ejzmini.gif (1299 Byte)

vom 14.11.2006

Blessuren auf beiden Seiten

Polizei und Atomkraftgegner werfen sich gegenseitig Aggressivität vor - 2007 kein Castor-Transport

Von Michael Kirner

Gorleben. Der Schein unzähliger Blaulichter im Morgengrauen wirkt gespenstisch. Zwischen einsamen Wäldern im niedersächsischen Wendland reiben sich Kilometer für Kilometer Polizeiwagen aneinander. Tausende Einsatzkräfte bewachen auf 20 Kilometern zwischen Dannenberg und Gorleben den zehnten Castor-Transport von hoch radioaktivem Atommüll ins Zwischenlager Gorleben. Hunderte Atomkraftgegner verzögern trotz des nasskalten Schmuddelwetters mit Sitzblockaden die Fahrt.

Schließlich werden Demonstranten teils mit Gewalt weggetragen und eingekesselt, weil sie die letzte Etappe für die Spezial-Lastwagen nicht freimachen wollen. Am Morgen erreicht der Transport dann das Zwischenlager.

Die Bilder des Protestes waren bunt: Mit Laternen, Kostümen und Musik zogen die Menschen oft stundenlang durch die Straßen.

Umweltschutzorganisationen wie Greenpeace und Robin Wood starteten aufwändigere Aktionen. Zwei Aktivisten spannten Seile über die Zugstrecke, auf der die Castor Behälter fahren sollten.

Andere ketteten sich an gelbe BetonPyramiden, zündeten Strohballen an oder stiegen in ein enges Abwasserrohr, das unter einer Bundesstraße verläuft. Atomkraftgegner und Polizei machten sich nach 58 Stunden den langer Fahrt der Castor-Behälter aber gegenseitig Vorwürfe: Die Beamten sprachen von Aggressionen und Sabotageaktionen etlicher Atomkraftgegner.

Diese wiederum fühlten sich von Polizisten zu hart attackiert. In diesem Jahr seien die Protestaktionen aggressiver gewesen als 2005, kritisierte Innenminister Uwe Schünemann (CDU). „Unter den 3500 Demonstranten im Wendland waren rund 700 bis 800 gewaltgeneigte Störer." Einige, Polizisten erlitten Blessuren. Einsatzkräfte gingen teils mit Wasserwerfern gegen Straßen- und Gleisblockaden vor, auch Schlagstöcke setzten sie ein. Die Atomkraftgegner sprachen von 146 Verletzten auf ihrer Seite.

Obwohl die meisten Demonstranten friedlich blieben, stelle die Polizei die Atomkraftgegner als „die Bösen" dar, kritisierte Francis Althoff, Sprecher der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg. Begleitet wurde der CastorTransport auch von der politische Debatte um die Laufzeiten der deutschen Atomkraftwerke. Dies prägte die Stimmung bei den Anti-Atomkraft-Initiativen, die drei Tage lang im äußersten Osten Niedersachsens zusammenkamen. Sie forderten Bundesumweltminister Sigmar Ga briel (SPD) auf, Gorleben als mögliches Endlager für hoch radioaktiven Atommüll aufzugeben. In dem 800-EinwohnerOrt liegt bisher ein atomares Zwischenlager - in der Halle werden seit 1995 nicht mehr verwertbare Reste alter Brennelemente aus deutschen Atomkraftwerken gelagert. Fest stehen zwei Dinge: Der Streit über ein mögliches Endlager Gorleben wird auch im kommenden Jahr weitergehen. Und 2007 soll es „definitiv" keinen Castor-Transport geben, teilte der Eigentümer des Zwischenlagers Gorleben mit. „Wir trauen dem Braten aber noch nicht", sagte Francis Althoff.

Bearbeitet am: 14.11.2006/ad


Zurück zur Homepage