Die Erkundung des Gorlebener Salzstocks ruht, der Atommüllberg wächst, doch die Suche nach einem alternativen Lagerort kommt nicht voran. Die Politik laviert, und die Industrie spielt auf Zeit.
Von CARSTEN JASNER und THORSTEN FUTH (Fotos)
| Einmal ist Andreas Graf von Bernstorff 840 Meter hinab in
die Höhle des Löwen gefahren. Er wollte mit eigenen Augen sehen, was er seit 25 Jahren
bekämpft: die Erkundung des Gorlebener Salzstocks auf seine Tauglichkeit als Endlager
für hochaktiven Atommüll. Vor allem aber wollte er wissen, ob die Sprengmeister
widerrechtlich in seinen, den gräflichen Salzstock vorgedrungen seien. Doch man
chauffierte ihn zu einer sauber gefrästen Grenzwand, und beruhigt fuhr der Graf wieder
auf Woher er wusste, dass dies die Grenze war? "Nun", erklärt er, "das
haben sie mir gesagt." "Dort unten bekommt man den Tunnelblick", sagt Wolfgang Ehmke, Vorsitzender der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg. Schön warm und trocken sei es da, die Erläuterungen der Betreiber klingen plausibel. "Die Probleme sieht man nicht."
Es ist sogar recht hübsch dort unten. Herr Islinger, ein drahtiger Geologe mit
Dreitagebart und rautenförmigen Brillengläsern führt durch hell erleuchtete Stollen,
orange Salzkristalle glitzern an den Wänden und Graffitis umkringeln so genannte
Laugennester -"historisches Meerwasser" lag dort, sagt Herr Islinger, "seit
250 Millionen Jahren ohne Kontakt zur Erdoberfläche". Die Stollen sind großzügig
angelegt, drei Geländewagen könnten lässig nebeneinander kurven, die Böden sind
stolperfrei planiert, und damit einem keine Salzbrocken auf den Kopf fallen, sind die
Gewölbedecken mit Netzen gesichert. Ober der Werkbank hängt ein Werbeplakat des TÜV - Kind zwischen Marna und Papa - mit der Aufschrift: "Wir begleiten die Zukunft". So verstehen auch die Bergleute ihren Auftrag.
SICHER .. LAGERN FUR EINE MILLION JAHRE?
der Republik glaubt, Zwischenlager und Endlager seien identisch. Sie glauben wahrscheinlich: Das Zwischenlager heißt nur deshalb Zwischenlager, weil es als Endlager noch nicht genehmigt ist. Und gemeint ist immer der Salzstock." Wenn dem so ist, dann sei die Frage gestattet: Wem nützt diese Verwirrung? Kurzer aufklärerischer Exkurs: Das Gorlebener Zwischenlager ist eine grüne überirdische Betonhalle, etwa einen Kilometer vom Salzstock entfernt. In der Halle stehen zurzeit 44 tonnenartige Behälter, der überwiegende Teil davon so genannte Castoren. Sie sind rot, blau und orange lackiert, jeder einzelne wiegt 112 Tonnen, misst sechs Meter in der Höhe und zwei im Durchmesser. Selbst wenn man wollte, könnte man sie in den nächsten Jahrzehnten nicht im Salzstock versenken. Erstens müssen die Castoren 20 bis 30 Jahre über Tage abkühlen. Zweitens sind sie zu groß; damit der Müll durch den Schacht passt, ist vorgesehen, ihn in der benachbarten "Pilotkonditionierungsanlage" in kleinere "Pollux"-Behälter umzudosen. Drittens gibt es weltweit noch keinen Aufzug, der stark genug wäre, die dann rund 85 Tonnen schweren Frachten hinabzuhieven. Und viertens ist der Salzstock noch lange nicht aufnahmebereit. Er müsste weitere vier Jahre erkundet werden, 15 bis 20 Jahre würde das anschließende Planfeststellungsverfahren dauern, erst dann könnte der Stollenausbau zum Endlager beginnen, und zwar auf einer noch nicht erschlossenen Sohle 40 bis 50 Meter unter dem jetzigen Erkundungsbergwerk, was noch einmal fünf Jahre dauern würde.
Auf der ganzen Welt gibt es derzeit kein Endlager für hochradioaktiven Müll (siehe
Kasten Seite 73). Und vor dem Jahr 2035 dürfte auch in Gorleben nicht eine Abfalltonne
die Erde von unten sehen. Wenn denn überhaupt. "Es gibt nicht das perfekte Endlager", gestehen alle Geologen, sogar Herr Islinger. Und tatsächlich ummantelt den Gorlebener Salzstock keine einheitliche Tonschicht. Vor allem an den Flanken, sagen Kritiker, habe Grundwasser direkten Kontakt mit dem Salz; das bewiesen Hausbrunnen, die aus 6o bis go Meter Tiefe Salzwasser geschöpft hätten. Zudem durchzieht die "Gorlebener Rinne" die etwa viereinhalb Kilometer breite Oberfläche des Stocks. Sie ist entstanden vor 5oo.ooo Jahren während der Elster-Eiszeit, als unter den Gletschern Geröll führendes Schmelzwasser die Tonschicht abradierte. Später füllte sich die Rinne mit einer neuen rund 250 Meter dicken, allerdings sehr grobkörnigen Tonmasse. Gefürchtet sind auch Anhydrit-Vorkommen, klüftige Schichten, die den Salzstock vertikal durchschneiden und sich als Wasserleiter gut eignen. Sie seien mehrfach unterbrochen, behaupten die Betreiber. Das ist nicht bewiesen, entgegnen da die Kritiker. Der eigentliche Knackpunkt seien die abgeteuften Schächte, sagt Herr Islinger. Stimmt, sagen die Kritiker, durch die könnte am ehesten Wasser eindringen.
Neben dem Grad von Andreas Graf von Bernstorff ragt der Förderturm des Erkundungsbergwerks auf. Auch das Zwischenlager (o.mitte) ist nur einige hundert Meter entfernt.
Das ist die Lehre aus dem Gorleben-Desaster. Ende der 7oer Jahre wurde es, wie AkEndMitglied Jürgen Kreusch formuliert, "per Ordre de Mufti" durchgedrückt. Doch die als behäbig eingeschätzten Bauern fühlten sich übergangen und donnern bis heute auf ihren Traktoren jedem Castor-Transport wütend entgegen - angefeuert von rund 2o.ooo Aktivisten aus dem ganzen Bundesgebiet. Nun solle die Bevölkerung, schlägt der AkEnd vor, von Anfang an "aktiv beteiligt" werden Umweltverbände und EVUs, Parteien und Gewerkschaften, Kirchen und Landkreise bis zu den Menschen vor Ort dürften mitreden. "Auch dabei wird es Ärger geben", sagt Jürgen Kreusch, "niemand will ein Endlager vor seiner Haustür." Aber der Prozess sei einer zivilen Demokratie angemessen. Und diesmal dürfe man die betroffenen Gemeinden "nicht mit einer Umgehungsstraße und drei Schwimmbädern bestechen", sondern müsse ein"langfristiges Zukunftskonzept entwickeln, basierend auf den Stärken und Schwächen der Region". Große Worte. Kleinlich ist die Wirklichkeit. Die "aktive Beteiligung der Öffentlichkeit" scheiterte schon an der
Diskussion der AkEndVorschläge. Die "Verhandlungsrunde", zu der Umweltminister
Jürgen Trittin einlud, sagten CDU und FDP ab, vor allem aber die Stromkonzerne. Sie haben
bereits 1,3 Milliarden Euro in Gorleben investiert, neue Expeditionen zu potenziellen
Endlagern wollen sie nicht bezahlen. Nun bereitet das Umweltministerium eine Novelle des
Atomgesetzes vor, um ohne Einverständnis der Gegner nach "mindestens zwei
Standorten" zu forschen. Was passiert, wenn nichts passiert? "Aus technischer Sicht", sagt Jürgen Auer, Sprecher des Zwischenlagerbetreibers Brennelementelager Gorleben (BLG), "können die Abfälle beliebig lange zwischengelagert werden - mindestens 2000 Jahre." Erst dann werde die Eisenummantelung der Castoren eventuell spröde.
Wolfgang Ehmke von der Bürgerinitiative Lüchow Dannenberg hat sich ohnehin gewundert, dass die EVU so schnell bereit waren, eigene Zwischenlager einzurichten. "Das Problem ist dort wunderbar abgestellt", sagt er. In der Hoffnung, in einigen Jahrzehnten werde sich die Debatte um Gorleben beruhigt haben. "Alle spielen auf Zeit", klagt Ehmke, "nur uns rennt sie davon." Den Widerstand könnten die Wendländer zwar sicher noch etliche Jahre aufrechterhalten. Mit jedem Castor-Transport nach Gorleben aber, fürchtet er, wachse die normative Kraft des Faktischen. Wie auch das Missverständnis, Zwischenlager sei gleich Endlager sei gleich Salzstock. Es ist zum Programm geworden, vermutet der Autor Andreas Maier. "Wenn für die bundesrepublikanische Bevölkerung sowieso schon alle Castoren immer im Salzstock waren, ( ... ) dann soll man doch das Endlager einfach genehmigen, denn die Dinger sind ja schon drin." Die Frage, welches Endlager darf's denn sein, ist nicht nur eine geologische oder sozialwissenschaftliche, sondern auch eine psychologische. Die Macht der Bilder spielt eine große Rolle. Wer glaubt, die Castoren seien bereits unter der Erde, hat wohl TV- Berichte aus Morsleben im Kopf, wo Fässer mit schwach- und mittelradioaktiven Abfällen durch den Salzstock gekarrt wurden. Bilder, die man auf Gorleben überträgt. Stünden die Castoren im Zwischenlager unter freiem Himmel, wie etwa in den USA üblich, dann wären sie mit Sicherheit die perfekten lkonen der Medien: sechs Meter hohe, naiv bunte Mahnmale eines ungelösten, gigantischen Problems. Und in der Tat ist die sie umgebende Halle weniger aus sicherheitstechnischen Gründen gebaut worden, räumt Jürgen Auer von der BLG ein. "Sie steht da vor allem aus optischen Gründen. " Nukleare Prüderie? Oder ein Verwirrspiel mit System. Wenn der Nachbar Andreas Graf von Bernstorff in seinem beschaulichen Schloss an die bunten Büchsen ein paar Kilometer weiter denkt, schaudert es ihn regelmäßig. Er findet die Situation "total ungemütlich". Seit mehr als 300 Jahren ist seine Familie auf dem Gut Gartow fest verwurzelt, doch Bernstorff ist einer der wenigen, der in europäischen Dimensionen denkt. Alle Nationen hätten doch das gleiche Problem, sagt er, warum tue man sich nicht zusammen, und suche nach dem für alle bestgeeigneten Standort? Dann kneift er die Augen zusammen und es keimt in ihm eine fatale Vision: Im schlimmsten Falle hieße die europäische Lösung allerdings Gorleben." |
Bearbeitet am: 29.02.2004/ad