Kommentar eines Auswärtigen

zum Castor-Transport 2003

„Lieber kreativ als radioaktiv" prangt in großen Lettern auf dem Dach der Freien Schule in Hitzacker. Schüler und Lehrer wollen nichts zu tun haben mit dem, was unmittelbar an ihrem Schulgarten auf den Schienen vorbei rollen soll: die zwölf mit radioaktivem Müll beladenen Castorbehälter auf dem Weg ins Zwischenlager Gorleben. So schottet man sich lieber ab von dem Szenario, das sich auch in diesem Herbst in Reichweite der Klassenräume abspielt, indem man zwischen Gleisanlage und Schulkomplex ein weißes Tuch spannt, das die Sicht behindern hilft. Sowohl Lehrer als auch Schüler packen mit an. Auf der Schiene selbst harren zwei Dutzend nordrhein-westfälischer Polizisten aus, Aachener und Kölner Einheiten. Während man auf der anderen Seite des weißen Tuchs mit großer Sorge dem bevorstehenden Castortransport entgegensieht, sich mit dem Thema auseinandersetzt, werden hier lustigere Töne angeschlagen.

Ob denn die Musikanlage, die das Schulgelände über Lautsprecher mit Songs aus den Sechzigern und Siebzigern beschallt, auch Karnevalsmusik spielen könne, feixt einer der Beamten. Schließlich ist es Dienstag, der 11.11. – noch etwas hin bis 11.11 Uhr. Wer weiß, wie groß innerlich die Vorfreude jenes Polizisten sein mag, wieder zu Hause zu sein, nach dem Motto: hoffentlich geht die Sache mit dem Castor heute möglichst schnell über die Bühne. Was man als Wendländer dem einzelnen Polizisten, der hier seinen Job verrichtet, vielleicht gar nicht verübeln kann bzw. darf, macht nicht zum ersten Mal anschaulich, wie sehr in diesen Tage im ganzen Landkreis zwei Welten aufeinander prallen. Auffallend ist jedoch die Tatsache, dass es verstärkt die junge wendländische Bevölkerung ist, die in diesem Kontrast eine beträchtliche Rolle einnimmt.

Während auswärtige Protestler dieses Jahr spürbar weniger vertreten zu sein scheinen, sind es gerade die Jugendlichen aus der Umgebung, die ihren Widerstand auf der Straße vermehrt zum Ausdruck bringen wollen. Sei es Grippel oder Klein Gusborn oder sonst irgendein Ort, an dem am Dienstagabend Sitzblockaden entstehen: Zwischen Strohballen und noch zugeschnürten Schlafsäcken kauern unzählige junge Wendländer. Gemeinsam wird gesungen, wenn es sein muss, auch lautstark gebrüllt: „Haut ab, haut ab", „Wir wohnen hier, Ihr habt hier nichts zu suchen", feuert man den inzwischen Position bezogenen behelmten Beamten verbal entgegen.

Als dann in Klein Gusborn eine Polizeieinheit ohne jegliche Ankündigung durch den Einsatzleiter den abrupten und wenig zimperlichen Versuch unternimmt, eines der von einheimischen Jugendlichen zusammen gezimmerten hölzernen „Protesthäuschen" inmitten der Demonstrantenschar zu entfernen, droht die Lage kurz zu eskalieren. Aber bis auf Strohhalme müssen sich die Polizisten gegen keinerlei Wurfgeschosse zur Wehr setzen. Es ist in den Gesichtern der Beamten regelrecht abzulesen, dass sie es hier nicht mit gewalttätigen Chaoten zu tun haben, sondern mit friedlichen, wenn auch sehr mutigen Menschen, die sich überwiegend noch im Schulalter befinden.

Was die Taktik der Polizei erschwert, mit Knüppelgewalt gegen Straßenblockierer vorzugehen, leider aber auch das Interesse vieler Fernsehanstalten mindert, Bilder von dieser Form des Protests über die Bildschirme flimmern zu lassen, ist letztendlich das, was den Erfolg der demonstrierenden Wendländer beim diesjährigen Castortransport ausgemacht hat; nämlich die Erkenntnis, dass sich eine nachrückende Generation in den gewaltfreien Widerstand gegen die Atomindustrie und die umstrittene Wahl des Endlagerstandortes Gorleben einreiht. Allein dieser Umstand sollte den Verantwortlichen für die Zukunft zu Bedenken geben, dass jeder weitere Atommülltransport einen Aufwand erfordert, der allein finanziell gesehen unerträglich erscheint für jeden Bundesbürger. Ein Hinterfragen des aktuellen Atomkonsenses und der Tauglichkeit des Salzstockes Gorleben als atomares Endlager wird somit unausweichlich bleiben müssen – und das nicht nur auf regionaler Ebene.

Sebastian Bertram, Berlin

Bearbeitet am: 16.11.2003/ad


zurück zur Homepage