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vom 13.11.2006

Atomaufsicht mit »Systemfehlern»

Grünen-Info: Wie vertrauenswürdig sind AKW-Betreiber und ihre Aufseher?

fk Groß Gusborn. Wie vertrauenswürdig sind Betreiber von Atomkraftwerken und ihre staatlichen Aufseher? Die am Sonnabend im Gusborner Saal einer ehemaligen Gaststätte Versammelten haben sich diese Frage längst grundsätzlich beantwortet. Ihnen fällt dazu das gerichtlich zugelassene Wort »Atommafia» ein.

Aber wie sich das im Einzelnen abspielt, möchten sie doch ab und zu hören. Was sie in Gusborn zu hören bekamen, werden sie als Bestätigung ihrer Meinung verstanden haben. So war es auch gemeint. Die Europaabgeordnete der Grünen, Rebecca Harms, hatte zwei Referenten eingeladen, die über die gerade schlagzeilenträchtigsten Skandale um den Betrieb von Atomkraftwerken berichten sollten. Ein Ziel dieser Informationsvermittlung sei es, die Motivation zum weiteren Protest aufrechtzuerhalten, meinte die Abgeordnete. Genügend Stoff für das ohnehin wegen des gerade ablaufenden Transportes empörte Bürgergemüt lieferten die drei Stichworte: Forsmark, Brunsbüttel und Biblis A.

Wolfgang Neumann von der Gruppe Ökologie aus Hannover beschrieb den Störfall im schwedischen Atomkraftwerk. Neumann ist einer jener Wissenschaftler, die früher die kritischen genannt wurden und die in einer nahezu ausschließlich atomfreundlich gestimmten Wissenschaftler-Community der 70er- und 80er-Jahre die ersten waren, auf die sich die Bürger-initiativen beziehen konnten.

Die Fakten zu Forsmark sind inzwischen unstrittig. Bei einem Kurzschluss außerhalb des Kraftwerkes wurde die Anlage nicht, wie sicherheitstechnisch vorgesehen, vom Netz getrennt. Fehler eins. Außerdem sprangen Generatoren nicht an. Fehler zwei. Von vier Generatoren versagten zwei. Einer mehr - und die Katastrophe wäre nicht mehr zu verhindern gewesen.

Über 20 Minuten tappte die Bedienungsmannschaft im Dunkeln über den Zustand ihrer Atomanlage. Anders als in Deutschland griff wenigstens nachträglich die Aufsicht ein und legte die Anlagen erst einmal still. In Deutschland gebe es dagegen, wie Gerd Rosenkranz berichtete, seit über fünf Jahren eine Mängelliste für das Atomkraftwerk Brunsbüttel. Stillgelegt wird das Werk jedoch nicht, obwohl der Betreiber bis heute die Mängel nicht beseitigt habe.

Wenn es doch noch zu einem Stillstand in Brunsbüttel komme, dann aus taktischen Gründen des Betreibers. Der möchte sein Atomkraftwerk über die nächste Bundestagswahl retten. Ein mehrmonatiger Stillstand zwischendurch könnte ihm helfen. Rosenkranz, der als Journalist bei der »tageszeitung» und dem »Spiegel» arbeitete und heute für die Deutsche Umwelthilfe (DUH) tätig ist, berichtete von einer Liste mit sechs Störfällen. Diese Liste stamme von der Gesellschaft für Reaktorsicherheit. Allein zwei der Störfälle hätten sich in Brunsbüttel ereignet.

Wer behaupte, Deutschland habe die sichersten Kraftwerke wegen der kritischen Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit, der sage damit umgekehrt auch: Wenn die Aufmerksamkeit nachlässt, geht es mit der Sicherheit berg-ab. Diese Richtung nimmt nach den Befürchtungen von Wolfgang Neumann auch die Wirksamkeit der staatlichen Kontrollbehörden. Schon heute verließen die sich mangels eigenen Personals auf Gutachten des TÜV.

Systemfehler nannten die Referenten eingebaute Kontrollhindernisse. Zum Beispiel: Der früher im Bundesamt für Strahlenschutz für die Kontrolle zuständige Beamte, der auch für das Endlager in Gorleben zuständige Bruno Thomauske, war bis zum Monatsende Kontrolleur. Am 1. des nächsten Monats begann er seine neue Arbeit beim Atomanlagen-Betreiber Vattenfall. Es gebe eine Reihe solch spektakulärer Seitenwechsel, bestätigte Rebecca Harms.

Bearbeitet am: 13.11.2006/ad


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