| Fremd und abweisend erstreckt sich der
Gipfelgrat des Yucca Mountain in Nevada. John Peck tritt
auf eine Felsplatte hinaus und weist auf eine Welt, die
aussieht, als hätten Götter sie entzweigehauen. Im Westen
ragt die Kette der Funeral Mountains, des sogenannten
Beerdigungsgebirges, auf, das unter der Scheibe des
Wüstenhimmels greifbar nahe scheint. Es riegelt das
berühmte Tal des Todes ab: Death Valley, Amerikas
Hitzepol.
Nördlich des Yucca Mountain verdunkeln die Umrisse eines
geborstenen Vulkans den Horizont. Peck ist schon oft
hierhergekommen. "Da unten fiegt die Ebene von
Crater Flats", erklärt der Geologe, "unschwer
sieht man die Schlackenkegel von noch mehr
Vulkanen."
Nach
Osten hin markiert der Kamm des Yucca Mountain die Grenze
zu einer Landschaft der latenten, lauemden Gefahr. Dort
dehnt sich, vom Sonnenlicht grell ausgeleuchtet, eine
Zone der Zerstörung und der absoluten
Menschenfeindlichkeit: die Nevada Test Site, das
Atomversuchsgelände der USA.
Hier
sind im Fieberwahn des Kalten Krieges 1028 Atombomben
gezündet worden, die meisten davon in Tunnel und
Schächten. "Divider", Spalter, hieß der
letzte Sprengsatz, der im September 1992 Hunderte von
Tonnen Felsgestein im Untergrund verdampfen ließ.

Nevadas
strahlende Berglandschaft
(Wenn
Sie auf das Bild klicken, wird es größer.)
In
dieser bedrohlichen Abgeschiedenheit hat die Supermacht
Amerika mit ihrem Hang zum Irrationalen und Imposanten
einen Aufbewahrungsort erkundet, den es bisher nirgendwo
auf der Welt gibt: Der Wüstenberg soll dem Strahlenmüll
aus lio US-Atomkraftwerken als Endlager dienen - für
immer und ewig, in Mengen, die den nuklearen Abfall aus
anderen Ländem gleichsam um Wolkenkratzerlänge
übertreffen.
Am Osthang des Yucca Mountain hat eine machtige
Schildvortriebsmaschine den Tunnel zu der nuklearen Gruft
schon angelegt. Die Stahlschaufeln des Schneidrads haben
das Tuffgestein des Berges wie den Zuckerschaum einer
Meringue zerkleinert - 7,8 Kilometer schaffte das
Stahlmonster in nur drei Jahren. Kabel und Kompressoren,
Frischluftleitungen und Generatoren, ein Förderband und
ein gelblackierter Lorenzug setzen sich hier wie zu einem
bildgewordenen Kreuzworträtsel zusammen. Es ist auf den
ersten Blick schwierig festzustellen, ob da am Untergang
oder am Fortbestand der Welt gebastelt wird.
Man
ist hier für amerikanische Verhältnisse am Ende der
Welt. "Am Fuß des Exile Hill, an dem wir uns
befinden, kann man nicht einmal Radiosender
empfangen", sagt der technische Direktor Dick
Kovach.
Das
Endlager soll dicht sein wie ein Panzerschrank, so hat
das Umweltministerium in Washington gefordert.
Einsickerndes Wasser ist der Alptraum aller
EndlagerBetreiber. Es würde die Stahlbehälter
angreifen, in denen die abgebrannten Brennelemente aus
den Atomkraftwerken liegen; es würde die Brennelemente
rosten lassen und ihren gefährlichen Inhalt - Isotope,
Radionuklide und Plutonium - am Ende ins Freie schwemmen.
Deshalb muß gesichert sein, daß 1o ooo Jahre lang keine
radioaktiven Substanzen aus dem Endlager entweichen -
eine Garantiezeit, in welcher etwa der Komet Hale-Bopp
zweimal wieder erschienen sein wird.
Für derlei will die Staatsregierung von Nevada keine
Gewähr übernehmen. Sie wähnt im Yucca Mountain
Project, das vom US-Energieministerium vorangetrieben
wird, den Auslöser einer epochalen Katastrophe, eine
Kalamität biblischen Ausmaßes, ja den "ground
zero" eines Globaldesasters, wie Harry Swainston
befürchtet, der stellvertretende Justizminister in der
Nevada-Hauptstadt Carson City.
Swainston ist kompetent in atomaren Fragen. Er hat neben
Jura auch Physik studiert und gehörte zehn Jahre zu den
Bombentestem im Kontrollzentrum am YuccaPaß. Er glaubt,
das Endlager sei eine Falle für Nevada und den Rest der
Welt, aus der sich niemand retten könne, Jedenfalls
nicht auf der nördlichen Halbkugel".
Harry
Swainstons Chefin ist die Justizministerin Sue Del Papa,
die in dem Land der Glücksritter und Cowboys hart
zupackt. Auf ihrem Schreibtisch liegen Boxhandschuhe,
bemalt mit dem Sternenbanner, als sollten sie Del Papas
Argumenten gegen das Atommüllager Schlagkraft verleihen.
"Wir müssen Druck machen und als letzte
Verteidigungslinie eine Klage vor dem Obersten
Gerichtshof anstrengen", verkündet sie.
"Nevada hat mit dem Atomversuchsgelände genug Opfer
gebracht und darf nicht auch noch als Entsorgungsstaat
für ganz Amerika mißbraucht werden."
Man
kennt in Nevada inzwischen auch Gorleben und die
"Wendland area in Germany", die wegen ihres
Grüns und ihrer Wälder hier besticht. Der
Nevada-Senator Harry Reid hat im Kongreß zu Washington
den jüngsten Castor-Transport nach Gorleben beschrieben;
"buchstäblich ein Polizeistaat" und Jast eine
Kriegszone" seien dort entstanden, erfuhren die
US-Senatoren aus dem Munde Reids.
Doch
am Exile Hill gehen die Arbeiten weiter, knapp drei
Milliarden Dollar wurden schon verbohrt. Demnächst soll
eine neue Vortriebsmaschine aufgefahren werden, um
parallel zum Hauptbauwerk einen zweiten Durchbruch
anzulegen. Dann werden die beiden großen Tunnel mit
einem Netz kleinerer Verkehrswege verbunden, in denen der
Atommüll auf sargähnlichen Lafetten zur letzten Ruhe
rollen soll. "Die vielen kleinen Tunnel sind eine
stabilere Anordnung, als es nur eine große Halle
wäre", erläutert Kovach, "sie können nicht
so leicht einstürzen."
Handelt
es sich bei dem Wüstenberg um eine Art Watzmann des
Weltuntergangs? 70 ooo Tonnen hochradioaktiver
Reaktorenmüll soll in den Tunnel aufgestapelt werden.
Und damit ist nur das Gewicht des abgebrannten
Kernbrennstoffs gemeint, nicht aber das der ebenfalls
verstrahlten Stahlrohre, in denen sich dieser befindet.
Womit kann man die nukleare Tonnage vergleichen, in der
langlebige Spaltprodukte wie Technetium (Halbwertzeit:
211100 Jahre) und Neptunium (Halbwertzeit: 2,14 Millionen
Jahre) konzentriert sind? Etwa mit dem
US-Flugzeugträger"Nimitz", der es im
Persischen Golf zur Zeit auf ein Gewicht von 73ooo Tonnen
bringt. Dagegen wirkt Gorleben wie ein Endlager aus dem
Reich der Zwerge: Es soll 38oo Tonnen aufnehmen.
Und
als würde all das nicht genügen, sollen noch weitere
7ooo Tonnen Atommüll in dem Bergmassiv verschwinden. Sie
stammen aus militärischen Reaktoranlagen, die nicht mehr
benötigt werden. Insgesamt, so hat die Regierung von
Nevada berechnet, wird das Strahlungsinventar im Yucca
Mountain dem von 2,3 Millionen Explosionen der
Atombomben-Klasse "Trinity" entsprechen, mit
deren Erprobung im Juli 1945 das Atomzeitalter anfing.
Da
mag beruhigen, daß John Peck nichts auf den Atomberg
kommen läßt. Als Geologe hat er immer genau wie ein
Seismograph gearbeitet. Uberall wähnt er Ordnung im
Chaos der Dinge. Für das Energieministerium hat Peck
Alternativen zu einem Endlager im Yucca Mountain
untersucht - einen Salzstock in Texas und Basaltschichten
im Staat Washington. Doch beide Standorte sind vom
US-Kongreß verworfen worden. Der Basalt lag zu nahe am
Columbia-Fluß, der 2oo Kilometer südlich von Seattle
ins Meer mündet, und über dem Salzstock erstreckt sich
der sogenannte OgallalaAquifer, das größte
Trinkwasserreservoir der USA.
Besser
geeignet schienen die Wüste von Nevada und der Yucca
Mountain. Der Berg steht im Becken des riesigen Great
Basin, das ganz Nevada und einen Teil des Nachbarstaates
Utah ausmacht - und aus dem kein Fluß herausführt und
ins Meer fließt. Der Yucca Mountain wiederum befindet
sich im Südwesten des Atomversuchsgebiets, das
praktischerweise,dem Energieministerium gehört.
Die
Zufahrtspisten sind scharf bewacht. Nach dem Abbiegen vom
U. S. Highway 95 gleich hinter der Oase Caetus Springs
führt die Struße an zwei großen Käfigen aus
Maschendraht vorbei, in denen zu Zeiten der Atomversuche
Demonstranten, getrennt nach Geschlechtern, verwahrt
wurden.
Dann
versperrt ein Gatter die Weiterfahrt. Soldaten mit den
gefleckten Tarnanzügen aus dem Golfkrieg inspizieren
jeden Wagen, halten Spiegel unter das Chassis und achten
besonders auf "foreign nationals", Ausländer.
Das
Atomversuchsgelände hat einen neuen Namen, der auf einem
Schild quer über der Straße prangt und eine skurrile
Art der Problemlösung ausdrückt: "Nevada Test Site
- An Environmental Research Park." Und auch Peck
redet so, als habe die Natur höchstpersönlich seinen
Traumberg als Endlager ausgewiesen.
Alles
sei hier trefflich trocken, sagt er, im Jahr fielen nur
150 Millimeter Regen, so wenig wie in der südlichen
Sahara. Peck zeigt auf das Bett des Bachs Forty Mile
Wash. "Nur nach Gewittern führt er einen Tag
Wasser, zuletzt war das 1995, und davor war er elf Jahre
leer", rekapituliert er.
Noch
nie in der Geschichte sei ein Berg so genau untersucht
worden, schwärmt der Geologe, dem die Schründe und
Klüfte elysische Gefilde sind. Die Katakomben des
Endlagers seien beinahe undurchdringlich angelegt: 350
Meter tief unter dem Gipfelgrat, aber immer noch weit vom
Grundwasser weg. Dunkel liegen am Forty Mile Wash Steine
herum. "Eisenoxid hat sie schwarz eingefärbt, weil
sie seit Tausenden von Jahren nicht bewegt wurden, hier
verändert sich nichts", versichert Peck.
Am Tag zuvor hat er im Ausstellungszentrum des Yucca
Mountain Project in Las Vegas die Entstehung des 16oo
Meter hohen Bergs beschrieben. Zur Veranschaulichung -
man pflegt in der Mammon-Metropole ein voyeuristisches
Verhältnis zur Katastrophe - dient ein großes
Vulkanmodell aus Kunststoff, das auf Knopfdruck grollt,
rumpelt und glüht.
"Das Tuffgestein ist das Produkt mehrerer
Ausbrüche", erklärt Peck gegen das Dröhnen des
irrlichtenden Exponats. "In Nevada schmolz vor elf
Millionen Jahren die Erdkruste, weil die pazifische und
nordamerikanische Platte zusammenstießen. Gase und Magma
explodierten, und der Vulkan hat sie mit Überschalltempo
ausgestoßen." Das Endlager kommt in Topopah-Tuff,
der laut Peck sechsmal härter ist als Beton. Darüber
befindet sich sogenannter Pah-Tuff und darunter
BullfrogTuff, die den Atomofen des Endlagers nach oben
und unten abschotten.
Allerdings:
In der Erdbeben-Verwerfung des Bow Ridge Fault, die sich
wie ein Kamin durch den Berg zieht, ist das radioaktive
Isotop Chlor 36 entdeckt worden. Es stammt von
Wasserstoffbomben- Explosionen im Pazifik, deren Fallout
in den fünfziger Jahren auch über dem Yucca Mountain
abgeregnet war. Das Chlor 36 beweist, daß Niederschläge
doch in die Tuff-Feste dringen können, Spalten und Risse
als Rutschbahnen nutzend.
In
Las Vegas, nur 17o Kilometer entfernt, verfolgt man die
Arbeiten am Yucca Mountain mit Sorge. Die Menschen haben
die Worte des Ex-Gouverneurs Richard Bryan nicht
vergessen, der dort einen "Amoklauf der
Wissenschaft" im Gange wähnt. Und sie befürchten,
daß die Interessen der Atomindustrie zu Lasten der
urbanen Geldmaschine in der Wüste gehen.
Mit
7000 Zuzüglern im Monat ist Las Vegas die am schnellsten
wachsende Großstadt in den USA; ihre Bewohner genießen
in den Pseudo-Villen der Vororte die Sonne, den Blick auf
die Golfplätze und die Annehmlichkeit, daß in Nevada
kaum Steuern fällig sind. Neun der zehn größten Hotels
der Welt stehen am Neon-Canyon des Las Vegas Boulevard,
und Kasino-König Steve Wynn plant mit dem Neubau des
"Bellagio" das allerfeinste - einen 1,3
Milliarden Dollar teuren Hotelkomplex mit Slotmaschinen
aus Marmor.
Es
beruhigt in dem Spieler-Babel nicht, daß in den Tunnel
des Yucca Mountain jeder Quadratzentimeter Fels
fotografiert und dokumentiert wurde und daß man
Gesteinsproben mit einer Länge von zwölf Kilometern
untersucht hat. Die Kasinobesitzer befürchten vor allem
dies: Amerikanische Castoren, die zum Schrecken der
Kasinotouristen durch Las Vegas gen Norden zum Yucca
Mountain rollen - Hysterie in den Hotelschluchten wäre
der Anfang vom Ende des Booms.
Unter der Einflugschneise des McCarren International
Airport führt Rick Nielsen die Opposition der Bürger
gegen das Endlager an - mit dem Modell eines USCastors,
das an eine Riesenhantel erinnert. 2500 Beitragszahler
unterstützen ihn.
Justizministerin
Del Papa hat berechnen lassen, daß zur Verfrachtung des
strahlenden Metalls 122 Millionen sogenannte
Behälter-Kilometer nötig seien. Der Transport der
Container erfordere 1o'ooo Eisenbahnzüge und 28'ooo
Fuhren mit Lastwagen; 28 Jahre lang müßten
Atomtransporte zum Yucca Mountain unterwegs sein.
Womöglich
kommen die US-Castoren früher als geplant. Denn im April
hat der Kongreß in Washington beschlossen, bis zur
Fertigstellung und Abnahme des Endlagers ein
Zwischenlager für den Atommüll einzurichten - gleich
gegenüber vom Yucca Mountain auf der Wildesel-Ebene
Jackass Flats, die ebenfalls Teil des
Atomversuchsgeländes ist.
"Das
Zwischenlager soll nur eine Art Parkplatz mit einem
Extra-Zaun darum herum sein", erläutert Russ Dyer.
Er ist Vizechef des Yucca Mountain Project und somit ein
Mann, auf dem Verantwortung lastet. Die Betreiber der
US-Atomkraftwerke haben 13 Milliarden Dollar für den Bau
des Endlagers bereitgestellt. Eile sei geboten, behaupten
die Stromkonzerne, da sonst 27 Atommeiler abgeschaltet
werden müßten und Milliardenverluste anfielen.
Dyer
aber ist seiner Sache sicher: "Es gibt keine
Alternative zum Yucca Mountain. Wir sind die einzigen,
die einen Punkt auf der Landkarte besitzen und sagen
können, da soll der Atommüll hin."
Die
Landschaft der Test Site wirkt in der Sonne ausgeglüht
wie Kohleschlacke. Dyer ist mit zwei Omnibussen
hierhergefahren, die mit Wochenendausflüglern aus Las
Vegas besetzt sind. Sie wollen sich mit dem Trip zum
Endlager vergewissern, daß ihre Häuser und Mauergärten
nicht von radioaktiver Lava aus dem Atomberg verschlungen
werden.
Im
Feldbüro der Endlager-Strategen wartet eine bizarre
Idylle auf die Besucher. Im Foyer sitzen freundliche
Empfangsdamen zwischen künstlichen Kakteen; im
Speisesaal hängt das originalgetreue, 3,50 Meter lange
Modell eines Brennelemente-Bündels aus einem
US-Druckwasserreaktor.
Es
gibt Sandwichbrote mit Schinken oder Putenbrust für die
Atommüll-Touristen. Sie sollen beruhigt zu ihren
künstlich bewässerten Zimtapfelbäumen in Las Vegas
zurückkehren. Frank LaConte ist wie seine Frau
begeistert: "Höchste Zeit, daß mit dem Zeug etwas
geschieht. Wir haben das Atom-Monster schließlich
geschaffen - jetzt müssen wir es auch einsperren."
Das
Feldbüro sieht in der öden Landschaft aus wie ein
hingeworfener Würfel. Es hat im Juni 1992 ein Erdbeben
der Stärke 5,6 überstanden, dessen Zentrum unter dem
Little Skull Mountain lag, dem Nachbarberg des Yucca
Mountain. Dyer meint, das Beben sei nicht schlimm
gewesen: "Von den Decken kam nur die Verkleidung
herunter, einige Fenster gingen zu Bruch, und in den
Wänden gab es Risse."
Auch
im Little Skull Mountain sei nichts Besonderes passiert.
In dem Berg gibt es zwei Tunnel, in denen zur Zeit des
Präsidenten Reagan Interkontinentalraketen vom Typ MX
Peacekeeper untergebracht waren. "Wir sind nach dem
Beben hineingegangen, und dort rieselte nur Staub
herab", berichtet Dyer.
Er
hat für das Endlager ein sogenanntes
Hochtemperatur-Layout vorgesehen: Die Container mit den
Brennelementen sollen in den Tunnel eng
hintereinandergestellt werden; das reduziert zunächst
einmal die Baukosten. Und mit der Hitze des Atommülls,
gleichmäßig 2oo Grad, soll Wasser abgehalten werden -
es soll an dem Wärmeschild verdampfen. "Das ist
eine Schlüsselfrage", meint der Geologe",wir
müssen die Feuchtigkeit vom Endlager wegtreiben."
Dyer beruhigt die Ausflügler: Die Temperatur des Yucca
Mountain selber werde wegen des Endlagers nur um ein bis
zwei Grad zunehmen.
Drunten
am U. S. Highway 95 gibt es keine grellgemusterte Welt
der Touristen. Die Herrscher des Highways haben hier
gestoppt, zwei Dutzend Mitglieder der Motorrad-Gang
"Desert Tribe", die an Figuren aus dem Film
"Mad Max" erinnern. Wayne Pittman kramt eine
Dose Budweiser aus seiner Lederjacke. "Yucca
Mountain? Die werden ein schweres Problem damit haben,
aber andererseits: Nach Las Vegas wird die Strahlung
schon nicht kommen."
Die
Planer des Endlagers haben überlegt, ob sie einen
großen Obelisken auf dem Berggipfel errichten sollen, um
zukünftige Generationen vor der weltgrößten
Strahlungsquelle zu warnen. Sie sind von der Idee aber
wieder abgekommen, da die Haltbarkeit eines solchen
Monuments umstritten ist. Und Dyer ist der Ansicht:
"Wenn wir ein Zeichen auf den Yucca Mountain
stellen, zieht das die Leute nur magisch an."
Womöglich
die falschen, vielleicht ein zukunftsfernes
Mad-Max-Regime, das keine Energiereserven mehr besitzt
und versucht wäre, das Endlager anzubohren, um an das
Plutonium zu kommen. Es könne aber auch eine nukleare
Priesterschaft entstehen, die das Material hüte,
spekuliert Dyer, in einem Film mit Charlton Heston habe
es das schon gegeben. "Wir werden auf jeden Fall
aber ein internes Monument anlegen - mit Plänen für
alle Ministerien und die National Library in
Washington."
Bei
Lathrop Wells sind Bagger und Bulldozer dabei, den
örtlichen Vulkan etagenweise abzutragen. Sie beseitigen
gewissermaßen das Corpus delicti, das unter
Vulkanforschem als Schauplatz eines möglichen Ausbruches
von Magma gilt. Der Kegel ist kaum verwittert und hat die
Baustoffindustrie angelockt, die den schönen Tuff
benötigt, um in Las Vegas noch mehr Kasinos und
Pseudo-Villen hochzuziehen.
Von Lathrop Wells führt eine Straße am Rand von
riesenhaften Dünen zum Beerdigungsgebirge. Unter den
schattenlosen Felswänden leben i2oo Menschen, die
meisten von ihnen Bilderbuch-Farmer wie Ralph McCracken,
der den Yucca Mountain als dunkles Trapez am Horizont
erkennt.
McCracken
hat der Wüste loo Hektar abgewonnen, um Pistazienbäume
anzupflanzen. Zur künstlichen Bewässerung entnimmt er
Grundwasser, das von der Test Site und dem Yucca Mountain
zu den sogenannten Amargosa-Fannen fließt - was
McCracken, der aus Kalifornien in die Wüste zog, aber
nicht wußte.
Eines Tages näherte sich über die Staubpiste ein Bus.
"Die fuhren von Farm zu Farm und stellten Fragen
wie: Was essen Sie, was trinken Sie, womit wässern Sie
den Spinat und die Kürbisse?" Die Fremden wollten
wissen, mit wieviel Wasser das Heu gesprengt werde, das
als Futter an die Rinderfarmen Kaliforniens geliefert
wird. Sie erkundigten sich, wohin die Milch der Molkerei
gehe, und sie erfuhren - in die Bio-Läden von Los
Angeles, weil die Kühe hier ohne Hormone aufgezogen
würden.
In dem Wüstenbollwerk
befinden sich 33 Erdbeben-Verwertungen
Die
Besucher waren Beamte aus Washington, die den Betrieb von
Atomkraftwerken und auch den des Endlagers im Yucca
Mountain genehmigen müssen. Es hatte sich zu ihnen
herumgesprochen, daß auf der Test Site Atombomben auch
in den grundwasserführenden Gesteinsformationen
explodiert waren, zum Beispiel beim
240-Kilotonnen-Versuch "Bilby" auf der wild
zerbombten Ebene von Yucca Flat.
Nicht weit von McCrackens Farin befindet sich das
Schutzgebiet Ash Meadows, ein Garten inmitten der Wüste.
Hierher zieht sich Jerry Szymanski gern zurück, der bis
1992 Chefgeologe des Yucca Mountain Project war. Er ist
auch mit 54 ein drahtiger Mann, der an Schultern und
Armen mit Muskeln bepackt ist, als habe er ein halbes
Leben unter der Brustpresse eines Fitness-Studios
verbracht.
Szymanski
ist der Kronzeuge, mit dem die Staatsregierung von Nevada
in ihrem Kampf gegen das Atomlager aufwartet. "Dabei
bin ich kein Anti-Atomfreak", beteuert Szymanski,
der aus Polen stammt und in Warschau studiert hat.
"Ich bin überzeugt, daß ein Endlager nötig
ist."
Auf
keinen Fall aber im Yucca Mountain. Ihn bewegt ein
Szenario, das er in einem Brief an den republikanischen
Fraktionschef im Senat, Trent Lott, ausgebreitet hat: Ein
Erdbeben tief unter dem Berg preßt Spalten und Risse wie
die Seiten eines Buchs zusammen und jagt dabei heißes
Wasser nach oben, begleitet von Gasen wie Methan und
Kohlendioxid.
Am
Yucca Mountain ist das durchaus vorstellbar. Das Great
Basin Nevadas ist ein sogenanntes Bruchschollengebiet, in
dem sich Gesteinsschichten gegeneinanderschieben und
regelrecht reiben. Der U. S. Geological Survey etwa hat
festgestellt, daß sich allein im Yucca Mountain 33
Erdbeben-Verwerfungen befinden.
Szymanski befürchtet deshalb, daß aus dem Berg ein
atomarer Geysir werden könnte. Das Tiefenwasser könne
bei einem Beben explosionsartig nach oben rasen, durch
die Decke des Bullfrog-Tuffs mitten in das Endlager
hinein.
Dort
sorge der nur noch geringe Atmosphärendruck dafür, daß
sich das Wasser in Dampf verwandele, der sich nach allen
Seiten ausbreite wie in einem Druckkochtopf. Die
Atommüll-Container in den Tunnel würden
durcheinandergewirbelt werden wie die Autos bei einer
Massenkarambolage auf der Autobahn, und weil inzwischen
auch das Kohlendioxid und das Methan umherfauchten, käme
es zum apokalyptischen Finale: "Der restliche Teil
des Berges wird ganz einfach weggesprengt."
Im
Auftrag des Ingenieurbüros Dames & Moore in Los
Angeles hat Szymanski früher in Iran nach Standorten
für Atomkraftwerke des Schahs gesucht. Als eine Art
Wegweiser in die Vergangenheit diente ihm dabei
Kalziumkarbonat, aus dem sich zum Beispiel die Zapfen in
Tropfsteinhöhlen zusammensetzen. Das cremefarbene
Mineral findet sich auch am Yucca Mountain. Mehrmals
schon sei es dort in der erdgeschichtlichen Vergangenheit
zu Eruptionen von Wasser aus der Erdkruste gekommen,
meint Szymanski. Heiße Quellen hätten dann das
Kalziumkarbonat im umliegenden Gestein abgesetzt.
Auch
jetzt deute alles auf einen neuen Ausbruch hin. Magma
habe die Erdkruste unter den Vulkanen von Crater Flats
einporgewölbt. In 25 Kilometer Tiefe sei das Gestein
schon geschmolzen, wie Wärmeprofile gezeigt hätten.
Szymanski
ist mit dem Geländewagen nach Crater Flats
hinaufgefahren. Wolkenbänke liegen auf den Kegeln von
sieben Vulkanen, die hier aufgereiht wie Gugelhupfe
stehen. Das Abendlicht gleitet an den Berggestalten ab,
als gehorche es einer sinnlos sinnvollen Dramaturgie.
"Die Vulkane zeigen, daß es unter dem Endlager eine
heiße Zone gibt, die brodelt und kocht", sagt
Szymanski.
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