Pressemitteilung der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg e.V.
Drawehnerstr. 3
29439    LÜCHOW
Tel. +49 (58 41) 46 84
Fax +49 (5841)  31 97
Bürozeiten:
Mo., Mi., Fr. & Sa. von 9-12 Uhr
Di. &  Do.   15-18 Uhr  
E-mail für  die Presse:
Mails an diese Adresse bitte
nur für Presseleute, andere können

wegen Zeitmangel nicht beantwortet werden.
BI-Presse@gmx.de
E-mail: BI-Luechow@t-online.de
Spendenkonto:                               Kreissparkasse Lüchow (BLZ 258 513 35) 2060 721   
                                                         "Spende zugunsten der BI Umweltschutz  Lüchow-Dannenberg e.V." sind Steuerabzugsfähige Spenden.

vom 22.08.2000

Hiesige Atomkraftgegner auf Ukraine-Reise - Auch dort sucht man nach einer Atommüll-Deponie

Ein Endlager - "dann ist die Stadt tot"

Ende Juli machte sich eine 10köpfige Gruppe von Atomkraftgegner/innen aus dem Wendland auf den Weg in die Ukraine. Zur Reisegruppe gehörte die Vorsitzende der Bürgerinitiative Umweltschutz (BI) Lüchow-Dannenberg, Jutta von dem Bussche, und die Fraktionsvorsitzende der niedersächsischen Grünen, Rebecca Harms.

Sie folgten einer Einladung der Umweltinitiativen Bahmat und Mama - 86 aus Artemowsk im Donetsker Gebiet. Ein Salzbergwerk in der Nähe von Artemowsk wird vom ukrainischen Geologen und Chefberater der ukrainischen Regierung, Dimitriy Krushchev, als Endlagerstätte für schwach- und mittelaktive Abfälle favorisiert. Per Internet hatten sich die Umweltschützer beider Länder "kennengelernt" und pflegen seitdem einen intensiven Informationsaustausch.

Einführende Informationen in die Situation der Ukraine seitens der Deutschen Botschaft, eine Fahrt in die Sperrzone von Tschernobyl und ein umfangreiches Besichtigungsprogramm im Raum Artemowsk waren die Stationen der einwöchigen Reise durch die Ukraine. Abgerundet wurde die Fahrt durch einen Empfang durch den deutschen Botschafter, Dr. Eberhard Heyken. Die Eindrücke der Info-Tour legte die Gruppe auf einer gut besuchten Pressekonferenz in der Botschaft dar.

Gleich drei Meldungen in der englischsprachigen Kyiv Post vom 27. Juli illustrieren das Desaster der gegenwärtigen ukrainischen Energiepolitik. Als diplomatischen Erfolg feiert das Kiewer Blatt die Weigerung Polens, eine neue Gaspipeline der russischen Gazprom durch Polen bauen zu lassen und somit die Ukraine zu umgehen. Wegen Fluchtgefahr - so die zweite Meldung - sitzt der ehemalige ukrainische Ministerpräsident Pavlo Lazarenko in den USA in Untersuchungshaft. Er wurde in der Schweiz in Abwesenheit wegen Geldwäsche verurteilt und $ 6,6 Millionen von seinen Schweizer Konten wurden konfisziert. Der dritte Artikel befasst sich ausführlich mit einem Untersuchungsprogramm in der 30 Ki-lometer-Sperrzone rund um Tschernobyl, dort werden strahlenbelastete Kühe gehalten, deren Fleisch und Milch immer noch stark kontaminiert ist. Der Supergau ist hier in erster Linie forschungspolitisch von Interesse. Eine leise Ahnung des entsetzlichen Leids, dem die Bevölkerung in den Dörfern und der Geisterstadt Pripjet sowie die sogenannten Liquidatoren ausgesetzt waren, spürt nur, wer die Region besichtigt, wer die Erdhügel gesehen hat, unter denen ganze Dörfer begraben sind, oder wer den Friedhof hochverstrahlter Militärfahrzeuge, Feuerwehren und Helikopter zu Gesicht bekommen hat, die in der 30-km-Zone in Reih und Glied für die Ewigkeit als Atomschrott dauergeparkt sind.

75 Milliarden Kubikmeter Gas konsumieren die Ukrainer bzw. verbraucht die Industrie, 18 Mrd. Kubikmeter werden im Lande gefördert, der Rest kommt aus Russland. Als Mautgebühr für die Durchleitung des Gases nach Westeuropa bekommt das Land 30 Mrd. Kubikmeter "geschenkt", die restlichen 27 Mrd. Kubikmeter hat das Land bislang abgezweigt, ohne zu zahlen. Offiziell eingestanden wird ein Schuldenberg von $ 1,4 Mrd., Moskau fordert hingegen über 2 Milliarden Dollar von der Ukraine.

Das Land geht mit Energie extrem verschwenderisch um. Angesichts des "Gas-klaus" ist das kein Wunder, wenn Energie als Kostenfaktor bislang so gut wie gar nicht ins Gewicht fiel. Im Vergleich zu Westeuropa ist der Energieeinsatz in Bezug auf das Bruttoinlandsprodukt viermal höher. Die Ineffizienz der Industrie wiederum hat mit der Energieverschwendung, hohen Leitungsverlusten sowie der Ausbeutung unrentabler Kohlegruben zu tun. Aber auch die Macht der alten Nomenklatura spielt eine große Rolle. Acht bis 10 Oligarchen beherrschen das Land, meist sind oder waren sie die Chefs der staatlichen Schlüsselindustrien wie jener Pavlo Lazarenko. Der ehemalige Direktor der staatlichen Energiebehörde Jedinyje energetitscheskije sistemy, 1997 für 11 Monate Premierminister unter Präsident Kuchma, mit dem er zudem verschwägert ist war, soll - so das Gerücht - $ 907 Millionen in seine Tasche gewirtschaftet haben: das ist knapp ein Drittel des ukrainischen Staatshaushalts.

Um energetisch von Russland unabhängiger zu werden, setzt Präsident Leonid Kuchma mit breiter Unterstützung durch das Parlament auf die Atomkraft. Die fünf Atomkraftwerken mit ihren 14 Blöcken schlagen mit ihrer 67%igen Verfügbarkeit alle anderen Energieträger haushoch. Die Ukraine will mit Mitteln der Europäischen Bank für Wiederaufbau (EBRD) die Blöcke Rovno 2 und Chmelnitsky 4 (Kürzel R2/K4) vollenden - als Kompensation für die Stilllegung der Reaktoren in Tschernobyl. Der letzte Reaktor soll dort am 15. Dezember abgeschaltet werden. Für die erneute Ummantelung des brüchigen Sarkophags fehlen immer noch $ 62 Millionen, 760 Millionen Dollar sind seitens der G-7 Staaten für den Einschluss des Katastrophenreaktors avisiert. Experten rechnen allerdings damit, dass allein für die nächsten 15 Jahre die doppelte Summe nötig wird, um den Sarkophag zu sichern.

Die Bundesregierung wird sich an der Finanzierung der Reaktoren R2/K4 nicht beteiligen. Präsident Leonid Kuchma wurde bei seinem Deutschlandbesuch im Juli in Leipzig bedeutet, dass Rot-Grün jedoch bereits ist, den deutschen Beitrag im Rahmen des 1995 unterzeichneten Memorandum of understanding zu zahlen: allerdings für die Förderung konventioneller Energien oder für die Ertüchtigung von Leitungsnetzen. Diese gewandelte Position unterstrich auch der deutsche Botschafter Dr. Eberhard Heyken gegenüber der Besuchergruppe. Damit ist die Vollendung der Reaktoren jedoch nicht ausgeschlossen: einerseits wollen die anderen G-7 Staaten das inzwischen mit $ 2 Milliarden veranschlagte Projekt unterstützen, vor allem Siemens und Framatome hoffen auf die milliardenschweren Kredite, andererseits unterbreitete kürzlich auch Russland das Angebot, die beiden Blöcke für nur 800 Millionen Dollar zu Ende zu bauen. Ein Controllingver-fahren soll außerdem verhindern, dass diese Gelder in den Taschen von korrupten Oligarchen verschwinden. Ein Land, in dem es noch nicht einmal Gaszähler gibt, ist anfällig für "Billiglö-sungen". Eine dieser Billiglösungen schlägt der Geologe Dimitrij Krushchev vor: er möchte in einem ausgedienten Salzbergwerk im Gebiet Artemowsk im südöstlichen Teil der Ukraine ein Endlager für nicht-wärmeentwickelnde Abfälle einrichten. Dass in diesem Gebiet Speisesalz seit dem Mittelalter abgebaut wird und die erste Schachtanlage bereits vor 130 Jahren gebaut wurde, dass das Bergwerk nur 280 Meter unter der Erdoberfläche liegt und Wasserwegsamkeiten zur Erdoberfläche bestehen, spielt in den Überlegungen Krushchevs keine bedeutende Rolle. Er debattierte auf der abschließenden Pressekonferenz in Kiew aufgeregt mit dem mitgereisten Kieler Quartärgeologen Professor Klaus Duphorn. Irgendwo unter Tage ließe sich schon ein Platz für den Müll finden.

In Solidar, dem Bergwerksort, und Artemowsk ist die Position der kommunalen Vertreter einhellig. "Wenn hier ein Atommülllager eingerichtet wird, ist die Stadt tot", sagte Walentina Laschko, die Bürgermeisterin in Solidar. 30 % der Werktätigen aus Solidar sind im Salzbergwerk beschäftigt, und bei der Einlagerung von Atommüll sei der Rufschaden so groß, dass sich das Speisesalz nicht mehr vermarkten ließe. In den Salzkavernen ist ein Sanatorium eingerichtet, das könnte man dann ebenfalls gleich schließen. Und Artemowsk fürchtet ebenfalls um den guten Ruf: dort wird der weltberühmte Krimsekt in einem Bergwerk unter Tage im Kreidefels gebraut. Sind bei so einhelliger Ablehnung in der Region die End-lagerpläne in Solidar nicht vom Tisch? Walentina Laschko warnt:"Die Verfassung und die Gesetze funktionieren noch nicht so, deshalb kann das trotzdem passieren, schließlich kann man damit auch viel Geld verdienen".

Was gibt eine deutsche Delegation, vornehmlich Mitglieder einer Nicht-Regierungs-Organisation, auf einer abschließenden Pressekonferenz in der deutschen Botschaft zu Protokoll? Sie gibt sich diplomatisch: Dass die Bundesregierung den Atomausstieg beschlossen hat, dass es Aufgabe der Bürgerbewegung sei, diesen - unzulänglichen - Beschluss wirklich werden zu lassen und den Atomaussstieg zu beschleunigen, dass man sich in Deutschland gegen Hermes-bürgschaften für den Bau von Atomanlagen und gegen den Export von Atomtechnologie einsetzen wird. Dass Wissen Macht ist und deshalb dem Informati-onsausstausch mit den ukrainischen Umweltschützer/innen ein hoher Stellenwert zukommt.

Im Auftrag der Europäischen Kommission erstellten deutsche, englische und ukrainische Wissenschaftler eine "Machbarkeitsstudie" ( Feasibility study for an underground repository) für die Atommüllendlagerung in der Ukraine. In ihrem Abschlussbericht, der 1999 vorgelegt wurde, schlägt das Forscherteam ausgediente Erz- und Uranminen und auch das Salzbergwerk bei Artemowsk als potentielle Endlagerstätten vor. Das Erz von Saksagan in der Nähe des Atomzentrums Saporoschje rangiert aus hydrogeologischen Erwägungen in der Vorschlagsliste ganz oben.

Bereits 1997 legte die Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit (GRS) eine Vorläuferstudie vor, in der ausgediente Bergwerke in der Ukraine auf ihre Eignung als mögliche Endlager vorgestellt wurden. Auch hier tauchen Erz, Uran und Salz als Endlagergestein auf. Derartige Billiglösungen kennt man auch aus Deutschland: am Endlagerstandort "Schacht Konrad" bei Salzgitter wurde Eisenerz gefördert, und in Morsleben, der DDR-Atommülldeponie, wurde Kalisalz abgebaut.

Dass mit der Endlagerung des Atommülls auf dem internationalen Parkett lukrative Gewinne winken, hat den russischen Atomminister Jewgeni Adamow kürzlich dazu bewogen, die ehemaligen nuklearen Testgebieten Sibiriens Atom-müllagerstätten ins Gespräch zu bringen. Nach Angaben Adamows könnten Dumpingpreise Interessenten locken, die er in Vorgesprächen in der Schweiz, Deutschland, Spanien, Südkorea und Taiwan ausgemacht haben will.

Wolfgang Ehmke

Bearbeitet am: 22.08.2000/ad


zurück zur Homepage

zurück zur Homepage der BI