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Nr. 2/2004

WO BITTE GEHT'S HIER ZUM ENDLAGER?

Die Erkundung des Gorlebener Salzstocks ruht, der Atommüllberg wächst, doch die Suche nach einem alternativen Lagerort kommt nicht voran. Die Politik laviert, und die Industrie spielt auf Zeit.

Von CARSTEN JASNER und THORSTEN FUTH (Fotos)

Einmal ist Andreas Graf von Bernstorff 840 Meter hinab in die Höhle des Löwen gefahren. Er wollte mit eigenen Augen sehen, was er seit 25 Jahren bekämpft: die Erkundung des Gorlebener Salzstocks auf seine Tauglichkeit als Endlager für hochaktiven Atommüll. Vor allem aber wollte er wissen, ob die Sprengmeister widerrechtlich in seinen, den gräflichen Salzstock vorgedrungen seien. Doch man chauffierte ihn zu einer sauber gefrästen Grenzwand, und beruhigt fuhr der Graf wieder auf Woher er wusste, dass dies die Grenze war? "Nun", erklärt er, "das haben sie mir gesagt."

"Dort unten bekommt man den Tunnelblick", sagt Wolfgang Ehmke, Vorsitzender der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg. Schön warm und trocken sei es da, die Erläuterungen der Betreiber klingen plausibel. "Die Probleme sieht man nicht."

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Kein Licht ann Ende des Tunnels: Der Salzstock in Gorleben bleibt als Endlaqer äußerst umstritten.

Es ist sogar recht hübsch dort unten. Herr Islinger, ein drahtiger Geologe mit Dreitagebart und rautenförmigen Brillengläsern führt durch hell erleuchtete Stollen, orange Salzkristalle glitzern an den Wänden und Graffitis umkringeln so genannte Laugennester -"historisches Meerwasser" lag dort, sagt Herr Islinger, "seit 250 Millionen Jahren ohne Kontakt zur Erdoberfläche". Die Stollen sind großzügig angelegt, drei Geländewagen könnten lässig nebeneinander kurven, die Böden sind stolperfrei planiert, und damit einem keine Salzbrocken auf den Kopf fallen, sind die Gewölbedecken mit Netzen gesichert.
Bis Ende 2ooo, zum Beginn des Erkundungs-Moratoriums, haben rund 12o Bergleute rund um die Uhr fünf Jahre lang sieben Kilometer Strecke gebuddelt. jetzt fahren noch rund 15 Männer zur Frühschicht ein, um den Stillstand zu verwalten. "Streckenerhaltsicherheitsmagnahrnen" heißt das, wenn sie in offenen Mercedes-Geländewagen durch die Stollen heizen. In der riesigen KfzWerkstatt, die an einen Flugzeughangar erinnert, reparieren zwei Männer einen Sprenglochbohrwagen, der offenbar auch kaputt gehen kann, wenn er nichts tut.

Ober der Werkbank hängt ein Werbeplakat des TÜV - Kind zwischen Marna und Papa - mit der Aufschrift: "Wir begleiten die Zukunft". So verstehen auch die Bergleute ihren Auftrag.

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Die Kfz-Werkstatt unter Tage ist tipptopp ausgestattet. In den Gängen (rechts) wurden "Laugennester" rnarkiert.

 

SICHER .. LAGERN FUR EINE MILLION JAHRE?


Doch die Zukunft ist störrisch. Niemand weiß, wie es weitergeht. Weil Kritiker fürchteten, die Erkundung sei der heimliche Ausbau zum Endlager, handelte die rot-grüne Bundesregierung im so genannten Atomkonsens mit den Energieversorgungsunternehrnen (EVU) den Stopp der Arbeiten für bis zu zehn Jahre aus. Das Moratorium unter Tage scheint sich jedoch zu einem Moratorium in den Köpfen ausgeweitet zu haben. Kaum einer wagt, über das größte ungelöste Umweltproblem der Menschheit laut nachzudenken. Die sichere Lagerung hochradioaktiver Abfälle für eine gute Million Jahre taucht in gesellschaftlichen Debatten seit Jahren bestenfalls am Rande auf. Erkundet wird in Deutschland derzeit nirgendwo. Es gibt keine greifbare Alternative zu Gorleben.
Im Gegenteil, der Stillstand scheint ein krasses Fehlbild einzufrieren. Der Autor Andreas Maier schrieb vor Monaten in der "Zeit", dass er ins Wendland gezogen sei, und erst dort, am Ort der Strahlung, sei ihm aufgefallen, dass er gar nicht wisse, wo deren Quell lagert. Er startete eine Blitzumfrage unter Freunden und Verwandten, und siehe da: Wie er dachten fast alle, die Atommüll gefüllten Castoren lägen bereits unter Tage im Gorlebener Salz. Den Grund für diese Verwirrung vermutet Maier darin, dass "der größte Teil

 

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der Republik glaubt, Zwischenlager und Endlager seien identisch. Sie glauben wahrscheinlich: Das Zwischenlager heißt nur deshalb Zwischenlager, weil es als Endlager noch nicht genehmigt ist. Und gemeint ist immer der Salzstock."

Wenn dem so ist, dann sei die Frage gestattet: Wem nützt diese Verwirrung?

Kurzer aufklärerischer Exkurs: Das Gorlebener Zwischenlager ist eine grüne überirdische Betonhalle, etwa einen Kilometer vom Salzstock entfernt. In der Halle stehen zurzeit 44 tonnenartige Behälter, der überwiegende Teil davon so genannte Castoren. Sie sind rot, blau und orange lackiert, jeder einzelne wiegt 112 Tonnen, misst sechs Meter in der Höhe und zwei im Durchmesser. Selbst wenn man wollte, könnte man sie in den nächsten Jahrzehnten nicht im Salzstock versenken. Erstens müssen die Castoren 20 bis 30 Jahre über Tage abkühlen. Zweitens sind sie zu groß; damit der Müll durch den Schacht passt, ist vorgesehen, ihn in der benachbarten "Pilotkonditionierungsanlage" in kleinere "Pollux"-Behälter umzudosen. Drittens gibt es weltweit noch keinen Aufzug, der stark genug wäre, die dann rund 85 Tonnen schweren Frachten hinabzuhieven. Und viertens ist der Salzstock noch lange nicht aufnahmebereit. Er müsste weitere vier Jahre erkundet werden, 15 bis 20 Jahre würde das anschließende Planfeststellungsverfahren dauern, erst dann könnte der Stollenausbau zum Endlager beginnen, und zwar auf einer noch nicht erschlossenen Sohle 40 bis 50 Meter unter dem jetzigen Erkundungsbergwerk, was noch einmal fünf Jahre dauern würde.

 

Auf der ganzen Welt gibt es derzeit kein Endlager für hochradioaktiven Müll (siehe Kasten Seite 73). Und vor dem Jahr 2035 dürfte auch in Gorleben nicht eine Abfalltonne die Erde von unten sehen. Wenn denn überhaupt.
Denn seit 20 Jahren zweifeln Geologen, ob der Salzstock überhaupt geeignet ist. Für jedes Gutachten, das Gorleben als Endlager empfiehlt, ruht in den Schubladen der Verantwortlichen mindestens eines, das vom Ausbau abrät. Und immer geht es um den GAU im Endlager: Könnte sich Grundwasser in den nächsten paar tausend Jahren einen Weg durch den Salzstock bahnen bis zur vorgesehenen Lagerstätte in 900 Meter Tiefe und dann, angereichert mit Radionukliden, zurück in die Biosphäre gelangen?

"Es gibt nicht das perfekte Endlager", gestehen alle Geologen, sogar Herr Islinger. Und tatsächlich ummantelt den Gorlebener Salzstock keine einheitliche Tonschicht. Vor allem an den Flanken, sagen Kritiker, habe Grundwasser direkten Kontakt mit dem Salz; das bewiesen Hausbrunnen, die aus 6o bis go Meter Tiefe Salzwasser geschöpft hätten. Zudem durchzieht die "Gorlebener Rinne" die etwa viereinhalb Kilometer breite Oberfläche des Stocks. Sie ist entstanden vor 5oo.ooo Jahren während der Elster-Eiszeit, als unter den Gletschern Geröll führendes Schmelzwasser die Tonschicht abradierte. Später füllte sich die Rinne mit einer neuen rund 250 Meter dicken, allerdings sehr grobkörnigen Tonmasse. Gefürchtet sind auch Anhydrit-Vorkommen, klüftige Schichten, die den Salzstock vertikal durchschneiden und sich als Wasserleiter gut eignen. Sie seien mehrfach unterbrochen, behaupten die Betreiber. Das ist nicht bewiesen, entgegnen da die Kritiker. Der eigentliche Knackpunkt seien die abgeteuften Schächte, sagt Herr Islinger. Stimmt, sagen die Kritiker, durch die könnte am ehesten Wasser eindringen.

 


BIS ZU 17 ORTE WÄREN ALS ENDLAGER GEEIGNET

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Neben dem Grad von Andreas Graf von Bernstorff ragt der Förderturm des Erkundungsbergwerks auf. Auch das Zwischenlager (o.mitte) ist nur einige hundert Meter entfernt.

 


So alt die Zweifel am Salzstock sind, so neu war der Beschluss der Bundesregierung, sie ernst zu nehmen. 1999 beauftragte die rot-grüne Koalition eine Expertenkommission, ein Verfahren für die Suche nach Standorten jenseits von Gorleben zu entwickeln. Geradezu revolutionär sind die Ergebnisse, die die 14 Mitglieder des "Arbeitskreis Endlager" (AkEnd) Ende 2002 vorlegten: Nicht nur sicherheitstechnische Aspekte müsse man berücksichtigen, sondern auch die "Befindlichkeit der Bevölkerung".

Das ist die Lehre aus dem Gorleben-Desaster. Ende der 7oer Jahre wurde es, wie AkEndMitglied Jürgen Kreusch formuliert, "per Ordre de Mufti" durchgedrückt. Doch die als behäbig eingeschätzten Bauern fühlten sich übergangen und donnern bis heute auf ihren Traktoren jedem Castor-Transport wütend entgegen - angefeuert von rund 2o.ooo Aktivisten aus dem ganzen Bundesgebiet.

Nun solle die Bevölkerung, schlägt der AkEnd vor, von Anfang an "aktiv beteiligt" werden Umweltverbände und EVUs, Parteien und Gewerkschaften, Kirchen und Landkreise bis zu den Menschen vor Ort dürften mitreden. "Auch dabei wird es Ärger geben", sagt Jürgen Kreusch, "niemand will ein Endlager vor seiner Haustür." Aber der Prozess sei einer zivilen Demokratie angemessen. Und diesmal dürfe man die betroffenen Gemeinden "nicht mit einer Umgehungsstraße und drei Schwimmbädern bestechen", sondern müsse ein"langfristiges Zukunftskonzept entwickeln, basierend auf den Stärken und Schwächen der Region". Große Worte. Kleinlich ist die Wirklichkeit.

Die "aktive Beteiligung der Öffentlichkeit" scheiterte schon an der Diskussion der AkEndVorschläge. Die "Verhandlungsrunde", zu der Umweltminister Jürgen Trittin einlud, sagten CDU und FDP ab, vor allem aber die Stromkonzerne. Sie haben bereits 1,3 Milliarden Euro in Gorleben investiert, neue Expeditionen zu potenziellen Endlagern wollen sie nicht bezahlen. Nun bereitet das Umweltministerium eine Novelle des Atomgesetzes vor, um ohne Einverständnis der Gegner nach "mindestens zwei Standorten" zu forschen.
Theoretisch kommen in Deutschland bis zu 17 Plätze in Frage - Salzstöcke, Granitmassive und Tonlagen (siehe Karte). Während sich andere Länder durch Granit oder Ton graben (siehe Kasten), favorisieren deutsche Geologen das plastisch wirkende, hitzebeständige Salz. Doch sollten die EVU die Suche nach weiteren Standorten nicht finanzieren - im Gespräch sind Summen zwischen 5oo Millionen und mehr als zwei Milliarden Euro -, wer dann? Staatsgelder fließen selten in unpopuläre Projekte. Und vor der Bundestagswahl 2006 wird die Regierung sicher keine deutsche Region durch die Aussicht auf ein neues Endlager verschrecken.

Was passiert, wenn nichts passiert? "Aus technischer Sicht", sagt Jürgen Auer, Sprecher des Zwischenlagerbetreibers Brennelementelager Gorleben (BLG), "können die Abfälle beliebig lange zwischengelagert werden - mindestens 2000 Jahre." Erst dann werde die Eisenummantelung der Castoren eventuell spröde.

Sicheres Endlager verzweifelt gesucht

Die australische Wüste sei der ideale internationale Atomfriedhof, argumentieren manche Geologen - der Gefahr weltumspannender Atomtransporte zum Trotz. Doch die Regierung in Canberra winkt ab. Anders Russland: Es bietet gegen Devisen ein Lager bei Krasnojarsk für ausländischen Nuklearmüll an. Russische Atomstandorte aber sind notorisch unsicher. Die Schweizer Regierung denkt an einen Tonstollen nahe der deutschen Grenze bei Schaffhausen. Für Ton sprechen geringe Wasserdurchlässigkeit und die Fähigkeit, Schadstoffe zu binden. Doch die Eidgenossen legen per direkter Demokratie bisher gegen jedes Endlager ihr Veto ein. Schweden hingegen will ab 2015, Finnland ab 2020 endlagern. Beide Länder setzen auf Akw-nahe Standorte und auf Granit, das hart und hitzefest, aber womöglich brüchig ist. 35 Millimeter dicke Kupfermäntel sollen die Behälter eine Million Jahre vor Korrosion schützen.

In gewohnter Manier prescht die US-Regierung voran: Gegen den Widerstand des Bundesstaats Nevada will sie ihren Müll ab 2010 nördlich von Las Vegas im Yucca-Mountain versenken. Geologen raten vom harten Schmelztuff-Vulkangestein ab, es sei wasserdurchlässig, die Region zudem womöglich geologisch unstabil. Doch die Regierung vertraut der Beständigkeit der Schutzbehälter.

Wolfgang Ehmke von der Bürgerinitiative Lüchow Dannenberg hat sich ohnehin gewundert, dass die EVU so schnell bereit waren, eigene Zwischenlager einzurichten. "Das Problem ist dort wunderbar abgestellt", sagt er. In der Hoffnung, in einigen Jahrzehnten werde sich die Debatte um Gorleben beruhigt haben. "Alle spielen auf Zeit", klagt Ehmke, "nur uns rennt sie davon." Den Widerstand könnten die Wendländer zwar sicher noch etliche Jahre aufrechterhalten. Mit jedem Castor-Transport nach Gorleben aber, fürchtet er, wachse die normative Kraft des Faktischen.

Wie auch das Missverständnis, Zwischenlager sei gleich Endlager sei gleich Salzstock. Es ist zum Programm geworden, vermutet der Autor Andreas Maier. "Wenn für die bundesrepublikanische Bevölkerung sowieso schon alle Castoren immer im Salzstock waren, ( ... ) dann soll man doch das Endlager einfach genehmigen, denn die Dinger sind ja schon drin."

Die Frage, welches Endlager darf's denn sein, ist nicht nur eine geologische oder sozialwissenschaftliche, sondern auch eine psychologische. Die Macht der Bilder spielt eine große Rolle. Wer glaubt, die Castoren seien bereits unter der Erde, hat wohl TV- Berichte aus Morsleben im Kopf, wo Fässer mit schwach- und mittelradioaktiven Abfällen durch den Salzstock gekarrt wurden. Bilder, die man auf Gorleben überträgt. Stünden die Castoren im Zwischenlager unter freiem Himmel, wie etwa in den USA üblich, dann wären sie mit Sicherheit die perfekten lkonen der Medien: sechs Meter hohe, naiv bunte Mahnmale eines ungelösten, gigantischen Problems. Und in der Tat ist die sie umgebende Halle weniger aus sicherheitstechnischen Gründen gebaut worden, räumt Jürgen Auer von der BLG ein. "Sie steht da vor allem aus optischen Gründen. " Nukleare Prüderie? Oder ein Verwirrspiel mit System.

Wenn der Nachbar Andreas Graf von Bernstorff in seinem beschaulichen Schloss an die bunten Büchsen ein paar Kilometer weiter denkt, schaudert es ihn regelmäßig. Er findet die Situation "total ungemütlich". Seit mehr als 300 Jahren ist seine Familie auf dem Gut Gartow fest verwurzelt, doch Bernstorff ist einer der wenigen, der in europäischen Dimensionen denkt. Alle Nationen hätten doch das gleiche Problem, sagt er, warum tue man sich nicht zusammen, und suche nach dem für alle bestgeeigneten Standort? Dann kneift er die Augen zusammen und es keimt in ihm eine fatale Vision: Im schlimmsten Falle hieße die europäische Lösung allerdings Gorleben."

Bearbeitet am: 29.02.2004/ad


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