
Der Albtraum ist grün
Castoren drohen die Seele der Partei zu
überrollen, aber die
Führung hat es noch nicht so richtig gemerkt
Von Vera Gaserow (Berlin)
| Man traf sich im schönen Weimar, und die grünen Bundestagsabgeordneten machten es sich gemütlich, als sie Anfang September zur Fraktionsklausur zusammenkamen. Ein bisschen Sightseeing bei Goethens, ein wenig Aufregung um kontroverse Rentenkonzepte. Nichts, was schlaflose Nächte bereiten müsste. Da hatten einige in der Partei längst einen Albtraum und der hatte eine Farbe: Grün. Inzwischen hat der Albtraum auch eine Fußnote. Die steht im jüngsten "Statusbericht" des Bundesumweltministeriums zum Thema Atomtransporte und klingt ganz unverfänglich: "Die Anträge wurden noch nicht beschieden, da noch Antragsunterlagen fehlen." Erst der Umkehrschluss macht aus diesem harmlosen Satz einen grünen Albtraum: Fehlen die Unterlagen nicht mehr - möglicherweise nur eine Sache von Wochen -, dann wird innerhalb eines Monats über einen Atomtransport aus dem Atomkraftwerk Neckarwestheim entschieden sein müssen. Dann könnte ein grüner Bundesumweltminister mit dem Plazet eines bei den Grünen groß gewordenen Präsidenten des Bundesamtes für Strahlenschutz nukleare Fracht in das nordrhein-westfälische Ahaus genehmigen müssen - und ein grüner Polizeipräsident hätte vor Ort die Straße freizuknüppeln. Worstcase-Szenario. Wann es wirklich eintritt, ist vor allem eine Frage der Zeit. Noch haben die AKW-Betreiber auch in Neckarwestheim nicht die nötigen Sicherheitsauflagen für einen Transport erfüllt. Aber der Schock sitzt den Grünen schon jetzt in den Gliedern: Wenn im Frühjahr tatsächlich die ersten Castoren Richtung Ahaus rollen, "können wir unseren Landtagswahlkampf gleich schmeißen", warnen nordrhein-westfälische Parteimitglieder, und auch auf der Bundesebene dämmert's: "Mir fehlt die Fantasie", sagt der Alt-Grüne Stratege Ralf Fücks, "wie die Partei das durchstehen soll." Andere sagen es drastischer: Das Gelingen oder Nichtgelingen eines Atomausstiegs wird nicht einmal mehr eine Zerreißprobe werden, "das bricht den Grünen das Genick". Aber es gibt auch einen schönen grünen Traum: Joschka Fischer und Jürgen Trittin treffen sich mit den Bossen der Atomindustrie, Freitagabend zum Dämmerschoppen, und zaubern unter dem Tuch der strikten Geheimhaltung einen Konsens über den Atomausstieg hervor - so klandestin, dass man sich bisher nicht einmal vorstellen kann, wie dieser Konsens aussehen könnte. Manchmal hilft es ja, ganz fest an etwas Schönes zu glauben. Manchmal hilft auch etwas anderes: Aufwachen, zum Beispiel, egal ob aus Träumen oder Albträumen. Erst ganz allmählich reibt sich die grüne Führungsspitze die Augen über das, was sich außerhalb ihrer Bonn/Berliner Käseglocke längst zusammengebraut hat: Während in den Landesverbänden die Telefone mit Fragen zum Atomausstieg heiß liefen, war das Thema auf Bundesebene allein Sache einiger Fachpolitiker. Bundestagsfraktion und Parteispitze debattierten noch exzessiv über Sparpaket und Rentenfrage, da kannte ein Bundestreffen der grünen Landesvorstände längst nur ein einziges Thema: den Atomausstieg. Mittlerweile hat immerhin auch der Bundesvorstand erschrocken entdeckt: Da ist "die Seele der Partei" in Gefahr. Ortsbesuche bei der Seele, dort wo sie am tiefsten verletzt ist: Wenn die Abgeordnete Claudia Roth in ihren Augsburger Kreisverband nahe dem AKW Gundremmingen kommt, dann schlägt ihr eine Mischung aus Wut und Resignation entgegen. Schier "abenteuerlich" findet es die Grüne, wie ihre Kollegen in der Bundestagsfraktion den Konfliktstoff Atomausstieg durch "Nichtbehandlung" verdrängt haben. Ortswechsel nach Niedersachen: hier hat die grüne Fraktionschefin Rebecca Harms das ähnliche Problem. In ihrer Heimat Lüchow-Dannenberg ist es der Bürgerinitiative "scheißegal", welche Farbe die Bundesregierung hat, die Castor-Behälter Richtung Gorleben schickt. "Wenn bis dahin kein schlüssiges Ausstiegsszenario vorliegt", weiß Rebecca Harms, "gibt es einen Riesenknall." Die Seele der Partei, an einem Ort, wo kein Atommeiler steht und kein Zwischenlager auf strahlende Bestückung wartet: Die Berliner Heinrich-Böll-Stiftung hat zu einem hochkarätig besetzten Forum über den Atomausstieg geladen. Im halb leeren Saal rund 150 Zuhörer, die meisten von ihnen gehören zur "Familie", Anti-AKW- Veteranen der ersten Stunden, kaum ein unbekanntes Gesicht und kaum einer unter 40 Jahren. Im Hinausgehen raunt einer dem anderen zu: "Mir ist es schnurzpiepe, ob die die Dinger nach 25, 30 oder 35 Jahren abschalten. Aber sie sollen gefälligst was machen." "Was machen", das erwartet die grüne Wählerschaft, auch wenn sich das Gros längst aus der energiepolitischen Diskussion verabschiedet hat und beim nächsten Castortransport nicht auf der Straße sitzen wird. Die Klientel will sichtbare Zeichen. Nicht weil das eine Jahr mehr oder weniger bei der Laufzeit der Atommeiler noch existenzielle Ängste auslösen würde. Dafür hat der Tschernobyl-Schock sein Verfallsdatum zu lange überschritten. Aber man möchte sehen, dass die Grünen nach Kosovo und nach all den schwer verdaulichen Koalitionskröten wenigstens in ihrer Ur- Frage Rückgrat zeigen. "Die Grünen", so fordert eine alte Anti- AKW-Akvistin, "müssen doch einmal zeigen, dass sie für etwas stehen und nicht nur für die Regierungskoalition." Die Koalition. Ein gespenstisches Konstrukt. Liegt da wie ein stoisches Reptil ohne Erdbebensensoren. Auf der parteiinternen Richterskala der Grünen ist der Atomausstieg mittlerweile als "koalitionskritisch" eingestuft. Und Bundesgeschäftsführer Reinhard Bütikofer, sonst nicht gerade Meister der deutlichen Worte, schlägt Alarm: "Das ist der Punkt, der das Potenzial zu mehr hat als zu einem begrenzten Konflikt, dann wird aus Teilen der Partei die Koalition insgesamt in Frage gestellt werden." So spricht Teil eins der Koalition im Bewusstsein eines nur begrenzten Drohpotenzials. Teil zwei beliebt es gar nicht zur Kenntnis zu nehmen. Während sich bei ihrem Partner der existenziellste Konflikt zusammenbraut, tut die SPD so, als ginge sie das alles gar nichts an. In schöner Arbeitsteilung haben die Sozialdemokraten es den Grünen überlassen, sich an der Atomindustrie und einem soufflierenden Wirtschaftsminister die Zähne auszubeißen. Sicher, einige rackern noch, spinnen dünne Fäden ins Kanzleramt, vorbei an Werner Müller. Aber der Rest duckt sich weg als sei längst umgesetzt, was man so schön beschließen konnte, als man noch nicht die Macht hatte: Innerhalb von zehn Jahren soll der Atomausstieg abgeschlossen sein, hat der SPD-Bundesparteitag entschieden - vor 13 Jahren. Selbst den Grünen fehlt die Schubkraft der gemeinsamen Strategie. Sie sind verunsichert, welchen Weg sie einschlagen wollen. Allmählich bröckeln die ideologischen Fronten aus jener Zeit, als eine magische Jahreszahl das Ende der Atomkraft besiegeln musste. Verdächtig häufig hört man nun eine Variante, die gleich wie ein Königsweg gehandelt wird: "Atomausstieg nicht per Gesetz oder Restlaufzeiten sondern über Marktmechanismen." Wer eine solche Strategie vorschlägt, wird nicht mehr automatisch exkommuniziert aus der Anti-Atom-Gemeinde der Grünen. Aber wer stellt sich auf einen Sonderparteitag und erklärt den Delegierten: Sorry, wir können auch nicht sagen, wann der Ausstieg anfängt und wann er aufhört, aber bitte lasst schon mal die Castoren passieren? Viel Zeit zum Vermitteln bleibt nicht mehr. Der Albtraum lässt grüßen. |
Bearbeitet am:19.09.1999 /ad