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vom 10.11.2008

»Nicht nur ein Kabelbinder»

Seelsorger im Castor-Einsatz in Harlingen

epd Harlingen. Pastor Jens Rohlfing macht eine beschwichtigende Geste und geht auf Polizisten zu, die einen Demonstranten wegtragen. Castor-Gegner sind gestern bei Harlingen nahe Dannenberg zum wiederholten Mal auf die Schienen gelangt.

Sie versuchen, den Zug mit Atommüll auf seinem Weg ins Zwischenlager Gorleben zu blockieren. Der Pastor bittet die Beamten um Vorsicht: »Bitte einigermaßen angemessen», sagt er.

Knapp 40 Seelsorger der evangelischen Kirche sind während des Castor-Transportes zwischen Lüneburg und Gorleben im Einsatz. Die Frauen und Männer, die weiße Signal-Westen mit der Aufschrift »Seelsorger» tragen, wollen Konflikte zwischen Polizei und Demonstranten entschärfen. Diakon Henning Schulze-Drude ist dabei ein Mann der ersten Stunde. Seit 1995 erstmals hochradioaktiver Atommüll ins Zwischenlager Gorleben gebracht wurde, ist er als Vermittler dabei.

Der 50-jährige Kirchenkreis-Jugendwart versucht trotz unübersichtlicher Lage an den Schienen auch Details im Blick zu behalten. Er achtet zum Beispiel darauf, dass die Einsatzkräfte einem Festgehaltenen die Hände hinter dem Rücken korrekt binden. »Das darf nicht mit nur einem Kabelbinder über beide Hände gemacht werden, weil das schnürt», erläutert der Diakon sein berufsfremdes Fachwissen.

Neuling Manuela Janssen zückt in diesem Jahr zum ersten Mal ihren Dienstausweis als Diakonin der hannoverschen Landeskirche, um damit Polizeisperren passieren zu dürfen. Im Vorfeld des Transportes haben die Seelsorger mit Einsatzleitungen und Konfliktmanagern der Polizei und mit den Anti-Atom-Gruppen Gespräche geführt. Ihre Rolle ist mittlerweile bekannt und von vielen anerkannt.

»Die gewaltige Polizeipräsenz löst bei einem selber auch Beklemmung aus», beschreibt Janssen Eindrücke von ihren ersten Castor-Protesten. »Man sieht im Fernsehen immer nur die Eskalation. Hier ging es erstmal weitgehend friedlich zu», sagt die 36-Jährige. Doch sie habe auch gespürt: »Je näher der Zug kommt, desto mehr steigert sich auf beiden Seiten das Aggressionspotenzial.» In Harlingen ertönen gellende Pfiffe und Buhrufe, als der Zug durchfährt. Einige Demonstranten beschimpfen die Polizisten.

Bearbeitet am: 10.11.2008/ad


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