Ob längere Laufzeiten für Atomkraftwerke oder ein alternatives Suchgesetz für ein Atommüll-Endlager: In den Atomstreit ist politisch wieder Bewegung gekommen. Schon träumen einige im GorlebenWiderstand davon, dass man mit dem Protest auf der Straße in diesen Tagen möglicherweise große Politik" (Jochen Stay) machen könnte. Es müssten nur wieder viele, viele mitmachen. Die Wahrheit ist: Der Gorleben-Widerstand hat auf der Straße - mit Ausnahme des Gorleben-Trecks 1979 - noch nie große Politik gemacht. Im Gegenteil: Er hat sich Realpolitik bisher geradezu verweigert.
Das war schon in den 90erJahren so, als der damalige Niedersächsische Ministerpräsident Gerhard Schröder einen Energiekonsens anstrebte und die Umweltverbände an ihrer unrealistischen Forderung Sofortausstieg festhielten. Das ging in diesem Jahrzehnt im Arbeitskreis Endlager weiter, wo man sich einer alternativen Standortsuche verweigerte, solange Gorleben im Pool bleibe. Nach dem Motto Konsens ist Nonsens" machte die Bürgerinitiative Umweltschutz so gut wie alles platt, was nur mit einem Hauch von Realpolitik zu tun hatte. Das ist, wenn man seine eigene Rolle nicht überhöht, durchaus legitim - doch sollte man dann nichts von großer Politik" faseln. Im Spiel der politischen Kräfte hat Protest auf der Straße durchaus eine ganz wichtige Stoßrichtung: Er kann und will der Politik Beine machen und einen gesellschaftlichen Konflikt thematisieren. Damit war der Castor-Widerstand immer wieder erfolgreich. Dabei kann man auch schön bequem an Maximalforderungen festhalten. Doch selbst wenn Hundertausend auf der Straße erzwingen würden, dass die Castoren umkehren - die Politik ließe sich davon allenfalls beeindrucken oder beeinflussen. Was die Politik dann daraus macht, hat mit der Kunst des Machbaren und mit Kompromissen zu tun.
Das versucht derzeit Bundesumweltminister Sigmar Gabriel. Sein Vorstoß, alternative Endlager-Standorte nach internationalen Standards und von unvoreingenommenen internationalen Wissenschaftlern mit Gorleben zu vergleichen, wäre ein redlicher Versuch. Bei den festgefahrenen Positionen von CDU und SPD wäre dies ein Kompromisskurs, den beide Volksparteien jetzt festschreiben könnten - egal wer nach 2009 an der Regierung sein wird. Denn das könnte realpolitisch womöglich die allerletzte Chance sein, dass der Standort Gorleben kippen könnte. Wenn Gorleben so ungeeignet ist, wie immer wieder behauptet wird, müsste ein solcher Vergleich den Salzstock eigentlich demaskieren. Wer als Otto-Normal-Atomkraftgegner große Politik" machen will, dem bietet sich sowieso ein viel wirksameres Mittel: ein Wechsel weg von Atomstrom-Anbietern. Das ist Realpolitik pur - es trifft nämlich den Geldbeutel der Stromproduzenten.