
Von Reimar Paul
| Die mit staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen konfrontierte Initiative
»Castor? Schottern!« erfährt breite Solidarität aus der Umweltbewegung und von
Parteien. Zahlreiche Organisationen und Parteigliederungen erklärten am Montag ihre
Sympathie für die Kampagne. »Castor? Schottern!« will den bevorstehenden
Atommülltransport nach Gorleben stoppen und deshalb die Schottersteine aus dem Gleisbett
der sonst nicht befahrenen Bahnstrecke zwischen Lüneburg und Dannenberg entfernen. Gegen
rund 500 namentliche Unterstützer hatte die Staatsanwaltschaft Lüneburg am Freitag ein
Verfahren wegen des Verdachts der öffentlichen Aufforderung zu Straftaten eingeleitet (jW
berichtete).
In der derzeit zugespitzten Situation des Atomstreits sei deutlicher Protest notwendig, heißt es in der Solidaritätserklärung (siehe unten). Zu den Unterzeichnern zählen unter anderem ATTAC Deutschland, die Antiatomorganisation »ausgestrahlt«, Robin Wood sowie die Grüne Jugend, die Jungsozialisten und die Linksjugend Solid. »Castor? Schottern!« wolle der immensen Gefahr der Atomkraft mit Aktionen zivilen Ungehorsams exemplarisch begegnen. Die Kampagne habe sich für ihre Aktion einen Gleisabschnitt ausgesucht, auf dem bis auf den Castortransport kein Zugverkehr rolle. Menschen würden somit nicht gefährdet. »Wir haben Verständnis für diese Aktionsform als ein Stoppschild für eine Politik, die Mensch und Umwelt hinten anstellt«, so die Unterzeichner der Erklärung. Gleichzeitig verurteilten sie jeden Versuch einer Kriminalisierung der Kampagne. »Wir sehen diesen Akt des zivilen Ungehorsams als Ausdruck für das Streiten um die Unversehrtheit der jetzigen und der kommenden Generationen«, heißt es weiter. »In Anbetracht der Ungeheuerlichkeit des Nichtausstiegs aus der Atomenergie, der wissentlich Mensch und Natur heute und auf unabsehbare Zukunft in große Gefahr bringt und schädigt, halten wir Castor? Schottern! für ein nachvollziehbares und aufrüttelndes Vorgehen gegen Atomkraft und erklären uns solidarisch mit den Protesten im November im Wendland.« Ungeachtet der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen beteiligten sich am Wochenende rund 60 Aktivisten an einem Training der Kampagne im Wendland. Etwa ein Dutzend von ihnen war bereit, an einem nicht befahrenen Gleis vor der Kamera zu demonstrieren, wie die Aktion praktisch laufen soll: Sie kratzten und traten die Schottersteine aus dem Gleisbett. »Man braucht nur Hände, Füße und eine Paar Handschuhe«, erläuterten die Atomkraftgegner. Sie sehen ihre Aktionsform dabei nicht als Alternative, sondern als Ergänzung zu Sitzblockaden. Viele Menschen, die zunächst auf den Schienen protestieren wollten, würden sich im Anschluß auf die Straße setzen. Auch wenn es nicht gelinge, den Transport selbst längerfristig zu stoppen, könne es gelingen, die Polizei in eine Situation zu bringen, in der der Transport ohne Gewaltanwendung wie in Stuttgart nicht durchzusetzen sei. Auf ihrer Internetseite hat die Gruppe ein Video veröffentlicht, das das Castor-Schottern ebenfalls dokumentiert. Gleichzeitig warnten Atomkraftgegner erneut vor dem Schüren von Ängsten und Panikmache seitens der Polizei und Politikern. »Wir kennen das aus der Vergangenheit: Vor jedem Castortransport werden solche Gewaltszenarien an die Wand gemalt«, hieß es in einer Mitteilung von »ausgestrahlt«. Anschließend würde dann die Gewaltfreiheit der Protestbewegung gelobt. Das Magazin Focus berichtet in seiner aktuellen Ausgabe unter Berufung auf eine vertrauliche Lageeinschätzung des Bundeskriminalamtes (BKA), daß die Polizei beim Castortransport mit heftigen Krawallen rechne. |
Bearbeitet am: 19.10.2010/ad