Bisher genoss das Atomkraftwerk im württembergischen
Neckarwestheim, eine stark sprudelnde Geldquelle für die Gemeindekasse, immer
große Unterstützung vor Ort. Die Pläne für ein Zwischenlager am
"Gemeinschaftskernkraftwerk Neckar" (GKN) gefährden
den Konsens."Wir haben eine vollkommen neue Situation", sagt Herbert Würth
vom Aktionsbündnis Castor-Widerstand Neckarwestheim. Er meint die
überraschende Perspektive, dass künftig das lokale Establishment anders als
früher nicht nur mit den Atomkraftgegnern sprechen, sondern womöglich sogar mit
ihnen an einem Strang ziehen wird. Bewirkt hat dies das Verlangen der rot-grünen
Bundesregierung nach Zwischenlagern für abgebrannte Brennstäbe auf dem AKW-Gelände. Die
baden-württembergische CDU/FDP-Regierung und das GKN selbst haben dem zugestimmt. Der
Ortsbauernverband findet deshalb erstaunliche Töne: Falls nicht wie bisher
Castor-Transporte das hoch radioaktive
Material fortschafften, müsse eben "auf diese Art der Energie-Erzeugung ganz und
sofort verzichtet werden".
Arnold Rominger, Chef der Ortsbauern und für die CDU im Gemeinderat, erinnert immer
wieder an die Zusagen von Behörden und Leuten wie Lothar Späth, als es einst darum ging,
die Bevölkerung für das AKW zu gewinnen: Mit der Zwischen- oder gar Endlagerung des
strahlenden Abfalls werde die Region gewiss nichts zu tun haben. Und ehe ein zweiter Block
komme, werde in Wyhl gebaut. Es geschah das Gegenteil. "Wir haben kein Vertrauen mehr
in die Politik", bilanziert Rominger und sagt im Blick auf mögliche Störfälle im
Zwischenlager sogar einen Satz, der sonst nur von überzeugten Atomkraftgegnern zu hören
ist: "Wo Menschen arbeiten, werden Fehler gemacht." Und wie könne man denn
sicher sein, dass es "nach zwei, drei Jahren nicht plötzlich heißt:
April, April, das Zwischenlager ist ein Endlager"?
Die Befürchtung ist zwar grundlos, kennzeichnet aber den Stimmungsumschwung. "Wir
wollen hier kein Zwischenlager", verkündet auch Bürgermeister Mario Dürr. Und im
Gemeinderat von Neckarwestheim scheiterte mit sechs gegen fünf Stimmen ein Antrag des GKN
auf den Bau eines oberirdischen Parkplatzes für sechs Castor-Behälter.
Danach sorgte ein interessanter Aspekt zusätzlich für böses Blut. 20 Jahre lang hatten
die Gemeinderäte von Neckarwestheim und Gemmrigheim, auf deren Gemarkung das
Kernkraftwerk liegt, geglaubt, ohne ihren Segen laufe bei den Genehmigungsverfahren
nichts. Der Zahn wird ihnen nun schmerzlich gezogen. "Ich kann Ihre Auffassung nicht
teilen, dass die Gemeinde Neckarwestheim bei jedem baurechtlich relevanten Vorhaben der
GKN ihr Einvernehmen erteilen müsse", stellte Wirtschaftsminister Walter Döring
(FDP) klar. Dürr nannte das umgehend eine "Unverschämtheit". Rominger freilich
sieht die Hauptschuld bei der Bundesregierung und der "Kindergartenpolitik von
Trittin". Abgesehen davon setzt er auf die aufschiebende Wirkung von Klagen und
zählt schon mal die Monate bis zur nächsten Bundestagswahl. Von ihr erhofft er sich eine
andere Regierung, und dass die wieder die Castoren rollen lässt.
Zur Zeit ist übrigens ein leerer Excellox-Transportbehälter aus dem englischen
Sellafield zum GKN unterwegs. Herbert Würth und andere wollen ihn am Mittwochmorgen dort
"begrüßen", um ein öffentliches Zeichen zu setzen, auch für ihren Protest
gegen rot-grüne
Atompolitik. Von der sind sie "saumäßig enttäuscht".
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