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vom 08.11.2004

Trauerkundgebung in Splietau, am Montag den 08.11.2004 vom Stefan Simon

Liebe Freunde,

wir sind alle geschockt von dem tragischen Unglück, dass gestern bei Avricourt in Lothringen passiert ist. Es ist schwer für mich Worte zu finden, die meine Trauer, mein Entsetzen, meine Wut über den Tod von Sebastian ausdrücken.

Ich saß gestern beim Abendbrot mit meinen Eltern und ein paar Freuden als uns die Nachricht per Telefon erreichte. Erst hieß es, es gäbe einen Verletzen. Ein jungen Mann, 21 Jahre alt, sei vom Zug überfahren worden. Kurze Zeit später konnten wir dem Internet entnehmen Sebastian sei seinen Verletzungen erlegen. Es war still niemand konnte etwas sagen, wir saßen da, mit Tränen in den Augen und konnten es nicht fassen.

21 Jahre alt, meine Freunde und ich sind fast genauso alt.

Wir sind mit unserer Trauer nicht allein, das habe wir gesehen. Viele Menschen haben gerade jetzt das Bedürfnis ihrer Betroffenheit Ausdruck zu verleihen. Und das nicht nur im Wendland. In über 30 Städten gab es noch gestern Nacht Mahnwachen, Trauer- und Solidaritätsdemonstrationen.

Ich bin im Wendland aufgewachsen, meine erste Demo war im März 1984, die Menschenkette durch den Landkreis, damals war ich drei Jahre alt. Meine Oma war in der Initiative 60, meine Eltern haben gegen die WAA in Dragahn demonstriert und ich war oft dabei. Ich war bei jedem Castortransport aktiv und diesmal habe ich mir gesagt: Ich habe andere Verpflichtungen, ich muss in Kassel an den Schreibtisch und meine Diplomarbeit weiterschreiben. Ich hatte nicht vor länger als bis Sonntag Abend im Wendland zu bleiben.

Ich saß abfahrbereit im Auto aber ich konnte nicht nach Kassel. Es zog mich nach Dannenberg und das ist gut so. Soll ich in Kassel an meinem Schreibtisch sitzen und vor mich hinschreiben während andere für das Leben kämpfen? Soll ich mich aus meiner Verantwortung ziehen nur um möglicherweise eine bessere Diplomarbeit zu schreiben während ein junger Mann in meinem Alter vom Castorzug überfahren wurde? Ich kann das nicht, ich habe Verantwortung für mich und die Generationen nach mir. So wie meine Großeltern und Eltern für mich auf die Strasse gingen und gehen.

Ich habe viel erlebt, wir alle haben viel erlebt in den letzten 20 Jahren. Verletzte gab es immer wieder, der brutale Einsatz gegen den Willen der Bevölkerung hat viele tragische Situationen hervorgebracht. Viele von uns haben Verletzungen ob körperlicher oder seelischer Art durch die Ausnahmezustände die wir Jahr für Jahr über uns ergehen lassen müssen davongetragen. Aber noch nie ist jemand gestorben. Unser Protest war immer bunt und fröhlich. Und wir sind immer wieder auf die Schiene und auf die Strasse gegangen, auch wenn wir zuvor verletzt wurden, auch wenn wir Angst hatten. Wir haben uns, wir geben uns gegenseitig Kraft.

Diese Kraft brauchen wir in diesen Tagen ganz besonders, niemand wird Sebastian wieder lebendig machen können. Aber lasst uns gerade jetzt noch mehr zusammenhalten, lasst uns gemeinsam für das Leben, für eine gesunde Zukunft kämpfen, so wie es Sebastian getan hat. Er hätte sich mit Sicherheit nicht gewünscht dass wir hier aufhören. Was wir aber tun können ist eine andere Art von Protest. Lasst uns besonnen mit der Situation umgehen, zeigt eure Trauer. Der Widerstand wird in diesem Jahr nicht ausgelassen und fröhlich sein, aber er wird trotzdem klar von uns gezeigt.

Welch ein Widerspruch, Sebastian, kämpfte für das Leben, für eine bessere Zukunft ohne die Atomenergie. Und er wusste von der Gefahr der er sich aussetzt. Ich habe oft überlegt ob ich mich auch an einer Ankettaktion beteiligen soll. Aber ich bin dafür nicht gemacht, ich bin dafür einfach zu feige. Ich ziehen den Hut vor all denjenigen, die sich mit einer solchen Aktion gegen den Atomstaat einsetzten. Wie kann es passieren, dass jemand von einem Zug überfahren wird obwohl doch inzwischen fast jede und fast jeder weiß dass es Proteste gibt? Warum muss der Zug so schnell fahren, dass er nicht mehr abbremsen kann?

Ich kann diese Frage für mich einfach nicht beantworten, ich weiß nur, dass Sebastian tot ist. Ich weiß nur, dass ich nicht allein vor dem Computer sitzen will und euch hier alleine trauern und demonstrieren sehen will.

Ich weiß nur, dass wir jetzt zusammenhalten müssen.

Und ich weiß nur, dass ich an die Polizei appelliere unsere Gefühle zu achten. Wenn sie sich diesmal zum „Herr der Straße“ aufspielen würde oder stolz neue Fahrzeitrekorde meldet, stellt sich selbst ins Abseits. Es ist ein Unding, dass sie nach Sebastians Tod überhaupt noch hier sind. Wenn sie den Transport jetzt nicht abbrechen, wann denn dann?

Und ich appelliere an die Politiker endlich eine menschenwürdige Energiepolitik zu betreiben. Die Gefahren sind unbeschreiblich groß. Ich hoffe das dieses tragische Ereignis bei denen da oben etwas wachrüttelt. Ein Toter ist viel zu viel, und die Gefahren der Atomenergie viel zu hoch.

Ich weiß, wir sind alle ziemlich mitgenommen. Es funktioniert denkbar schlecht gleichzeitig zu trauern und den Castor auf sich zurollen zu sehen. Aber unsere Forderungen bleiben die gleichen, wir halten zusammen und sind weiterhin für die Stillegung der AKWs und den Stopp aller Castortransporte. Weder das Zwischenlager noch die Castorbehälter sind eine sichere Aufbewahrungsmöglichkeiten für den Atommüll.

Liebe Freunde, haltet inne, trauert, haltet zusammen aber vergesst nie wofür wir hier stehen. Für eine gute Sache, für das Leben, auch wenn wir einen Freund verloren haben.

Bearbeitet am: 08.11.2004/ad


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