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vom 06.03.2001

Prägende Perönlichkeit des Protestes

Undine von Blottnitz: Eine herausragende Frau Lüchow-Dannenbergs ist tot

Undine von Blottnitz ist tot. Es fällt schwer, diesen Satz mit dem Bild der Person zusammenzubringen. Der im Laufschritt durch die verwirrenden Gänge des Straßburger Europaparlaments oder der Brüsseler EU-Verwaltung hastenden Europaabgeordneten der Regenbogenfraktion. Der atemlosen Organisatorin von Treckerdemonstrationen gegen die Gorlebener Atomanlagen. Der politischen Rednerin, die ausschließlich aus dem Stegreif redete und dabei ihrer persönlichen Überzeugungskraft mehr vertraute als dem wohlgesetzten Wort. Diesem Motivationsgenie, das aus einer schlappohrigen Versammlung geschlagener Atomkraftgegner noch eine jauchzende Menge von Zukunftsoptimisten machte.

Als politische Person entging sie nicht dem Fluch der Halbdistanz in Lüchow-Dannenberg, der mangelnden Anerkennung ihrer Leistung wegen zu viel persönlicher Nähe. Außerhalb des Wendlandes waren sich zum Beispiel die Aborigines in Australien und die Umweltschützer, die auf der anderen Seite der Erdkugel gegen den Uranabbau kämpften, sehr wohl bewusst, was sie an der Europaabgeordneten von Blottnitz in Straßburg hatten. Das internationale Netzwerk von atomkritischen Wissenschaftlern und Informationsbeschaffern  kannte den Stellenwert des Abgeordnetenbüros von Blottnitz. Im Parlament war sie eine bekannte und auch von politischen Gegnern respektierte Größe. Als 1993 zum ersten mal an den Tischen der Macht über den Atomausstieg verhandelt wurde, saß sie mit Joschka Fischer zusammen dabei. Mit den Umweltverbänden war sie sich schließlich einig: Die Verhandlungen führen zu nichts. Sie ging. Die Verbände blieben. Fünf Jahre später wird sie für die Unterstützung des Atomkonsenses von denselben Verbänden beschimpft.

Zumindest in den Anfangsjahren der grünen Partei und der alten Anti-AKW-Bewegung wurde Undine von Blottnitz in den eigenen Reihen als Paradiesvogel misstrauisch beäugt. Eine, die nach einer Nacht im Grenzstreifen bei Gummern das Fläschchen Chanel-Parfum aus der Tasche zog und goldene Ringe am Finger hatte, was wollte die in den Reihen der Selbstgestrickten? Dabei ließ sie niemanden im Unklaren darüber, was ihre Absichten und Ansichten waren. Auch persönlich. Wen sie nicht mochte, der erfuhr das ebenso eindeutig wie jemand, für den sie Sympathien hatte. Ihre Klarheit in der persönlichen politischen Auseinandersetzung war auch schroff, verletzend. Sentimentalität und Empfindlichkeit billigte sie weder sich noch anderen zu. Sie konnte mit den kantigen Außenseitern, nicht mit den eifernden Moralisten.

Undine von Blottnitz gehörte zu den prägenden Persönlichkeiten des Protestes gegen die Atomanlagen in Gorleben und die Atomenergie in Deutschland überhaupt. Zusammen mit Leuten wie Martin Mombaur und Marianne Fritzen stand sie für den so wohl nur hier gelungenen Versuch, völlig unterschiedliche soziale Gruppen zusammenzubringen. Die langhaarigen Stadtflüchtlinge einerseits und die ordentlichen Bauern, Bürger und Beamten andererseits, ein oft kraftraubender Balanceakt. Der Dank dafür war nicht überreich gesät. "Undinchen" war nicht nur ein nettes Kosewort. Es wurde auch abwertend gemeint. Viele von denen, die sich später politisch über sie erhaben dünkten, ahnen nicht, wieviel sie ihr schulden. Als Politikerin war das Gründungsmitglied der Partei Die Grünen eine besondere Mischung aus festen Grundüberzeugungen und illusionslosem Realitätsbezug. Von beidem profitierte die Bäuerliche Notgemeinschaft. Aus einem persönlichen Unglück machte sie den Waldorfkindergarten in Grabow. Undine von Blottnitz starb in der Nacht zum Sonnabend. Lüchow-Dannenberg ist um eine herausragende Persönlichkeit ärmer.

Karl-Friedrich Kassel

Bearbeitet am: 06.03.2001/ad


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