Badische Zeitung
vom 29.11.1999

Ruhig und besonnen durch den GAU
Das Kernkraftwerk Fessenheim ist veraltet, doch bis Ersatz kommt, wird weiter gestrahlt - Aber es gibt ja einen Katastrophenplan

VON MICHAEL MEIERIN

Das Kernkraftwerk (KKW) Fessenheim. Wer kennt es nicht? Die Anlage steht nur wenige Meter von der deutschen Grenze entfernt auf der französischen Seite des Rheins. Auf der deutschen Seite ist die Energie Baden-Württemberg (EnBW) eine der Großabnehmerinnen des Atomstroms, den die beiden Druckwasserreaktoren (DWR) mit je 900 Megawatt elektrischer Leistung liefern.

Alles beginnt am 11. Mai 1971. Auf dem 85 Hektar großen Gelände wird die Baustelle für das künftige Kernkraftwerk eingeweiht. Fünf Jahre dauern die Bauarbeiten für das riesige Gebäude. Unter anderem werden 150000 Kubikmeter Beton, 4000 Tonnen Zement und 20000 Tonnen Stahl verbaut, rund 300000 Quadratmeter Verschalungen werden dafür verbraucht.

Am Montag, dem 7. März 1977, um 15.11 Uhr ist es dann soweit. der erste französische Kernreaktor der DWR-Baureihe der 900-Megawatt-Leistungsstufe wird zum ersten Mal kritisch". Das heißt, im Reaktorkern mit den 157 Brennelementen finden die ersten Kernspaltungen statt. Die Brennelemente wiegen zusammen 70 Tonnen. 3,25 Prozent dieses Gewichtes sind spaltbares Material und halten die Kettenreaktion in Gang. Am 27. Juni wird auch der zweite Reaktor "kritisch".

Block 1 geht im Dezember 1977 ans Netz, Block II im März 1978. Nach einem Jahr haben die beiden Reaktoren bereits über zehn Milliarden, nach 15 Jahren über 150 Milliarden Kilowattstunden Strom produziert.
Am 2. März 1981 verlässt der erste Transport mit verbrauchten Brennelementen das Kraftwerk. Die sieben Tonnen Atommüll werden in einem 142 Tonnen schweren Transportbehälter zur Wiederaufbereitungsanlage nach La Hague gebracht.

Am 9. September 1982 wird das neue Informationszentrum für Energiefragen und Fragen zum Kraftwerk eröffnet. Es befindet sich außerhalb des KKWs und bietet Anschauungsmaterial, Modelle sowie einen Konferenzraum. Im ersten Jahr wurden hier schon 6000 Besucher empfangen. 12 000 Besucher wurden im gleichen Zeitraum durch die eigentliche Anlage geschleust.

Beeindruckende Zahlen, die das Atomkraftwerk in seiner Info-Broschüre nennt. Dennoch: "Wie jedes andere KKW ist Fessenheim in jeder Hinsicht auch schon bei Normalbetrieb gefährlich", meint Axel Mayer vom BUND-Regionalverband Freiburg. Jährlich entsteht in den beiden Reaktoren eine Radioaktivität, die denen von 1800 Hiroshima-Bomben entspricht. Schon ein kleiner Teil dieser Strahlung kann verheerende Folgen haben. Würde wie in Tschernobyl Radioaktivität austreten, müsste ein Gebiet bis nach Stuttgart für Jahrhunderte geräumt werden.

Im ukrainischen Kernkraftwerk Tschemobyl war am 26. April 1986 nach zwei Explosionen Radioaktivität ausgetreten. Wie bei dem Unfall neulich in Japan waren Schlampereien des Personals die Ursache. Die Folgen dieses bisher größten Atomunfalls sind vielen immer noch nicht klar. Tschemobyl hat aber auf jeden Fall das Vertrauen der, französischen und deutschen Bevölkerung in die Kraftwerke gestört. Und: ein Fehler, bei dem Radioaktivität austreten könnte, ist nie auszuschließen. Überall, wo Menschen arbeiten, gibt es Fehler.

Nur, dass die Atomtechnologie keine Fehler verträgt. Der BUND und andere Umweltschützer sind sich einig Fessenheim leidet an Altersschwäche, es muss abgeschaltet werden!" Abgeschaltet wird es eventuell schon bald; aber nur, wenn einer dieser neuen, hochsicheren" und unzerstörbaren" EUROReaktoren in Fessenheim aufgestellt wird. Ansonsten muss Fessenheim wohl noch weitere 20 Jahre am Netz bleiben.

Block 11 liefert zur Zeit volle Leistung. Block I des Kraftwerks wird seit dem 9. Oktober für zirka 100 Tage einer Revision unterzogen, die alle zehn Jahre fällig ist. Es sollen Boden- ,Wasser- und Luftuntersuchungen durchgeführt werden. Bei der bisher letzten Untersuchung vor zehn Jahren hatte eine unabhängige Expertenkommission 19 Haarrisse am Reaktor festgestellt. Die Kraftwerksleitung war der Meinung, die Risse würden kein Sicherheitsrisiko darstellen. Aber falls in Fessenheim doch mal was passieren sollte, gibt es ja einen Katastrophenschutz
plan.

Hier ein Auszug. " ... Die Bevölkerung wird zur sofortigen Räumung der umliegenden Ortschaften aufgefordert. Kraftfahrzeugsbesitzer werden gebeten, möglichst ältere oder gehbehinderte Nachbarn, Mütter mit Kleinkindern und andere hilfsbedürftige Nachbarn bis zu den genannten Kontrollstellen mitzunehmen."

Was machen Nichtmotorisierte? Der Katastrophenplan empfiehlt sich in ,geeigneten Räumlichkeiten" zu versammeln, das Bürgermeisteramt oder die nächste Polizeidienststelle zwecks Abholung" zu verständigen und unbedingt die Abholung von allein stehenden, hilflosen und schwer kranken Nachbarn" zu veranlassen. Hoffentlich ist die Polizei bis dahin personell besser ausgestattet, damit sie die ganzen Anrufe entgegen nehmen und Fahrdienste leisten kann. Ein Trost (wir zitieren weiter aus dem Katastrophenplan): Wasserdichte Regenkleidung ist unabhängig von Wetter ein wirksamer Schutz gegen radioaktive Verunreinigungen. Aber dran denken: Atmen Sie im Freien möglichst nur durch ein Taschentuch." Also kein Grund zur Beunruhigung, denn in geschlossenen Räumen können Sie alle Räumungsvorbereitungen in Ruhe und mit Besonnenheit treffen." Und wenn einem Leute in Schutzanzügen begegnen? Bewahren Sie auf jeden Fall Ruhe, wenn Ihnen Messtrupps und Hilfskräfte unter Schutzmasken und Schutzanzügen begegnen "... Für Sie selbst, besteht deshalb keine erhöhte Gefahr. Bewahren Sie Ruhe und Besonnenheit!"

Hoffen darauf, dass der Ernstfall nie passiert.

Dass dieser Plan im Ernstfall funktioniert, darf bezweifelt werden.
Denn die Bevölkerung wird in Hektik verfallen, wenn sich alle in ihren Autos auf dann sicherlich unheimlich leeren Straßen gemütlich, mit Ruhe und Besonnenheit, in Sicherheit bringen.


Aber damit der Plan im Ernstfall nicht versagt, führen Kraftwerksleitung und Behörden alle paar Jahre Katastrophenschutzübungen durch, bei denen mit der Bevölkerung der Ernstfall geübt wird. Die Anwohner wissen bis zum Ende der ,Veranstaltung" nicht, dass dies nur eine Übung ist, denn sie bekommen es vorher nicht gesagt So wird mit den Betroffenen umgesprungen. Da kann man nur noch hoffen, das die Bevölkerung in einem Ernstfall die Warnungen auch noch Ernst nimmt..
Das KernKraftwerk Fessenheim kann besichtigt werden:

0130/818352 (Anruf kostenlos), Fax 0033/389486083.


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Bearbeitet am: 29.11.1999/ad


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