M MENSCHEN MACHEN
MEDIEN
Zeitschrift der IG Medien Nr. 5 Mai '98
Journalistisches
Selbstverständnis
"Das ist doch nur Politikscheiß"
Wie Journalisten beim Widerstand gegen den Castor-Transport nach Ahaus für Action sorgten und Desinformation betrieben
| Für den RTL-Reporter
ist die grüne Umweltministerin Bärbel Höhn beim Anti-Castor- Widerstand im
westfälischen Ahaus kein Thema. Unwirsch tippt er seinem Kameramann auf die Schulter, der
angestrengt die Grüne im gelben Regenmantel focussiert, wie sie abseits einer
Straßenblockade über optimierte Deeskalationsstrategien räsoniert. "Das ist doch
nur Polltikscheiß. Das interessiert mich nicht. Mach mal aus!", stoppt der
ungehaltene RTL-Reporter seinen Kameramann. Seit den frühen Morgenstunden ist er im
Einsatz. Und noch immer spritzen keine Wasserwerfer, sprüht kein Reizgas, fließt kein
Blut. "Was is'n das hier für'n Widerstand?", mault der gereizte Reporter mit
der Ministerin über die flaue Protestszenerie. Von dem Trick der Polizeistrategen, die den umstrittenen CastorTransport nach Ahaus Mitte März um etliche Tage vorgezogen hatten, um bei den angekündigten Widerstandsaktionen größere Kollisionen zu vermeiden, fühlen sich die Demonstranten ebenso überrumpelt wie manche Medienvertreter. Die einen sehen sich um ihr Recht auf Protest gebracht, die anderen um kesselnde Actionbilder und fetzige Schlagzeilen. Aber dürfen Journalisten aus lauter Enttäuschung über einen gelungenen Polizei-Coup gleich ihre Professionalität aufgeben und jede Distanz verlieren? Leichtfertig verbreiteten Journalisten aus Ahaus Tartarenmeldungen
selbsternannter Initiativensprecher, der grüne Münsteraner Polizeipräsident Hubert
Wimber habe sein Amt niedergelegt und die Einsatzleitung an Innenminister Franz-Josef
Kniola (SPD) abgegeben. Selbst die aus einem Lautsprecherwagen der Spontigruppe "
Graswurzelrevolution" lancierte Ankündigung, bereits vier Tage später werde ein
weiterer Castor-Transport nach Ahaus rollen, machte als Agentur-Meldung republikweit
Karriere. Desinformation war Trumpf. "Ich habe den Schlagstockeinsatz im O-Ton"
"Die Schlacht von Ahaus" Was für die einen "Happening" und "Volksfeststimmung" war, entpuppte sich bei anderen, wie dem Kölner "Express", als "die Schlacht von Ahaus". Das Köiner Boulevardblatt hatte den Kriegsberichterstatter Robert Schneider an die Castor Front geschickt: "Ich habe zwei Tage Ahaus hinter mir, so viele Polizisten wie noch nie gesehen und die Lippen brennen wie Feuer. Die Bilder der Schlacht von Ahaus. Ich krieg' sie nicht aus dem Kopf", gesteht er seinen Lesern. Und je weiter das Ereignis weg ist, desto besser kann sich der "Express"-Reporter erinnern. Im Sonntags-"Express" berichtet er zwei Tage nach dem Ereignis: jetzt knallt's denke ich. Übermüdete Polizisten - haben sie sich unter Kontrolle? In der Gewalt? Ein Feuerwehrmann läuft vorbei auf dem Bürgersteig. Einfach so, er ist nicht gewalttätig. Ich drehe mich nach ihm um. Er liegt unter einem parkenden Auto, überrant von vorwärtsstürmenden Polizisten. Anwohner holen den Verletzten vor." Für die Schilderung dieser dramatischen Szene hatte "Express"- Reporter Schneider in der Samstagsausgabe noch einen Anonymus als Quelle bemühen müssen: "Augenzeugen berichteten, daß die Polizisten sogar einen Feuerwehrmann zusammenschlugen."
Polizeipräsident Wimber windet sich.
Er habe für solcherlei Behauptungen bislang "noch keinerlei Erkenntnisse". Der
Castor-Einsatz, eine der bundesweit größten Polizeiaktionen der Nachkriegsgeschichte mit
rund 20 000 Beamten, solle kritisch aufgearbeitet, aus "unprofessionellem
polizeilichem Verhalten" die "notwendigen Konsequenzen" gezogen werden.
Nur: Werden diese Ergebnisse noch Schlagzeilen Johannes Nitschmann |
Bearbeitet am: 01.06.1998/ad