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vom 10.08.1999       

Die Bauern von Neckarwestheim und das Prinzip des Sankt Florian Das Atomkraftwerk fanden alle in Ordnung, aber sein strahlender Müll soll anderswo gelagert werden

Von Peter Henkel (Stuttgart)

Bisher genoss das Atomkraftwerk im württembergischen   Neckarwestheim, eine stark sprudelnde Geldquelle für die  Gemeindekasse, immer große Unterstützung vor Ort. Die Pläne für ein Zwischenlager am "Gemeinschaftskernkraftwerk Neckar" (GKN) gefährden
den Konsens.

"Wir haben eine vollkommen neue Situation", sagt Herbert Würth vom  Aktionsbündnis Castor-Widerstand Neckarwestheim. Er meint die   überraschende Perspektive, dass künftig das lokale Establishment  anders als früher nicht nur mit den Atomkraftgegnern sprechen,  sondern womöglich sogar mit ihnen an einem Strang ziehen wird.  Bewirkt hat dies das Verlangen der rot-grünen Bundesregierung nach Zwischenlagern für abgebrannte Brennstäbe auf dem AKW-Gelände. Die baden-württembergische CDU/FDP-Regierung und das GKN selbst haben dem zugestimmt. Der Ortsbauernverband findet deshalb erstaunliche Töne: Falls nicht wie bisher Castor-Transporte das hoch radioaktive
Material fortschafften, müsse eben "auf diese Art der Energie-Erzeugung ganz und sofort verzichtet werden".

Arnold Rominger, Chef der Ortsbauern und für die CDU im Gemeinderat, erinnert immer wieder an die Zusagen von Behörden und Leuten wie Lothar Späth, als es einst darum ging, die Bevölkerung für das AKW zu gewinnen: Mit der Zwischen- oder gar Endlagerung des strahlenden Abfalls werde die Region gewiss nichts zu tun haben. Und ehe ein zweiter Block komme, werde in Wyhl gebaut. Es geschah das Gegenteil. "Wir haben kein Vertrauen mehr in die Politik", bilanziert Rominger und sagt im Blick auf mögliche Störfälle im Zwischenlager sogar einen Satz, der sonst nur von überzeugten Atomkraftgegnern zu hören ist: "Wo Menschen arbeiten, werden Fehler gemacht." Und wie könne man denn sicher sein, dass es "nach zwei, drei Jahren nicht plötzlich heißt:
April, April, das Zwischenlager ist ein Endlager"?

Die Befürchtung ist zwar grundlos, kennzeichnet aber den Stimmungsumschwung. "Wir wollen hier kein Zwischenlager", verkündet auch Bürgermeister Mario Dürr. Und im Gemeinderat von Neckarwestheim scheiterte mit sechs gegen fünf Stimmen ein Antrag des GKN auf den Bau eines oberirdischen Parkplatzes für sechs Castor-Behälter.

Danach sorgte ein interessanter Aspekt zusätzlich für böses Blut. 20 Jahre lang hatten die Gemeinderäte von Neckarwestheim und Gemmrigheim, auf deren Gemarkung das Kernkraftwerk liegt, geglaubt, ohne ihren Segen laufe bei den Genehmigungsverfahren nichts. Der Zahn wird ihnen nun schmerzlich gezogen. "Ich kann Ihre Auffassung nicht
teilen, dass die Gemeinde Neckarwestheim bei jedem baurechtlich relevanten Vorhaben der GKN ihr Einvernehmen erteilen müsse", stellte Wirtschaftsminister Walter Döring (FDP) klar. Dürr nannte das umgehend eine "Unverschämtheit". Rominger freilich sieht die Hauptschuld bei der Bundesregierung und der "Kindergartenpolitik von Trittin". Abgesehen davon setzt er auf die aufschiebende Wirkung von Klagen und zählt schon mal die Monate bis zur nächsten Bundestagswahl. Von ihr erhofft er sich eine andere Regierung, und dass die wieder die Castoren rollen lässt.

Zur Zeit ist übrigens ein leerer Excellox-Transportbehälter aus dem englischen Sellafield zum GKN unterwegs. Herbert Würth und andere wollen ihn am Mittwochmorgen dort "begrüßen", um ein öffentliches Zeichen zu setzen, auch für ihren Protest gegen rot-grüne
Atompolitik. Von der sind sie "saumäßig enttäuscht".

Bearbeitet am: 10.08.1999/ad


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