Plusminus-Sendung
vom 23. Juli 2002
zu Störfallberechnungen Castor-Behälter

Atommüll

plusminus enthüllt Fehler bei Störfallberechnungen für den Castor-Behälter

Autor: Dr. Jörg Heimbrecht

Der Castor HAW 20/28 CG transportiert so genannte Glaskokillen mit hochradioaktivem Atommüll aus der französischen Wiederaufbereitungsanlage La Hague nach Gorleben. Während der Fahrt trägt er Stoßdämpfer, die bei einem möglichen Unfall den Aufprall dämpfen sollen.

Im Atommüllzwischenlager Gorleben werden die Stoßdämpfer abmontiert, sobald der Transport-Lkw in die Halle fährt. Dann wird der Castor abgeladen. Dafür muss er vom Kran 3 Meter über den Betonboden der Lagerhalle angehoben werden, aber auch da droht ihm angeblich keine Gefahr.

[plusminus liegt eine bislang vertrauliche Störfallbetrachtung des Gorleben-Betreibers GNS vor, die Bestandteil der Genehmigung für das Atommülllager ist. Das Fazit: "Somit ist die mechanische Integrität des Behälters auch bei einem Absturz auf den Hallenboden gewährleistet." Der Behälter bleibt demnach ganz.

Ob das stimmt, hat man bei diesem Castor nicht getestet, sondern nur berechnet: Danach knallt er bei so einem Fall auf den Hallenboden, schlägt den Beton kaputt und wird von einer Sandschicht darunter abgebremst. Der Castor - das behauptet der Hersteller - werde dabei nur ein bisschen verbeult.

Das bestreitet Friedhelm Timpert von der Hamburger STM Safety Technology Management GmbH, der in einem Arbeitskreis der Internationalen Atomenergiebehörde mitarbeitet. Timpert hat für [plusminus die offizielle Störfallbetrachtung nachgerechnet:

"Mir sind in der Arbeit mehr als 20 Fehler aufgefallen", erklärte Timpert gegenüber [plusminus . "Es wurden Zahlen aus DIN-Normen falsch übertragen, es wurden aus der Fachliteratur Formeln falsch abgeschrieben und somit konnte das Ergebnis der Berechnung nicht richtig sein."

Timperts Korrektur sieht aus, wie die versiebte Klassenarbeit eines schlechten Schülers. An einer Stelle hat man Kubikmeter mit Quadratmetern verwechselt, an anderer Stelle hat man in einer Gleichung aus versehen Zähler und Nenner vertauscht und manchmal hat man sich schlicht und einfach verrechnet.

Auch der Hamburger Bauingenieur Prof. Hermann Flessner teilt die Kritik Timperts. Und Flessner muss es wissen, denn er hat selbst Falltests mit Atommüllbehältern wissenschaftlich begleitet. Die offizielle Störfallberechnung bewertet der Professor mit mangelhaft: "In meiner beruflichen Laufbahn habe ich weit mehr als hundert Diplomarbeiten zu beurteilen gehabt. So etwas ist mir nie vorgelegt worden. Wenn ein Diplomand mir eine Arbeit zur Beurteilung vorgelegt hätte, in der so viele Fehler auftreten, dann hätte er mit dieser Arbeit sein Diplom nicht erhalten."

Weil die Rechnung nicht stimme, so Professor Flessner zu [plusminus , sei auch das Ergebnis falsch: Der Castor-Behälter werde - anders als im offiziellen Gutachten berechnet - bei einem Unfall den Betonboden nicht durchschlagen.

Prof. Hermann Flessner: "Wenn der Behälter auf die Betonplatte fällt und sie nicht durchschlägt und im Sand landet, dann ist es sehr wahrscheinlich, dass der Behälter zerstört wird. Es fehlt eine Knautschzone. Die ganze Energie bleibt im Behälter und führt vermutlich zu dessen Zerstörung."

Ob das wirklich so ist, hat die Bundesanstalt für Materialforschung (BAM) nicht mit so einem Castor, sondern mit dem ähnlich aufgebauten Pollux-Behälter getestet.

Ein Werbefilm der Bundesanstalt für Materialforschung (BAM) zeigt es: Für den Test hat man den Boden der Lagerhalle in Gorleben genau nachgebaut: Exakt der gleiche Beton und der gleiche Untergrund wie in Gorleben. Ergebnis gleich mehrerer echter Falltests: Der Behälter schlagt auf und der Beton bleibt ganz. Wie von Professor Flessner vorausgesagt und anders, als in der offiziellen Störfallberechnung behauptet. Der Pollux übersteht das mit leichten Blessuren.

Aber wie sähe das beim Castor aus. Der sieht zwar ähnlich aus, wie der Pollux, hat aber keine zweite Hülle aus Edelstahl und ist daher weit weniger stabil.

Wir wenden uns an Dr. Dirk Windelberg von der Arbeitsgruppe Qualität im Fachbereich Mathematik der Universität Hannover. Er hat im Auftrag von [plusminus nachgerechnet. Ergebnis: "Der Castor schlägt bei einem Fall vom Kran in Gorleben etwa mit der gleichen Aufprallenergie wie der Pollux auf den Hallenboden auf. Da der Castor aber einen größeren Durchmesser hat, würde er den Boden geringer belasten und deswegen wird er bei einem solchen Unfall den Hallenboden nicht durchbrechen."

Der Atommüllbehälter würde nach der seriösen Berechnung des Fachbereichs Mathematik der Uni Hannover bei einem Sturz auf den Hallenboden in Gorleben bis zu 20-mal stärker belastet, als im offiziellen Gutachten behauptet. Die Folge: der Castor bekäme Risse, Radioaktivität träte aus, die Lagerhalle und ihre Umgebung würden im Ernstfall verstrahlt.

Und jeder Castor-Behälter der mit Atommüll aus einer der Wiederaufbereitungsanlagen beladen ist und nach Gorleben transportiert wird, enthält rund ein Fünftel der Radioaktivität, die in Tschernobyl ausgetreten ist.

Das Bundesamt für Strahlenschutz kündigte gegenüber [plusminus an, man wolle die Störfallberechnung jetzt noch einmal überprüfen lassen. Schließlich ist sie ja auch Teil der Genehmigung für Gorleben.

Im französischen La Hague werden die Castoren mit in Glas eingeschmolzenem Atommüll beladen, der bei der Wiederaufbereitung übrig bleibt. Wenn das Bundesamt für Strahlenschutz einen Transportstopp nach Gorleben anordnet, bleiben die Franzosen auf dem deutschen Müll sitzen. Dann sind Konventionalstrafen in mehrstelliger Millionenhöhe fällig.

Die Franzosen nehmen dann auch keine abgebrannten Brennelemente aus deutschen Kernkraftwerken mehr an; so steht es in einer Vereinbarung zwischen der deutschen und der französischen Regierung. Dabei sind allein in diesem Jahr sind noch 19 Atommülltransporte nach La Hague fest vereinbart.

Wenn die gestoppt werden, kann es eng werden für die deutsche Atomindustrie, meint der Physiker Wolfgang Neumann aus Hannover, der Mitglied im Ausschuss für Ver- und Entsorgung der Reaktorsicherheitskommission ist.

Wolfgang Neumann, der bei der Gruppe Ökologie in Hannover arbeitet, zu [plusminus : "Dies könnte bedeuten, dass einige der betriebenen Kernkraftwerke in Kapazitätsprobleme kommen könnten, da die Lagerbecken an den Kernkraftwerken selbst relativ voll sind. Und wenn keine Möglichkeit für die Entsorgung der Brennelemente mehr besteht, müssten die Kernkraftwerke abgeschaltet werden."

Jeder Monat Stillstand kostet pro Kernkraftwert 15 Millionen Euro. Die falsch berechneten Genehmigungsunterlagen und schlampige Kontrollen durch die Behörden könnten bei einigen Kraftwerken sogar zu einem vorzeitigen Ausstieg aus der Kernenergie führen.


Ende Juli hatte [plusminus] (siehe oben) berichtet: Wenn im Atommülllager ein
Castor beim Abladen vom Kran fällt, kann er leck schlagen. Das hatte eine Berechnung ergeben, die die mathematische Fakultät der Uni Hannover für [plusminus durchgeführt hatte.

Wenn Mitte November die nächsten Castoren in Gorleben anrollen, soll – so das Bundesamt für Strahlenschutz – erstmals ein Holzstapel auf dem Betonboden die Atommüllbehälter beim Sturz vom Kran vor Beschädigungen schützen. Über dem ungeschützten Betonboden darf der Castor – so das Bundesamt – in Zukunft gerade Mal noch 25 Zentimeter hoch angehoben werden.

Die deutschen Behörden folgen damit dem Beispiel der USA. [plusminus hatte vor gut zwei Jahren berichtet, dass dort Castorbehälter ohne Stoßdämpfer nur auf so einem Spezialanhänger in höchstens 38 Zentimeter Höhe transportiert werden dürfen und das nur im Schritttempo. Denn die amerikanische Atomenergiebehörde NRC befürchtet sonst bei einem Unfall Risse am Behälter.

Auch in Kernkraftwerken können ähnliche Gefahren lauern, wenn dort ein Castor mit Atommüll ausgeladen wird. Früher hing der ungeschützt über 20 Meter hoch über dem Betonboden am Kran. Im Kernkraftwerk Unterweser hat man das geändert. Hier wird ebenfalls ein dicker Holzstapel als Stoßdämpfer unter dem Kran aufgebaut.

Dieser Text gibt den Fernseh-Beitrag vom 29.10.02 wieder. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt.

Bearbeitet am: 24.07.2002/ad


zurück zur Homepage