spiegelbild.jpg (2579 Byte)

Nr. 3/2004

ATOMKRAFT

Die Pille danach

Die Energieversorger haben 137 Millionen Jod-Tabletten bestellt als Vorsorge für Störfälle oder Anschläge. Doch sollen sie auch verteilt werden? Die Bayern wollen nicht, aus Furcht vor Panik.

Es war das Jahr 1980 und die Zeit reif für ein bisschen Hysterie. Gerade erst war der Russe in Afghanistan einmarschiert, in Harrisburg beinahe ein Atomreaktor explodiert, da schickten die Hamburgischen Electricitäts-Werke (HEW) einen Brief "an alle Haushaltungen". Darin offerierten die E-Werker dem "sehr geehrten Kunden" ein "Nuklear-Schutz-Set": mit Dekontaminationssalbe, Atomblitzbrille, Schutzdecke - und zwölf Jod-Tabletten. Alles verpackt in einer garantiert strahlenfesten Plastikmappe, die man sich beim großen Rums über den Kopf ziehen sollte. Könnte ja sein, dass der HEW-Meiler in Brunsbüttel doch mal in die Luft fliegt.

In Wahrheit kam der Brief natürlich nicht von den HEW, sondern von Keinkraftgegnern - der Gag zum GAU. Heute aber, im Jahr der Ängstlichkeit 2004, gibt es wieder Jod-Pillen fürs Volk, und diesmal sind die Tabletten echt.

03a.jpg (2403 Byte)
Jod-Tabletten für Reaktorkatastrophen
Wie viel Panik darf's denn sein?

Rund 137 Millionen Stück der Marke "Lannacher", Kaliumjodid 65 mg, hat die deutsche Energiewirtschaft für 2,8 Millionen Euro beim gleichnamigen österreichischen Hersteller bestellt. Auf Druck des Bundesumweltministeriums. Als Vorsorge bei Störfällen. Und aus Angst vor Terrorattacken. Rechtzeitig geschluckt, sollen die Tabs die Schilddrüse so mit Jod abfüllen, dass sie nach einem Kraftwerk-Crash kein Jod mehr aus der radioaktiven Wolke aufnehmen kann. Doch so simpel die Pillen zumindest vor Schilddrüsenkrebs schützen, so vertrackt gestaltet sich für die zu ständigen Katastrophenschützer in den Landesregierungen jetzt die Verteilung. Soll man in diesen Zeiten die GAU-Pillen tatsächlich ausgeben? Anders gefragt: Wie viel Panik darf's denn sein? Offiziell geht es - nur keine Panik - allein um Probleme der Logistik: ob also die neuen Päckchen, die voraussichtlich im Herbst geliefert werden, besser im Keller von Rathäusern und Feuerwehrwachen lagern, so wie das bisher schon mit Jod-Tabletten in kleineren Mengen gemacht wurde; oder ob sie jetzt erstmals den Anwohnem der 13 deutschen Kernkraftwerke direkt in die Hand gedrückt werden sollen.

Dass einige Länder die Schachteln bald verteilen werden, andere dagegen nicht, hat aber zuallererst politische Gründe: Ausgerechnet jetzt, in Zeiten des globalen Terrorismus, Jod-Pillen auszugeben könnte schnell eine hysterische Debatte auslösen, warnen die Skeptiker in Bayern und Niedersachsen. Denn wie bitte erkläre man den Menschen, dass sie ohne Tabletten im Haus 30 Jahre neben einem Kernkraftwerk leben konnten nun aber nicht mehr? "Da denken doch sofort alle an Bin Laden", an Terrorkrieger und Todesflieger, schwant einem bayerischen Beamten.

03b.jpg (16942 Byte) Atomkraftwerke in Deutschland

Atomkraftwerke In einem Radius bis zu 25 km sollen Jodtabletten verteilt werden

Also besser: Lieb Vaterland, magst ruhig sein? Die Anhänger der "ereignisunabhängigen Vorverteilung", vor allem in Schleswig-Holstein, halten das für fahrlässig. Und empören sich, dass dieselben Hardliner, die insgeheim am liebsten Flakgeschütze neben den Meilern auffahren würden und heftig für Gesetzesnovellen zum Abschuss entführter Passagierjets votieren, jetzt besorgt sind, die Jod-Tabletten könnten wie Panik-Pillen wirken.

Fest steht, dass die Länder in einem 25Kilometer-Radius rund ums Kernkraftwerk für genug Jod sorgen müssen - so weit reichen die Katastrophenschutzpläne, und Katastrophenschutz ist Ländersache. In Hessen leben dort 563 000 Menschen, in Baden-Württemberg gar drei Millionen. Für alle, die weiter entfernt wohnen, ist der Bund zuständig. Er wird deshalb jetzt sieben zentrale Lager einrichten und mit Pillen aus Österreich auffüllen. Im Ernstfall bekommen von dort alle Kinder, Jugendlichen und Schwangeren im Umkreis von 25 bis loo Kilometern ihr Päckchen.

IM 25-Kilometer-Kreis aber macht jedes der fünf Länder mit Atomkraftwerken in der Frage "Lagern oder verteilen", was es für richtig hält. Und das ist mitunter das Gegenteil von dem, was der Nachbar tut. So wird Schleswig-Holstein die Ware aus Österreich sofort ausgeben, zumindest an alle, deren Haus weniger als zehn Kilometer vom Kraftwerk entfernt liegt. Auch Hessen verteilt voraussichtlich die Pille danach, allerdings nur bis fünf Kilometer. Baden-Württemberg hat sich noch nicht entschieden, Bayern ist dagegen, Niedersachsen wahrscheinlich auch.

Allein in Schleswig-Holstein mit den drei Atommeilern Brunsbüttel, Brokdorf und Krümmel bekommen damit 130000 Menschen ihre Weltuntergangs-Arznei. "Oder wie wollen Sie sonst im Einsatzfall noch rechtzeitig die Tabletten ausgeben?", fragt der Chef des Katastrophenschutzes im nördlichsten Bundesland, Helmut Preug schat. Schließlich soll die Bevölkerung oberste Überlebensregel bei der Atom katastrophe - dann unbedingt im Haus bleiben. Und ob man lebensmüde Lebensretter finden wird, die mit Tabletten von Tür zu Tür hasten, über sich die radioaktive Wolke, da hat Preugschat seine Zweifel. Das alles spricht für die Jod-Ration im Nachtschrank. Genau das hatte auch die Strahlenschutzkommission des Bundes mindestens für einen Fünf-Kilometer-Radius empfohlen, und natürlich kennt man diese Argumente auch in Bayern, ebenso wie die internationale Lage: Tschechien hat 15oooo Menschen rund um zwei Kraftwerke mit Pillen versorgt, auch Österreich, Frankreich, Irland, Finnland, Schweden und die Schweiz haben Tabletten ausgegeben.

03c.jpg (6609 Byte)
Bayerischer Atommeiler In Grafenrheinfeld:
"Da denken doch alle an Bin Laden"

Andererseits: Die Niederlande, Ungarn, Luxemburg, Japan, weitgehend auch Großbritannien deponieren, und gerade eine britische Studie stützt das bayerische Lagerdenken. Bei einer Umfrage in einem Testgebiet stellten Wissenschaftler 1999 fest, dass 40 Prozent der Tabletten zwei Jahre nach der Ausgabe verschwunden waren. Weggeworfen, verlegt, geschluckt, auf jeden Fall nicht mehr auffindbar. Die Lannacher-Tabletten sind aber nicht nur zwei, sondern zehn Jahre haltbar. Also bestehe erst recht die Gefahr, dass sie "bei einem plötzlichen Bedarfsfall nicht mehr aufgefunden werden", schreiben bayerische Ministeriale in einer internen Einschätzung.

Und wenn doch? Da, spekulieren die Süddeutschen, würden sie beim Störfall möglicherweise viel zu schnell geschluckt. Auch von Menschen über 45 Jahre, bei denen das Risiko von Nebenwirkungen größer sei als die Gefahr, Schilddrüsen krebs zu bekommen. "Die Forderung, Jod-Tabletten jetzt schon zu verteilen, ist abzulehnen", notieren daher die Bayern, und in Nordrhein-Westfalen, das allerdings selbst keinen Atommeiler mehr hat, aber im loo-Kilometer-Umkreis niedersächsischer Kraftwerke liegt, fragt man sich im Innenministerium sogar, ob Pillen für den GAU nicht sowieso "bescheuert" sind. Bringt das wirklich was, und wenn nicht, wozu die Leute jetzt noch zusätzlich nervös machen, heißt es unter der Hand.

Die Nervosität ist garantiert in einem Land, das bei Jod bisher an die S-11-Körnchen für Wellensittich Hansi dachte, nicht aber ans Überleben der Menschheit. In Österreich, wo die Lannacher 65 seit längerem auf dem Markt sind, heißt es auf dem Beipackzettel in sachlichem Warnton, Alarrnstufe Rot: "Diese Tabletten dienen dem Schutz der Schilddrüse bei Nuklearkatastrophen. Bitte nehmen Sie das Präparat nur nach ausdrücklicher Aufforderung der Behörden über Rundfunk, Fernsehen und andere Medien ein." Solche Anwendungshinweise dürften auch in Deutschland für erhöhten Pulsschlag sorgen. Im Berliner Umweltministerium - Mission Atomausstieg - sieht man das möglicherweise gar nicht so ungern: "Spätestens dann weiß man wohl, dass man in der Nähe eines Atomkraftwerks wohnt."

JÜRGEN DAHLKAMP, GEORG MASCOLO

Bearbeitet am: 13.03.2004/ad


zurück zur Homepage