
vom 10.05.2005
VON PETER NONNENMACHER (LONDON)
| Der just wiedergewählte Londoner Premierminister Tony Blair wollte die
Nation gerade auf eine spektakuläre Kehrtwende in der britischen Atompolitik einstimmen.
Ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt haben ihm die Vorfälle in der Mammutanlage Sellafield,
dem Kernstück der britischen Atomindustrie, die Sache nicht leichter gemacht. Der Unfall in der Wiederaufarbeitungsanlage hat die Briten daran erinnert, für wie viel Probleme britische Atomanlagen in der Vergangenheit schon gesorgt haben. Sellafield allein, das ehemalige Windscale, hat alle Jahre wieder ungute Schlagzeilen gemacht und die Anti-Atomkraft-Bewegung der Insel weiter und weiter wachsen lassen. Beim jüngsten Vorfall, dem Ausfluss einer riesigen Menge hoch radioaktiver Salpetersäure aus einem undichten Rohr in eine Stahlkammer des Werks im vorigen Monat, scheint zumindest innerhalb und außerhalb des Werks niemand zu Schaden gekommen zu sein. Die Frage freilich, wie die ausgetretene Säure, die 200 Tonnen Uran und Plutonium enthalten soll, im Werk selbst wieder unschädlich gemacht werden kann, ist noch keineswegs beantwortet. Vorläufig und möglicherweise auf lange Zeit hin bleiben zentrale Teile der Wiederaufarbeitungsanlage geschlossen. Auch andere Fragen bedürfen der Antwort. Zum Beispiel die Frage, wie es zu dem Vorfall überhaupt kommen konnte. Unklar ist bisher zudem, wie lange es dauerte, bis das Leck entdeckt wurde und wie lange, bis die Bevölkerung die entsprechenden Informationen erhielt. Eine erste Meldung des Rundfunksenders BBC am 23. April klang noch sehr viel harmloser als die präzisere Nachricht, mit der am Montag die Londoner Presse aufwartete. Spekulationen sprachen am Dienstag davon, die Sellafield-Betreiber hätten mit der Veröffentlichung der Details bis nach den Wahlen warten wollen. Ein Untersuchungsbericht, der in wenigen Wochen fällig ist, könnte Licht in dieses Dunkel tragen. Industrie hofft auf Neubau-Pläne Pannen-Anlage Sellafield Seit mehr als 50 Jahren macht die britische Atomanlage Sellafield durch gefährlicher Pannen Schlagzeilen. Eine Auswahl: 1955: Bei Reparaturarbeiten werden 251 Arbeiter verstrahlt. 1957: Der Reaktorkern brennt tagelang, Radioaktivität wird frei. Nach offiziellen Angaben sterben 33 Menschen, nichtstaatliche Stellen gehen von mehr Toten aus. 1973: Explosion, 35 Arbeiter verseucht. 1983: Radioaktive Substanzen werden in die Irische See geleitet, weite Strandabschnitte müssen gesperrt werden. 1986: Elf Menschen werden verstrahlt. 1993: Unfallserie, die Aufarbeitungsanlage muss zum Teil evakuiert werden. 1997: Sechs Arbeiter werden verstrahlt. 2005: Nach einem Rohrbruch fließen 20 Tonnen eines Uran-Plutonium-Gemischs in eine Auffangwanne in der Anlage. Der britischen Atomindustrie kommen die neuesten Nachrichten aus Sellafield natürlich äußerst ungelegen. Noch vor der Sommerpause nämlich, hoffen die Industriellen, wird die Regierung Blair dem Parlament einen Plan zum Bau von mindestens zehn neuen Atomreaktoren in Großbritannien zur Absicherung der britischen Stromversorgung vorlegen. Ein jüngst bekannt gewordenes Dokument aus dem neuen Ministerium für Produktivität, Energie und Industrie weist jedenfalls darauf hin, dass eine Entscheidung dringend notwendig sei, da die zur Zeit noch betriebenen zwölf Reaktoren der Insel im Laufe der nächsten 20 Jahre aus Altersgründen abgeschaltet werden. Nach Berechnungen des Ministeriums könnte es schon vom Jahr 2008 an zu Engpässen in der Energieversorgung kommen. Der Ausbau der Atomenergie würde der bisherigen Regierungslinie zuwiderlaufen. Blairs erklärtes Ziel war die stufenweise Abschaltung der alten Atomreaktoren und erhebliche Investition in erneuerbare Energiequellen. In letzter Zeit hatte der Premier jedoch durchblicken lassen, dass seiner Meinung nach der wachsende Strombedarf ohne ein neues Atom-Programm wohl nicht zu decken sei und dass bei der Bekämpfung der globalen Erwärmung der Atomkraft eine wichtige Rolle zukommen könne. Im Umweltministerium, geleitet von Margaret Beckett, steht man dem Projekt hingegen eher ablehnend gegenüber. Und in Gordon Browns Schatzkanzlei fürchtet man die Milliarden-Kosten eines entsprechenden Programms. |
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