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vom  02.10.1999   

Mit einem blauen Blitz begann Japans Tschernobyl
In Tokaimura wurden Arbeiter verstrahlt, und die Kettenreaktion war nur schwer in den Griff zu
bekommen
Von Henrik Bork (Tokio) und Karl Grobe

Drei Arbeiter sind bei einem schweren Zwischenfall in einer japanischen Atomanlage radioaktiv verstrahlt worden. Erbrechen, Durchfall, geschwollene Lymphknoten, Bewusstlosigkeit - die Symptome der
Strahlenkrankheit, der lebensgefährlichen Überdosis von Radioaktivität. Diese ersten Nachrichten schon waren
alarmierend.

Was die Behörden und die Betreiber danach, lange zögernd und zuerst herunterspielend, mitzuteilen hatten, klang gefährlicher: Der Nuklearunfall hat offenbar anhaltende "ungewöhnliche Reaktionen" zur Folge. Dann wurde im Lauf des Tages klarer: Japan hat seine Version von Tschernobyl erlebt. Den größten anzunehmenden
Unfall, den GAU.

Auch zwölf Stunden nach Beginn des Störfalls war die Gefahr noch  nicht gebannt. "Es gibt eine große Wahrscheinlichkeit, dass selbst jetztnoch im Inneren der Anlage anormale Reaktionen andauern", sagte
Japans Regierungssprecher Hiromu Nonaka am späten Donnerstagabend auf einer überraschend anberaumten
Pressekonferenz. "Wir glauben, dass dies eine ernste Situation ist, und es gibt Bedenken über Verstrahlungen in den umliegenden Gebieten."
Premier Keizo Obuchi werde wegen der Schwere des Unfalls eine für Freitag geplante Kabinettsumbildung verschieben. Obuchi habe auch ein neues Katastrophenzentrum zur Koordinierung der Regierungsmaßnahmen direkt unter seiner Leitung gebildet.

"Wir werden mit dieser Situation in einer Weise umgehen, die später als zu vorsichtig kritisiert werden könnte", sagte Nonaka. "Es gibt eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass die ungewöhnlichen Reaktionen in der
Fabrik andauern." Es sei ein größeres Gebiet verstrahlt worden, als man zuerst angenommen hätte. Es gebe Befürchtungen, dass Menschen Schaden nehmen könnten, wenn sie diesen Strahlenwerten für eine längere Zeit ausgesetzt würden. "Dies ist etwas, was Japan noch nie erlebt hat", sagte Nonaka.

Über die genaue Unfallursache herrschte in den Stunden nach Bekanntwerden des Störfalls noch Verwirrung.
Vizewissenschaftsminister Toshio Okazaki sagte jedoch in einer erstenPressekonferenz, dass es sich um einen
"Kritikalitätsunfall" gehandelt haben könnte. Das ist ein äußerst schwerer und gefährlicher Atomunfall, der dann eintritt, wenn zuviel spaltbares Material wie etwa hochangereichertes Uran 235 oder Plutonium auf zu
engem Raum konzentriert wird und dadurch eine Kettenreaktion der Atomspaltung auslöst - vergleichbar einer kurzzeitigen Atomexplosion. Dabei können Radioaktivität in die unmittelbare Umgebung geschleudert und Brände ausgelöst werden.

Ein Beamter der Präfektur Ibaraki sagte, in unmittelbarer Nähe des Unfalls sei die Radioaktivität 10 000 Mal höher als normal gewesen.  Das hat es im Juli in einer anderen japanischen Atomanlage schon
einmal gegeben, bei Tsuruga, doch versichern die zuständigen Stellen, damals sei keine Radioaktivität in die Außenwelt gelangt. Das ist jetzt anders in der Atom-Forschungsanlage Tokaimura. Was dort am
Donnerstag geschah, ist der schlimmste derartige Vorfall in der Geschichte Japans.

Nach Angaben der Betreiberfirma haben die drei Arbeiter Hisashi Ouchi (35), Masato Shinohara (29) und Yutaka Yokokawa (54) gegen 10.35 Uhr am Donnerstagmorgen einen "blauen Blitz" gesehen und sich
unmittelbar danach krank gefühlt. Die Umgebung der Anlage wurde offenbar erheblich verstrahlt. 50 Häuser, die weniger als 350 Meter von der Anlage entfernt stehen, wurden evakuiert. Die übrigen Einwohner
der Stadt, in der gut 33 000 Menschen leben, wurden in Rundfunkansagen und über Lautsprecher aufgefordert,
ihre Häuser nicht zu verlassen. In Tokaimura sind 15 Nuklearanlagen in Betrieb. Eine davon ist die Produktionsanlage für Uranbrennstoffe. Sie wird von der Firma JCO betrieben, einer Tochterfirma des
Konzerns Sumitomo Metal Mining. Die Verunsicherung der Bevölkerung war nach ersten
Fernsehberichten über den Unfall so groß, dass selbst in der weit entfernten Hauptstadt Tokio Bürger bei
Umweltschutzorganisationen anriefen und sich erkundigten, ob sie sich besser evakuieren lassen
sollten.

Der Störfall ereignete sich unweit der Wiederaufarbeitungsanlage Tokaimura, in der sich 1997 der bisher schwerste Atomunfall in der Geschichte Japans ereignet hatte. Damals war ein Feuer in der Anlage
ausgebrochen. Neun Stunden, nachdem die Betreibergesellschaft behauptet hatte, den Brand "unter Kontrolle" zu haben, kam es zu einer schweren nichtnuklearen Explosion, in deren Folge 37 Arbeiter
verstrahlt wurden, weil Radioaktivität aus dem "sicheren Bereich" entwich. Vertuschungsmanöver der
Betreibergesellschaft Donen über diesen Brand versetzten den damaligen Regierungschef Ryutaro
Hashimoto in Wut: "Diese Donen-Leute sind ein völlig hoffnungsloser Fall. Das Lügen und Verschweigen fordert die öffentliche Kritik heraus. Jetzt reicht es mir!" Es gab Konsequenzen. Im Jahre 1998 wurde Donen
aufgelöst und eine Nachfolgeorganisation eingerichtet, das "Japan Nuclear Cycle Development Institute". In der neuen Einrichtung ist aber weitgehend das gleiche Personal beschäftigt.

Der neuerliche Störfall ist ein weiterer schwerer Rückschlag für diejapanische Atomindustrie. Erst im Juli war im
Atomkraftwerk Tsuraga tonnenweise radioaktives Kühlwasser aus dem Primärkühlkreislauf
ausgelaufen. Der Schnelle Brüter in Monju, ein Kernstück der japanischen nuklaren Kreislaufwirtschaft, hatte am 8.Dezember 1995"Kühlmittel verloren". Das klingt harmlos. Die Tatsachen: Es handelte sich um zwei bis drei Tonnen Natrium. Dieses chemisch außerst aggressive Alkalimetall wird in flüssiger Form in Brutreaktoren als Kühlmittel verwendet. Das Kühlmittel führt die Wärme ab, die im Reaktorkern entsteht, und hält ihn in einem
Temperaturbereich, in dem die Kettenreaktion kontrolliert abläuft. Die Faustregel: Hinreichender Kühlmittel-Verlust führt zur Kernschmelze.

Trotz der Skandale und Unfälle hält Tokio jedoch an seinen ehrgeizigen Plänen zum Ausbau der Atomenergie fest. Derzeit gibt es bereits 51 kommerzielle Atomkraftwerke, die mehr als ein Drittel des japanischen
Stromes erzeugen. Auch den Traum von der Errichtung eines Brennstoffzyklus, komplett mit Wiederaufarbeitungsanlagen und Schnellen Brütern, hat man in Japan im Gegensatz zu Deutschland noch immer nicht aufgegeben. Gerade die von Störfällen geplagte Atomanlage in Tokaimura ist ein wichtiges Bindeglied
in diesem Brennstoffzyklus.

Bearbeitet am: 02.10.1999/ad


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