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vom  02.09.2009

Experte Dieter Ortlam

Geologen waren gegen Gorleben

Von Joachim Wille

Bei der Auswahl des Salzstocks Gorleben für ein Atom-Endlager hat sich die Landesregierung in Hannover über den Rat der eigenen Fachleute im damaligen Niedersächsischen Landesamt für Bodenforschung (NLfB) hinweggesetzt. Die Experten hielten Gorleben für ungeeignet. Einer der Fachleute, der bereits in den späten 60er Jahren für Boden-Untersuchungen auch in der Gorleben-Region zuständig gewesen war, berichtete der FR jetzt erstmals über diese Vorgänge.

Professor Dr. Dieter Ortlam, der 25 Jahre lang Leiter des Amts für Bodenforschung in Bremen war, damals eine NLfB-Außenstelle, hält den Salzstock auch heute noch "nicht für geeignet", wie er der FR sagte.

Die NLfB-Experten hätten in den 70er Jahren den Salzstock an der DDR-Grenze für nicht endlagerfähig gehalten, so der inzwischen pensionierte Hydrogeologe Ortlam. "Die zuständigen Fachleute waren entsetzt, als der damalige Ministerpräsident Ernst Albrecht sich auf Gorleben festlegte."

Ortlam brachte seine Kritik später auch bei der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) vor, die Gorleben bewerten musste. Er habe gegenüber dem damals zuständigen BGR-Abteilungsleiter seine großen Bedenken in klaren Worten geäußerte, sagte der Geologe. "Doch das fruchtete nichts." Man müsse "mal sehen", habe der Abteilungsleiter gesagt. Danach erarbeitete die BGR ein Gutachten, das zwar Unsicherheiten in Bezug auf Gorleben benannte, aber keine schwerwiegenden Einwände erhob.


Geologe Ortlam hält Gorleben deshalb für ungeeignet, weil die Ton-Deckschicht über dem Salzstock nicht durchgehend ist, sondern von einer mindestens 300 Meter tiefen Rinne durchbrochen wird, die in der Eiszeit vor rund 500.000 Jahren (Elster-Eiszeit) entstand.

Durch diese Gorlebener Rinne, so Ortlam, fließt stetig Grundwasser zum Salzstock, der dadurch "abgelaugt" wird - das heißt, das Wasser löst das Salz auf. Außerdem bestünde nach seiner Darstellung die Gefahr, dass Lauge, die im Fall einer Atom-Einlagerung radioaktiv belastet sein könnte, nach oben gedrückt würde und dann das Grundwasser verseuchen könnte.

Ortlam entdeckte die Rinne Ende der 60er Jahre, als er die Region südlich von Hamburg untersuchte, um dort Grundwasserkommen zur Verbesserung der Versorgung der Hansestadt zu identifizieren – für den "Wasserwirtschaftlichen Rahmenplan obere Elbe".

Damals habe er rund 150 Bohrungen bis in 600 Meter Tiefe gemacht, bei der er auch auf die Perforationen der Tonschichten über dem Gorleben-Salzstock stieß. Trotz der in den 80er Jahren gestarteten unterirdischen Erkundung des Salzstocks sei die Entstehungsgeschichte der Rinne noch nicht ausreichend erforscht, sagte Ortlam. Es sei denkbar, dass die Rinne teilweise bis in 800 Meter Tiefe reiche – nahe der Ebene, in der nach den Planungen stark strahlender Atommüll eingelagert würde.

Ortlam hält Salz als Endlager-Medium allerdings grundsätzlich für geeignet. "Es ist am besten, um Atommüll sicher einzuschließen", sagte er der FR. Trotz der Zweifelsfragen befürwortet er, Gorleben weiter zu untersuchen, aber ohne jede Art von Ergebnis-Vorfestlegung. Zudem sei es wichtig, trotz hoher Kosten parallel mindestens einen weiteren Standort zu erkunden, der "von den geologischen Voraussetzungen her einwandfrei ist". Grund: Man dürfe keine Sachzwänge schaffen.

Der Geologe bedauert, dass der frühere Ministerpräsidenten Ernst Albrecht (CDU) die Gorleben-Auswahl 1977 nach politischen, nicht wissenschaftlichen Kriterien getroffen habe. Dies müsse revidiert werden. "Ich möchte die Verantwortung, die Albrecht auf sich geladen hat, nicht tragen", sagte Ortlam als Begründung dafür, dass er nun an die Öffentlichkeit geht.

Eigentlich sei er damals von der Weltanschauung her ein Albrecht-Anhänger gewesen. Aber die Gorleben-Entscheidung habe ihn "enttäuscht und empört". Es sei "tragisch, dass das Fachwissen der eigenen Behörden nicht in die Entscheidung einbezogen wurde".

Bearbeitet am: /ad


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