vom 21.Mai 1997

Eine neue Energiepolitik ohne die Atomkraft ist möglich

"Nun ist die Politik an der Reihe" / Namhafte Wissenschaftler legen ein Memorandum vor

Die Professoren Günter Altner, Hans-Peter Dürr, Gerd Michelsen und Peter Hennicke haben sich mit einem Memorandum in die zur Zeit unterbrochenen Gespräche zwischen Bund und Ländern, Regierung und Opposition über einen Energiekonsens eingemischt. Das Memorandum ,,für eine neue Energiepolitik" der "Gruppe Energie 2010" stieß in der interessierten wissenschaftlichen und politischen Offentlichkeit auf großes Echo. Wir dokumentieren das Memorandum nebst der Liste der Erstunterzeichner.

1. Die aktuelle Diskussion

Der letzte Castor-Transport in das Zwischenlager nach Gorleben hat gezeigt, daß dieser Weg der »Problemlösung" nicht länger zu gehen ist. Wir benötigen vielmehr einen breiten gesellschaftlichen Konsens über eine zukunftsweisende Energiepolitik, die auf einen Einsatz der Kernenergie verzichtet und statt dessen auf die effiziente Energienutzung und den Einsatz regenerativer Energiequellen setzt.

Die öffentliche Debatte um einen dringend notwendigen "Energiekonsens" sieht aber ganz anders aus. Sie ist zu einem unergiebigen Parteienstreit über Teilprobleme der Energiepolitik verkommen. Statt einen Diskurs über einen gesellschaftlichen Grundkonsens für einen innovativen Weg zur Solar- und Energiesparwirtschaft zu organisieren, werden sogenannte "Konsensgespräche" hinter verschlossenen Türen über den Bau zusätzlicher Zwischenlager für Atommüll geführt. Dabei werden bekannte Positionen zementiert, ohne allerdings eine wirkliche Lösung der Probleme anzusteuern. Insbesondere ist zu betonen: Der Beitrag der Bundesumweltministerin kann sich nicht darin erschöpfen, ausschließlich als Befürworterin der Kernenergie zu fungieren. Das Bundesumweltministerium steht der Öffentlichkeit gegenüber in der Pflicht, alle ernsthaften energiepolitischen Optionen—mit und ohne Kernenergie—unvoreingenommen zu überprüfen. Dabei haben die im Auftrag des Bundestages arbeitenden Enquete-Kommissionen (Energie- und Klima-Enquete) wichtige Vorarbeiten geleistet. Betrachtet man die Ergebnisse dieser Kommissionen die Teil der öffentlichen Auseinandersetzung um die Energiepolitik sind, so bleibt die Bundesregierung mit ihrer Jahrelangen Fixierung auf die Kernenergie weit hinter dem inzwischen erreichten Erkenntnisstand zurück.

Wir fordern einen öffentlichen energiepolitischen Diskurs bei dem zwei zentrale Tatbestände Berücksichtigung finden müssen:

Die bisherigen Energiekonsensgespräche litten sehr stark darunter, da in ihnen vor allem einzelne Energieträger—insbesondere Kohle und Kernenergie—gegeneinander ausgespielt, um die Weiterent'wicklung der technischen Linie Kernenergie gefeilscht oder nur Einzelfragen wie technischen Linie Kernenergie gefeilscht oder nur Einzelfragen wie Zwischen- und Endlagerung von Atommüll wie eine Scheinlösung diskutiert wurden. Allerdings verändert sich der Stellenwert dieser Kontroverse sofort, wenn man die rationelle Energienutzung und -umwandlung (REN) sowie die regenerativen Energiequellen (REG) ins Zentrum des Interesses rückt und die bislang zur Diskussion stehenden Energieträger neu bewertet werden.

2. Neues Konzept für die Zwischen- und Endlagerung von hochradioaktiven Abfällen

Die aktuelle gesellschaftliche Kontroverse um die Zwischen- und Endlagerung ist dadurch zu entkrampfen daß gekoppelt an einen konkreten Stiilegungsplan für die einzelnen Kernkraftwerke folgende Schritte gemeinsam verabredet werden:

Die in ihrer Mehrheit atomkritische Bevölkerung wird sich verständlicherweise nur dann bereit finden, eine Lösung des Entsorgungsproblems in dem skizzierten Sinne ernsthaft zu erwägen, wenn sie sicher sein kann, daß die Kernenergie ein auslaufendes Modell ist, zu dem verbindliche Ausstiegszeiten vereinbart werden.

Die für die endgültige Gewährleistung der Endlagerung zur Verfügung stehenden zeitlichen Spielräume sollten nicht dazu verführen, den gegenwärtigen Entsorgungstorso bestehen zu lassen und gegen den Willen der Bevölkerung durchzusetzen. Es wird höchste Zeit, das Verfahren der direkten Endlagerung unter besonderer Berücksichtigung verschiedener geologischer Medien einer ernsthaften und soliden Überprüfung zuzuführen.

Die Entscheidung über den Ausstieg aus der Kernenergie ist in erster Linie eine politische Frage. Es untergräbt die Legitimität staatlichen Handelns, wenn die Kernenergie—in der vagen Hoffnung Akzeptanz ließe sich herstellen"—auf Dauer gegen den Mehrheitswillen der Bevölkerung durchgesetzt werden müßte. Vor allem werden die notwendigen energiepolitischen Richtungsentscheidungen für eine Solar- und Einsparwirtschaft blockiert und die Planungssicherheit in der Energie- und Entsorgungspolitik immer wieder in Frage gestellt. Die Frage der technischen und wirtschaftlichen Realisierbarkeit eines Ausstiegs aus der Kernenergie ist wissenschaftlich nicht mehr ernsthaft strittig.

3. Für eine zukunftsorientierte Energiepolitik

Ein solcher Schritt erfordert allerdings den konsequenten Einstieg in die effiziente Energienutzung und -umwandlung sowie in die Nutzung regenerativer Energiequellen. Die ,,Gruppe Energie 2010" hat gezeigt, daß ein Atomausstieg und ausreichender Klimaschutz bis zum Jahr 2010 realisierbar sind. Insbesondere aus Gründen der Risikominimierung ist auch ein Ausstieg zu einem erheblich früheren Zeitpunkt wissenschaftlich gut zu begründen. Dabei bleibt für die Betreiber von Kernkraftwerken die Möglichkeit bestehen, die vorgenommenen Investitionen im geplanten Zeitraum abzuschreiben, so daß ihnen keine Verluste entstehen. Eine darüber hinausgehende Entschädigung für entgangene Gewinne ist von seiten der Betreiber nicht einklagbar. Es bleibt derzeit allerdings offen, ob und wann für einen kurzfristigen Ausstieg die erforderlichen Mehrheiten im Bundestag gefunden werden können. Es ist in diesem Zusammenhang darauf hinzuweisen, daß die Bundesrepublik mit einem solchen "Umstieg" in der Energiepolitik nicht allein dastände, sondern sich in guter Gesellschaft auch mit anderen europäischen Ländern befinden würde.

Die Finanzierbarkeit eines Umstiegs in eine Energiespar- und Solarenergiewirtschaft ohne Kernenergie und mit ausreichendem Klimaschutz kann heute nicht mehr bestritten werden. Nach Szenarien der Klima-Enquete-Kommission (1995) kostet es gegenüber einer "Business-asusual';-Strategie zwischen 20 und 130 Mark pro Kopf und Jahr mehr, wenn bis zum Jahr 2020 45 Prozent CO2 vermieden und gleichzeitig bis zum Jahr 2005 aus der Kernenergie ausgestiegen wird. Andere Szenarien haben zum Ergebnis, daß durch eine Klimaschutzstrategie mit Atomausstieg gesamtwirtschaftlich nicht Verluste, sondern volkswirtschaftliche Gewinne und neue Arbeitsplätze entstehen.

Die Wissenschaft hat also die notwendigen Entscheidungsgrundlagen für eine neue Energiepolitik ohne Kernenergie geliefert. Nun ist die Politik an der Reihe. Nimmt man das Kriterium Risikominimierung und die genannten Risiko- und Sicherheitserwägungen ernst, müßte die Energiepolitik eigentlich auf einen sehr kurzfristigen Ausstieg aus der Kernenergie gerichtet sein. Um die Bedenken der Kernenergiebefürworter und der betroffenen Unternehmen zu berÜcksichtigen, halten wir einen Ausstieg bis zum Jahr 2010 für einen gesellschaftlich konsensfähigen Kompromiß. Bis zu diesem maximalen Zeitpunkt sollte für alle Kernkraftwerke die Stillegung verbindlich und unwiderruflich vollzogen werden. Nur unter dieser Voraussetzung ist einerseits zu erwarten, daß die in der Mehrheit atomkritisch denkende Bevölkerung in Deutschland zur Regelung der Entsorgung ihre Zustimmung geben wird. Andererseits würde durch eine solche Richtungsentscheidung für Alternativtechniken im Bereich REN und REG ein volkswirtschaftlich dringend notwendiger Innovationsund Investitionsschub und eine sich selbsttragende neue Marktdynamik ausgelöst werden.

4. Ökologisch und sozialuerträglicher Umbau der Kohleregionen und Einsatz von Gas als Übergangsenergie

1993 trug die Braunkohle zu 24 Prozent und die Steinkohle zu 21 Prozent, d.h. die Kohle insgesamt zu 45 Prozent, zu den CO2-Emissionen in Deutschland bei. Das Erreichen der mittelfristigen CO2-Minderungsziele (50 Prozent bis 2020) ist damit nur dann unter realistischen Annahmen möglich, wenn der Braun- und Steinkohleeinsatz sukzessive reduziert uird. Allerdings führt dieser notwendige Schrumpfungsprozeß bei der deutschen Steinkohle- bzw. Braunkohleindustrie zu unterschiedlichen beschäftigungspolitischen und wirtschaftlichen Konsequenzen. So erzwingt die Reduktion der öffentlichen Subventionen für die deutsche Steinkohle notgedrungen auch ohne das Ziel Klimaschutz einen geringeren Steinkohleeinsatz bei der Strom- und Stahleizeugung und zugleich auch die Vernichtung von Arbeitsplätzen. Damit wäre nur dann eine Verringerung der CO2-Emissionen verbunden, wenn diese Lücke nicht -- wie unter Trendbedingungen zu erwarten— durch billige Importkohle geschlossen würde, sondern konsequent Maßnahmen im Bereich der effizienten Energienutzung und des Einsatzes regenerativer Energiequellen ergriffen würden. Diese Entwicklung macht aber auch deutlich daß nicht Maßnahmen des Klimaschutzes, sondern die Streichung bzw. Kürzung der Subventionen für die deutsche Steinkohle zum Abbau von Arbeitsplätzen führen.

Der Umstrukturierungsprozeß in den Braunkohlerevieren in Ost- und Westdeutschland muß konsequent weitergeführt und beschleunigt werden. Der Neuaufschluß von Braunkohlefeldern wie z. B. Garzweiler II macht nicht nur aus ökologischer Sicht keinen Sinn, sondern ist in einem zunehmenden Wettbewerbsmarkt auch ökonomisch riskant, was in einer Studie von Benson Research, ein Mitglied der Dresdner-Bank-Gruppe, belegt wird. Die Zementierung einer einseitigen Braunkohlevorrangpolitik in Ostdeutschland und ihre Absicherung über das Energiewirtschaftsgesetz schafft keine Zukunftsarbeitsplätze, sondern bewirkt mittel- und langfristig das Gegenteil. Ein ökologisch und sozialverträglicher Umbau der Kohleregionen wäre jetzt noch möglich, wenn dafür ein überzeugendes Gesamtkonzept entwickelt und mit Unterstützung der Bundesregierung auch umgesetzt werden würde.

Für die betroffenen Regionen, insbesondere die ost- und westdeutschen Braunkohleabbaugebiete, aber auch die Steinkohleregionen in Nordrhein-Westfalen und dem Saarland, ist eine sozialverträgliche Rückführung der Kohleabbaumengen erforderlich, u. a. durch die Schaffung neuer Arbeitsplätze im Bereich erneuerbarer Energien, rationeller Energieanwendung und energetischer Gebäudesanierung. Maximale Kohleveredelung z. B. in kommunalen und industriellen KraßWärme-Koppelungsanlagen ist ein zentrales Strategieelement einer sozial- und klimaverträglichen Umbaustrategie der Kohleregionen. Hierdurch können auch die Referenzanlagen (,,Clean coal"-Technologien) für neue Exportmärkte gebaut

werden, die für Länder wie China und Indien von grundlegender Bedeutung sind. Grundsätzlich gilt: Bei einem Ausstieg aus der Atomenergie könnte der Umbau in den Kohlerevieren sozialverträglicher und effektiver gestaltet werden, da auf diese Weise der Innovationsdruck und die Investitionsbereitschaft für den Einsatz von Kohle-Effizienztechnologie steigen würde. Der schlichte Ersatz heimischer Kohle durch Importkohle ist dagegen weder klima- und ressourcenpolitisch vertretbar noch regionalwirtschaftlich und strukturpolitisch sinnvoll.

In der Übergangszeit, d. h. bis zum Aufbau einer weitgehend erneuerbaren Energieversorgung, kann auch ein verstärkter Erdgaseinsatz zur CO2-Minderung beitragen. Unter den fossilen Energieträgern weist Erdgas die geringste Kohlenstoffintensität auf. Eine Substitution von kohlenstoffreicheren Energieträgern durch Erdgas verschafft damit einen größeren Spielraum bis zum Übergang auf eine weitgehend erneuerbare Energieversorgung.

Dies erfordert vor allem eine stärkere Einbeziehung von Erdgas in die KraftWärme/Kälte-Koppelung, was in bezug auf die CO2-Emissionen zu einer doppelten Dividende führt (geringere Kohlenstoffintensität, höheren Wirkungsgrad). Mehr als 100 Mio. Tonnen CO2 können durch den forcierten Ausbau der kommunalen und industriellen Kraft-Wärme/ Kälte-Koppelung mit Kohle- und GasHKW vermieden werden. Insbesondere die Umrüstung bestehender industrieller Heizwerke und konventioneller Heizkraßwerke auf moderne GuD-Anlagen mit hoher Stromkennziffer eröffnet (z. B. auch in der Form von Joint-ventures zwischen EW und privater Wirtschaß) ein großes zusätzliches Potential für die öffentliche Stromerzeugung. Dennoch darf es aus Gründen der Ressourcen-Schonung und des Klimaschutzes keine einseitige Gas-Vorrang-Strategie im Kraftwerkssektor geben, zumal die Industrieländer durch die Konzentration auf diese derzeit billigste Energieressource den Entwicklungsländern den Zugang hierzu erschweren.

5. Effiziente Energienutzung und regenerative Energien als Eckpfeiler einer zukunftsorientierten Energiepolitik

Energieeinsparung, d. h. die Steigerung der Energieproduktivität, ist die einzige energietechnische Option, die durch das Vermeiden von Ressourceneinsatz den Wohlstand steigert.-Die im Rahmen der technologischen Effizienzsteigerungen anfallenden Mehrkosten können zu großen Teilen durch den betriebswirtschaftlichen Nutzen der vermiedenen Energiekosten sowie durch die hiermit verbundenen volkswirtschaftlichen Investitions-, Innovations- und Beschäftigungsimpulse ausgeglichen werden. Energieeinsparungen stellen derzeit die effizienteste Form der CO2-Minderung dar und sind dementsprechend vorrangig auszuschöpfen.

Das technische Potential der Energieeinsparung ist groß. Es beträgt allein für die alten Bundesländer rund 35 bis 45 Prozent bezogen auf den Primärenergieverbrauch des Jahres 1987. Allerdings sind die technisch möglichen Einsparpotentiale heute noch nicht alle wirtschaßlich bzw. werden aufgrund von Hemmnissen unterschiedlicher Art (z. B. Wissensdefizite, Bewertungsungleichgewicht, Rechtsnormen, einzelwirtschaftliche Prioritätensetzung) nicht realisiert. Die Studie der ,,Gruppe Energie 2010« weist nach, daß bis zum Jahr 2010 zwischen 16 und 23 Prozent Primärenergieeinsparungen erzielt werden können. Diese Einsparungen lassen sich vor allem dadurch realisieren:

Im Bereich der Raumheizung wird eine 30- bis 50prozentige Verminderung des Nutzwärmebedarfs bei Neubauten durch Fortschreibung der Warmeschutzverordnung möglich sein. Weiterhin wird durch eine systematische Altbausanierung der gebäudetypische Nutzwärmebedarf von 40 bis 50 Prozent verringert bei jährlichen Renovierungsraten von 2,3 bis 3,9 Prozent. Der spezifische Verbrauch von Elektrogeräten im Haushalt reduziert sich im Mittel bis zum Jahr 2010 um etwa 45 Prozent. In der Industrie wird von einer ungefähren Verdoppelung der spezifischen technischen Effizienzgewinne ausgegangen.

Bei Verwirklichung der Zielwerte ist der spezifische Brennstoffverbrauch der (west-)deutschen Industrie im Jahr 2010 um 40 bis 45 Prozent geringer als heute der spezifische Stromverbrauch rund 25 Prozent geringer. Ähnliche Einflüsse sind im Kleinverbrauchsbereich wirksam. Hier sind spezifische Effizienzgewinne um zehn Prozent möglich. Diese gehen überproportional zu Lasten der Brennstoffe, so daß der abso]ute Stromverbrauch noch um 12 bis 16 Prozent ansteigt. Der Anteil des in Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) erzeugten Stroms, der derzeit bei 8,6 Prozent der Bruttostromversorgung liegt, erreicht bis 2010 zwischen 21 und 24 Prozent. Damit wird das zusätzliche technisch-wirtschaftliche Potential der öffentlichen und industriellen KWK zu 50 bzw. 70 Prozent ausgeschöpft.

Allerdings reichen diese Einsparungen noch nicht aus, um zu einer klimaverträglichen Energieversorgung zu gelangen. Langfristig können nur die erneuerbaren Energien, die bezogen auf die reine Um wandlung CO2-frei sind, zu einer klima. verträglichen und risikoarmen Energie. versorgung beitragen. Heute sind viele der erneuerbaren Energien jedoch noch relativ teurer. Der Übergang auf eine er. neuerbare Energieversorgung erforderl daher einen sukzessiven Auflbau von sich selbsttragenen Märkten. Ziel ist die Redu zierung der spezifischen Investitioner durch eine—durch staatlich unterstützte Nachfragesteigerung—induzierte Mas senproduktion der Energieumwandlungs technologien. Die »Gruppe Energie 2010" geht davon aus, daß ein jährliches Investi tionsvolumen von durchschnittlich etwa 0,89 Mrd. DM über 15 Jahre (insgesam 13,4 Mrd. DM) ausreicht, um verstärk sich selbst tragende Märkte für erneuer bare Energien zu erzeugen. Der Primär energieanteil der erneuerbaren Energie könnte dadurch von heute 1,7 Prozent au etwa 7 Prozent im Jahr 2010 (bis 2030: 2: Prozent) anwachsen. Dabei sind vorrangig die Technologien zu fördern, die bereits an der Schwelle zur Wirtschaftlichkeit stehen. Für Deutschland sind dies insbesondere die Stromerzeugung aus Windenergie sowie 'die Wärme- und Stromerzeugung aus Biomasse. Darüber hinaus sind gezielte Mittel- und Langfristprogramme für die Weiterentwicklung und Förderung der heute noch vergleichsweise sehr teuren erneuerbaren Energietechnologien (z. B. Photovoltaik) erforderlich. Gleichzeitig sind noch verstärkte Forschungsanstrengungen in bezug auf die Steigerung des Wirkungsgrads und Kostendegression (z. B. bei Photovoltaik und Brennstoffzellen) notwendig. Zur Umsetzung dieser Ziele ist neben der beschriebenen Förderung eine abgestimmte Energiepolitik mit der Festsetzung zielorientierter Rahmenbedingungen (z. B. Energiesteuer, Abbau von Hemmnissen) erforderlich.

Angesichts der immer deutlicher werdenden Vorzüge einer zukunftsorientierten Energiepolitik auf der Grundlage von effizienter Energienutzung und regenerativen Energien ist das positive Image der Kernenergienutzung, das in den Aufbaujahren der Bundesrepublik einmal bestand, längst verblaßt. Kein'nachdenklicher Mensch kann sich der Erkenntnis verschließen, daß die nationale und internationale Ausweitung der Kernenergienutzung angesichts der ungelösten Sicherheits-, Entsorgungs- und Proliferationsprobleme eine kaum zu verantwortende Anhäufung von Gefahrenpotentialen auf Kosten kommender Generationen bringen wird. Eine Richtungsentscheidung ist mehr als überßllig. Diese Richtungsentscheidung würde auch für die bisherigen Hersteller und Betreiber von Kernkraftwerken mehr Planungssicherheit schaffen und neue r entable und zukunftsfähige In- und Auslandsmärkte in den Bereichen REN, REG und KWK eröffnen.

6. Den energiepolitischen Dikurs führen

Wir fordern mit aller Entschiedenheit dazu auf, die bisherigen Energie-Konsensgespräche in einen umfassenden energiepolitischen Diskurs zu überführen. Dazu müßten nach unserer Auffassung mehrere Kriterien erfüllt sein:

Das Verhandeln hinter verschlossenen Türen ist zu beenden. Der energiepolitische Diskurs muß vor der Öffentlichkeit nachvollziehbar gemacht werden.

Zur Vertiefung der Argumentation sollten die Ergebnisse der einschlägigen Bundestags-Enquete-Kommissionen und der damit in Zusammenhang stehenden Sachverständigengruppen Berücksichtigung finden. Nach einer ersten Phase des Diskurses zwischen den in Bund und Ländern zuständigen politischen Verantwortungsträgern sollten in den Diskurs die Sachverständigen der Energiewirtschaft, der zuständigen Gewerkschaften und der Umweltverbände mit einbezogen werden.

Voraussetzung für einen kritischen Diskurs sollte die Bereitschaft sein, auf der Grundlage gemeinsamer Prämissen (insbesondere Vorrang für REN und REG) die unterschiedlichen Positionen vergleichend darzustellen und transparent zu machen.

Die Öffentlichkeit würde den Verlauf des energiepolitischen Diskurses mit Verständnis und Aufgeschlossenheit begleiten, wenn sie die Gewißheit haben kann daß die Option und ein definitiver Zeitpunkt für den Ausstieg aus der Kernenergienutzung und eine dementsprechend begrenzte Entsorgungslösung von vornherein zu den verhandelbaren Punkten des Diskurses gehört.

Erstunterzeichner des Memorandums: Prof. Dr. Dr. Günter Altner (Heidelberg/ Koblenz); Prof. Dr. Hans-Peter Dürr (München); Prof. Dr. Gerd Michelsen (Gehrden/Lüneburg); Prof. Dr. Joseph Alcamo (Kassel); Carl Amery '(München); Prof. Dr. Manon Andreas-Grisebach (Heidelberg); Prof. Dr. Ulrich Beck (München); Prof. Dr. Hartmut Bossel (Kassel/Zierenberg); Prof. Dr. Edmund Brandt (Lüneburg), Prof. Dr. Hans-Peter Bull (Hamburg), Prof. Dr. Joseph Dehler (Hünfeld); Prof. Dr. Dieter von Ehrenstein (Bremen). Dr. Horst Feuerstein (EIB, Luxemburg) Jochen Flasbarth (NABU, Bonn), Prof. Dr. Dipl.-Ing. Dietrich Goldschmidt (Berlin). Prof. Dr. Heinz Häberle (Die Umweltakademie München). Prof. Dr. Dr. h. c. Bernd Hamm (Trier); Hermann Hatzfeld (Schloß Schönstein); Prof. Dr. Peter Hennicke (Wuppertal); Prof. Dr. Rudolf Hickel (Bremen). Dr. Olav Hohmeyer (Mannheim/ Stutensee); Prof. Dr. Ferdinand Hucho (Berlin); Prof. Dr. Martin Jänicke (Berlin); Prof. Dr. Egbert Kankeleit (Darmstadt); Stephan Kohler (Hannover); Prof. Dr. Regine Kollek (Hamburg); Prof. Dr. Rolf Kreibich (Berlin); Dr. Wolfgang Liebert (Darmstadt); Dr. Jean Pierre Ribaut (Franz von Assisi Akademie zum Schutz der Erde e. V., Eichstätt); Prof. Dr. Prinz Rudolf zur Lippe (Hude); Prof. Dr. Angelika Meier-Ploeger (Witzenhausen), Prof. Dr. Hans-Peter Schneider (Hannover); Karl Ludwig Schweisfurth (München); Prof. Dr. Udo Ernst Simonis (Berlin); Prof. Dr. Michael Succow (Greifswald); Prof. Dr. Hardy Vogtmann (Witzenhausen/Kassel); Dr. Heinrich Vokkert (Beauftragter für Umweltfragen der EKD, Recklinghausen); Beate Weinzierl (BUND, AK i F.E., Wiesenfelden); Hubert Weinzierl a (BUND, Bonn); Prof. Dr. Ernst-Ulrich von t Weizsäcker (Wuppertal); Prof. Dr. Raban t Graf von Westfalen (Großbodungen); : Prof. Dr. Horst Zillessen (Oldenburg).

Anlaufadresse:
Gruppe Energie 2010
Auf Am Burgberg 2
D-30989 Gehrden
Telefax 05108/926777


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