Generalanzeiger (Anzeigenblatt) vom 22.1.1997 Seite 3
"PKA wird das Land verseuchen"
Diplom-Physiker Udo Jentzsch referierte über den Stand der
Arbeiten an Gorlebener Atomanlagen
Pech für die begleitenden Polizeibeamten: Legt man Berechnungen
des TÜV zugrunde, hat alleine der letzte Castor-Transport
den zulässigen Grenzwert an Strahlung um das 20fache überschritten.
Zur Erinnerung: Im Mai 1996 wurde hochradioaktiver, verglaster
Atommüll in einem TS 28 V-Behälter nach Gorleben geliefert.
Für die Polizeibeamten, die in direkter Nähe des Transporters
mitliefen, galten offenbar andere Berechnungen. Mit solch erschreckenden
Zahlen wartete der Tießauer Diplom-Physiker Udo Jentzsch
während eines Vortrages über die Gorlebener Atom-Anlagen
auf. Eingeladen zu dem Bericht hatte die Castor-Gruppe Breselenz.
Laut Jentzsch fallen in bundesdeutschen Atommeilern zur Zeit
pro Jahr rund 500 Tonnen radioaktiver Müll an. Die Bundesregierung
plant, den Atommüll komplett im Gorlebener Salzstock zu
vergraben. Nun sind Pläne der Bundesregierung laut geworden,
wonach auch ausländischer Atommüll dereinst in Gorleben
verbuddelt werden soll. Damit könne man bis zu 26 Milliarden
Mark einnehmen. Allerdings, gab Jentzsch zu bedenken, sind die
USA bereits 1987 endgültig aus dem Konzept der Endlagerung
von Atommüll in Salzformationen ausgestiegen.
USA lehnen Atommüll im Salzstock ab
Zu groß erschienen den Forschern die damit verbundenen
Risiken. So könnten Laugeneinschlüsse unter der Erwärmung
neue Wasserwege suchen und an die Oberfläche oder ins Grundwasser
gelangen. Solche Laugeneinschlüsse machen auch den in Gorleben
beschäftigten Bergleuten die Arbeit schwer.
Die kanadische Regierung hat sich ebenfalls gegen die Atommüll-Endlagerung
im Salz entschieden. Die unabwägbaren Risiken der Radiolyse
- die Veränderung von Salz durch hochradioaktive Bestrahlung
und daraus folgende chemische Reaktionen - hat sie dazu bewogen.
Zur Endlagerung in Salz muß der Müll obendrein "konditioniert"
- vorbereitet - werden. Dazu wird seil einigen Jahren die PilotKonditionierungsanlage
(PKA) in Gorleben gebaut. Die zur Zeit einzig machbare Lösung
der Atommüll Endlagerung im Salz stellt laut Jentzsch das
Zerschneiden der Brennstäbe dar, um sie aus Castor-Behältern
in leichtere Pollux-Behälter umzupacken und danach im Salz
zu versenken.
Plutonium und Cäsium durch den PKA-Kamin
Aber, so warnt Jentzsch: Jeder Zwischenschritt in der Atommüll-Verarbeitung
setze Radioaktivität frei, die in die Umgebung abgegeben
werden müsse. So hätten die künftigen Betreiber
der PKA beantragt, unter anderem Plutonium, Cäsium und Strontium
über den Abluftkamin in die Umgebung pusten zu dürfen.
Auch wurde beantragt, radioaktive Abwässer in die Elbe einleiten
zu dürfen. Langlebige Nuklide reichern sich somit in der
Umgebung der PKA an was die Landschaft für Jahrmillionen
verseuche.
Für die PKA wurde laut Jentzsch beantragt, pro Jahr eine
Menge an Radioaktivität zu verarbeiten, die der Doppelten
von den in Tschernobyl freigesetzter Radionukliden entspricht
"Verantwortungslos" nennt der Physiker die Praxis, wonach sämtliche
Genehmigungen für den Betrieb der PKA lediglich auf Berechnungen
beruhen. Wie "seriös" solche Modellrechnungen sind, erläuterte
Jentzsch anhand eines Beispiels: An Berechnungen zur Strahlungsgefährdung
durch Atommüll-Transporte hatten sich 12 Staaten beteiligt
- unter anderem die USA, Japan, Kanada und die Schweiz. Aber
schon bei den einfachsten Berechnungen waren die Ergebnisse um
den Faktor 6 voneinander abgewichen.
Bearbeitet am:
26.1.96 (Jobname: GENERAL)