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vom 18.02.2000     

Wyhl - 25 Jahre danach

Das Atomkraftwerk am Kaiserstuhl wurde verhindert, doch
jetzt fließt Nuklearstrom vom französischen Nachbarn
Von Karl-Otto Sattler

"Tja, die Atomlobby nimmt halt keine Rücksicht. Dieser nachträgliche Triumph, das schockt mich schon etwas, das bereitet mir Bauchschmerzen." Diese Worte Lore Haags überraschen, schließlich hätte die 73jährige Geschäftsführerin der badisch-elsässischen Bürgerinitiativen allen Grund zum Fröhlichsein - und das Fest zum 25jährigen Jubiläum der erfolgreichen Bauplatzbesetzung, die das Atomkraftwerk Wyhl stoppte, wird kommenden Sonntag auch gebührend am Tatort gefeiert. Doch in die Viertelegläser mit Kaiserstühler Wein fallen Wermutstropfen. Damals wurde der Atomkoloss am Oberrhein in einer grenzübergreifenden Kraftanstrengung badischer, elsässischer und Basler Öko- Aktivisten verhindert, jetzt steigt der ehedem so verhasste französische Energiekonzern EDF transnational beim Nachfolgeunternehmen EnBW des ebenso unbeliebten Badenwerks ein. Und der EU- Binnenmarkt macht es möglich, dass der Nuklearstrom aus der französischen Nachbarschaft mit den EDF-Atomkraftwerken Fessenheim im Elsass und Cattenom in Lothringen nach Deutschland fließt. Auch nach Wyhl.

Es sollte es am kommenden Wochenende eine schöne Familienfeier im Wyhler Rheinauewald werden. Nach einigem Gezerre hat der Gemeinderat seine Zustimmung zur Errichtung eines Gedenksteins in jenem Forst gegeben, der nach dem endgültigen Aus für das heiß umstrittene Atomkraftwerk zum Naturschutzgebiet erklärt wurde. Alte Freunde aus dem Elsass werden vorbeischauen, die Haudegen von einst werden mit Wein und Zwetschgenwasser anstoßen und sich an Speck und Kuchen laben. So aufregend wie in den Februartagen 1975 bei den Kämpfen mit hundestaffel- und wasserwerferbewehrten Polizeitrupps wird es zwar nicht mehr sein. Und nicht mehr so romantisch wie damals, als zwischen den Zelten am Lagerfeuer zur Gitarrenmusik die Weinflaschen kreisten. .

Plötzlich aber steht eine neue Herausforderung an, die auch dem für die Feier als Redner angesagten grünen Umweltminister Jürgen Trittin einiges abverlangen wird. Das Kampffeld: Europa. Die 66-jährige Solange Fernex, heute Sprecherin der elsässischen Grünen: "Wir Atomkraftgegner haben einst als transnationale Bewegung wirkliche europäische Politik gemacht, das war ein Stück Europa von unten". Fernex, deren Engagement später sogar in eine Abgeordnetentätigkeit im EU-Parlament mündete: "Beim Einsatz gegen die Nuklearenergie müssen wir jetzt wieder auf Europa setzen, unten bei den Bürgerinitiativen und oben bei den nationalen Regierungen und in Brüssel".

So sieht es auch Axel Mayer, zu Zeiten der Bauplatzbesetzung mit 20 Jahren noch ein Youngster, inzwischen als Geschäftsführer des südbadischen Bundes für Umwelt und Naturschutz schon fast ein etablierter Politiker: "Wir sollten die Lehren von damals begreifen und europäische Politik machen".

Wyhl, das ist im Geschichtsbuch als Geburtsstunde der deutschen Anti-Atom-Bewegung vermerkt, auch die Partei der Grünen hat letztlich am Kaiserstuhl ihre Wurzeln. Eher in Vergessenheit geraten ist indes die bunte, europäische Mischung des Protests aus bodenständigen Bauern und Winzern, Hausfrauen, linken Studenten aus Freiburg, Pfarrern, Apothekern, Ärzten, Wissenschaftlern, Lehrern. Immer dabei: die Freunde aus dem Elsass und aus Basel. Sprachprobleme gab es nicht: "Nai hämmer gsait!", diese alemannische Parole der Protestler verstanden alle. Solange Fernex, eine der Hauptstützen des Aufstands: "Wir haben uns eben in unserem regional-grenzübergreifenden Dialekt unterhalten, auf Alemannisch". Nur selten mussten Reden linksrheinischen Mitstreitern übersetzt werden. "Zuweilen", erinnert sich Fernex lachend, "übersetzten wir für Norddeutsche auf Hochdeutsch". Axel Mayer hat bis heute trotz aller fortlebenden Kontakte nach drüben kein Französisch gelernt, "das war ja nicht nötig, wir waren eine alemannische Internationale".

Ihre Gehversuche hatte die deutsche Öko-Bewegung zunächst auf französischem Boden unternommen. Schon 1971 protestierten 1500 links- und rechtsrheinische Widerständler auf einem Rheindamm gegen die Pläne für das elsässische Atomkraftwerk Fessenheim - die allererste Manifestation in Europa gegen ein solches Projekt. Diesen Anfängen entsprang eine quer zu nationalen Denken stehende Konstellation: Das Engagement für die Umwelt stand grenzübergreifend den ebenfalls transnational verbandelten Interessen der Atomindustrie und der mit ihr verquickten offiziellen Politik gegenüber. Auf der anderen Seite kooperierten die deutsche und die französische Polizei, noch ohne jede EU-Innenpolitik, auch bestens gegen die "Aufrührer".

Die badisch-elsässischen Bürgerinitiativen waren erfolgreich. Im elsässischen Gerstheim wurde durch eine Platzbesetzung ein EDF-Atommeiler verhindert und ebenso durch eine Okkupation ein Bleichemiewerk im linksrheinischen Marckolsheim. Bei diesem Konflikt wurde Axel Mayer zum Fan der Ökologie: "Als Auszubildender war ich noch ein Befürworter der Nuklearenergie, den Film 'Unser Freund, das Atom' hatte man uns gezeigt". Dann fuhr er mit der Freundin auf dem Roller ins elsässische Markkolsheim, "und auf dem besetzten Bauplatz verstand ich dann die Dinge".

Auch in Kaiseraugst bei Basel wurde wegen der Massendemonstrationen der Dreiländereck-Rebellen der Plan eines Schweizer Atomkraftwerks ersatzlos gestrichen. Von den damaligen Großprojekten eines transnationalen "Ruhrgebiets am Oberrhein" wurde 1977 einzig der französische Nuklearmeiler Fessenheim verwirklicht, gegen den die badisch-elsässische Öko-Szene heute noch aufmuckt.

"In Wyhl haben wir vor unserer eigenen Tür gekehrt", meint Mayer. Und da fuchst es schon, dass nun durch die europäische Hintertür der französische Nuklearstrom über grenzenlos freie Netze auf irgendwelchen Umwegen ins sauber geputzte Öko-Haus eindringt. Beim EDF-Einstieg in den Badenwerk-Nachfolger EnBW erweist sich die Stuttgarter CDU/FDP-Regierung als williger Helfer - im Zeichen Europas lebt die deutsch-französische Industrie-Entente vom Oberrhein wieder auf. Badenwerk beziehungsweise EnBW waren auch von Anfang an finanziell in Fessenheim beteiligt.

Resignieren aber will die Wyhl-Garde nicht. Es ist schon erstaunlich, welche Hoffnungen auf der Bundesregierung wegen ihres zumindest grundsätzlich beschlossenen Atomausstiegs ruhen. Lore Haag, die damals im besetzten Rheinauewald so routiniert die Spendenbüchsen einsetzte und seit damals die Geschäftsstelle der Bürgerinitiativen verwaltet: "Rotgrün darf nicht in der Defensive verharren. Die müssen europaweit für die Abkehr von der Nuklearkraft eintreten, und zwar energisch". Jürgen Trittin erwartet am Wochenende in Wyhl ein gespanntes Publikum.

Bemerkenswert optimistisch hört sich auch Solange Fernex an: "Frankreich ist keine Insel in Europa, die deutsche Ausstiegspolitik zieht ihre Spuren auch bei uns". Das stärke der grünen Umweltministerin Dominique Voynet den Rücken: "Die steht doch fast allein in der atomfreundlichen Regierung in Paris". Und dem Atomstromhandel könne man doch etwas entgegensetzen, meint Fernex: "Wir müssen den Export von Solarstrom fordern und fördern".

Axel Mayer hat noch eine andere Idee: "Wir sollten der französischen Chemieindustrie und der deutschen Atomwirtschaft eine Rechnung schicken, weil wir sie vor kostspieligen Fehlinvestitionen gerettet haben". Der nicht gebaute Weiler in Wyhl habe Nuklearstrom-Überkapazitäten verhindert. Und wegen des späteren Bleiverbots im Benzin habe sich auch das Bleichemiewerk im elsässischen Marckolsheim nicht rentiert. Zu überweisen wäre die Rechnung in Euro.

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Bearbeitet am: 18.02.2000/ad


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