll 38oo Tonnen aufnehmen.

Und als würde all das nicht genügen, sollen noch weitere 7ooo Tonnen Atommüll in dem Bergmassiv verschwinden. Sie stammen aus militärischen Reaktoranlagen, die nicht mehr benötigt werden. Insgesamt, so hat die Regierung von Nevada berechnet, wird das Strahlungsinventar im Yucca Mountain dem von 2,3 Millionen Explosionen der Atombomben-Klasse "Trinity" entsprechen, mit deren Erprobung im Juli 1945 das Atomzeitalter anfing.

Da mag beruhigen, daß John Peck nichts auf den Atomberg kommen läßt. Als Geologe hat er immer genau wie ein Seismograph gearbeitet. Uberall wähnt er Ordnung im Chaos der Dinge. Für das Energieministerium hat Peck Alternativen zu einem Endlager im Yucca Mountain untersucht - einen Salzstock in Texas und Basaltschichten im Staat Washington. Doch beide Standorte sind vom US-Kongreß verworfen worden. Der Basalt lag zu nahe am Columbia-Fluß, der 2oo Kilometer südlich von Seattle ins Meer mündet, und über dem Salzstock erstreckt sich der sogenannte OgallalaAquifer, das größte Trinkwasserreservoir der USA.

Besser geeignet schienen die Wüste von Nevada und der Yucca Mountain. Der Berg steht im Becken des riesigen Great Basin, das ganz Nevada und einen Teil des Nachbarstaates Utah ausmacht - und aus dem kein Fluß herausführt und ins Meer fließt. Der Yucca Mountain wiederum befindet sich im Südwesten des Atomversuchsgebiets, das praktischerweise,dem Energieministerium gehört.

Die Zufahrtspisten sind scharf bewacht. Nach dem Abbiegen vom U. S. Highway 95 gleich hinter der Oase Caetus Springs führt die Struße an zwei großen Käfigen aus Maschendraht vorbei, in denen zu Zeiten der Atomversuche Demonstranten, getrennt nach Geschlechtern, verwahrt wurden.

Dann versperrt ein Gatter die Weiterfahrt. Soldaten mit den gefleckten Tarnanzügen aus dem Golfkrieg inspizieren jeden Wagen, halten Spiegel unter das Chassis und achten besonders auf "foreign nationals", Ausländer.

Das Atomversuchsgelände hat einen neuen Namen, der auf einem Schild quer über der Straße prangt und eine skurrile Art der Problemlösung ausdrückt: "Nevada Test Site - An Environmental Research Park." Und auch Peck redet so, als habe die Natur höchstpersönlich seinen Traumberg als Endlager ausgewiesen.

Alles sei hier trefflich trocken, sagt er, im Jahr fielen nur 150 Millimeter Regen, so wenig wie in der südlichen Sahara. Peck zeigt auf das Bett des Bachs Forty Mile Wash. "Nur nach Gewittern führt er einen Tag Wasser, zuletzt war das 1995, und davor war er elf Jahre leer", rekapituliert er.

Noch nie in der Geschichte sei ein Berg so genau untersucht worden, schwärmt der Geologe, dem die Schründe und Klüfte elysische Gefilde sind. Die Katakomben des Endlagers seien beinahe undurchdringlich angelegt: 350 Meter tief unter dem Gipfelgrat, aber immer noch weit vom Grundwasser weg. Dunkel liegen am Forty Mile Wash Steine herum. "Eisenoxid hat sie schwarz eingefärbt, weil sie seit Tausenden von Jahren nicht bewegt wurden, hier verändert sich nichts", versichert Peck.
Am Tag zuvor hat er im Ausstellungszentrum des Yucca Mountain Project in Las Vegas die Entstehung des 16oo Meter hohen Bergs beschrieben. Zur Veranschaulichung - man pflegt in der Mammon-Metropole ein voyeuristisches Verhältnis zur Katastrophe - dient ein großes Vulkanmodell aus Kunststoff, das auf Knopfdruck grollt, rumpelt und glüht.
"Das Tuffgestein ist das Produkt mehrerer Ausbrüche", erklärt Peck gegen das Dröhnen des irrlichtenden Exponats. "In Nevada schmolz vor elf Millionen Jahren die Erdkruste, weil die pazifische und nordamerikanische Platte zusammenstießen. Gase und Magma explodierten, und der Vulkan hat sie mit Überschalltempo ausgestoßen." Das Endlager kommt in Topopah-Tuff, der laut Peck sechsmal härter ist als Beton. Darüber befindet sich sogenannter Pah-Tuff und darunter BullfrogTuff, die den Atomofen des Endlagers nach oben und unten abschotten.

Allerdings: In der Erdbeben-Verwerfung des Bow Ridge Fault, die sich wie ein Kamin durch den Berg zieht, ist das radioaktive Isotop Chlor 36 entdeckt worden. Es stammt von Wasserstoffbomben- Explosionen im Pazifik, deren Fallout in den fünfziger Jahren auch über dem Yucca Mountain abgeregnet war. Das Chlor 36 beweist, daß Niederschläge doch in die Tuff-Feste dringen können, Spalten und Risse als Rutschbahnen nutzend.

In Las Vegas, nur 17o Kilometer entfernt, verfolgt man die Arbeiten am Yucca Mountain mit Sorge. Die Menschen haben die Worte des Ex-Gouverneurs Richard Bryan nicht vergessen, der dort einen "Amoklauf der Wissenschaft" im Gange wähnt. Und sie befürchten, daß die Interessen der Atomindustrie zu Lasten der urbanen Geldmaschine in der Wüste gehen.

Mit 7000 Zuzüglern im Monat ist Las Vegas die am schnellsten wachsende Großstadt in den USA; ihre Bewohner genießen in den Pseudo-Villen der Vororte die Sonne, den Blick auf die Golfplätze und die Annehmlichkeit, daß in Nevada kaum Steuern fällig sind. Neun der zehn größten Hotels der Welt stehen am Neon-Canyon des Las Vegas Boulevard, und Kasino-König Steve Wynn plant mit dem Neubau des "Bellagio" das allerfeinste - einen 1,3 Milliarden Dollar teuren Hotelkomplex mit Slotmaschinen aus Marmor.

Es beruhigt in dem Spieler-Babel nicht, daß in den Tunnel des Yucca Mountain jeder Quadratzentimeter Fels fotografiert und dokumentiert wurde und daß man Gesteinsproben mit einer Länge von zwölf Kilometern untersucht hat. Die Kasinobesitzer befürchten vor allem dies: Amerikanische Castoren, die zum Schrecken der Kasinotouristen durch Las Vegas gen Norden zum Yucca Mountain rollen - Hysterie in den Hotelschluchten wäre der Anfang vom Ende des Booms.
Unter der Einflugschneise des McCarren International Airport führt Rick Nielsen die Opposition der Bürger gegen das Endlager an - mit dem Modell eines USCastors, das an eine Riesenhantel erinnert. 2500 Beitragszahler unterstützen ihn.

Justizministerin Del Papa hat berechnen lassen, daß zur Verfrachtung des strahlenden Metalls 122 Millionen sogenannte Behälter-Kilometer nötig seien. Der Transport der Container erfordere 1o'ooo Eisenbahnzüge und 28'ooo Fuhren mit Lastwagen; 28 Jahre lang müßten Atomtransporte zum Yucca Mountain unterwegs sein.

Womöglich kommen die US-Castoren früher als geplant. Denn im April hat der Kongreß in Washington beschlossen, bis zur Fertigstellung und Abnahme des Endlagers ein Zwischenlager für den Atommüll einzurichten - gleich gegenüber vom Yucca Mountain auf der Wildesel-Ebene Jackass Flats, die ebenfalls Teil des Atomversuchsgeländes ist.

"Das Zwischenlager soll nur eine Art Parkplatz mit einem Extra-Zaun darum herum sein", erläutert Russ Dyer. Er ist Vizechef des Yucca Mountain Project und somit ein Mann, auf dem Verantwortung lastet. Die Betreiber der US-Atomkraftwerke haben 13 Milliarden Dollar für den Bau des Endlagers bereitgestellt. Eile sei geboten, behaupten die Stromkonzerne, da sonst 27 Atommeiler abgeschaltet werden müßten und Milliardenverluste anfielen.

Dyer aber ist seiner Sache sicher: "Es gibt keine Alternative zum Yucca Mountain. Wir sind die einzigen, die einen Punkt auf der Landkarte besitzen und sagen können, da soll der Atommüll hin."

Die Landschaft der Test Site wirkt in der Sonne ausgeglüht wie Kohleschlacke. Dyer ist mit zwei Omnibussen hierhergefahren, die mit Wochenendausflüglern aus Las Vegas besetzt sind. Sie wollen sich mit dem Trip zum Endlager vergewissern, daß ihre Häuser und Mauergärten nicht von radioaktiver Lava aus dem Atomberg verschlungen werden.

Im Feldbüro der Endlager-Strategen wartet eine bizarre Idylle auf die Besucher. Im Foyer sitzen freundliche Empfangsdamen zwischen künstlichen Kakteen; im Speisesaal hängt das originalgetreue, 3,50 Meter lange Modell eines Brennelemente-Bündels aus einem US-Druckwasserreaktor.

Es gibt Sandwichbrote mit Schinken oder Putenbrust für die Atommüll-Touristen. Sie sollen beruhigt zu ihren künstlich bewässerten Zimtapfelbäumen in Las Vegas zurückkehren. Frank LaConte ist wie seine Frau begeistert: "Höchste Zeit, daß mit dem Zeug etwas geschieht. Wir haben das Atom-Monster schließlich geschaffen - jetzt müssen wir es auch einsperren."

Das Feldbüro sieht in der öden Landschaft aus wie ein hingeworfener Würfel. Es hat im Juni 1992 ein Erdbeben der Stärke 5,6 überstanden, dessen Zentrum unter dem Little Skull Mountain lag, dem Nachbarberg des Yucca Mountain. Dyer meint, das Beben sei nicht schlimm gewesen: "Von den Decken kam nur die Verkleidung herunter, einige Fenster gingen zu Bruch, und in den Wänden gab es Risse."

Auch im Little Skull Mountain sei nichts Besonderes passiert. In dem Berg gibt es zwei Tunnel, in denen zur Zeit des Präsidenten Reagan Interkontinentalraketen vom Typ MX Peacekeeper untergebracht waren. "Wir sind nach dem Beben hineingegangen, und dort rieselte nur Staub herab", berichtet Dyer.

Er hat für das Endlager ein sogenanntes Hochtemperatur-Layout vorgesehen: Die Container mit den Brennelementen sollen in den Tunnel eng hintereinandergestellt werden; das reduziert zunächst einmal die Baukosten. Und mit der Hitze des Atommülls, gleichmäßig 2oo Grad, soll Wasser abgehalten werden - es soll an dem Wärmeschild verdampfen. "Das ist eine Schlüsselfrage", meint der Geologe",wir müssen die Feuchtigkeit vom Endlager wegtreiben." Dyer beruhigt die Ausflügler: Die Temperatur des Yucca Mountain selber werde wegen des Endlagers nur um ein bis zwei Grad zunehmen.

Drunten am U. S. Highway 95 gibt es keine grellgemusterte Welt der Touristen. Die Herrscher des Highways haben hier gestoppt, zwei Dutzend Mitglieder der Motorrad-Gang "Desert Tribe", die an Figuren aus dem Film "Mad Max" erinnern. Wayne Pittman kramt eine Dose Budweiser aus seiner Lederjacke. "Yucca Mountain? Die werden ein schweres Problem damit haben, aber andererseits: Nach Las Vegas wird die Strahlung schon nicht kommen."

Die Planer des Endlagers haben überlegt, ob sie einen großen Obelisken auf dem Berggipfel errichten sollen, um zukünftige Generationen vor der weltgrößten Strahlungsquelle zu warnen. Sie sind von der Idee aber wieder abgekommen, da die Haltbarkeit eines solchen Monuments umstritten ist. Und Dyer ist der Ansicht: "Wenn wir ein Zeichen auf den Yucca Mountain stellen, zieht das die Leute nur magisch an."

Womöglich die falschen, vielleicht ein zukunftsfernes Mad-Max-Regime, das keine Energiereserven mehr besitzt und versucht wäre, das Endlager anzubohren, um an das Plutonium zu kommen. Es könne aber auch eine nukleare Priesterschaft entstehen, die das Material hüte, spekuliert Dyer, in einem Film mit Charlton Heston habe es das schon gegeben. "Wir werden auf jeden Fall aber ein internes Monument anlegen - mit Plänen für alle Ministerien und die National Library in Washington."

Bei Lathrop Wells sind Bagger und Bulldozer dabei, den örtlichen Vulkan etagenweise abzutragen. Sie beseitigen gewissermaßen das Corpus delicti, das unter Vulkanforschem als Schauplatz eines möglichen Ausbruches von Magma gilt. Der Kegel ist kaum verwittert und hat die Baustoffindustrie angelockt, die den schönen Tuff benötigt, um in Las Vegas noch mehr Kasinos und Pseudo-Villen hochzuziehen.
Von Lathrop Wells führt eine Straße am Rand von riesenhaften Dünen zum Beerdigungsgebirge. Unter den schattenlosen Felswänden leben i2oo Menschen, die meisten von ihnen Bilderbuch-Farmer wie Ralph McCracken, der den Yucca Mountain als dunkles Trapez am Horizont erkennt.

McCracken hat der Wüste loo Hektar abgewonnen, um Pistazienbäume anzupflanzen. Zur künstlichen Bewässerung entnimmt er Grundwasser, das von der Test Site und dem Yucca Mountain zu den sogenannten Amargosa-Fannen fließt - was McCracken, der aus Kalifornien in die Wüste zog, aber nicht wußte.
Eines Tages näherte sich über die Staubpiste ein Bus. "Die fuhren von Farm zu Farm und stellten Fragen wie: Was essen Sie, was trinken Sie, womit wässern Sie den Spinat und die Kürbisse?" Die Fremden wollten wissen, mit wieviel Wasser das Heu gesprengt werde, das als Futter an die Rinderfarmen Kaliforniens geliefert wird. Sie erkundigten sich, wohin die Milch der Molkerei gehe, und sie erfuhren - in die Bio-Läden von Los Angeles, weil die Kühe hier ohne Hormone aufgezogen würden.

In dem Wüstenbollwerk befinden sich 33 Erdbeben-Verwertungen

Die Besucher waren Beamte aus Washington, die den Betrieb von Atomkraftwerken und auch den des Endlagers im Yucca Mountain genehmigen müssen. Es hatte sich zu ihnen herumgesprochen, daß auf der Test Site Atombomben auch in den grundwasserführenden Gesteinsformationen explodiert waren, zum Beispiel beim 240-Kilotonnen-Versuch "Bilby" auf der wild zerbombten Ebene von Yucca Flat.
Nicht weit von McCrackens Farin befindet sich das Schutzgebiet Ash Meadows, ein Garten inmitten der Wüste. Hierher zieht sich Jerry Szymanski gern zurück, der bis 1992 Chefgeologe des Yucca Mountain Project war. Er ist auch mit 54 ein drahtiger Mann, der an Schultern und Armen mit Muskeln bepackt ist, als habe er ein halbes Leben unter der Brustpresse eines Fitness-Studios verbracht.

Szymanski ist der Kronzeuge, mit dem die Staatsregierung von Nevada in ihrem Kampf gegen das Atomlager aufwartet. "Dabei bin ich kein Anti-Atomfreak", beteuert Szymanski, der aus Polen stammt und in Warschau studiert hat. "Ich bin überzeugt, daß ein Endlager nötig ist."

Auf keinen Fall aber im Yucca Mountain. Ihn bewegt ein Szenario, das er in einem Brief an den republikanischen Fraktionschef im Senat, Trent Lott, ausgebreitet hat: Ein Erdbeben tief unter dem Berg preßt Spalten und Risse wie die Seiten eines Buchs zusammen und jagt dabei heißes Wasser nach oben, begleitet von Gasen wie Methan und Kohlendioxid.

Am Yucca Mountain ist das durchaus vorstellbar. Das Great Basin Nevadas ist ein sogenanntes Bruchschollengebiet, in dem sich Gesteinsschichten gegeneinanderschieben und regelrecht reiben. Der U. S. Geological Survey etwa hat festgestellt, daß sich allein im Yucca Mountain 33 Erdbeben-Verwerfungen befinden.
Szymanski befürchtet deshalb, daß aus dem Berg ein atomarer Geysir werden könnte. Das Tiefenwasser könne bei einem Beben explosionsartig nach oben rasen, durch die Decke des Bullfrog-Tuffs mitten in das Endlager hinein.

Dort sorge der nur noch geringe Atmosphärendruck dafür, daß sich das Wasser in Dampf verwandele, der sich nach allen Seiten ausbreite wie in einem Druckkochtopf. Die Atommüll-Container in den Tunnel würden durcheinandergewirbelt werden wie die Autos bei einer Massenkarambolage auf der Autobahn, und weil inzwischen auch das Kohlendioxid und das Methan umherfauchten, käme es zum apokalyptischen Finale: "Der restliche Teil des Berges wird ganz einfach weggesprengt."

Im Auftrag des Ingenieurbüros Dames & Moore in Los Angeles hat Szymanski früher in Iran nach Standorten für Atomkraftwerke des Schahs gesucht. Als eine Art Wegweiser in die Vergangenheit diente ihm dabei Kalziumkarbonat, aus dem sich zum Beispiel die Zapfen in Tropfsteinhöhlen zusammensetzen. Das cremefarbene Mineral findet sich auch am Yucca Mountain. Mehrmals schon sei es dort in der erdgeschichtlichen Vergangenheit zu Eruptionen von Wasser aus der Erdkruste gekommen, meint Szymanski. Heiße Quellen hätten dann das Kalziumkarbonat im umliegenden Gestein abgesetzt.

Auch jetzt deute alles auf einen neuen Ausbruch hin. Magma habe die Erdkruste unter den Vulkanen von Crater Flats einporgewölbt. In 25 Kilometer Tiefe sei das Gestein schon geschmolzen, wie Wärmeprofile gezeigt hätten.

Szymanski ist mit dem Geländewagen nach Crater Flats hinaufgefahren. Wolkenbänke liegen auf den Kegeln von sieben Vulkanen, die hier aufgereiht wie Gugelhupfe stehen. Das Abendlicht gleitet an den Berggestalten ab, als gehorche es einer sinnlos sinnvollen Dramaturgie. "Die Vulkane zeigen, daß es unter dem Endlager eine heiße Zone gibt, die brodelt und kocht", sagt Szymanski.


zurück zur Homepage