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ATOMENERGIE
Überall Schutzzone
Vor Kamikaze-Attacken ist kein Atomkraftwerk sicher. Die Industrie verlangt mehr Sicherheit in der Luftfahrt und Ende der Debatte.
| In der neuen Welt des Schreckens ist nicht alles neu, zumindest nicht
für Klaus Traube, 73. Der pensionierte Professor und energiepolitische Sprecher des
Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland steht im Rampenlicht wie vor fast einem
Vierteljahrhundert: Die einzig wirksame Maßnahme gegen die terroristische Bedrohung von
Atomkraftwerken sei deren Stillegung, verkündet Traube.
Test zur Sicherheit von Reaktorhüllen In den USA- Zehntausende Opfer bei Terrorangriff? 1976 verlor er bei der Siemens-Tochter Interatom seinen Direktorenjob als Projektleiter des "Schnellen Brüters" von Kalkar, nachdem der Verfassungsschutz monatelang seine Telefone abgehört und in seinem Privathaus eine Wanze installiert hatte. Der ungeheure Vorwurf gegen den Manager, er habe Terroristen Zugang zum Stoff für die Bombe verschaffen wollen, erregte die Republik - erwies sich aber als Hirngespinst. Der verfassungswidrige "Lauschangriff auf Bürger T." (SPIEGEL 10/1977) kippte FDPInnenminister Werner Maihofer mit aus dem Amt.
Nicht nur der nach dem Skandal zum Atomkraft-Kritiker gewendete Traube warnt vor dem terroristischen Super-GAU. Seit den monströsen Attacken von New York und Washington gelten KamikazeKommandos weltweit als reales Risiko für Atomkraftwerke. Ausnahmsweise sind sich Atomkraftbefürworter und -gegner in der Analyse weitgehend einig. Ein als Lenkwaffe missbrauchter, voll getankter Jumbo könnte den Sicherheitsbehälter der Meiler durchschlagen, ein anhaltender Kerosinbrand die Kühl- und Notkühlsysteme lahm legen. Die Schmelze des Reaktorkerns hätte im dicht besiedelten Deutschland verheerendere Folgen als 1986 der Super-GAU von Tschernobyl in der Ukraine. Doch damit enden die Gemeinsamkeiten. Weil vollständiger Schutz gegen ein solches Terrorszenario ohnehin nicht möglich sei, plädieren die Reaktorbetreiber für mehr Sicherheit in der Zivilluftfahrt - und für ein Ende der Diskussion. Auf der anderen Seite formiert sich die Anti-Atom-Bewegung unter der alten Parole vom "Sofortausstieg" neu. Anfang November, wenn ein weiterer Atommülltransport aus der Wiederaufarbeitungsanlage La Hague nach Gorleben rollt, könnten die Proteste die des vergangenen Frühjahrs noch übertreffen. Die Umweltaktivisten wittern die Chance, den ungeliebten Ausstiegskompromiss von Regierung und Atomwirtschaft doch noch stoppen zu können. Vergangene Woche appellierten 13 atomkritische Verbände in Schreiben an die Spitzen des Staates - vom Bundeskanzler bis zur Präsidentin des Verfassungsgerichts -, der "brutalen Wirklichkeit" Rechnung zu tragen. Die Betriebsgenehmigungen für Atomkraftwerke müssten nach den Terroranschlägen aus "atom- und verfassungsrechtlichen Gründen" widerrufen werden. In Deutschland, bekennt sogar ein Regierungsmitglied, hätte der Terrorangriff auf ein Atomkraftwerk nicht nur Zehntausende Strahlenopfer zur Folge, sondern schlimmstenfalls die "Zerstörung unserer ökonomischen Basis". Unter Druck gerät vor allem Umweltminister Jürgen Trittin, der den Atomkompromiss gern als historischen Durchbruch verteidigt. Zwar verkündete Trittin vergangene Woche: Sollten sich Hinweise auf ein akutes Anschlagrisiko ergeben, könne er gemeinsam mit seinen Länderkollegen "einzelne oder auch alle deutschen Atomkraftwerke" kurzfristig abschalten. Andererseits fürchtet der Spitzen-Grüne, dass der schöne Kompromiss platzt. Das Atomausstiegsgesetz, das den Neubau von Reaktoren verbietet und die Stilllegung der 19 derzeit betriebenen Meiler binnen etwa 20 Jahren vorsieht, soll der Bundestag bis zum Jahresende verabschieden. Zeit für neue Verhandlungen, weiß Trittin, bleibt angesichts der Wahl nächstes Jahr kaum. Wer den Sofortausstieg fordert", warnt der Minister die Atomkraftgegner, "verschiebt ihn auf den Sankt-Nimmerleins-Tag". Dennoch sucht der Minister intern nach einem Mittelweg zwischen Sofortausstieg und Weiter-so. Die Basis für eine solche Strategie erhofft sich Trittin von der ReaktorSicherheitskommission (RSK). Das wissenschaftliche Beratergremium der Bundesregierung will seine vom Minister gleich nach dem 11. September angeforderte Stellungnahme Anfang dieser Woche abliefern. Der RSK-Vorsitzende Lothar Hahn hat vorab vor der "Illusion" gewarnt, Reaktoren wären gegen Terror wie in New York zu schützen. Im Einzelfall könnte das Desaster jedoch eingedämmt werden. Vor allein bei älteren Anlagen wären nach Überzeugung des Gremiums dafür nachträgliche Schutzmaßnahmen möglich. So könnten Schäden infolge eines anhaltenden Kerosinbrandes oder umherfliegender Trümmerteile durch konsequente räumliche Trennung der Notsysteme entschärft werden. Mit der bevorstehenden RSK-Analyse wächst der Handlungsdruck. Denn ältere Meiler sind danach klar verwundbarer als neuere. Das betrifft nicht nur die Betonhüllen, deren Wandstärken zwischen o,6 Meter (Obrigheim, Stade, Biblis A) und 1,8 Meter etwa bei den neuesten Anlagen (Isar 2, Emsland, Neckarwestheim 2) 2) variieren, sondern auch Feuerschutzeinrichtungen oder die Funktionssicherheit der Notkühlpumpen. Als besonders heikel gilt das hessische Kraftwerk Biblis, das als einzige Anlage in Deutschland nicht über eine verbunkerte Notstandswarte verfügt, aus der heraus ein beschädigter Meiler im Ernstfall möglicherweise unter Kontrolle gebracht werden könnte. Ob Trittin und die Länderumweltminister die Reaktorbetreiber vor die Alternative "Nachrüsten oder abschalten" stellen, ist noch nicht entschieden. Vorerst hofft der Bundesminister auf die Einsicht der Manager. Das Atomausstiegsgesetz erlaube den Unternehmen, alte Anlagen früher zu schließen und im Gegenzug neuere länger zu betreiben. Als Schutztruppe für Kernkraftwerke ist auch die Bundeswehr im Gespräch. Allerdings lehnten die Militärs Überlegungen aus der Union strikt ab, Flugabwehrraketen an Atomanlagen aufzustellen. Ringsum müssten Schutzzonen eingerichtet werden, binnen Minuten müsste die Entscheidung fallen, einen mit Tempo 8oo anfliegenden Passagier-Jet über besiedeltem Gebiet abzuschießen. Ziviler Luftverkehr ohne Abschuss-Risiko wäre über Deutschland kaum mehr möglich (siehe Grafik). Schlicht "gaga" seien solche Ideen, befindet Trittin - und zeigt sich philosophisch: Mit dem 11. September sei das atomare Restrisiko "sichtbar zu einem Risiko geworden, das nicht als Rest vernachlässigt werden kann". Die Gesellschaft müsse nachdenken, wie lange sie damit leben wolle. GERD ROSENKRANZ |
Bearbeitet am: 03.04.2002/ad