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vom 02.05.2004

Gedenken an Tschernobyl:
BI erinnerte an Katastrophe

Mahnwache in Lüchow: 50 Menschen gedachten den Opfern des Super-GAU

 

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Der Atomtod ist ein fleißiger Geselle: In Tschernobyl hat er bereits 50.000 Liquidatoren geholt.
Die BI Umweltschutz erinnerte in Lüchow an den 18. Jahrestag der Katastrophe.
Foto: randbild

Lüchow (tv/nt). Anlässlich des 18. Jahrestages der Reaktorkatastrophe im ukrainischen Atomkraftwerk Tschernobyl versammelten sich am Montag rund 50 Menschen zu einer Mahnwache. Mit schwarzen Fahnen wurde den Opfern des Super-Gau gedacht. Jugendliche standen als Tod verkleidet am. Strassenrand und zeigten Schilder--mit --Aufschriften wie "Tschernobyl tötet immer noch" oder "Atomtod". Am 26.April 1986 entglitt den Betreibern des Atomkraftwerks in der damaligen Sowjetrepublik die Kontrolle über Block 4 des AKW und lösten damit die bisher schlimmste Atomkatastrophe der zivilen Nuklearnutzungs aus.

Bis heute ist ungeklärt wie viele Menschen dabei ums Leben kamen. In der betroffenen Region leiden die Menschen auch fast zwei Jahrzehnte nach dem GAU unter den gesundheitlichen Spätfolgen. Aufgerufen zu der Mahnwache hatte die Bürgerinitiative Umweltschutz.

Im folgenden veröffentlichen wir einen (leicht gekürzten) offenen Brief von Wilhelm Wittstamm, der als "Mr. X" im wendländischen Widerstand aktiv ist.

"26. April 1986: der Tag der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl. Millionen Menschen werden verseucht und leiden bis heute darunter. Der Super GAU war Folge eines misslungenes Experiment.

Im 4. Block sollte überprüft werden, ob die Turbinen bei einem kompletten Stromausfall im Kraftwerk noch genügend Strom liefern können, um die Notkühlung des Reaktors zu gewährleisten. Damit das Experiment unter realistischen Bedingungen stattfindet, wurde das Notprograffim "Havarieschutz" abgeschaltet. Bedienerfehler führten zur Katastrophe. Genau an diesem Punkt entblößte der Reaktor den gravierendsten Konstruktionsfehler: Im Reaktor entstand eine chemische Reaktion. Es bildete sich Wasserstoff und Sauerstoff - Knallgas! Um 01: 23, 59 wurde der Reaktor durch eine riesige Explosion in Stücke zerrissen... Radioaktiv verseuchtes Material flog aus dem Inneren des Reaktors in alle Himmelsrichtungen. Bei der Explosion wurden zwei Männer durch herabstürzende Trümmer erschlagen. In den Wochen nach der Katastrophe starben weitere 30 Menschen. Sie erlagen der gewaltigen Strahlung, der sie bei ihren Rettungsarbeiten ausgesetzt waren. Unter ihnen Feuerwehrleute, die Operatoren sowie Kraftwerkspersonals. In den folgenden Monaten kamen sogenannte "Liquidatoren" nach Tschernobyl ( Soldaten, Studenten und "Freiwillige"), die das Kraftwerk dekontaminierten.

Die Zahlenangaben zu den eingesetzten Personen schwafiken zwischen 600.000 und 1,2 Millionen Menschen. Ebenso schwer ist eine Bilanz der bisherigen Opfer zu ziehen. Nur sehr wenige Liquidatoren ' erlagen der akuten Strahlenkrankheit in der Zeit, in der sie ihr direkt ausgesetzt waren. Die meisten Todesfälle sind auf die Spätfolgen der Verstrahlung zurückzuführen, zum Beispiel auf Krebserkrankungen, Immunschwäche-Krankheiten ( sogenanntes "Tschernobyl-Aids"), Herz-Kreislauf-Erkrankungen und die Depressionen, die zu einer unglaublich hohen Selbstmordrate unter den Liquidatoren führte. Je nach Standpunkt der Betrachter schwanken heute die Zahlen über alle Tschernobyl-Opfer zwischen 32 Toten und über 250.000! Papier ist geduldig. Die IAEA, Internationale Atomenergiebehördebehauptet: "Es gab signifikante Gesundheitsstörungen, aber es gab keine Gesundheitsstörungen, die direkt einer Strahlenbelastung zugeordnet werden konnten. . .

Belegt ist allerdings, dass bereits 50.000 "Liquidatoren" gestorben sind. Nach russischen Angaben sind heute ein großer Teil der noch lebenden Liquidatoren Invaliden. Sie leiden u.a. an Lungenkrebs, Entzündungen des Magen-Darm-Bereichs, Tumoren und Leukämie. Bis Ende 2000 sind in Belarus (Weißrussland ) etwa 10 000 Menschen an diesem Leukämie erkrankt. Auf der Basis von Prognosen der WHO ist zu erwarten, dass allein in der besonders verseuchten weißrussischen Region Gomel künftig mehr als 100.000 Menschen an Schilddrüsenkrebs erkranken werden. In Belarus war bereits Ende 1990 die Inzidenz für Schilddrüsenkrebs bei Kindern gegenüber dem 10-Jahres-Mittelwert vor 1986 um das mehr als 30fache erhöht. Die WHO entwickelte aus dem zeitlichen Verlauf der bisher aufgetretenen Fälle von Schilddrüsenkarzinomen bei Kindern eine Prognose: Von den Kindern aus Gomel, die zum Zeitpunkt der Katastrophe unter vier Jahre alt waren, werden ein Drittel im Laufe ihres Lebens an Schilddrüsenkrebs erkranken.

Im Vergleich des Zeitraums 1982-1985 mit dem von 19861990 ergeben sich für die hoch belasteten Regionen der Ukraine folgende Entwicklungen:

  • Absterben von ungeborenem Leben
  • Zunahme um 50 % Totgeburten
  • Zunahme um 50 % Frühgeburten
  • Zunahme um 200 % Fortpflanzungsstörungen bei Männern
  • Verdreifachung Fehlbildungen und Entwicklungsanomalien
  • Verdreifachung Genetische Störungen und Chromosomenaberrationen: Erhöhung um den Faktor 15!

Vor dem Hintergrund dieser einmal gemachten Erfahrungen ist es völlig unverständlich, erscheint es als eine unglaubliche, von Profitbesessenheit und Wachstumsgeilheit geblendete Ignoranz, weiterhin an der Nutzung dieser menschenverachtenden Technologie festhalten zu wollen. Sei es auch unter dem Deckmantel eines sogenannten Atomausstiegs, der de facto aber eine Bestandsgarantie für bestehende Kernkraftwerke für weitere 20 Jahre bis zur Erlangung ihrer Schrottreife ist. Immer noch wird die Gebetsmühle wiederholt: In Deutschland ist so ein SuperGAU nicht denkbar, unsere AKWs sind sicher.

In einer Studie des Österreichischen Ökologie-Instituts mit dem Titel "Sicherheit von West- und Osteuropäischen Kernkraftwerken" sind Kraftwerke wie Brunsbüttel, Stade, und Obrigheim im schlechten Mittelfeld mit acht Punkten zu suchen. Eine Reihe osteuropäischen Kraftwerken schneiden besser ab als die deutschen. Knapp die Hälfte aller deutschen AKWs wurden gefährlicher eingestuft als das umstrittene tschechische Kraftwerk Temelin (fünf Punkte), nur vier deutsche Kraftwerke können weniger Mängelpunkte aufweisen... "

Bearbeitet am: 02.05.2004/tv


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