rowo.jpg (2871 Byte)

Magazin 1/2004

Atomklo - nein danke!

Der Salzstock Gorleben darf niemals zum atomaren Endlager werden!

Der Streit um den Endlagerstandort Gorleben geht weiter. Seit 30 Jahren wird darüber gestritten, ob der ausgewählte Salzstock überhaupt als Endlager geeignet ist. Bundes- und Landesregierungen jedweder Couleur haben sich mit diesem Politikum rumgeschlagen und alle haben sich daran die Finger verbrannt. Die jetzige Bundesregierung will alle Voraussetzungen schaffen, damit im Jahr 2030 ein fertiges Atommüll-Endlager bereit steht.

rwm1.jpg (17223 Byte)
Jeder neue Castortransport ins Zwischenlager zementiert Gorleben als Endlager-Standort (Foto: Greenpeace)


Bereits im Februar 1999 gründete Bundesumweltminister Jürgen Trittin den Arbeitskreis Auswahlverfahren Endlagerstandorte (AKEnd). Die Expertengruppe sollte ein Verfahren zur Standortauswahl entwickeln, das frühere Fehler bei der Endlagersuche vermeidet. Der Standort Gorleben war Mitte der siebziger Jahre von der niedersächsischen Landesregierung nach einem "Standortsuchverfahren" zum "Nuklearen Entsorgungszentrum" bestimmt worden. Wie diese Suche vonstatten ging und welche Kriterien für die Entscheidung ausschlaggebend waren, ist bis heute im Einzelnen öffentlich nicht bekannt.

Die spärlich vorliegenden Informationen zeigen jedoch, dass das Verfahren schon damals nicht den methodischen Anforderungen einer Endlagerstandortsuche entsprochen hat. Äußerungen des damaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht (CDU) belegen, dass vor allem strukturpolitische Gesichtspunkte, insbesondere die Lage Gorlebens an der Grenze zur DDR, die damalige Entscheidung bestimmt haben.

Die Auswahl Gorlebens als Endlagerstandort war in erster Linie politisch motiviert. Geowissenschaftliche Beurteilungen spielten bei der Festlegung allenfalls eine untergeordnete Rolle, obwohl deren Bedeutung für die Langzeitsicherheit eines Atommüll-Endlagers auch in den siebziger Jahren bekannt waren.

Die jahrelange Diskussion um die Tauglichkeit des Salzstocks Gorleben schien mit der Gründung des AKEnd schließlich Früchte zu tragen. Die rot-grüne Bundesregierung erklärte Zweifel an der Eignung des Standorts Gorleben und im Einvernehmen mit den Stromkonzernen wurde am 1. Oktober 2000 die Erkundung des Salzstocks unterbrochen (Moratorium).

Doch das ist nur eine Seite der Medaille: Bis heute hat es das Bundesumweltministerium versäumt, die zahlreichen planerischen und geowissenschaftlichen Erkenntnisse, die gegen die Eignung des Salzstocks sprechen, zu veröffentlichen. Ganz im Gegenteil: Im Juni 2001 unterzeichneten Vertreter der rot-grünen Bundesregierung den so genannten Konsensvertrag mit den Energieversorgungsunternehmen. In diesem Vertrag wird der Salzstock Gorleben als "eignungshöffig" bezeichnet. Die Stromkonzerne interpretieren diese Bewertung in ihrem Sinne und erklären den Salzstock als Endlager geeignet oder tauglich und verweigern die Mitarbeit bzw. Finanzierung einer neuen Standortsuche.

Dabei sprechen die geologischen Befunde des Standortes Gorleben eine deutliche Sprache. Sie besagen unmissverständlich, dass der Salzstock als Endlager ausscheidet (siehe Kasten). Der endgültige Stopp der Erkundungsarbeiten in Gorleben gehört daher seit Jahren zu den zentralen energiepolitischen Forderungen von ROBIN WOOD.

Im Dezember 2002 legte der AKEnd seine Empfehlungen für ein Standortauswahlverfahren mit sicherheitsgerichteten und sozialwissenschaftlichen Kriterien vor. Doch schon der erste Schritt zur endgültigen Festlegung und Umsetzung des AKEnd-Verfahrens, nämlich die Gründung einer "Verhandlungsgruppe", scheiterte. VertreterInnen der Kirche, der Gewerkschaften, von SPD und Grünen und der Umweltverbände signalisierten ihre Mitarbeit; die CDU/CSU, FDP und die Atomindustrie verweigern diese jedoch bis heute. Gewichtigstes Argument: Wozu eine erneute Suche, da gibt es doch das Endlager in Gorleben und das müsse nur noch zu Ende erkundet werden und basta!

Den Atomkonzernen geht es in erster Linie ums Geld. Sie lehnen es ab, die Kosten für eine weitere Standortsuche und -erkundung zu zahlen. Nach dem Verursacherprinzip sind die Atomkonzerne aber verpflichtet, alle Kosten der Entsorgung zu übernehmen. 1,3 Milliarden Euro wurden in Gorleben bisher verbuddelt. Das Bundesumweltministerium schätzt, dass jede weitere Suche und Erkundung weniger kosten wird. 31 Millionen Euro haben die Atomkonzerne in den vergangenen Jahren von ihren KundInnen - über den Strompreis - für den Rückbau der Atomkraftwerke und die Beseitigung des Atommülls kassiert. Dieses Geld konnte steuerfrei "zur Seite gelegt" und für den Machtausbau genutzt werden. Aufkäufe in der Wasser-, Gas-, Müllverbrennungs- oder IT-Branche wurden so finanziert. Freiwillig werden die Stromkonzerne dieses Geld nicht wieder hergeben und für den eigentlichen Zweck, nämlich der Erkundung und Errichtung eines sicheren Endlagers einsetzen.

rwm2.jpg (16173 Byte)

Das Bundesumweltministerium hat - nach dem Scheitern des AKEnd-Verfahrens - jetzt andere Pläne: durch eine Änderung des Atomgesetzes soll das Endlagerauswahlverfahren noch in dieser Legislaturperiode verbindlich festgelegt werden. Doch solange das Ministerium die Fragen nicht offen legt, die an der Eignung des Salzstocks Gorleben zweifeln lassen, ist zu befürchten, dass - wie auch immer das Gesetz aussieht - Gorleben als favorisierter Standort übrig bleibt.

Bettina Dannheim ist Energierefentin von ROBIN WOOD in Hamburg und telefonisch unter: 040/38089221 oder per E-Mail energie@robinwood.de zu erreichen

Der Artikel ist erschienen unter: http://www.umwelt.org/robin-wood/german/magazin/200401/artikel1.htm


ROBIN WOOD-Magazin
Lindenallee 32
16303 Schwedt
Tel.: 03332/2520-10, Fax: -11,
magazin@robinwood.de

www.robinwood.de

Spenden für den Verein: ROBIN WOOD e.V.,
Sozialbank Hannover, BLZ: 251
205 10, Konto: 845 55 00


Argumente

Wissenschaftliche Argumente gegen den Salzstock Gorleben als atomares Endlager

Im gemäßigten Klimabereich schützt das Deckgebirge einen Salzstock vor Auflösung durch Niederschlags- und Grundwasser. Ein in diesem Sinne gutes Deckgebirge, das eine flächenhafte tonige Überdeckung des Salzstocks bildet, ist am Standort Gorleben nicht vorhanden. Da das Deckgebirge als wirksame Barriere gegen die Ausbreitung langlebiger radioaktiver Partikel (Radionuklide) weitgehend ausfällt, müsste der Salzstock allein die gesamte "Sicherheitslast" tragen. Dies ist für ein atomares Endlager nicht akzeptabel.

Das Deckgebirge des Salzstocks Gorleben ist sehr kompliziert aufgebaut. Das tiefere Grundwasserstockwerk und oberflächennahes Grundwasser stehen stellenweise in Verbindung miteinander. Ursache hierfür ist die fehlende durchgängige Isolation der Grundwasserstockwerke durch eine ausreichend mächtige und dichte Tonschicht. Dies bedeutet, dass tiefes Grundwasser aus dem Bereich direkt über dem Salzstock stellenweise in den oberflächennahen Grundwasserleiter aufströmt und nach gegenwärtiger Kenntnis im Bereich der Elbeniederung an die Grundwasseroberfläche gelangt. Für den Fall des Austritts von Radionukliden aus dem Salzstock würde das bedeuten, dass ein direkter Transportweg für Radionuklide vom Salzstock in Richtung Biosphäre besteht.

Im Bereich der so genannten "Gorlebener Rinne", die sich über dem Salzstock erstreckt, liegen grundwasserführende Gesteine unmittelbar auf dem durch Salzablaugung entstandenen "Hutgestein" und stellenweise auch direkt auf dem Salzgestein. Hier wird der Salzstock weiterhin durch Grundwasser abgelaugt (Subrosion). Die Subrosion geschieht nicht nur flächenhaft, sondern es kann in bestimmten Bereichen des Salzstocks auch zu einer verstärkten so genannten "vorauseilenden Subrosion" kommen. Dadurch wird die Barriere Salzstock langfristig geschwächt.

Modellrechnungen zur Grundwasserbewegung im Deckgebirge zeigen, dass die Laufzeiten (oder "Aufstiegszeiten") des Grundwassers vom Bereich der Salzstockoberfläche bis hin ins oberflächennahe Grundwasser - in geologischen Zeiträumen gedacht - sehr kurz sind (einige wenige tausend Jahre bis mehrere tausend Jahre). Dies bedeutet, dass aus dem Salzstock austretende Radionuklide schnell in Richtung Biosphäre transportiert würden. Auch bei Berücksichtigung von gewissen Rückhaltemechanismen (Sorption u.ä.) ist davon auszugehen, dass Radionuklide mit längeren Halbwertszeiten in relativ kurzer Zeit die Biosphäre erreichen würden.

Bearbeitet am: 03.03.2004/ad


zurück zur Homepage