Drei Arbeiter sind bei einem schweren Zwischenfall in einer japanischen
Atomanlage radioaktiv verstrahlt worden. Erbrechen, Durchfall, geschwollene Lymphknoten,
Bewusstlosigkeit - die Symptome der
Strahlenkrankheit, der lebensgefährlichen Überdosis von Radioaktivität. Diese ersten
Nachrichten schon waren
alarmierend.Was die Behörden und die Betreiber danach, lange zögernd und zuerst
herunterspielend, mitzuteilen hatten, klang gefährlicher: Der Nuklearunfall hat offenbar
anhaltende "ungewöhnliche Reaktionen" zur Folge. Dann wurde im Lauf des Tages
klarer: Japan hat seine Version von Tschernobyl erlebt. Den größten anzunehmenden
Unfall, den GAU.
Auch zwölf Stunden nach Beginn des Störfalls war die Gefahr noch nicht gebannt.
"Es gibt eine große Wahrscheinlichkeit, dass selbst jetztnoch im Inneren der Anlage
anormale Reaktionen andauern", sagte
Japans Regierungssprecher Hiromu Nonaka am späten Donnerstagabend auf einer überraschend
anberaumten
Pressekonferenz. "Wir glauben, dass dies eine ernste Situation ist, und es gibt
Bedenken über Verstrahlungen in den umliegenden Gebieten."
Premier Keizo Obuchi werde wegen der Schwere des Unfalls eine für Freitag geplante
Kabinettsumbildung verschieben. Obuchi habe auch ein neues Katastrophenzentrum zur
Koordinierung der Regierungsmaßnahmen direkt unter seiner Leitung gebildet.
"Wir werden mit dieser Situation in einer Weise umgehen, die später als zu
vorsichtig kritisiert werden könnte", sagte Nonaka. "Es gibt eine hohe
Wahrscheinlichkeit, dass die ungewöhnlichen Reaktionen in der
Fabrik andauern." Es sei ein größeres Gebiet verstrahlt worden, als man zuerst
angenommen hätte. Es gebe Befürchtungen, dass Menschen Schaden nehmen könnten, wenn sie
diesen Strahlenwerten für eine längere Zeit ausgesetzt würden. "Dies ist etwas,
was Japan noch nie erlebt hat", sagte Nonaka.
Über die genaue Unfallursache herrschte in den Stunden nach Bekanntwerden des Störfalls
noch Verwirrung.
Vizewissenschaftsminister Toshio Okazaki sagte jedoch in einer erstenPressekonferenz, dass
es sich um einen
"Kritikalitätsunfall" gehandelt haben könnte. Das ist ein äußerst schwerer
und gefährlicher Atomunfall, der dann eintritt, wenn zuviel spaltbares Material wie etwa
hochangereichertes Uran 235 oder Plutonium auf zu
engem Raum konzentriert wird und dadurch eine Kettenreaktion der Atomspaltung auslöst -
vergleichbar einer kurzzeitigen Atomexplosion. Dabei können Radioaktivität in die
unmittelbare Umgebung geschleudert und Brände ausgelöst werden.
Ein Beamter der Präfektur Ibaraki sagte, in unmittelbarer Nähe des Unfalls sei die
Radioaktivität 10 000 Mal höher als normal gewesen. Das hat es im Juli in einer
anderen japanischen Atomanlage schon
einmal gegeben, bei Tsuruga, doch versichern die zuständigen Stellen, damals sei keine
Radioaktivität in die Außenwelt gelangt. Das ist jetzt anders in der
Atom-Forschungsanlage Tokaimura. Was dort am
Donnerstag geschah, ist der schlimmste derartige Vorfall in der Geschichte Japans.
Nach Angaben der Betreiberfirma haben die drei Arbeiter Hisashi Ouchi (35), Masato
Shinohara (29) und Yutaka Yokokawa (54) gegen 10.35 Uhr am Donnerstagmorgen einen
"blauen Blitz" gesehen und sich
unmittelbar danach krank gefühlt. Die Umgebung der Anlage wurde offenbar erheblich
verstrahlt. 50 Häuser, die weniger als 350 Meter von der Anlage entfernt stehen, wurden
evakuiert. Die übrigen Einwohner
der Stadt, in der gut 33 000 Menschen leben, wurden in Rundfunkansagen und über
Lautsprecher aufgefordert,
ihre Häuser nicht zu verlassen. In Tokaimura sind 15 Nuklearanlagen in Betrieb. Eine
davon ist die Produktionsanlage für Uranbrennstoffe. Sie wird von der Firma JCO
betrieben, einer Tochterfirma des
Konzerns Sumitomo Metal Mining. Die Verunsicherung der Bevölkerung war nach ersten
Fernsehberichten über den Unfall so groß, dass selbst in der weit entfernten Hauptstadt
Tokio Bürger bei
Umweltschutzorganisationen anriefen und sich erkundigten, ob sie sich besser evakuieren
lassen
sollten.
Der Störfall ereignete sich unweit der Wiederaufarbeitungsanlage Tokaimura, in der sich
1997 der bisher schwerste Atomunfall in der Geschichte Japans ereignet hatte. Damals war
ein Feuer in der Anlage
ausgebrochen. Neun Stunden, nachdem die Betreibergesellschaft behauptet hatte, den Brand
"unter Kontrolle" zu haben, kam es zu einer schweren nichtnuklearen Explosion,
in deren Folge 37 Arbeiter
verstrahlt wurden, weil Radioaktivität aus dem "sicheren Bereich" entwich.
Vertuschungsmanöver der
Betreibergesellschaft Donen über diesen Brand versetzten den damaligen Regierungschef
Ryutaro
Hashimoto in Wut: "Diese Donen-Leute sind ein völlig hoffnungsloser Fall. Das Lügen
und Verschweigen fordert die öffentliche Kritik heraus. Jetzt reicht es mir!" Es gab
Konsequenzen. Im Jahre 1998 wurde Donen
aufgelöst und eine Nachfolgeorganisation eingerichtet, das "Japan Nuclear Cycle
Development Institute". In der neuen Einrichtung ist aber weitgehend das gleiche
Personal beschäftigt.
Der neuerliche Störfall ist ein weiterer schwerer Rückschlag für diejapanische
Atomindustrie. Erst im Juli war im
Atomkraftwerk Tsuraga tonnenweise radioaktives Kühlwasser aus dem Primärkühlkreislauf
ausgelaufen. Der Schnelle Brüter in Monju, ein Kernstück der japanischen nuklaren
Kreislaufwirtschaft, hatte am 8.Dezember 1995"Kühlmittel verloren". Das klingt
harmlos. Die Tatsachen: Es handelte sich um zwei bis drei Tonnen Natrium. Dieses chemisch
außerst aggressive Alkalimetall wird in flüssiger Form in Brutreaktoren als Kühlmittel
verwendet. Das Kühlmittel führt die Wärme ab, die im Reaktorkern entsteht, und hält
ihn in einem
Temperaturbereich, in dem die Kettenreaktion kontrolliert abläuft. Die Faustregel:
Hinreichender Kühlmittel-Verlust führt zur Kernschmelze.
Trotz der Skandale und Unfälle hält Tokio jedoch an seinen ehrgeizigen Plänen zum
Ausbau der Atomenergie fest. Derzeit gibt es bereits 51 kommerzielle Atomkraftwerke, die
mehr als ein Drittel des japanischen
Stromes erzeugen. Auch den Traum von der Errichtung eines Brennstoffzyklus, komplett mit
Wiederaufarbeitungsanlagen und Schnellen Brütern, hat man in Japan im Gegensatz zu
Deutschland noch immer nicht aufgegeben. Gerade die von Störfällen geplagte Atomanlage
in Tokaimura ist ein wichtiges Bindeglied
in diesem Brennstoffzyklus. |