
vom 13.08.2003
Einmal Wendland, immer WendlandAlteingesessene und Zugereiste bilden im nordöstlichen Winkel Niedersachsens eine bunte Gesellschaft, die regelmäßig gegen den Castor protestiert Von Charlotte Schmitz Still ruht das Wendland Die klobigen Wanderschuhe hängen wie Gewichte an den Füßen des Mannes. Er schlurft über den Hof, den Strohhut tief ins Gesicht gezogen. "God loves Cowboys" steht auf dem T-Shirt. Klaus Schoppe hat seinen Traum vom Trapperleben im Wendland verwirklicht. "Jeden Baum für mein Haus habe ich im Wald selbst ausgesucht, geschlagen, geschält und zugeschnitten." Der 44-Jährige aus Hildesheim kaufte 1989 eine alte Ziegelei in Mützingen, die vorher als Bhagwan-Zentrum, Schlachterei und Pilzdosenfabrik gedient hatte. "Die Einheimischen waren froh, als wir blieben. Die stehen drauf, dass wir Reinhauer sind." Die Einheimischen, das sind die alteingesessenen Mützinger, die auf der anderen Seite der Dorfstraße leben, in verklinkerten Einfamilienhäusern mit Geranien-Ampeln und kurz geschorenem Rasen vor der Tür. Zwei Lebensweisen, so verschieden wie ihre Behausungen. Klaus Schoppe hat sich trotzdem integriert. Er ist zwar nicht in die Ortsfeuerwehr eingetreten, dafür aber Jäger geworden. "Ich bin sicher der einzige, der ungewaschen und ungekämmt in diesen Kreisen verkehrt", erklärt der langhaarige Mann und lobt den "Toleranzbonus des Wendlands". Wenn Schoppe nicht durch den Wald streift, betreibt er mit Frau und zwei Söhnen eine Lederwerkstatt im Untergeschoss des Blockhauses. Zweimal im Jahr herrscht Ausnahmezustand: Zu Pfingsten öffnen Schoppes ihr Anwesen für die "Mützingenta", einen Handwerkermarkt. Anfangs kamen 300 Besucher, jetzt sind es 12 000, die ein "fröhlich-freundliches Miteinander feiern". Der andere Ausnahmezustand ist nicht genau datiert. Er ist am "Tag X", wenn der Castor kommt. (Der Castor ist der Zug mit Blechcontainern, die offiziell Castor heißen). Der Inhalt: abgebrannte Brennstäbe aus deutschen Kernkraftwerken. Ziel des Zuges ist Gorleben, ganz im Nordosten des Wendlands. Mitten in einem Fichtenforst steht eine Lagerhalle, umzäunt von Stacheldraht. Hier wird der Atommüll aus den deutschen Kernkraftwerken auf unbestimmte Zeit zwischengelagert. 1977 empfahlen Politiker, der Gorlebener Salzstock solle als unterirdisches Endlager genutzt werden. Seither wehrt sich die Bevölkerung hartnäckig dagegen, das, wie sie es nennen, "Atomklo der Nation" zu beherbergen. "Wenn der Castor kommt, wimmelt hier alles von Bullen, die Straßenkontrollen bestimmen den Tagesablauf", sagt Schoppe. Es sei "kräftezehrend, nach Jahrzehnten noch Leute zu motivieren, das Maul aufzumachen, zu protestieren". Seit 1995 erlebt das Wendland eine Art fünfte Jahreszeit, wenn der Castor-Transport rollt. Atomkraftgegner versuchen mit Blockaden, den politischen Preis für den Transport hochzutreiben. Mit jedem Castor-Transport "wird das Endlager mehr und mehr festgeschrieben", befürchtet Wanda Sippl, 44, "aber wir wollen uns keinen anderen Ort zum Leben suchen." Sippl kam vor elf Jahren aus Bayern nach Priesseck, als sie von einer Freundin hörte, dass dort noch Platz sei. "Künstler und Handwerker brauchen Platz", sagt die Keramikmeisterin und lugt unter ihrem riesigen Sonnenhut hervor, der mit rosa Federn besetzt ist. Zwei Sprüche habe sie beim Zuzug gehört, beide hätten sich bewahrheitet: "Einmal Wendland, immer Wendland" und "Landkreis Psycho-Pannenberg" für Lüchow-Dannenberg. "Das ist liebevoll gemeint, denn hier wohnt ein bunter Mix von Leuten", setzt Wanda Sippl schnell hinzu. Ihr ist wichtig, dass sie hier in einem Haus mit anderen Leuten leben kann. Sie hat eine Gemeinschaft gefunden, die weit über dieses Haus hinausreicht. Bei den Demonstrationen gegen den Castor trifft sie Nachbarn und Freunde aus anderen Dörfern. Auch in Priesseck selbst ist was los: Im Winter treffen sich Frauen aus der 85-Seelen-Gemeinde, Kunsthandwerkerinnen wie Bäuerinnen, und plauschen. Wanda Sippl lebt vom Verkauf ihrer Keramikwerke auf Märkten. Sie formt Tassen mit Vogelköpfen und dicke Nudistenfiguren für Gartenteiche. "Das versteh' ich zwar nicht, aber macht nichts", sei der Kommentar der Dorfbewohner. Die Architektur des Dorfes fördert den Gemeinschaftsgeist: Die Höfe stehen im Kreis, die Hoftore einander zugewandt. Viele Gemeinden im Wendland bilden solche Rundlinge, meist mit einem dicken Baum in der Mitte, unter dem eine Bank steht. Wer würde da nicht nach getaner Arbeit gerne einen Schwatz mit dem Nachbarn halten? Die Architektur der Rundlinge stammt von den Slawen, die im siebten und achten Jahrhundert hierher kamen. Das Wendland war der westlichste Punkt ihres Siedlungsgebiets. Namen wie Lüchow, Lübbow, Lemgow - mit stimmlosem "w" - erinnern bis heute an slawische Gründer. Die Orte mit den wohltönenden Namen liegen entlang von Landstraßen, gesäumt von alten Eichen, deren Kronen über dem Autofahrer kilometerlange Kirchenschiffe bilden. Schwalben segeln über Getreidefelder. Selten verschafft eine sanfte Anhöhe Überblick über die Weite der Landschaft. "Ich war fasziniert von der Gegend, weil sie der Altmark ähnelte, wo meine Großeltern lebten. Da konnte ich ja nicht mehr hin", sagt Franziska Groszer. Die Kinderbuchautorin wurde 1977 aus der Deutschen Demokratischen Republik ausgebürgert, weil sie gemeinsam mit anderen Berliner Intellektuellen gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann protestierte. Im Wendland fand Groszer "Gottes verlassenen Winkel". Solange die DDR bestand, war der Landkreis Lüchow-Dannenberg eine Sackgasse. Die deutsch-deutsche Grenze machte hier eine Schleife nach Osten, markiert durch die breit und träge dahinfließende Elbe. Groszer, die Berlinerin, könnte sich nie vorstellen, beispielsweise in ein bayerisches Dorf zu ziehen. "Dort würde sich der Geruch des Fremden nicht so schnell verlieren", sagt sie. Im Wendland hingegen "kann man sein, wie man will". Wichtig für eine Frau mit einer ungewöhnlichen Biografie, die ungewöhnlichen Berufen nachgeht, dem Schreiben und neuerdings auch Malen. Sie sieht sich privilegiert, weil sie als Freiberuflerin im Wendland ihr Auskommen findet. Selbstständige profitieren von den niedrigen Lebenshaltungskosten. Wer eine Anstellung sucht, hat es hingegen schwer. Die größten Arbeitgeber der Region sind zwei Autozulieferer, Conti und das Kugellagerwerk SKF. Die Arbeitslosenrate im Kreis Lüchow-Dannenberg steuert auf die 20-Prozent-Marke zu. Franziska Groszer registriert das, sieht auch, dass die Jugend der Arbeit hinterherzieht. Ihre Tochter studiert in Hamburg, fraglich, ob sie ins Wendland zurückkommen wird. "Ich schaffe mir meine Lebensqualität selbst", sagt die Autorin. Auf dem Dorf findet sie Ruhe zum Schreiben, wenn es - vor allem im Winter - zu öde wird, fährt sie nach Berlin. Doch das Wendland mit seiner Vielfalt an Sonderbarkeiten hält auch sie in Bann. Groszer erzählt von einer Bekannten, die ohne Strom lebt, "die will das so". Strom ist ein Reizthema im Wendland. Ein Drittel des deutschen Stroms wird in Atomkraftwerken erzeugt. Jeder Castor-Transport erinnert die Wendländer von Neuem an die ungelöste Entsorgungsfrage. Groszer hat sich in der DDR eingemischt, jetzt mischt sie sich im Wendland ein: "An jeder Stelle der Welt stolpert man über eine Scheußlichkeit, hier ist es eben Gorleben." Zwei Kilometer vor dem Ort Gorleben wohnt Wolf-Rüdiger Marunde, bekannt vor allem als Cartoonist von "Marundes Landleben". Der 49 Jahre alte Mann mit den dunklen Stoppelhaaren zeichnet am liebsten menschelnde Schweine und Hühner inmitten von Misthaufen. Die Vorbilder sucht er rund um den Hof, wo er mit Frau, fünf Kindern, Katze und Hund wohnt. Vor 20 Jahren lernte er die Gegend kennen und zog aus der Nähe von Hamburg nach Gedelitz. Der Künstler fand Seelenverwandte: Eine "kritische Masse von Leuten", die ein reges Kulturleben pflegen. Stadtmüde Berliner und Hamburger waren bereits in den frühen 70ern ins Wendland gezogen und hatten alte Höfe zu Schleuderpreisen erworben. "Damals gab es in jedem Dorf eine Kommune", erinnert sich Marunde, "die Kommunarden sitzen heute als respektierte Bürger im Gemeinderat". Heute noch ziehen Berliner oder Hamburger hierher. Sie renovieren die alten Höfe sorgfältig. Von manchem Balken prangt frisch gestrichen eine Inschrift, die ein Zimmermann vor über 100 Jahren schnitzte: "In Gottes Segen/Ist Alles gelegen." Aus Bauernland wird eine Sommerfrische. Ein unerschütterlicher Grundsatz vereint die Zugezogenen der ersten und zweiten Generation: Einmal im Jahr opfern sie "zwei Wochen Lebenszeit" für den Castor-Protest. Natürlich gibt es auch Wendländer, die sich mit der Atomenergie und Gorleben arrangieren können. Die eine Chance für ihre Region sehen, falls in ferner Zukunft ein paar Arbeitsplätze entstehen durch ein Endlager oder ein "Pilotkonditionierungslager", in der der strahlende Müll aus den Castoren in andere, für immer haltbare Behälter umgepackt wird. Marundes Nachbar ist ein solcher Mann. Deshalb sprechen die beiden nicht über Politik, zumindest das Thema Energiepolitik vermeiden sie weiträumig. Marunde und sein Nachbar leihen sich trotzdem landwirtschaftliche Geräte aus, schnacken dann eben übers Wetter. Die Halle auf dem Gelände des geplanten Endlagers liegt sonnenbeschienen im Gorlebener Forst. 32 Castor-Behälter werden bisher hier aufbewahrt. Physiker der Anti-Atom-Bewegung haben die Gegend mit einem Netz von Messpunkten für Radioaktivität überzogen, weil sie staatlichen Angaben nicht trauen. Sie haben noch nie überhöhte Werte gemessen. Auch der allerkleinste Austritt von Radioaktivität würde Klaus-Bernd Meyer sofort ruinieren. Der 39 Jahre alte Bauer weiß, dass niemand Milch oder Getreide aus dem Wendland kaufen würde, wenn es nur den Hauch eines Verdachts auf einen Unfall in Gorleben gäbe. Vor vier Jahren hat der blonde Hüne seinen Betrieb auf Ökolandwirtschaft umgestellt. "Die Zeit war reif." Das ist sein Beitrag zu den neun Prozent der Fläche, die im Wendland ökologisch bewirtschaftet werden, gegenüber durchschnittlich drei Prozent in ganz Deutschland. Jetzt vermarkten die Wendländer Ökobauern ihre Milch gemeinsam unter dem Label "Storchenmilch". Die Packung zeigt einen Frosch, der einem Storch an die Gurgel geht. Durchaus programmatisch gemeint, das Label. Die Wendländer sehen sich als David, der dem Goliath eines "Atomstaats" gegenübersteht. Meyer ist mit der Anti-Atom-Bewegung aufgewachsen. "Wenn der Castor rollt, verabschiede ich mich für eine Woche von meiner Familie." Was die "Bäuerliche Notgemeinschaft" in dieser Zeit ausheckt, verrät er nicht, nur so viel: "Wir haben die schon mächtig geärgert." Die, das sind die Polizisten und Politiker, die den Transport alljährlich neu durchsetzen. Die Polizisten ärgern zurück: 1997 schlitzten sie mehreren Treckern die Reifen auf, um eine Blockade der Castor-Transportstrecke zu verhindern. "Das hat uns 60.000 Mark gekostet, die haben wir komplett durch Spenden finanziert." Meyer ist stolz, dass alle zusammengehalten haben und dass er den neuen Reifensatz bis auf den letzten Pfennig ersetzt bekam. Bei so viel Ärgerei darf auch der Spaß nicht zu kurz kommen. "Nur wer zusammen auch mal feiert", da ist er sicher, "kann all die Jahre durchhalten" Der Bauer faltet die Hände hinter dem Kopf, lehnt sich zurück und sagt: "Ich werde den Widerstand erst aufgeben, wenn ich in die Kiste falle." |
Bearbeitet am: 05.09.2003/ad