ejzmini.gif (1299 Byte)

vom 10.05.2008

»Popanze, hinter denen nichts steckt»

BI-Mitgründerin und ehemalige Ehrenvorsitzende Marianne Fritzen kritisiert das Erscheinungsbild der Bürgerinitiative Umweltschutz

fk Lüchow. Die Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg ist über 30 Jahre alt. Der Anlass war die Planung eines Atomkraftwerkes in Langendorf an der Elbe, Jahre vor der Standortbenennung von Gorleben.

10.jpg (28723 Byte)

Bild: Übt scharfe Kritik am Zustand der hiesigen Bürgerinitiative Umweltschutz: deren Mitgründerin und ehemalige Ehrenvorsitzende Marianne Fritzen aus Kolborn. Aufn.: K.-F. Kassel

Die BI, wie ihre Kurzform lautet, stand für die Ablehnung der Atomenergie, vor allem aber der Atomanlagen in Gorleben. Zu diesem Zweck hielt der später gegründete Verein die unterschiedlichsten sozialen und politischen Milieus zusammen.

Offene Kritik an der BI verbot sich in Kreisen der Atomkraftgegner. Nun sind es ausgerechnet Leute aus der Gründergeneration, die in mehreren Mitgliederversammlungen den Kurs der Bürgerinitiative ablehnten.

Die EJZ sprach mit Marianne Fritzen, der BI-Vorsitzenden des ersten Jahrzehnts und heutigen Dissidentin.

EJZ: Frau Fritzen, Sie wurden einmal als das Gesicht der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg bezeichnet. Jetzt haben Sie den Titel »Ehrenvorsitzende» zurückgegeben, weil Sie es nicht mehr als Ehre betrachten. Was ist los in der BI?

Fritzen: Die BI ist nicht mehr das, was sie früher einmal war: eine Organisation, die sich um alle Bevölkerungsspektren kümmert. Sie driftet mir zu sehr einseitig ab, nach links. Linke hatten wir zwar immer, nur haben wir immer versucht, das Spektrum von links bis rechts abzudecken. Die Linken waren nicht so dominierend wie heute.

EJZ: Was stört Sie daran?

Fritzen: Was mich vor allem stört, sind die teilweise auch schlimmen verbalen Entgleisungen, die passiert sind. Äußerungen (der BI-Vorsitzenden Rudek, d. Red.) etwa bei der Veranstaltung mit dem Bundesumweltminister, die von Bürgern überhaupt nicht mehr verstanden wurden. Auf der Straße wurde ich angesprochen, was das eigentlich für eine Bürgerinitiative sei. Wir fühlen uns von ihr nicht mehr repräsentiert, hieß es. Das ist eigentlich der Knackpunkt an dem Streit in der BI: dass das Spektrum der Mitglieder, das wir haben, und das sind zum größten Teil Bewohner dieses Landkreises, sich nicht mehr repräsentiert fühlt von der BI.

EJZ: Es geht um das Erscheinungsbild der BI?

Fritzen: Das ist richtig.

EJZ: Um Wortwahl, Äußerungen, andere öffentliche Erscheinungsformen?

Fritzen: Ja. Zum Beispiel, wie Briefe etwa an die Ministerien geschrieben wurden. Die waren teilweise beleidigend. So entstand bei den Institutionen, mit denen die Bürgerinitiative zu tun hatte, wie BMU, wie BfS, die Ablehnung, sich überhaupt mit der BI zu beschäftigen. Das Zweite, das mich schon im vorigen Jahr unglaublich gestört hat, war die Wahl des gesamten Vorstandes en bloc, also des geschäftsführenden Vorstandes und des Beirats. Ich finde das unmöglich. Ich möchte die Gelegenheit haben, einen Kandidaten zu wählen oder nicht zu wählen.

EJZ: Es fällt nicht schwer, einen Bedeutungsverlust der BI in der öffentlichen Wahrnehmung auszumachen. Früher hatten Äußerungen der BI Gewicht.

Fritzen: Genau.

EJZ: Das kann man heute nicht mehr sagen. Was müsste passieren? Man könnte schließlich auch die Ansicht vertreten: So ist die Entwicklung. Nach 30 Jahren Bürgerinitiative ist klar, dass es Veränderungen gibt, inhaltlich, personell. Schließlich verändert sich die Welt auch.

Fritzen: Veränderungen dürfen schon sein. Ich hätte nicht mal was dagegen, wenn sich die Bürgerinitiative mit vielfältigen Themen, nicht nur mit Gorleben, beschäftigt. Aber mir kommt der lokale Bezug zu kurz. Außerdem werden so einfache Fehler gemacht wie die Ankündigung von Großdemonstrationen, auf denen sich dann wenige Leute verlieren. Da werden Popanze aufgebaut, hinter denen nichts steckt.

EJZ: Wozu braucht man die Bürgerinitiative eigentlich noch?

Fritzen: Ich bin überzeugt, dass man sie noch braucht. Ich finde, es ist wichtig, dass auch das bürgerliche Spektrum zu Veranstaltungen der BI gehen kann. Aber in der gegenwärtigen Lage war es nicht einfach, den Bundesumweltminister davon zu überzeugen, dass er ein Endlager-Hearing machen sollte. Engagiert hat sich in dieser Frage die Gartower Runde, nicht die Bürgerinitiative.

EJZ: Die BI hat schon lange gefordert, die jeweiligen Minister sollten hierher kommen und ihre Politik vertreten. Die sind nicht gekommen, Trittin beispielsweise.

Fritzen: Trittin war x-mal hier. Es waren alle da.

EJZ: Das Problem ist aber, sie gehen nicht mehr zu BI-Veranstaltungen.

Fritzen: Ja eben. Warum nicht? Mir fehlt in solchen Situationen bei den BI-Verantwortlichen der Respekt vor der Würde des anderen. Die Würde muss ich auch bei meinem Gegner achten. Das ist vielleicht altmodisch.

EJZ: Wie geht es weiter?

Fritzen: Ich mache mir sehr viele Gedanken darüber. Aber im Moment weiß ich nicht, wie es weitergeht.

Bearbeitet am: 10.05.2008/ad


Zurück zur Homepage