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vom 05.05.2012

Interview
der Woche

"Der schlechteste aller Standorte"

Geologe Ulrich Kleemann über Gorleben — Suche nach Atommüll-Endlager muss

Noch ein Treffen der Länder, dann soll der Startschuss für eine bundesweite Suche nach einem Endlager für Atommüll fallen. Doch wie soll der Standort Gorleben in das Verfahren integriert werden? Gibt es ein neues Bundesinstitut? Zu diesen Fragen äußert sich der Geologe Ulrich Kleemann im Interview der Woche.

Dr. Ulrich Kleemann: Ich habe den Eindruck, dass der Wille zu einer Einigung schon sehr groß ist bei allen Beteiligten. Die Frage ist natürlich, wie ein möglicher Kompromiss aussehen wird und ob die wesentlichen Punkte dann auch tatsächlich in dem Endlagersuchgesetz enthalten sind. Ganz wichtig ist für mich die Nachvollziehbarkeit und Transparenz des Verfahrens und eine Kontrolle durch unabhängige Personen, die sicherstellen, ob die Kriterien auch richtig angewendet werden.

Kleemann: So weiß ist die Landkarte ja schon gar nicht mehr. Es gibt Untersuchungen, die sagen, welche Formationen in Deutschland in Frage kommen. Zum einen sind es die Salzstöcke in Norddeutschland, die in die engere Wahl kommen. Dann sind es Tonvorkommen, die sich von Nordrhein-Westfalen über Niedersachsen bis hin nach Brandenburg ziehen. Es gibt aber auch in Süddeutschland Tonvorkommen in Baden-Württemberg und Bayern und es gibt Kristallin-Vorkommen in Bayern und in Sachsen. Man weiß also schon, in welchen geologischen Räumen man suchen muss.

Kleemann: Ich habe eine Literaturstudie gemacht undbin so vorgegangen, wie man das jetzt in einem Auswahlverfahren auch bei anderen Standorten machen würde. Ich habe erstmal geschaut, wie sind die Ausschlusskriterien und die Abwägungskriterien auf den Standort Gorleben bezogen anzuwenden. Ich komme zu dem Ergebnis, dass zwei Ausschlusskriterien erfüllt sind. Es gibt eine aktive Störungszone. In diesem Bereich ist in Zukunft Bewegung nicht auszuschließen. Zweitens ist es das Gasvorkommen, das sehr wahrscheinlich unter dem Salzstock liegt. Ein solches Gasvorkommen stellt natürlich ein großes Risiko für ein Endlager dar. Und schließlich fehlen schützende Deckschichten oberhalb des Salzstockes, was im Rahmen einer Abwägung zu einer schlechten Bewertung des Salzstocks führen muss. Es gibt andere Salzstöcke in Norddeutschland, die haben intakte Deckschichten.

Kleemann:Ich war selbst überrascht, als ich festgestellt habe, in welcher Fülle die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe aktuelle Literatur nicht verwendet hat. Und zwar immer dann, wenn es kritische Argumente gegen Gorleben gab. Man setzt sich mit den Argumenten nicht auseinander. Die Bundesanstalt war schon sehr früh festgelegt im Hinblick auf die Eignung, schon zu Beginn der 80er-Jahre hat man sich sehr positiv zu Gorleben geäußert. Sie ist auch nicht wirklich unabhängig. Sie ist im Geschäftsbereich des Bundeswirtschaftsministeriums angesiedelt und damit weisungsgebunden. Daher sind die Aussagen dieser Behörde sehrkritisch zu bewerten. Sie wertet jetzt im Rahmen der Sicherheitsanalyse ihre eigenen Ergebnisse aus. Das Ergebnis ist schon vorprogrammiert.

Kleemann: Es kann natürlich nicht hingenommen werden, dass ein Risiko durch Gas unter dem Endlager vorhanden ist, ein zusätzliches Risiko durch Wasservorkommen oberhalb des Salzstocks nachgewiesen ist und dass drittens auch noch Bewegungen möglich sind. Diese Kriterien müssen bei allen Standorten kritisch betrachtet werden. Man wird sicher nicht den idealen Standort finden. Aber der bestmögliche Standort bedeutet, dass er nach Abwägung aller Kriterien der sicherste Standort ist. Für eine Million Jahre ist sicherzustellen, dass die radioaktiven Abfälle nicht in Kontakt treten mit der Biosphäre, das muss oberstes Ziel sein. Für mich steht fest: Der Standort Gorleben ist der schlechteste aller denkbaren Standorte.

Kleemann: Auf die wesentlichen Argumente meiner Studie geht die BGR überhaupt nicht ein. Sie beschäftigt sich mit Nebensächlichkeiten. Der entscheidende Vorwurf, den man mir ja macht, ist, ich hätte die vielen Fachberichte nicht zur Kenntnis genommen, die auch dem Bundesamt für Strahlenschutz vorliegen. Ich habe mich im Rahmen der Literaturstudie jedoch bewusst nur auf veröffentlichte Daten bezogen. Es muss alles veröffentlicht und in die wissenschaftliche Diskussion gebracht werden. Wenn die Daten nur in unveröffentlichten Fachberichten in irgendwelchen Hinterzimmern von Bundesbehörden schlummern, ist dies nicht nachvollziehbar und transparent. Das war mein entscheidender Vorwurf. Die umfangreiche Fachliteratur, die in den vergangenen Jahren zur Geologie dieser Region veröffentlicht wurde, ist zudem bei der Arbeit der BGR überhaupt nicht berücksichtigt worden.

Kleemann: Nach meiner Auffassung muss die Vorläufige Sicherheitsanalyse sofort gestoppt werden. Es bringt nichts, noch weitere Arbeiten bis zum Jahresende durchzuführen -was will man denn dort noch ermitteln? Es sind schon Daten erhoben worden über Gorleben in einer Detailschärfe, die man an anderen Standorten nicht gewinnen könnte. Was jetzt noch betrieben wird an Erkundungsarbeiten und im Rahmen der Sicherheitsanalyse dient letztlich nur dazu, den Standort Gorleben im Rennen zu behalten und in ein Genehmigungsverfahren zu überführen. Mein Plädoyer ist: sofortiger Stopp der Vorläufigen Sicherheitsanalyse und weiterer Erkundungsarbeiten.

Kleemann:Das ganze Verfahren muss transparent und nachvollziehbar gestaltet werden. Das setzt voraus, dass auf allen Ebenen und in allen Phasen dieses Endlager-Suchprozesses Beteiligungsmöglichkeiten geschaffen werden, die in Frage kommenden Regionen müssen beteiligt werden. Ganz wichtig ist, dass man, wie bei dem Suchverfahren in der Schweiz, unabhängige Kontrollmöglichkeiten schafft, die die Anwendung der Kriterien überprüfen. Ansonsten muss man immer dem vertrauen, was die Behörden vorlegen.

Kleemann:Wozu soll denn dieses neue Bundesinstitut dienen? Zum einen wird hier eine neue Behördenstruktur aufgebaut, die erst einmal einige Zeit benötigt, um arbeitsfähig zu sein. Es gibt doch jetzt schon eine ganze Reihe von Organisationen, die sich mit dem Thema Endlagerung beschäftigen. Dieses Bundesinstitut hat sicherlich die Funktion, das unbequeme Bundesamt für Strahlenschutz zu entmachten. Wenn das daseinzige Ziel einer Behörde ist, dann ist das sehr wenig. Mein Hauptkritikpunkt: Man will die ganze Machtfülle des bestehenden Bundesamtes auf das neue Institut übertragen. Das einzig Sinnvolle wären zwei Institute auf Augenhöhe, die sich gegenseitig kontrollieren.

Kleemann:Die oberirdische Lagerung in Bunkern verlagert das Problem auf die kommende Generationen. Wir haben es jetzt erlebt mit der Historie des Standortes Gorleben - es gibt ja auch einen Untersuchungsausschuss - wie schnell Wissen verloren geht. Dreißig Jahre später beschäftigt man sich mit der Frage, wie kam es zu der Entscheidung. Das Wissen ist verloren gegangen und man muss sich alles wieder erarbeiten. Das Problem der sicheren Entsorgung radioaktiver Abfälle darf man nicht zukünftigen Generationen überlassen.

Das Interview führte Burkhard Trapp

Zur Person

Dr. Ulrich Kleemann (behnsFoto) promovierte im Jahr 1992 an der Ruhr-Universituät in Bochum. Seit 2010 ist er Freiberuflicher Geologe in Berlin. Er arbeitet unter anderem mit im Parlamentarischen Untersuchungsausschuss Gorleben. Von 2004 bis 2010 war er beim Bundesamt für Strahlenschutz Fachbereichsleiter Sicherheit der nuklearen Entsorgung und technischer Geschäftsführer der Asse GmbH.

In den Jahren 1994-2003 war Kleemann Erster Kreisbeigeordneter (u.a. Umweltdezernent) in der Kreisverwaltung Neuwied. 1993 arbeitete er für die Deutsche Projekt Union als Diplom-Geologe für Standortauswahlverfahren. nh

Bearbeitet am: 07.05.2012/ad


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