dm Harlingen. Gewalttätige Auseinandersetzungen trübten gestern am frühen Nachmittag das Bild des weitgehend friedlichen Protestes gegen den Castor-Transport nach Gorleben. Auf Feldern an der Eisenbahnstrecke Lüneburg-Dannenberg bei Harlingen bewarfen rund 150 zum großen Teil schwarz gekleidete Atomkraftgegner Polizisten, darunter auch einige Reiter, mit Steinen, Flaschen, Ästen und Grassoden.
Bild: Mit Stöcken, Ästen, Baumstämmen und -wurzeln hatten meist jugendliche Atomkraftgegner gestern Vormittag im Wald bei Harlingen Barrikaden auf den Schienen errichtet. 4 Aufn.: D. Boick
Die Beamten drängten die Protestierer nach eigenen Angaben aus dem Nahbereich der Gleise ab und setzten dabei auch kurzzeitig ihre Schlagstöcke und massiv Pfefferspray ein. Mehrere Demonstranten mussten sich wegen Prellungen und des Pfeffersprayeinsatzes von Sanitätern behandeln lassen. Später, kurz vor der Durchfahrt des Atommülltransportzuges, verhinderten die Beamten an gleicher Stelle mit einem Wasserwerfereinsatz, dass eine größere Gruppe von Castor-Gegnern an die Gleise gelangte.
Im Bereich Harlingen hatte der Protest am Sonntagmorgen relativ entspannt begonnen. Der Mobile Musikkampfwagen beschallte die Polizistinnen und Polizisten, die in lockerer Reihe die Bahnstrecke absicherten, mit lauter Musik. Die Clown-army machte Schabernack und brachte auch einige Beamte zum Grinsen.
Im Wald bei Harlingen sammelte sich im Laufes des Vormittags eine Gruppe von rund 250 meist jugendlichen Atomkraftgegnern an der Bahnstre-cke, auf der Stunden später der Atommüll rollen würde. Die Demonstranten errichteten unter den Augen der Polizei Schienenblockaden aus Ästen, Baumstämmen und -wurzeln. Mehrere Dutzend Protestierer setzten sich auf die Gleise, vereinzelt scharrten sie Steine aus dem Schotterbett, die später von Polizisten mit den Füßen wieder unter die Schienen geschoben wurden. An anderer Stelle fand sich später eine Kralle aus Metall, die an eine Schiene montiert worden war.
Nach gut einer Stunde erklärte die Hamburger Polizei die Versammlung für aufgelöst und forderte die Demonstranten auf, den Bahndamm zu verlassen: »Vermeiden Sie Konfrontationen.» Mit ihrer massiven Übermacht räumten die Polizeibeamten Demonstranten, Äste und Baumstämme von den Schienen. Wer sich nicht freiwillig erhob, wurde gewaltsam davon getragen. Später setzten sich Atomkraftgegner vereinzelt wieder auf die Schienen. Vermutlich, weil der Castor-Zug heran rollte, räumte die Polizei nun konsequent die Gleise.
Unter Pfiffen und Schmähungen schoben die Polizisten die Demonstranten die Böschung hinauf. Dabei und im nahen Wald gab es mehrere Rangeleien zwischen den jungen Leuten in Uniform und denen in Straßenkleidung. Die Einsatzkräfte drängten die Atomkraftgegner zudem mit Pferden in den Wald zurück. Bei diesem Einsatz verletzte sich eine Polizeireiterin am Auge. Demonstranten hatte einen Knallkörper hinter ihrem Pferd explodieren lassen, das Tier scheute, dabei bekam die Polizistin einen Ast ins Auge. Die Beamten nahmen einige Atomkraftgegner wegen Angriffen auf Polizisten mit Knallern und Steinen in Gewahrsam, informierte die Polizei.