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vom 10.01.2006

KERNKRAFT-DEBATTE

Die Unsicherheiten der "sichersten" Meiler Unionspolitiker werben für die Atomenergie. Deutschlands oberster Reaktorexperte warnt jedoch davor, die Gefahr von AKW-Unfällen klein zu reden.

VON JOACHIM WILLE

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Biblis A soll 2007 vom Netz (ddp)
+ Biblis A soll 2007 vom Netz (ddp)

Ausstieg - Nein danke. Deutschlands Atomkraftwerke seien auf dem neuesten technischen Stand und nach menschlichem Ermessen sicher, verkündete Saarlands Ministerpräsident Peter Müller. Sein Hessen-Kollege Roland Koch hatte vorher ebenfalls die "sicheren Kernkraftwerke" gelobt, die man als billige Stromproduzenten nicht abschalten dürfe.

Michael Sailer, Vorsitzender der Reaktorsicherheitskommission (RSK) des Bundes, erinnert im Gespräch mit der FR daran, dass "eine Kernschmelze bei keinem deutschen AKW völlig ausgeschlossen werden kann". Das Risiko eines schweren Unfalls mit massiver Freisetzung von Radioaktivität sei vorhanden. Dieses Faktum werde von niemandem in Frage gestellt, sagt Sailer, "auch von Experten aus der Nuklearindustrie nicht".

Die Sicherheitsniveaus der 17 noch am Netz befindlichen Atommeiler unterscheiden sich durchaus, so der RSK-Chef. Er verweist zum Beispiel auf die Auslegung der Reaktorkuppeln, die die Meiler gegen Flugzeugabstürze oder Angriffe sichern sollen. Ältere AKW wie Biblis A, dessen Hülle nur 60 Zentimeter dick ist, würden dem Aufprall eines Kampfflugzeuges nicht standhalten. Bei AKW der jüngsten Generation, der "Konvoi-Linie" mit Inbetriebnahme 1981 bis 1989, sind es 1,80 Meter.

Sailer hält es angesichts der Sicherheitsunterschiede für angemessen, die älteren AKW früher als die neueren vom Netz zu nehmen - so, wie es im 2001 unter Rot-Grün verabschiedeten Ausstiegsgesetz vorgesehen ist. Sicherheitsdefizite wie etwa in Biblis, wo es keine verbunkerte Notstandswarte gibt, mit der die beiden Meiler A und B bei einem schweren Störfall von außen gesteuert werden könnten, dürften nur übergangsweise toleriert werden. Die Stilllegung von Biblis A ist laut Gesetz für 2007 vorgesehen.

Der Atomexperte sieht die zehn neueren deutschen AKW im weltweiten Vergleich sicherheitstechnisch "mit an der Spitze". Er warnt aber davor, in Sorglosigkeit zu verfallen. "Es hat auch in Deutschland immer wieder Störfälle gegeben, die man so nicht erwartet hatte." Einer der schwersten Unfälle der jüngeren Zeit ereignete sich 2001 in Brunsbüttel: Eine heftige Wasserstoffexplosion zerstörte eine Kühlleitung im Sicherheitsbehälter. Ein schweres Versäumnis gab es 2001 in Philippsburg. Der Reaktor wurde weiterbetrieben, obwohl bekannt war, dass die Behälter mit Notkühlwasser zeitweise nicht ordnungsgemäß gefüllt waren.

Auch Biblis im Bundesland des Atomfans Koch schaffte es zweimal in die Top Ten der Unregelmäßigkeiten. 1987 drohte ein schwerer Kühlmittelverlust, weil ein offen stehendes Ventil nicht erkannt worden war. Und 2003 wurde - nach 29 Jahren Betrieb - entdeckt, dass eine wichtige Zuführung im Notkühlsystem viel zu klein ausgelegt war.

Copyright © Frankfurter Rundschau online 2006
Dokument erstellt am 09.01.2006 um 18:32:02 Uhr
Erscheinungsdatum 10.01.2006

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Bearbeitet am: 13.01.2006/ad


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