frmax.gif (2331 Byte)

vom 19.06.2001

Im Stahlrohr bevorzugen Atomkraft-Gegner die sanfte Methode

Deutsche Anti-Castor-Veteranen schulen französischen Widerstand / Ziel der Aufklärung diesseits des Rheins erreicht

Von Jutta Hartlieb (Sarralbe/afp)

Die Polizisten sind pünktlich. Während manche Atomkraft-Gegner noch den bis zuletzt geheimgehaltenen Treffpunkt suchen, beobachtet ein halbes Dutzend französischer Ordnungshüter bereits halb amüsiert, halb ungläubig, was sich da vor ihren Augen abspielt. An einem stillgelegten Bahngleis nahe der Ortschaft Sarralbe in Lothringen üben am Sonntagnachmittag rund 30 französische Atom-Gegner in gelben und weißen Schutzanzügen den Widerstand gegen Castor-Transporte. Sie nehmen an einem "Trainingskurs" teil, den das "Réseau Sortir du Nucleaire" (Netzwerk Atomausstieg) gemeinsam mit deutschen Atomkraft-Gegnern organisiert hat. "Die Deutschen haben Erfahrung mit dem Widerstand gegen Castoren, bei uns läuft das erst langsam an", erläutert Gilbert Poirot, der auf französischer Seite gegen die Atommülltransporte zur Wiederaufarbeitungsanlage La Hague kämpft.

"Unser Feind ist nicht die Polizei, sondern die Atomindustrie", doziert Markus, Mitglied einer deutschen Anti-Atom-Initiative und erfahrener Castor-Transport-Gegner. Nach dem etwa zweistündigen theoretischen Unterricht in Sachen Guerilla-Taktik beginnen die praktischen Übungen: Eine junge Frau aus Straßburg legt sich auf das Bahngleis. Ihren Arm steckt sie in ein Stahlrohr, das einige Mitstreiter unter die Gleise geschoben haben. Ihr gegenüber liegt ein zweiter Atomkraft-Gegner, der ebenfalls einen Arm in das Rohr schiebt. Beide verschränken ihre Hände.

"Es gibt auch Rohre, in denen man sich direkt anketten kann", erläutert Markus. Anketten hat aber den Nachteil, dass die Polizei die Demonstranten mit Schneidbrennern befreien muss - und das ist nicht ungefährlich. Viele Demonstranten bevorzugen daher die sanftere Methode, sich mit Armen und Beinen aneinander zu klammern.

"Ziel ist es, möglichst lange ein Hindernis auf dem Gleis zu bilden", betont Michel Daniel, Mitglied einer Bürgerinitiative gegen das im lothringischen Bure geplante, weltweit erste Atommüll-Endlager. Selbst dies sei nicht ohne Risiko, weiß der Franzose. Schließlich hat er im Frühjahr bei der Großdemonstration in Gorleben einen Zahn verloren, als ihn die deutsche Polizei mit Gewalt von anderen Demonstranten trennte.

Nach der Stahlrohr-Übung schlägt Markus ein Rollenspiel vor. Die Hälfte der Teilnehmer spielt Demonstranten, die andere Polizisten. Die "Polizisten" versuchen, die Atomkraft-Gegner auseinander zu reißen und von den Gleisen zu tragen. Die "Demonstranten" schreien ihren Zorn in - fiktive - Kameras. "Hier geht es darum, trotz allem möglichst kaltblütig zu bleiben und Eskalationen zu vermeiden", betont Markus, dessen einzige Freizeitbeschäftigung seit Monaten der Castor-Widerstand ist.

Nach der Übung analysieren beide Seiten in einer Kneipe in Sarralbe die Lage. Bisher sei der Widerstand vor allem im Elsass, wo die meisten Castor-Züge durchrollen, recht lasch gewesen, meint Poirot. Doch allmählich rege sich Widerstand. Er verweist auf ein Treffen von mehreren elsässischen Bürgermeistern, die kürzlich von den zuständigen staatlichen Stellen Auskunft über die umstrittenen Transporte gefordert hatten.

In Deutschland wiederum gebe es nach gut einem halben Dutzend Castor- Zügen seit Ende März "gewisse Ermüdungserscheinungen - sowohl bei der Polizei als auch beim Widerstand", meint Anti-Castor-Kämpfer Markus. Dennoch seien die bisherigen Aktionen ein voller Erfolg. "Wir wollen der Öffentlichkeit klar machen, dass bisher niemand eine Lösung für die Atommüll-Entsorgung hat." Dies sei in Deutschland gelungen - und auch im traditionell wenig atomkritischen Frankreich laufe die Debatte nun an. Markus glaubt jedenfalls, dass der Widerstands-Funke den Rhein übersprungen hat.

Ob er damit Recht hat, wird sich schon in wenigen Tagen zeigen, wenn der nächste Atommüllzug durch Ostfrankreich rollen soll.

Bearbeitet am: 19.06.2001/ad


zurück zur Homepage