
vom 19.06.1998
Im AKW ging keine Warnlampe an
Im Hintergrund: Experte nennt Panne im Reaktor
Unterweser gravierend
Von Jörg Feuck (Darmstadt)
| Nach Einschätzung des Darmstädter Öko-Instituts ist die am 6. Juni
entdeckte Betriebspanne im Atomkraftwerk Unterweser der bundesweit "gravierendste Störfall seit Biblis im Dezember 1987". Laut Bundesumweltministerium ist es der erste Vorfall in einem deutschen AKW, der seit Einführung der siebenstufigen internationalen Bewertungsskala INES in Stufe zwei eingeordnet wurde. Der Physiker Lothar Hahn, Atomexperte des Öko-Instituts, hält die jetzt bekannt gewordene > Störung in dem seit 1978 betriebenen Druckwasserreaktor an der Unterweser für einen "ganz > schwerwiegenden Fall", und zwar "wegen des Ablaufs und des Versagenes mehrerer Sicherheitsebenen". Hahn stuft das Ereignis ähnlich hoch ein wie eine erst nachträglich aufgedeckte Panne in Biblis im Jahre 1987. Damals stand in dem südhessischen AKW stundenlang eine Sperrarmatur zum radioaktiven Primärkreislauf offen, ohne daß die Betriebsmannschaft die rote Warnlampe registrierte. An der Unterweser
blieb jetzt über mehrere Tage unbemerkt, daß an einer von vier Dem Vernehmen nach sollen, noch bevor der Störfall publik wurde, die Gesellschaft für Reaktorsicherheit und der Betreiber des AKW Niederweser, die PreussenElektra, zu einer Krisensitzung zusammengekommen sein. Am 6. Juni waren Techniker in dem niedersächsischen 1200-Megawatt-Meiler auf
die Suche nach einer vermuteten Leckage im Turbinenölsystem gegangen. Dabei hatten
sie im konventionellen Teil des Kraftwerks vorsichtig eine Station geöffnet, die den
heißen Dampf Bei den anschließenden Kontrollen stellte sich heraus, daß während der
Schnellabschaltung ein Absperrventil nicht geöffnet hatte, weil der Leitungsstrang
komplett verriegelt war. Die Ursache war menschlicher Art: Im Mai, als das Kraftwerk wegen
Reparaturarbeiten am nuklearen Kühlsytem vom Netz genommen worden war, waren auch
Rohre an allen vier Dampferzeugern gespült worden. Dabei ging die Mannschaft
unterschiedlich und nicht streng nach Betriebshandbuch vor. Nur bei einem Dampferzeuger
drehten sie den Absperrschieber zu und Hahn kritisiert das Versagen einer ganzen Sicherheitskette: "Es gab weder eine
Blockade beim Bis mindestens Ende Juli bleibe das Kraftwerk zur Revision und Klärung des Störfalls abgeschaltet, hat das niedersächsische Umweltministerium angekündigt. Der TÜV und die Gesellschaft für Reaktorsicherheit (GRS) sind mit Gutachten beauftragt. Die Störfall-Nachricht ist an alle deutschen AKW und die Atomaufsichtsbehörden der Länder weitergeleitet worden. Zudem hat das Bundesumweltministerium die Reaktorsicherheitskommission aufgefordert, Vorschläge zur Risikovorbeugung zu machen. Ein GRS-Sprecher sagte, man habe als erstes empfohlen, die Abläufe für Routine-Instandhaltungsarbeiten in den Kernkraftwerken zu durchleuchten und zu optimieren. |
Bearbeitet am: 19.06.1998/ad