
vom 19.11.1997
Franzosen lassen den saarländischen UmweItminister nicht ins Land
Moseldampfer mit
prominenten Atomkraft-Kritikern mußte auf der Fahrt nach
Cattenom in Schengen umkehren
| Von Michael Grabenströer REMICH, 18. November. Die französischen Grenzbehörden haben einem Moseldampfer mit Politikern und AtomExperten die Einfahrt nach Frankreich verwehrt. Der saarländische Umweltminister Willy Leonhardt (SPD), der Träger des Alternativen Nobelpreises Mycle Schneider und die Atomkritiker Klaus Traube und Bernard Laponche wollten auf der Mosel die französische Atomzentrale Cattenom passieren. An Bord diskutierten sie über eine Resolution zum Ausstieg aus der Atomenergie und ein Konzept gegen Atomtransporte. "Die Franzosen haben uns gebeten, nicht einzufahren", lautete am Montag nachmittag die kurze Information des Kapitäns des luxemburgischen Ausflugsschiffes "Musel III«. In Schengen/Perl machte das Boot vor einer Schleuse kehrt, um ins Städtchen Remich zurückzufahren. An Bord schimpfte der französische Atomkritiker Bernard Laponche, ehemals Mitglied des französischen Atomenergiekommissariats: "Das ist kein Zufall. Das ist unglaublich." Und der Initiator des grenzüberschreitenden Gespräcbs, Umweltminister Leonhardt, mokierte sich über den Versuch der Franzosen, »Ideen auflhalten zu wollen«. Leonhardt und sein Luxemburger Kollege Johny Lahure, der wegen einer Konferenz in Straßburg das Boot schon vor der Schiffswende an der Schengener Grenze verlassen hatte, berieten über ein Konzept zur "gerechteren Lastenverteilung in der Atomwirtschaft«. Das Papier soll von den Regierungen in Luxemburg und Saarbrücken als gemeinsame Resolution verabschiedet werden. Leonhardt hofft, daß auch die rheinland-pfälzische Landesregierung beitreten wird. Die beiden Nachbarländer im Schatten der Kühltürme des Atomkraftwerks Catenom verlangten den sofortigen Ausstieg aus der Wiederaufarbeitung«, die nur zur Vermehrung der Atomabfälle führe. Leonhardt bezeichnete die Wiederaufarbeitung als "großes externes Zwischenlager für abgebrannte Brennelemente«. Traube hält die Brütertechnologie für gescheitert. Das frühere Vorstandsmitglied von Interatom sprach von einem "Brüterfiasko«. Die Wiederaufarbeitung ohne Brüter seien wirtschaftlich widersinnig«. Laponche bedauerte, daß in Frankreich Kernkraftkritiker »fast als Verräter im militärischen Sinn des Wortes« gälten. Die Atomkraft nannte er mit fünf Prozent am Weltenergieverbrauch nunbedeutend". Diese Zahl hält Traube noch für zu hoch gegriffen. Leonhardt forderte zur "regionalen Lastenverteilung Zwischenlager in Bayern und Baden-Württemberg". Zugleich müsse das Atom-Transportrisiko verringert werden. Es sei widersinnig, daß das er klärte Anti-Atom-Land an der Saar "Haupttransitland für die Atomtransporte nach La Hague und Sellafield ist". So sei der Seetransport aus dem Atomkraftwerk Brunsbüttel nach Sellafield 1000 Kilometer kürzer als die Bahnroute durch das Saarland. Wenn Deutschland 30000 Polizisten aufbieten könne um einen CastorTransport zu schützen müsse auch Geld für eine Ladevorrichtung in einem deutschen Hafen vorhanden sein, argumentierte Lahure.
In der Umgebung von Cattenom geben die Franzosen seit der vergangenen Woche Zehntausende von Jodtabletten an die Bevölkerung aus als Vorsorge für den Fall eines Atomunfalls. In Frankreich, so Laponche, werde die Atomkraft von der Mehrheit noch als "zwangsläufiges Übel" angesehen. Ein Wandel fände nur statt, »wenn es einen nuklearen Unfall gibt«, meinte er. |