Frankfurter Rundschau vom 20.8.97

Mindestens zwei Castor-Transporte durch Frankfurt

Greenpeace dokumentiert: Passage an Unfallstelle Südbahnhof / Stadt war nicht informiert

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Von Matthias Bartsch und Hans-Jürgen Biedermann

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Über Frankfurter Stadtgebiet werden auch künftig hochradioaktive Castor-Transporte stattfinden. Die Strecke

über den Südbahnhof sei "nicht schlechter geeignet als jede andere Strecke in Deutschland auch", sagte Bahn-Sprecher

Michael Adam am Dienstag. Die Frankfurter Behörden erinnerten dagegen an das Versprechen der Bahn AG, nach der

Beinahe-Katastrophe am Südbahnhof vom vergangenen Februar dort keine Gefahrgut-Transporte mehr entlangzuführen.

Die Umweltorganisation Greenpeace hat bereits zwei Castor-Transporte am Südbahnhof beobachtet, seit im Februar

ein mit Benzin gefüllter Bahn-Tankwagen in Flammen aufgegangen war: den ersten am 22. Juli, den zweiten am

Nachmittag des 29. Juli, wobei dieser zweite Transport abgebrannter Brennelemente vom bayerischen Kernkraftwerk

Grafenrheinfeld zur französischen Wiederaufarbeitungsanlage in La Hague auch durch Fotos dokumentiert und von der

Bahn AG am Dienstag bestätigt wurde.

In den Vorjahren rollten nach Greenpeace-Angaben jährlich schon zwischen sechs und acht Atommüll-Transporte durch

Frankfurt. Auch für dieses Jahr seien noch bis zu sechs weitere geplant, habe die Umweltorganisation aus

zuverlässiger Quelle erfahren. In ganz Hessen waren nach Auskunft des hessischen Umweltministeriums in diesem Jahr

bereits 15 Transporte mit abgebrannten Brennstäben auf Schienen unterwegs.

Das für den Katastrophenschutz zuständige Frankfurter Umweltdezernat bezeichnete gerade die Transporte durch

dichtbesiedeltes Gebiet als "schlichtweg unverantwortlich". Unfälle mit Castor-Behältern, aus denen stark radioaktives

Material austreten kann, seien weitaus gefährlicher als Havarien von Kesselwagen mit explosiver Ladung, erklärte

Stadträtin Jutta Ebeling (Grüne) als Vertreterin von Oberbürgermeisterin Petra Roth, die im Urlaub ist.

Städtische Stellen oder der Katastrophenschutz seien zudem nicht einmal informiert worden.

Ebeling erinnerte an das Versprechen der Bahn AG, als Konsequenz aus dem Großbrand am Südbahnhof dort keine

Gefahrgut-Tankzüge mehr entlangzuleiten. Diese Zusage sei erst in der vergangenen Woche noch einmal bestätigt worden.

Nach dem Zusammenstoß zweier Güterzüge waren im Februar höhere Temperaturen als jene 800 Grad entstanden, denen

die Castor-Transportbehälter in Tests bisher standhalten konnten.

Bahn-Sprecher Adam erklärte auf Anfrage, die Umleitungs-Zusage habe sich damals nur auf "Kesselwagen-Ganzzüge"

bezogen und sei überdies nur solange gegeben worden, bis die Strecke besser gesichert sei. Dies sei nun unter anderem

durch den Einbau von Sichtblenden an den Signalen geschehen. Obwohl der Abschlußbericht über die Unfallursache noch

nicht vorliegt, geht die Bahn davon aus, daß ein Lokführer die Signale verwechselt hat - was durch die Blenden

ausgeschlossen werden soll.

Angesichts der Schienenwege im dichtbesiedelten Deutschland sei es unmöglich, Gefahrguttransporte an Ballungszentren

vorbeizuführen, sagte Adam: "Wenn es Frankfurt nicht trifft, dann den Rhein-Neckar-Raum oder Gießen-Wetzlar."

Das hessische Innenministerium bestätigte am Dienstag, daß es rund 48 Stunden vor den Castor-Transporten per Telefax

von der Bahn und dem Bundesamt für Strahlenschutz über die Route und den Zeitpunkt der Transporte informiert werde.

Diese Informationen würden jedoch grundsätzlich nicht an die Kreise und Kommunen weitergeleitet. Im Hintergrund steht

nach informeller Auskunft aus dem Ministerium die Befürchtung, daß die Gefährdung noch größer werde, wenn die

Informationen zu breit gestreut seien. Eventuelle Demonstrationen an der Strecke oder gar angesägte Gleise

könnten dann das Unfallrisiko erhöhen.

 

Dagegen sagte der Frankfurter Branddirektor Horst Westkemper, eine Vorwarnung sei aus Sicht des Katastrophenschutzes

"wünschenwert und durchaus hilfreich". Darauf habe er bereits vor zwei Jahren - ohne Erfolg - in einem Gespräch im

Innenministerium hingewiesen. "Wir könnten in einem solchen Fall Voralarm für einen kleinen Stab auslösen und außerdem

garantieren, daß alle 50 im Strahlenschutz ausgebildeten Beamten innerhalb von einer halben Stunde am Einsatzort sind."

Stadträtin Ebeling wies jedoch darauf hin, daß Unfälle mit Castor-Behältern, bei denen radioaktive Strahlung frei werde,

grundsätzlich nicht beherrschbar seien. Auch das hessische Umweltministerium stellte sich auf den Standpunkt, die

Transporte müßten ganz vermieden werden: Statt alte Brennelemente unter hohen Risiken quer durch die Republik zu

schicken und wiederaufzuarbeiten, müsse zunächst die Endlagerung gesichert und in Zukunft die Nutzung der Kernenergie

ganz aufgegeben werden, sagte Ministeriumssprecherin Renate Gunzenhauser.

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