| Irgendwie
sympathisch, diese Castor-Behälter? Wären sie nicht Teil einer hochgefährlichen
Technik, man könnte angesichts ihrer jetzt hervortretenden menschlichen Züge fast
Mitleid mit ihnen haben. Sie "schwitzen", sie "weinen", und nun sind
sie auch noch renitent: Sie sägen am Stuhl einer Ministerin. Kurz: Sie verhalten sich
anders, als es Atommüllbehältern zusteht, die sich wegen der Art ihres Inhalts von
nichts und niemandem beeindrucken lassen dürften. Doch was da so verniedlichend
dargestellt wird, ist tatsächlich einer der größten Atomskandale der Republik.
Vielleicht der größte. Der Skandal hat Methode: Nukleartechniker wissen, wie die
erstaunte Öffentlichkeit vor einer Woche erfahren konnte, schon seit vielen Jahren, daß
mit den Castor-Transporten irgend etwas nicht stimmt. Sie benutzen fachfremde Vokabeln, um
zu erklären, daß ist, was nicht sein darf: daß die Transportbehälter nach der Beladung
mit abgebrannten Brennelementen in den Kraftwerken "freigemessen" auf die Reise
geschickt werden, am Bestimmungsort oder unterwegs aber so stark strahlen, daß die
Grenzwerte bis zu 3000mal überschritten werden. Radioaktivität, die sich an schlecht
zugänglichen Stellen auf der Behälter-Außenwand versteckte, "schwitzt"
unterwegs aus, wird vermutet. Die Castoren "weinten", heißt es. Öffentlich zum
Thema machen die Wissenschaftler das trotz ihrer Verantwortung gegenüber der
Allgemeinheit nicht.
Der Skandal geht weiter: Die Betreiber der Atomkraftwerke, aus denen die später
wundersam strahlenden Frachten in Richtung der Wiederaufarbeitungsanlagen im Ausland
abgehen, werden eingeweiht. Sie wissen seit Mitte der 80er Jahre Bescheid, konnte die
Öffentlichkeit, nun um so empörter, in dieser Woche erfahren. Man habe sich bemüht, das
Problem abzustellen, heißt es treuherzig. Aber die AKW-Betreiber behielten ihr Wissen
für sich, vermutlich um Atomkraftgegnern kein neues Argument gegen die hochumstrittenen
Atomtransporte nach La Hague und Sellafield, dann Gorleben und Ahaus zu geben. Das für
Atomsicherheit zuständige Umweltministerium sei nicht informiert worden, beteuern sie.
Wie zum Spott erschienen im Castor-Frühjahr 1997 Anzeigen, in denen es hieß:
"Genaugenommen ist Castor nur ein anderes Wort für Sicherheit."
Ob das Personal gefährdet war, das mit den Atombehältern hantierte oder sie beim
Transport sicherte, muß natürlich geklärt werden. Der Verdacht der Polizeigewerkschaft,
Beamte würden als Castor-Bewacher "verheizt", wiegt schwer genug. Gerichte
müssen überprüfen, ob strafrechtlich wegen Körperverletzung oder Gefährdung gegen die
AKW-Betreiber oder andere Verantwortliche vorgegangen werden muß. Doch selbst wenn
stimmt, was Umweltministerin Angela Merkel beteuert, daß nämlich Gesundheitsschäden
nicht zu befürchten sind, ist das Problem längst nicht aus der Welt. Denn die im
Atomrecht geforderte "Zuverlässigkeit" der Unternehmen, die mit
Kernbrennstoffen hantieren, steht in Frage. Wer Grenzwert-Übertretungen nicht meldet und
womöglich weitere in Kauf nimmt, ist eben nicht zuverlässig. Konsequenz kann in
nachgewiesenen Fällen nur der Widerruf von Genehmigungen sein. Die Stromversorger bloß
anzugiften und ihnen mit Auflagen zur Meldepflicht zu drohen, wie dies bislang Merkels
Linie ist, kann ja wohl nicht die Lösung sein.
Doch der Skandal reicht eben auch bis ins Ministerium. Denn es gibt nur zwei
Möglichkeiten: Entweder das Haus Merkel (früher Töpfer) wußte schon länger etwas von
den "weinenden" Atombehältern, dann ist der Rücktritt der Ministerin fällig;
doch einstweilen gibt es keinen Beleg dafür und entsprechende Verdächtigungen werden
vehement zurückgewiesen. Oder aber die in der Fachwelt kursierenden Berichte über
"weinende" Castor-Behälter wurden im Ministerium nicht ernst genug genommen und
verfolgt. Das zusammen mit der offenbar mangelhaften Kontrolle der AKW-Betreiber - die
sich sicher genug fühlten, Übertretungen folgenlos verschweigen zu können -
erschüttert aber ebenfalls die Grundfesten deutscher Atompolitik. An einen Rücktritt
denke sie nicht, läßt Ministerin Merkel wissen. Durchhalten, lautet die Parole, denn die
gesamte Bonner atomgläubige Energiepolitik käme ins Rutschen, würde das Versagen durch
einen solchen Akt eingestanden. Doch auch so dürfte das Vertrauen der Öffentlichkeit in
die Atomkraft endgültig auf null geschrumpft sein.
"Castor", fabulierte der "Informationskreis Kernenergie" in einer
Variation seiner Anzeigenserie vom Frühjahr, sei auch "ein anderes Wort für
Demokratie". Demokratie aber heißt nach landläufigem Verständnis, daß
(energie-)politische Entscheidungen nicht auf Dauer gegen die Mehrheit im Volk
durchgepowert werden können. Die WAA-Atomfabrik in Wackersdorf wurde deswegen nie gebaut.
Daß auch die strahlende "Entsorgung" im Ausland kippt, wird nun
wahrscheinlicher. Doch dann braucht es ein Atom-Ausstiegskonzept. Zu deutsch: eine andere
Regierung.
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Rundschau 1998
Dokument erstellt am 22.05.1998 um 20.45 Uhr
Erscheinungsdatum 23.05.1998 |