vom 01.04.2006
ZDF-Film weist auf verschwiegenen Unfall im AKW Krümmel hin "Und niemand weiß warum - Leukämietod in der Elbmarsch"
ZDF, So., 02.April 2006 23.30 Uhr.
VON DALAND SEGLER
| Es ist ein Skandal, der in Deutschland seinesgleichen sucht - aber er
wird bis heute verdrängt, verschwiegen, geleugnet. Dabei sind die Tatsachen unübersehbar: In der Umgebung des Atomkraftwerks Krümmel an der Unterelbe sind zwischen 1991 und 1996 sechs Kinder an Leukämie gestorben - eine weltweit einmalige Häufung dieser Krankheit. Inzwischen sind seit 1991 sogar 16 Kinder am tückischen Blutkrebs erkrankt. Das alles soll Zufall sein oder eine andere, unbekannte Ursache haben - sagen die Verantwortlichen der Atomanlagen, in den Behörden und Ministerien von Niedersachsen und Schleswig-Holstein. Dass das alles eine ganz konkrete Ursache hat, einen Unfall in den Anlagen der "Gesellschaft für Kernenergieverwertung in Schiffbau und Schiffahrt" (GKSS) nahe Krümmel, das führen Angelika Fell und Barbara Diekmann nun als Indizienbeweis in ihrem halbstündigen Dokumentarfilm vor. "Kein Grund zur Unruhe" Der Film beginnt etwas gefühlig, mit einem Herz aus roten Rosen auf dem Grab des mit vier Jahren an Leukämie gestorbenen Rico. Aber im Lauf der knappen halben Stunde können die Autorinnen immer mehr Tatsachen vorlegen, Zweifel entkräften und Zeugen zu Aussagen bewegen. Da gibt es 1986 einen Alarm im Atomkraftwerk Krümmel, erhöhte Radioaktivität wird gemessen, aber selbstredend meldet der Leiter der Atomanlage, die Bevölkerung habe "keinen Grund zur Unruhe". Etwas mehr als vier Jahre später treten die ersten Blutkrebsfälle auf. Die Anwohner vergessen, dass Ruhe die erste Bürgerpflicht ist und verlangen Aufklärung. Es gibt eine Untersuchungskommission. Nach jahrelanger vergeblicher Ursachenforschung löst sich die Leukämie-Kommission auf. Sechs der acht Wissenschaftler im Gremium legen ihre Ämter unter Protest nieder. Insbesondere von der Kieler Landesregierung hätten sie keine Unterstützung erfahren, seien über Jahre auf eine Mauer des Schweigens und der Ablehnung gestoßen. Tödlich wirkende Kügelchen Das geht den Autorinnen zum Teil heute noch so. Sie bekommen bestimmte Messergebnisse nicht zu sehen, Zeugen wollen unerkannt bleiben. Aber mit dem öffentlich-rechtlichen Fernsehsender im Rücken gelingt es doch, Wissenschaftler zu finden, die unabhängig voneinander und von der Industrie nachweisen können, dass die in näherer Umgebung der Atomanlagen massenhaft gefundenen winzigen Kügelchen tödliche Wirkung haben können: Sie enthalten Uran aus Wiederaufbereitungsanlagen. Und schließlich finden sich auch Augenzeugen des seltsamen blau-grünen "Feuers" bei der GKSS. Bei aller Vorsicht, bei allen Relativierungen: Der Befund scheint eindeutig. Hier liegt ein Unfall vor, der nicht sein kann, weil er nicht sein darf. Und also nach Kräften und von vielen Beteiligten vertuscht wurde. Dabei taten auch Politiker aus als atomkraft-kritisch geltenden Parteien wie SPD und - ja!- Grünen mit. Dergleichen lässt die Skepsis von Menschen verständlich erscheinen, die aus einem Gefühl von Ohnmacht nicht mehr zur Wahl gehen. Warum sich ein Kartell des Schweigens über Krümmel gebildet hatte, ist übrigens leicht zu erklären. Kein halbes Jahr zuvor, am 26. April 1986, war der Reaktor in Tschernobyl explodiert. Das Geständnis eines Unfalls in Krümmel hätte den Atomenergie-Konzernen das Geschäft vermutlich auf Dauer verdorben. Stattdessen diskutiert man heute schon wieder über längere Laufzeiten der Atommeiler. Frankfurter Rundschau 01.04.2006 http://www.fr-aktuell.de/ressorts/kultur_und_medien/medien/?cnt=838228 |
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