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vom 19.08.2000

Hiesige Atomkraftgegner auf Ukraine-Reise - Auch dort sucht man nach einer Atommüll-Deponie

Ein Endlager - "dann ist die Stadt tot"

FreundesKreis gegründet

Gegründet hat sich inzwischen, auch ein "Freundeskreis Artemovsk". Dessen Ziel: Die hiesigen Atomkraftgegner wollen die Umweltgruppen Bahmat und Mama86 in der Ukraine unterstützen, Das gilt in erster Linie finanziell, Aber auch Besuche sollen über den Freundeskreis finanziert werden. Nähere Informationen zur Unterstützung gibt es im Büro der Bürgerinitiative Umweltschutz unter der Telefonnummer (0 5841) 46 84

Eine Fahrt in die Sperrzone von Tschernobyl, zahlreiche Pressegespräche und ein Besichtigungsprogramm im Raum Artemovsk, wo ein atomares Endlager entstehen soll: Dies waren die Schwerpunkte einer Infotour, die eine zehnköpfige Gruppe von Atomkraftgegnern aus dem Wendland in die Ukraine führte. Seine Eindrücke von dieser Fahrt; angereichert mit wichtigen Fakten, schildert Wolfgang Ehmke von der hiesigen Bürgerinitiative Umweltschutz (BI),

Auf Einladung der Umweltinitiativen Bahmat und Mama86 aus Artemovsk im Donetsker Gebiet war der Besuch zustande gekommen. Ein Salzbergwerk in der Nähe von Artemovsk wird vom ukrainischen Geologen und Chefberater der ukrainischen Regierung, Dimitry Krushchev, als Endlagerstätte für schwach- und mittelaktive Abfälle favorisiert. Per Internet hatten sich die Umweltschützer beider Länder kennen gelernt.

Die englischsprachige "Kyiv Post" befasste sich ausführlich mit einem Untersuchungsprojekt in der 30-Kilometer-Sperrzone rund um Tschernobyl. Dort werden strahlenbelastete Kühe gehalten, deren Fleisch und Milch immer noch stark kontaminiert ist. Die Folgen des Super-GAUs vor 14 Jahren sind in der Ukraine in erster Linie von forschungspolitischem Interesse. Eine leise Ahnung des entsetzlichen Leids der Bevölkerung in den Dörfern und der Geisterstadt Pripjet spürt nur, wer die Region besichtigt, wer die Erdhügel gesehen hat, unter denen ganze Dörfer begraben sind, oder wer den Friedhof hochverstrahlter Militärfahrzeuge, Feuerwehren und Helikopter zu Gesicht bekommen hat, die in der 30-km-Zone in Reih und Glied monumental für die Ewigkeit als Atomschrott dauergeparkt sind.

Atomschrott für die Ewigkeit

Trotz aller Energieengpässe geht das Land mit Energie extrem verschwenderisch um. 75 Milliarden Kubikmeter Gas konsumieren die Ukrainer bzw. verbraucht die Industrie, 18 Mrd. Kubikmeter werden im. Lande gefördert, der Rest kommt aus Russland. Als Mautgebühr für die Durchleitung des Gases nach Westeuropa bekommt das Land 30 Mrd. Kubikmeter geschenkt, die restlichen 27 Mrd. Kubikmeter hat das Land bislang abgezweigt, ohne zu zahlen. Offiziell eingestanden wird ein Schuldenberg von 1,4 Mrd. Dollar gegenüber Moskau.

Energie-Boss in Untersuchungshaft

Die Ineffizienz der Industrie wiederum hat mit der Energieverschwendung, hohen Leitungsverlusten sowie der Ausbeutung unrentabler Kohlegruben zu tun, erfuhr die Besuchergruppe in einem Informationsgespräch  in der deutschen Botschaft. Gewinne werden zudem von den acht bis zehn Oligarchen der Ukraine am Fiskus vorbei eingestrichen. Aktueller Fall ist Pavlo Lazarenko. Der ehemalige Direktor der staatlichen Energiebehörde, 1997 für elf Monate Premierminister unter Kuchma, soll 907 Millionen Dollar in seine Tasche gewirtschaftet haben: Das ist zum Vergleich - knapp ein Drittel des ukrainischen Staatshaushalts. Lazarenko sitzt gegenwärtig auf Antrag Schweizer Untersuchungsrichter in den USA in Untersuchungshaft.

Um energetisch von Russland unabhängiger zu werden, setzt Präsident Leonid Kuchma mit breiter Unterstützung durch das Parlament auf die Atomkraft. Die fünf Atomkraftwerke mit ihren 14 Blöcken schlagen mit ihrer 67-prozentigen Verfügbarkeit zur Zeit alle anderen Energieträger haushoch. Die Ukraine will mit Mitteln der Europäischen Bank für Wiederaufbau (EBRD) die Blöcke Rovno 2 und Chmelnitsky 4 (R2/K4) vollenden - als Kompensation für die Stilllegung der Reaktoren in Tschernobyl. Der letzte Reaktor soll dort am 15. Dezember abgeschaltet werden. Für die erneute Ummantelung des brüchigen Sarkophags fehlen immer noch 62 Millionen Dollar, 760 Millionen Dollar sind seitens der G-7 Staaten für den Einschluss des Katastrophenreaktors zugesagt. Experten rechnen allerdings damit, dass allein für die nächsten 15 Jahre die doppelte Summe nötig wird, um den Sarkophag zu sichern.

Die Bundesregierung wird sich an der Finanzierung der zu 80 Prozent fertig gestellten Reaktoren R2/K4 definitiv nicht beteiligen, dafür jedoch Gelder für konventionelle Projekte wie die Reparatur von Leitungsnetzen bereitstellen. Diese gewandelte Position unterstrich der deutsche Botschafter Dr. Eberhard Heyken gegenüber der Besuchergruppe. Damit ist die Vollendung der Reaktoren jedoch nicht ausgeschlossen: Einerseits wollen die anderen G-7 Staaten das 1,4 Milliarden Dollar veranschlagte Projektunterstützen, vor allem Siemens und Framatome hoffen auf die milliardenschweren Kredite, andererseits unterbreitete kürzlich auch Russland das Angebot, die beiden Blöcke für nur 800 Millionen Dollar zu Ende zu bauen.

Irgendwo werde schon Platz sein ....

Ein Land, in dem es noch nicht einmal Gaszähler gibt, ist anfällig für Billiglösungen. Eine dieser Billiglösungen. schlägt der Geologe Dimitrij Krushehev vor: Er möchte in einem ausgedienten Salzbergwerk im Gebiet Artemovsk im südöstlichen Teil der Ukraine ein Endlager für nicht wärmeentwickelnde Abfälle einrichten. Dass in diesem Gebiet Speisesalz seit dem Mittelalter abgebaut wird und die erste Schachtanlage bereits vor 130 Jahren gebaut wurde, dass das Bergwerk nur 280 Meter unter der Erdoberfläche liegt und Wasserwegsamkeiten bestehen, spielt in den Überlegungen Krushehevs keine bedeutende Rolle. Er debattierte auf der abschließenden Pressekonferenz in Kiew aufgeregt mit dem mitgereisten Kieler Quartärgeologen Professor Klaus Duphorn. Irgendwo unter Tage ließe sich schon ein Platz für den Müll finden, meinte Kruschehev.

"Damit kann man auch Geld verdienen"

In Soledar, einem Bergwerksort, und Artemovsk ist die Position der kommunalen Vertreter einhellig. "Wenn hier ein Atommülllager eingerichtet wird, ist die Stadt tot", sagte Walentina Laschko, die Bürgermeisterin in Soledar. 30 Prozent der Werktätigen aus Soledar sind im Salzbergwerk beschäftigt, und bei der Einlagerung von Atommüll sei der Rufschaden so groß, dass sich das Speisesalz nicht mehr vermarkten ließe. In den Salzkavernen ist ein Sanatorium eingerichtet, das könnte man dann ebenfalls schließen. Artemovsk fürchtet ebenfalls um den guten Ruf: Dort reift der weltberühmte Krimsekt in einem Bergwerk unter Tage im Kreidefels. Sind bei so einhelliger Ablehnung in der Region die Endlagerpläne in Soledar nicht vom Tisch? Walentina Laschko warnt: "Die Verfassung und die Gesetze funktionieren noch nicht so, deshalb kann das trotzdem passieren, schließlich kann man damit auch viel Geld verdienen."

Was gibt eine deutsche Delegation, vornehmlich Mitglieder einer Nicht-Regierungs-Organisation, auf der abschließenden Pressekonferenz in der deutschen Botschaft zu Protokoll? Sie gibt sich diplomatisch: dass die Bundesregierung den Atomausstieg beschlossen hat, dass es Aufgabe der Bürgerbewegung sei, diesen ihrer Meinung nach unzulänglichen Beschluss wirklich werden zu lassen. Dass man in Deutschland weiter dafür demonstriert, schneller zum Ziel zu gelangen. Und dass man sich gegen Hermes-Bürgschaften für Atomanlagen sowie gegen den Export von Atomtechnologie oder Müll einsetzen wird.

Ukraine-Endlager:

Erz, Uran oder Salz?

Im Auftrag der Europäischen Kommission erstellten deutsche, englische und ukrainische Wissenschaftler eine "Machbarkeitsstudie" (Feasibility study for an underground repository) für die Atommüll-Endlagerung in der Ukraine. In ihrem Abschlussbericht, der 1999 vorgelegt wurde, schlägt das Forscherteam ausgediente Erz- und Uranminen und auch das Salzbergwerk bei Artemovsk als potenzielle Endlagerstätten vor. Das Erz von Saksagan in der Nähe des Atomzentrums Zaporizhzha führt aus hydrogeologischen Erwägungen die Vorschlagsliste an. Bereits 1997 legte die Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) eine Vorläuferstudie vor, in der ausgediente Bergwerke in der Ukraine auf ihre Eignung als mögliche Endlager vorgestellt wurden.. Auch dabei tauchen Erz, Uran und Salz als Endlagerstein auf. Derartige "Billiglösungen", so die Bürgerinitiative Umweltschutz, kenne man auch aus Deutschland: Am EndlagerStandort Schacht Konrad wurde Eisenerz gefördert, und in der Atommüll-Deponie Morsleben wurde einst Kalisalz abgebaut.

Bearbeitet am: 19.08.2000/ad


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